Impressionen nach der 6. Tagung des Deutschen Fachverbandes für Kunst- und Gestaltungstherapie an der Fachhochschule für Kunsttherapie Nürtingen (12. bis 14.3.99)
Die Tagung hatte ein großes und wichtiges Anliegen: Die in der Vereinzelung lebenden kunsttherapeutischen Schulen in Deutschland mit ihren Repräsentanten unter einem Dach zu vereinigen, damit sie sich sehen und wahrnehmen lernen, vielleicht miteinander ins Gespräch kommen. Denn in der Tat ist eine Gemeinsamkeit der Kunsttherapien in Deutschland dringend notwendig: Nicht nur aus berufspolitischen Gründen, viel wichtiger ist das Bemühen um gegenseitige Verständigung. So ist es sehr begrüßenswert und ein besonderes Verdienst des Tagungsleiters, dass zum guten Teil führende Vertreter der humanistischen, psychoanalytischen, jungianischen, anthroposophischen, integralen, initiatischen, künstlerischen, anthropologischen, expressiven und medizinischen Richtung auf diesem Kongress zu finden waren. Diesem grundsätzlichen Anliegen der Tagung dienten die beiden Plenar-Podien mit allerdings allzu kurzen Statements der Podiumsmitglieder: Kunsttherapie im Schnittpunkt aspektiert durch Vertreter verschiedener Fachrichtungen wie Psychosomatik, Kinderpsychiatrie, Heilpädagogik, Pädagogik, Psychologie) und Schulen und Schulung mit der Präsentation oben genannter Schulen. Für mich interessant war dabei der Bericht zweier in England und den Niederlanden ausgebildeter Kunsttherapeutinnen, die über ihre direkte Praxisanbindung während des Studiums sprachen: Von Beginn des Studiums an zur Hälfte der Woche kunsttherapeutische Praxis vor Ort, die andere Hälfte supervidierende Reflexion des dort Erfahrenen sowie Theorieunterricht und künstlerische Schulung.
Vor Beginn der eigentlichen Tagung wurde am Donnerstagabend (11.3.99) eine ausgezeichnete Ausstellung Kunst und Therapie historische, theoretische und praktische Aspekte der Kunsttherapie durch den Bildhauer und Dozenten an der FH Nürtingen, Andreas Mayer-Brennenstuhl mit einem hervorragenden Kurzreferat eröffnet. Diese von Peter Baukus (ebenfalls Dozent an der FH Nürtingen) und Herrn M.-B. konzipierte Ausstellung, u.a. mit Exponaten von Adolf Wölffli, war in ähnlicher Form zu einem großen Erfolg im Sommer 1993 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden geworden. Es war ein würdiger und verheißungsvoller Auftakt für die darauf folgende Tagung.
Die Tagung hatte durch ihre große Zahl an Referenten und Teilnehmern den Vorzug, dass Fachgenossen sich nach längerer Zeit wieder treffen konnten. Vermutlich angelockt durch die Fülle interessanter Referenten versammelten sich 700 TeilnehmerInnen, Männer waren (wie regelmäßig) bei Therapeuten leider in der Minderzahl. Die große Teilnehmerschaft lässt von einem eindrucksvollen Erfolg sprechen.
Die Einsatzfreude, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Studierenden bei der Organisation der Tagung ist sehr zu loben. Freilich gilt auch in diesem Fall das Lob der guten Absicht.
Als Gesamteindruck dieser eindrucksvollen Schau bleibt: Es gibt hervorragende Pioniere wie Elisabeth Tomalin, Elisabeth Wellendorf, Gertraud Schottenloher, Bettina Egger, die als Highlights die kunsttherapeutische Szene im deutschsprachigen Gebiet beleuchten. Es gibt inzwischen auch ein breites Erfahrungsfeld der Kunsttherapie. Hier wird zukünftig die systematische Reflexion der eigenen Arbeit sei es durch Selbsterfahrung, Supervision und Action Research notwendig sein, bevor eine kompetente und differenziert (auch spezialistisch) geschulte Gruppierung von Kunsttherapeuten vorhanden sein wird, um in der Heilkunde eine ernst zu nehmende gesellschaftliche Kraft darzustellen.. Nicht zuletzt Tugenden wie Disziplin, ständige Präsenz für den Patienten und Kooperation können Kunsttherapeuten sich von den heute viel gescholtenen Ärzten abgucken. Um das Ziel einer differenzierten Kunsttherapie auf breiter Grundlage zu erreichen, dafür müsste in Zukunft auch eine andere Form von Tagung kreiert werden: Das echte Streitgespräch, bei dem berechtigte Positionierungen hervortreten können in deren Gefolge dann auch differente Ansätze mit ihren verschiedenen Anwendungsgebieten der heilkundlichen Öffentlichkeit präsentabel sind. Letztlich lassen sich die unbedingt erstrebenswerten Gemeinsamkeiten zudem nicht realisieren durch eine quantitative und additive Anhäufung verschiedenster Vorträge und zu dicht besetzter Podien. Für die Verschiedenartigkeit der Ansätze in der Gemeinsamkeit ist mehr Freiheit der Diskussion und des vertieften Dialoges, auch des Streitens notwendig eventuell kann das auch durch kleine Expertentagungen zum Thema Vergleichende Wirkung von kunsttherapeutischen Methoden ohne Öffentlichkeit vorangetrieben werden.
Zukünftigen kunsttherapeutischen Tagungen ganz gleich von welcher Gesellschaft diese getragen werden wird vor allem die Aufgabe zufallen, quer zu den kunsttherapeutischen Medien und ebenso quer zu den kunsttherapeutischen Schulen einen strukturierenden Überblick über die reiche kunsttherapeutische Landschaft zu erarbeiten. Welche differenten Ansätze und verschiedenen Methoden eignen sich für was? Zum Beispiel hörte ich auf der Nürtinger Tagung den sehr überzeugenden Vortrag des Steinbildhauers Heinz Kurz (Sonnenberg Klinik Stuttgart) über Indikation und Technik der Steinbildhauerei mit hartem Stein bei borderline-begründeten Angstpatienten. Ich bin überzeugt: Hier liegt ein sehr reiches Erfahrungsgut unreflektiert vor, das des öffentlichen Diskurses harrt. So habe ich den Eindruck: Anthroposophische Malherapie und anthroposophisches Formenzeichnen könnten Indikationen sein bei neurasthenischen Erschöpfungszuständen, während Ausdrucksmalen und psychoanalytische Kunsttherapie bei konfliktbedingten und traumatischen Neurosen angezeigt sein könnten (eine intakte Ich-Struktur vorausgesetzt). Die Eignung von schulischen Ansätzen, Methoden und Techniken dürfte am raschesten und am leichtesten zu klären sein durch von tieferem Interesse getragenen fachlichen Auseinandersetzungen. Diese können aufbauen auf der in Nürtingen erfahrenen Gemeinsamkeit.
Schließlich noch ein Gedanke zum »Gesamtkunstwerk künstlerisch therapeutische Tagung«: Bei der Gestaltung künstlerisch-therapeutischer Tagungen sollte die Mittel-Zweck-Relation Beachtung finden: Die Mittel bestimmen den Sinn und die phänomenale Gestalt des Zweckes. Wenn künstlerische Therapeuten in der Öffentlichkeit hervortreten wollen, so ist es notwendig, dass diese Öffentlichkeitsarbeit auch mit künstlerisch-therapeutischen Mitteln geschieht. Wenn man sich dabei lediglich traditioneller Mittel wie Vortrag, Workshop, Podium-Statements, Plenarvorträge und einer Bilderausstellung bedient, so könnte eine solche Veranstaltung ja auch ebenso gut ein Mediziner- oder Juristenkongress mit ein wenig Offenheit sein. Ich habe künstlerisch-therapeutische Kongresse mit 80, aber auch mit 1500 Teilnehmern erlebt, wo etwas vom künstlerisch-therapeutischen Geist in den Mitteln selbst hervortrat.
Kunsttherapeuten können zukünftig nicht nur in der Heilkunde sondern überhaupt in unserer Kultur eine wichtige Bedeutung erlangen. Dafür ist allerdings eine Voraussetzung zu erfüllen: Sie müssen berufspolitisch möglichst rasch Kooperationen aufbauen mit ähnlich gerichteten Gruppierungen; dazu gehören neben sämtlichen anderen künstlerischen Therapeuten (Musiktherapeuten, Bewegungstherapeuten usw.) vor allem auch Psychotherapeuten, Psychosomatiker und Homöopathen, sofern diese eine gediegene Qualifikation erfüllen. Diese Ziele wahrzunehmen, ist mein Wunsch für Kunsttherapeuten in Zukunft.