Thema

Birgit Kohlhase
Familie zwischen Chaos und Kosmos
Oder: Die Suche nach innerer Ruhe im Alltag

Das Familienleben wird heute meist vom Chaos beherrscht. Wie kann da Neues, Ordnendes entstehen? Welcher schöpferische Akt, welches Orientierungsorgan, welches Werkzeug ist erforderlich, damit aus dem Tohuwabohu eine neue fruchtbare Lebenswirklichkeit geschaffen werden kann?

Auf einem Fest vor 19 Jahren lernte ich eine Mutter von 4 Kindern kennen. Ich war damals mit nur einem Kind, meiner 6 Wochen alten ersten Tocher, an meine Grenzen gekommen und fühlte mich überfordert. Ich fragte mich, wie andere Mütter das bloß schaffen mit mehreren Kindern. Und das fragte ich diese Frau dann auch. Sie machte einen durchaus kräftigen, stabilen, munteren Eindruck. Jedenfalls hatte sie alles im Griff und gab das auch stolz zu. Sie arbeitete von früh bis spät, hatte ihren Haushalt in Schuss, alle Schränke aufgeräumt, dabei half sie den Kindern bei den Schularbeiten und achtete auf die Fortschritte beim Üben der Instrumente.

Nun, ich fragte sie, was sie denn tun würde, wenn alle Kinder einmal aus dem Haus wären und sich ein ruhiger Freiraum für sie selbst ergäbe? Da antwortete sie prompt, dass es dann immer noch einen Schrank gäbe, der es mal nötig hätte, sorgfältig durchsortiert zu werden, oder eine Schublade, die auch noch aufgeräumt werden müsse. Sie und Ihr Mann hätten strickte Rollenteilung, er würde in seinem Beruf sehr gefordert, müsse viel lesen und studieren, sie habe keine Zeit dazu und hätte abends immer noch etwas zu nähen, zu basteln für den Bazar oder etwas anderes vorzubereiten.

Jahre später erfuhr ich, dass die Ehe dieser bewundernswerten Frau geschieden und diese Familie auseinandergebrochen war. In dieser Familie hatte die Mutter klare Vorstellungen. Die äußere Ordnung stimmte! Aber, wurde genauso viel Energie angewendet auf die menschlichen Beziehungen, wurde die eigene Seele auch aufgeräumt, geputzt, geordnet? Mit soviel Zielstrebigkeit und Begeisterung wie diese Frau das für die Schubladen aufbrachte?

Ein anderes Beispiel: Ein Studentenehepaar mit Kleinkind. Der Haushalt wurde notdürftig versorgt, die Wäsche so zerknittert, wie sie aus der Waschmaschine kam, über die Heizungen der Wohnung verteilt, weder gelegt noch gebügelt, einfach in den Schrank geworfen. Alles Äußere war unwichtig: Das war ja auch eine Art Trotzreaktion der 68-er Generation auf die wohlgeordnete bürgerliche Fassadenkultur.

In dieser Familie wurde aber nicht in die menschlichen Beziehungen investiert, in das, was das Kind brauchte, die Frau brauchte, der Mann brauchte, sondern hier lebten sich beide Partner in ihrem gesteigerten Egoismus aus. Sie steckten die Kraft in ihre berufliche Karriere, in das intellektuelle Leben und in die sogenannte Selbstverwirklichung. Auch diese Famlie ging auseinander.

Ich möchte deutlich betonen, dass ich mir kein Urteil erlaube über die Ursachen dieser beschädigten Beziehungen. In den beiden jetzt beschriebenen Fällen schildere ich nur die Tatsache der Kränkung der Familienverhältnisse. Und Krankheit bedeutet immer, dass sich etwas nicht im Gleichgewicht befindet. Unsere tägliche Gratwanderung besteht darin, das Gleichgewicht zu halten, bzw. überhaupt erstmal zu sehen, welche Gewichte es denn sind, die ausbalanciert werden können, müssen?

Wie komme ich dahin zu spüren, zu erkennen – wer braucht jetzt was? Wir wissen: »Klar, Prioritäten setzen!« Natürlich sagen alle, dass sie zuerst dran sind, das Kind fordert, der Mann fordert (vielleicht!), der Haushalt fordert, die Wäsche fordert, die eigene Seele und das Ego fordert – da ist es gar nicht so einfach, zu erkennen, was das Dringendste ist.

Unsere Zeit zeichnet sich ja nicht nur durch Umbrüche, Umwälzungen, Wertewandel aus, sondern auch durch eine totale Hektik, durch eine Schnelllebigkeit, die wie mitgeliefert wird, in der Luft liegt. Menschen fühlen sich gehetzt und kommen nicht mehr zur Ruhe.

Um Prioritäten setzen zu können, muss ich Distanz bekommen von allem Getriebe – und das setzt die Ruhe voraus. »Schaffe Dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augenblicken, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.« Das ist eine der ersten Anregungen für den Schulungsweg, den Rudolf Steiner in der Schrift »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten« formuliert hat.

Anne Morrow Lindberg, Mutter von 6 Kindern, Gattin des berühmten ersten Ozeanfliegers, schildert in ihrem kleinen Büchlein »Muscheln in meiner Hand« genau dieses Problem der Zerrissenheit der Mutter und Hausfrau. Obwohl 1955 zum ersten Mal erschienen, ist es aktueller denn je. Ihre Frage lautet: »Wie bewahre ich die Ruhe in meiner Seele inmitten des Getriebes, wie gebe ich ihr Nahrung?« Sie ist der Meinung, dass nicht die äußeren Umstände versagen, sondern die eigene seelische Kraft, die versiegt. Und dass wir eher dazu neigen, in der gewonnenen Freizeit – die wir erlangen, z.B. durch die Technik im Haushalt oder durch gutes Organisieren –, unsere schöpferischen Quellen zu leeren, als sie wieder aufzufüllen.

»Da wir nicht wissen, wie wir die Seele nähren sollen, versuchen wir, ihr Verlangen durch Zerstreuungen zu beschwichtigen. Statt das Zentrum die Achse des Rades zum Stillstand zu bringen, fügen wir unserem Leben noch mehr zentrifugale Tätigkeiten hinzu, die uns aus dem Gleichgewicht bringen können.«

Lindberg schildert, wie wir uns selber immer weiter in einen Zustand der Zersplitterung, der Zerrissenheit führen und plädiert für die bewussten Bemühungen, einen Widerpart zu bilden, und zwar: durch Bemühungen um ruhige, besinnliche Stunden, oder auch nur Minuten, allein, um ein schöpferisches Leben zu führen. Es genüge das Arrangieren von Blumen in einer Vase am Morgen oder das Niederschreiben eines kleinen Gedichtes oder Gebetes.


Ein kleines Werk tun, was von einem selbst ist, und, ganz wichtig, dass man dabei für eine Weile nach innen horcht. Lindberg sagt, dass, obwohl es eigentlich Tugenden der Vergangenheit sind, es etwas Revolutionäres ist, »denn jede Tendenz, jeder Druck und jede Stimme der Außenwelt sind gegen diese neue Art der Verinnerlichung gerichtet.«

Und so sieht sie uns Mütter als Vorkämpfer dieser Ruhe, nicht nur um unserer eigenen Rettung willen, sondern um die Familie zu retten, die menschliche Gesellschaft, ja, vielleicht sogar unsere Zivilisation zu retten.

Mit welcher Gesinnung, also wie ich an mein Tun herangehe, ob es das Putzen ist, oder das Beten mit dem Kind oder das Denken über einen Menschen – es wirkt sich entsprechend aus. Kinder können uns den Himmel, die Sternenweisheit, den Kosmos in uns erwecken, weil sie uns herausfordern, die Welt und sich selbst nochmal neu anzuschauen und zu hinterfragen. Dadurch erhalten wir die Chance, den höheren Menschen in uns zu entwickeln, denn wir tragen die Kräfte und die Fähigkeiten in uns selber. Wenn wir hinhorchen würden auf unser eigenes Herz, mehr Vertrauen hätten zu uns selbst, zu unserer eigenen inneren Stimme und Mut zur Selbsterkenntnis!

Voraussetzung dafür ist die Ruhe. Alles Weitere kann darauf aufbauen! Ruhe ermöglicht die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung und bewirkt das Abstand-Nehmen-Können von sich selbst und bewirkt ein bewusstes, willentliches Handeln. Ruhe schafft auch die Selbsttranszendenz, die bewirkt, dass der Mensch über sich selbst und seine eigenenen Unzulänglichkeiten hinauswachsen kann, indem er sich mit ganzer Kraft auf etwas außerhalb seiner selbst Liegendes konzentriert.

Anmerkung:
Es handelt sich bei diesem Text um den leicht überarbeiteten Auszug aus dem Manuskript eines Vortrags, den Birgit Kohlhase anlässlich der Eröffnung der diesjährigen Tagung für Familienkultur im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum 1999 gehalten hat.


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