Natur und Umwelt


Die Goldrute


Die Goldrute trägt einen Namen, der die Blütenfarbe und die Wuchsform beschreibt, und doch auch edel und wertvoll klingt. Er hört sich fast noch mittelalterlich an, alchemistisch und etwas mystisch. Wie würde man heute wohl die Pflanzen benennen, hätten sie nicht schon überlieferte Namen? Das »heidnisch Wundkraut«, wie einer der zahlreichen weiteren Namen dieser Blume lautet, war früher ein geschätztes Heilmittel bei Verwundungen und Entzündungen.

Der lateinische Name »Solidago« leitet sich vom »fest zusammenfügen« - »Solidum agere« ab. Auch heute wird es arzneilich noch immer gerne verwendet, wenngleich sich die Indikation geändert hat. Als vorzügliches, harntreibendes Nierenmittel ist es in vielen Tees enthalten. Selbst bei Nierensteinen, Nierengries und Gicht erzielt man damit gute Erfolge.

Die Goldrute ist ein eher zierliches, dem ungeübten Auge wohl sogar unscheinbares Gewächs. Sie gedeiht an Waldrändern, auf trockenen Waldwiesen, auf Kahlschlägen und in Lichtungen. Ihr walziger, knotiger Wurzelstock überdauert und treibt jedes Jahr aufs Neue eine etwa 1 m hohe Staude, die sich höchstens im oberen Bereich verzweigt. Der Stengel der Goldrute ist dabei locker beblättert und hebt sich vom übrigen Bewuchs des Standortes kaum ab. Bevor sich die kleinen Korbblütchen entfalten, wird man sie kaum bemerken. Aber welch herrlicher Anblick ist es, wenn sie erblüht und ein einzelner Lichtstrahl durch das Laubdach des Waldes fällt und so die lockere Blütenrispe aus dem Schatten des Hintergrundes herauslöst!

Wie eine faszinierende, und sehr stille Erscheinung im ruhigen Wald mutet die Pflanze dann an. Das heitere Spiel von Licht und Schatten, in den nun schon kühler werdenden Morgenstunden, lässt die Blüten erglänzen und verschafft einem schweigenden Staunen Raum. Man wird bei der Betrachtung der Goldrute, sofern man still und in gewisser Weise einsam ist, wenn man sich ihr unmittelbar hinwendet und von den Sorgen und Zerstreuungen des Alltags etwas Abstand nimmt, die Ahnung von etwas Außer- oder Überirdischen spüren. Eine ganz stille Freude umspielt sie, erfrischend wie die Kühle des Waldes. Man erinnert sich, meist ohne bewusste Gedanken, an ein offenbares Geheimnis oder an eine geheime Offenbarung, die uns hier entgegentritt – in der Goldrute, wie in allem, was uns am Weg und im Leben umgibt. Und mir fallen dabei die Worte Rudolf Steiners ein, die nichts an Aktualität verloren haben:

»Aber wir müssen umgekehrt auch wiederum lernen, dasjenige, was uns sichtbar entgegentritt, wie eine Art Sprache zu empfinden. Wir müssen lernen, wie uns etwas sagt dasjenige, was gewöhnlich von uns nur angeschaut wird; der Morgen sagt uns etwas anderes als der Abend, und der Mittag sagt uns etwas anderes als die Nacht; ein mit Tauperlen besetztes Pflanzenblatt sagt uns etwas anderes, als ein trockenes Pflanzenblatt. Das Sprechen der ganzen Natur müssen wir wieder verstehen lernen. Wir müssen durchdringen lernen durch das abstrakte Anschauen der Natur zu einem konkreten Anschauen der Natur. Unser Christentum muss erweitert werden durch ein Sich-Durchdringen, wie ich gestern schon gesagt habe, mit einem gesunden Heidentum. Die Natur muss uns wiederum etwas werden …«
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Martin Sinzinger



Anmerkung:
1) »Die drei Aspekte der Sprache in der Gesellschaft«, Vortrag vom 29.3.1919, in: Sprechen und Sprache, Themen-Taschenbuch 2.



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