Tendenzen

Die Zukunft der Philosophie?


»Unsere Philosophie: Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause« verspricht eine Bausparkasse. Ist das Häusle dann gebaut, muss es auch eingerichtet werden. Auch hier muss man auf die Philosophie nicht verzichten. So bietet sich ein Versand von »Accessoires zum Wohnen & Leben« an: »Schöne und ausgefallene Geschenke in Ruhe auswählen, während man mit der Familie oder Freunden plaudert, das ist die Philosophie von (N. N.)«. Ist die Wohnung dann eingerichtet, wäre vielleicht die Muße zum Philosophieren da. Eine Tasse Kaffee könnte helfen. Ein Einfluss desselben auf die Inhalte des Philosophierens ist ja bislang nicht festgestellt worden. Doch was ist das? Beim Öffnen der Packung fällt einem der Prospekt des Kaffeerösters in die Hände, in welchem dieser, welche Überraschung, seine »Kaffee-Philosophie« vorstellt. Diese besteht in der Versicherung von »exclusiven Hochlagen« (der Anbaugebiete wohlgemerkt, nicht der Philosophie!) und dass seit Generationen »mit Sorgfalt und Liebe« geröstet wird. – Vielleicht doch lieber erst die Zeitung. Die »Seite Drei« stellt einen Prominenten-Friseur vor, der soeben ein Buch (längst sind ja Schneider, Frisöre und Fußballer erfolgreiche Buchautoren) auf den Markt gebracht hat, in dem er – in der Tat: seine »Haar-Philosophie« erläutert. Ihr im Gegensatz zu manchem Seitenstück der Fachwissenschaft keineswegs ondulierter oder pomadisierter, gar haarsträubender, sondern in seiner bezwingenden Lapidarität unmittelbar überzeugender Kernsatz lautet: »Haare sind so unterschiedlich wie Menschen.«

Der geneigte Leser, dem vielleicht spätestens jetzt die Haare zu Berge stehen, mag sich mit zunehmendem Erstaunen fragen, ob wir mehr denn je bzw. jetzt erst recht, das Volk der Philosophen sind? Hat die Philosophie den Elfenbeinturm verlassen und sich unters Volk gemischt, und zwar weit über die jetzt so modischen Erscheinungen wie »Philosophie für Kinder« oder Philosophiematinees in gewissen Cafés hinaus? Wird jetzt erst die Forderung von Karl Marx erfüllt, dass es darauf ankomme, dass die Philosophie die Welt zu verändern habe, doch ganz anders, als er sich’s dachte, zum Beispiel in Gestalt der grassierenden »Firmen-« bzw. »Unternehmensphilosophie«? Wenn ein führender Reifenhersteller das »Streben nach maximaler Sicherheit« als seine Philosophie verkündet, dann bekommt eben auch diese selbst ein ganz neuartiges Profil.

Ein Blick in die Buchhandlung bzw. die Verlagsprospekte scheint dies weiter zu bestätigen. Da gibt es die Philosophie des Weins, des Fahrrads, des Fernsehens, des Erfolgs und eine solche für Führungskräfte. Ein renommierter Taschenbuchverlag bietet in der Reihe »Kleine Philosophie der Passionen« Titel über Modelleisenbahnen, Hunde, Wein, Essen, Katzen, Fußball usw. an. Ein anderer, nicht minder renommierter Taschenbuchverlag hat, den wirklichen Bedürfnissen des Publikums auf der Spur, eine brandaktuelle Reihe »Clever bluffen« im Programm. Sie enthält neben Titeln über Internet, Golf, Oper, Skifahren etc. auch einen solchen über Philosophie. Nun kann endlich mitgehalten werden auf der Party, der Vernissage und am Kaffeehaustisch. Möglicherweise ist dieses Buch mit dem kokett-selbstentlarvenden Titel ja eine Grundlagenlektüre für Werbetexter und Presseabteilungen.

Was geht hier vor? fragt sich der verwirrte Beobachter des Zeitgeistzirkus. Der Begriff Philosophie hat offensichtlich Konjunktur. Aber unter »Philosophie«, so versucht er sich zu erinnern, verstand man doch einmal, als man noch die Bedeutung des griechischen Wortes kannte, so etwas wie die »Liebe zur Weisheit«? Dieser Bezug scheint allerdings bei jenen (und ihre Zahl wächst täglich), die dieses Wort so inflationär im Munde führen, nicht mehr bekannt, viel eher fast in sein Gegenteil verkehrt worden zu sein. Das Wort Philosophie ist einem rapide zunehmendem Abnutzungsprozess ausgesetzt, die Golddeckung dieses Begriffs wird in billige Münze umgeprägt, mit rasanter Inflationstendenz. Es geht nicht mehr um die Qualität der Philosophie, sondern um die auf Beipackzetteln sich anpreisende »Qualitätsphilosophie«.

Zwar beklagte schon Montaigne den Zustand der Philosophie in seiner Zeit, zwischen der Glanzzeit des Mittelalters und dem erneuten Aufschwung im 18. Jahrhundert: »Es ist ungeheuerlich, wie die Dinge in unserem Jahrhundert so weit verkommen sind, dass der Name Philosophie sogar von verständigen Menschen bloß noch als Schall und Rauch empfunden wird.« Der grundlegende Unterschied zu unserer Zeit ist jedoch, dass der Begriff der Philosophie nicht etwas Unbekanntes, sondern umgekehrt, durch beliebige, missverstandene Anwendung, etwas Allzubekanntes, Ubiquitäres geworden ist und dadurch umso wirkungsvoller die Sache selbst zu verdunkeln droht. Was vielleicht ein Motto, ein Wahlspruch oder höchstens ein Grundsatz ist, wird in der neuen Sprach-Aufgedunsenheit zur (vorgeblichen) »Philosophie«. Kann in diesem Umfeld ein Buchtitel wie Die Philosophie der Freiheit überhaupt noch in seiner wirklichen Bedeutung wahrgenommen werden? Oder erwartet sich der potentielle Interessent davon vielleicht Rechtfertigungen, gar Anleitungen zu libertinärem, egozentrischem Verhalten, gemäß dem Zeitgeist-Slogan »die Freiheit nehm’ ich mir«? Für Rudolf Steiner war die Philosophie noch ein Mittel, zu den »Urgründen des Daseins« vorzudringen. Heute scheint das Wort ein beliebtes Accessoire zu sein, die unerträgliche Seichtigkeit des Soseins zu garnieren.

Michael Ladwein


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