Vom Management der Emotionen zur Spiritualiserung des Fühlens
Vom IQ zum EQ Emotionale Intelligenz als Meta-Fähigkeit
Als der Harvard-Psychologe und Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman 1995 sein Buch »Emotional Intelligence. Why it can matter more than IQ« veröffentlichte, konnte er vermutlich nicht voraussehen, wie sein Leben sich dadurch verändern würde. Das Buch wurde in über 30 Sprachen übersetzt und vier Millionen Mal verkauft. Nicht nur Goleman selbst nutzte seinen Erfolg mit weiteren Publikationen aus. In seinem Gefolge wurden Werke neu herausgegeben, die zu ihrer Zeit kaum Beachtung fanden. Weil sie das Thema »Umgang mit Emotionen« berührten, bekamen sie jedoch eine neue Chance. Wie lässt sich die Gunst der Stunde verstehen, dass ein Buch über emotionale Intelligenz zu einem Weltbestseller wird?
Goleman selbst bezieht sich auf eine kollektive emotionale Krise der amerikanischen Zivilisation, für die er auch in Europa zunehmende Anzeichen sieht: Vereinsamung der Menschen, wachsende Ängste und Depressionen, Gewaltbereitschaft und Drogenkonsum. Durch das Abnehmen von »Tugenden« wie Selbstbeherrschung und Mitgefühl macht sich sozial-moralisches Elend breit. Deswegen entspricht sein Konzept der emotionalen Intelligenz, das im vierten Kapitel seines Buches ein Erziehungsprogramm umfasst, einem drängenden Bedürfnis der Gegenwart.
Aber auch eine andere Beobachtung greift Goleman auf. Nämlich diese, dass die rationale, schulische Intelligenz, wie sie bisher durch dazu geeignete Tests als Intelligenzquotient (IQ) gemessen wurde, nur in begrenztem Maße den zukünftigen Erfolg im Leben und Beruf voraussagen lässt. Letztendlich bestimmt die emotionale Intelligenz (EQ), wie erfolgreich die rational-kognitiven Fähigkeiten eingesetzt werden können. Ihr sollte somit die größere Aufmerksamkeit und Pflege gelten.
Und nicht zuletzt spielen die großen Fortschritte der Gehirnforschung eine bedeutende Rolle. Die Neunzigerjahre unseres Jahrhunderts werden ein Jahrzehnt des Gehirns genannt. Durch neue Methoden wie PET (Positronen-Emissions-Tomografie) ist es möglich geworden, nicht nur die Anatomie, sondern auch die Funktionsweisen des Gehirns genauer kennenzulernen. Ausgehend von der Vorstellung, dass aktive Hirnpartien mehr Energie brauchen und stärker durchblutet werden als ruhende, kann durch radioaktive Markierung des Brennstoffs (Glykose), der im Blut transportiert wird, verfolgt werden, welche Hirnpartien bei unterschiedlichen Tätigkeiten beansprucht werden. Diese Prozesse können auf einem Bildschirm veranschaulicht werden. Die Untersuchungen bezeugen die enge Verbindung von kognitiven und emotionalen Prozessen (bzw. der Hirnstrukturen, die dabei aktiviert werden). Sie erklären, warum bei bestimmten Hirnläsionen, die die kognitive Funktionen wie logisches Denken, Gedächtnis und Aufmerksamkeit intakt lassen, das Leben der Betroffenen trotzdem in den Ruin getrieben wird: Aufgrund der durchtrennten Verbindungen zwischen Stellen des Neocortex (von denen die höheren kognitiven Fähigkeiten Gebrauch machen) und tieferen Hirnzentren (wie dem Mandelkern mit angrenzenden Schaltungen, die von emotionalen Vorgängen beansprucht werden) sind diese Menschen nicht imstande, ihre eigenen Gefühle zu erkennen. Dadurch erleben sie keine Präferenzen bei den Optionen, die logischerweise möglich sind, und treffen die falschen Entscheidungen in Angelegenheiten, von denen ihr weiterer Lebensweg abhängt. Ein weiterer Hinweis auf die entscheidende Bedeutung der emotionalen Intelligenz. Wo kommt dieses Konzept her und was beinhaltet es?
Goleman ist nicht der Erfinder oder Entdecker der emotionalen Intelligenz. Durch griffige (z. B. EQ) und werbewirksame Formulierungen, denen auch anthroposophisch angehauchte Leser kaum widerstehen können (z. B.: »Was nützt ein hoher IQ, wenn man ein emotionaler Trottel ist?« oder »Spannende Forschungsperspektiven zu einem Thema, das uns alle angeht: die Wiedervereinigung von Herz und Verstand« auf der Rückseite der deutschen Taschenbuchausgabe) hat er das Konzept populär gemacht.
Nachdem in der Mitte unseres Jahrhunderts eine einseitige Verhaltensorientierung die amerikanische Psychologie beherrschte (z. B. Skinner: »Beyond Freedom and Dignity») regte sich um 1970 herum eine kognitive Welle: die Bewusstwerdung der Bedeutung der kognitiven Faktoren beim menschlichen Verhalten (Gedanken, Einschätzungen etc.). In den Achtzigerjahren wurde der herkömmliche Begriff der Intelligenz aufgebrochen. Diese stammte noch von der vorigen Jahrhundertwende. Bahnbrechend war die Arbeit der Franzosen A. Binet und T. Simon gewesen, aber es waren wieder die Amerikaner, die gegen Ende des Ersten Weltkrieges sich veranlasst sahen, für die Auswahl und Zuordnung der Soldaten Intelligenztests zu einem massalen Gruppenverfahren zu entwickeln, durch das das allgemeine intellektuelle Leistungsniveau (und seine individuellen Profile) gemessen werden konnte. Schon in den Zwanzigerjahren wurde Kritik an dem sozialdarwinistischen Einschlag der Intelligenztests laut, aber erst 1985 konnte der Harvard-Psychologe Howard Gardner die Diktatur der logisch-diskursiven Intelligenz vom Sockel stoßen. Er entwarf eine Theorie der multiplen Intelligenzen, die auch Berufssportler und Popstars hochintelligent erscheinen ließ. Sieben weitgehend voneinander unabhängige Intelligenzen wurden unterschieden: eine mathematisch-rechnerische, eine räumlich-optische, eine sprachliche, eine musikalische, eine körperlich-motorische, eine intra- und eine interpersonelle Intelligenz. Die letzten beiden finden wir im Konzept der emotionalen Intelligenz wieder, das 1989 von den Psychologen Peter Salovey (Yale) und John Mayer (New Hampshire) geprägt wurde: das Verstehen und Handhaben eigener und fremder Gefühle. Ihr Patenkind ist Goleman, wenn er fünf Bereiche der emotionalen Intelligenz unterscheidet:
das Wahrnehmen und Erkennen der eigenen Emotionen,
die Gefühle so zu handhaben, dass sie angemessen sind,
die Gefühle in den Dienst eines Ziels in die Tat umsetzen,
die Empathie (wissen, was andere fühlen) und
die Kunst, mit den Emotionen anderer umzugehen.
Die Rückkehr der Emotionen in die Psychologie bedeutet also keineswegs eine Befürwortung der emotionalen Katharsis (Entladung), im Sinne einer primitiven Popularisierung der Psychoanalyse. Die Entladungshypothese ist von der neueren psychologischen Forschung als irrig entlarvt worden. Das ungehemmte Herauslassen von Zorn z. B. ist eine der schlechtesten Methoden, sich abzukühlen. Sie treibt die Erregung zumeist noch mehr in die Höhe. Emotionale Intelligenz dagegen bedeutet: vernünftig mit Emotionen umgehen können. Aber was heißt das?
Die Trennung von Gefühl und Verstand als Merkmal des modernen Menschen
Interessanterweise öffnet Goleman sein Buch mit einem Prolog unter dem Titel »Die Forderung des Aristoteles». Er stellt ihm ein Motto aus der »Nikomachischen Ethik« voran:
»Ebenso kann ein jeder leicht in Zorn geraten. ( ) Das Wenn, Wieviel, Wann, Wozu und Wie zu bestimmen, ist aber nicht jedermanns Sache und ist nicht leicht.«
Dieses Zitat aus der griechischen Antike, in der erst die geschlossene Persönlichkeit und das bewusste Denken entstand, wird benutzt zu einer Zeit, in der die Persönlichkeit wieder auseinanderzufallen droht. Erst mit dem Anfang der modernen Zeit trennen sich die Seelenkräfte Fühlen und Denken, die bis dahin in einer engen Verbindung lebten. Davon legen z. B. die Gottesbeweise noch Zeugnis ab. Heutzutage lässt sich noch kaum jemand durch eine logische Argumentation zu einem überzeugenden Wirklichkeitserleben (ver-)führen. Umgekehrt lassen Herzensgründe sich kaum von logischen Argumenten überstimmen. Häufig leidet der moderne Mensch unter dem Konflikt zwischen Gefühl und Verstand, wie die psychologische Praxis bezeugt.
In der Philosophiegeschichte findet dieser Zwiespalt einen klassischen Ausdruck. In ihrem Buch »Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft« skizziert Carola Meier-Seethaler die historische Spur der zweiten, vom rationalistischen Mainstream der modernen europäischen Philosophie zurückgedrängten Linie, deren Ausgangspunkt sie bei Blaise Pascal (1623-1662) situiert. Bekanntlich unterscheidet dieser geniale Mathematiker und Freund Descartes die Logik des Verstandes (lordre de la raison) von der Logik des Herzens (lordre du coeur). Wer kennt nicht sein berühmtes Adagio: »Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît pas« (Das Herz hat Gründe, von denen der Verstand keine Ahnung hat)? Nicht nur in Fragen der Moral sieht er das Urteil des Herzens als maßgebend an. Für ihn ist das Gefühl ein feinsinniges Erkenntnisorgan, um z. B. die wechselhaften Erscheinungen des Lebendigen und die Beziehungen zwischen den Menschen erfassen zu können. Wir sehen hier also nicht nur die Trennung von Gefühl und Verstand klar zum Ausdruck gebracht, sondern zugleich werden beide aus einer Erkenntnisperspektive betrachtet. Während die Hauptlinie des europäischen und westlichen Denkens Gefühl und Emotion in Wissenschaft und Technik als störend betrachtet und deshalb (in Kunst, Religion und Privatleben) zurückdrängt, ist bei Pascal schon ein Bewusstsein des Erkenntnispotentials vorhanden, das im Weltbezug des Gefühlslebens vorhanden ist. Es leuchtet eine Intelligenz auf, die im Gefühlsleben selbst verschlossen liegt: ein Aspekt, der in Golemans Konzept der emotionalen Intelligenz allenfalls im Hintergrund bemerkbar wird, wenn man den Blick gezielt darauf richtet. Goleman selbst geht es, wie schon gesagt, um einen intelligenten Umgang mit dem Gefühlsleben in dem Dienst persönlicher und gesellschaftlicher Ziele: eine pragmatische Vernunft, die sich am Erfolg misst.
Ohne hier Carola Meier-Seethalers Skizze referieren zu können, sei noch auf die amerikanische Philosophin Susanne Langer (1895-1985) hingewiesen, die von ihr als letzter Meilenstein der zurückgedrängten historischen Linie genannt wird. Susanne Langer betrachtet mit Ernst Cassirer die Symbolbildung (in Sprache, Ritus, Mythos, Kunst und Traum) als wesentliche Tätigkeit des menschlichen Geistes. Wie alles Denken auch ist die Symbolisierung vom Bedürfnis nach geistiger Orientierung und Sinnstiftung geleitet. Susanne Langer beschränkt den Bereich der Vernunft also nicht auf das abstrakte Denken mit seiner diskursiven Sprache, sondern rechnet auch die symbolische Vermittlung emotionaler Inhalte dazu. Diese nennt sie »präsentative« (statt diskursive) Symbolik. Diese hat eine eigene Logik, eine disziplinierte Artikulation von Erlebnissen, die ihre eigene, besondere Rationalität haben. Kann diese Rationalität näher charakterisiert werden?
In seiner »Geheimwissenschaft im Umriss«1 weist Rudolf Steiner ebenfalls auf den »Seelenzwiespalt« in dem modernen Menschen hin. Er beschreibt, wie der Blick des Menschen in der Neuzeit auf die sinnliche Welt und ihre Beherrschung gelenkt wurde und wie er dabei seine Verstandeskräfte benützt, deren Instrument das Gehirn ist. Andererseits bleibt in ihm als Nachklang aus älteren Zeiten, in denen er ein unmittelbares Schauen übersinnlicher Welten hatte, ein Zug zum Geistigen. Dieser ist jedoch zu schwach, um zur Anschauung zu werden und lebt nur noch in Gefühl und Empfindung als Empfänglichkeit für die Offenbarung des Geistigen.
Hier finden wir somit den entscheidenden Hinweis auf den eigenen Charakter der Intelligenz der Emotionen oder deren Rationalität, Logik oder Erkenntnisfunktion: sie ist spiritueller Art. Während der Verstand auf die Sinneswelt orientiert ist, lebt im Gefühl noch ein Zug zum Übersinnlichen. Dieser Zug wird freigesetzt, wenn das Gefühl aus seiner Selbstbezogenheit erlöst werden kann, in die es gerade auch durch die Ich-Zentriertheit des in der Sinneswelt aufgewachten Verstandesmenschen geraten ist.
»EQ Der Erfolgsquotient« und der »Manager der Emotionen« Kritik der emotionalen Intelligenz
Goleman c.s. fehlt diese geistige Perspektive. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass aus seinem vielversprechenden Konzept in kürzester Zeit »Erfolgsintelligenz« geworden ist. Nicht nur trägt sein neuestes Buch den Titel »EQ2 Der Erfolgsquotient«, mittlerweile ist er als Unternehmensberater in Zusammenarbeit mit einem der weltweit größten Beratungsunternehmen für Personalmanagement tätig und gilt als teuerster Referent der Welt. Wenn er wirtschaftliche und technologische Entwicklungen als die treibenden Kräfte hinter der sinkenden emotionalen Intelligenz der Kinder betrachtet, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob sein Beitrag zur Verbesserung des innerbetrieblichen emotionalen Klimas oder gar der Fähigkeit, die Emotionen der anderen im Dienst des eigenen Unternehmenserfolgs bewusst handhaben zu können, ihn auf makrosozialer Ebene nicht in Widersprüche verstrickt. Hier zeigen sich die Grenzen seiner Gefühlsethik. Selbstbeherrschung, Empathie und Umgang mit den Emotionen anderer sind an sich noch moralisch neutral, weil sie in den Dienst höchst unterschiedlicher Ziele gestellt werden können.
Ein zweiter Widerspruch, in den Goleman sich als Kind unserer Zeit verwickelt, ist Folge des Evolutionsgedankens, den er unreflektiert von den Biologen übernimmt. Dieser Gedanke stellt alle Entwicklung unter das oberste Ziel des Überlebens der Bestausgerüsteten. Der Sozialdarwinismus lässt wieder grüßen. Bevor eine andere Frage beantwortet wird, heißt es im 1. Kapitel: »Wozu sind Emotionen da?« Und es beginnt mit einer kleinen dramatischen Geschichte wie folgt:
»Die letzten Augenblicke im Leben von Gary und Mary Jane Chauncey, einem Ehepaar, das mit ganzer Hingabe an ihrer elfjährigen Tochter Andrea hing, die durch eine Gehirnlähmung an den Rollstuhl gefesselt war. Die Chaunceys saßen in einem Zug, der von einer Brücke stürzte, deren Pfeiler im Mississippidelta von einem Lastkahn gerammt worden waren. Die Eheleute dachten zuerst an ihre Tochter, und als das Wasser durch die Fenster in den Wagen strömte, taten sie alles, um ihre Tochter zu retten; irgendwie schafften sie es, Andrea durch ein Fenster zu schieben, wo sie von Rettungsmannschaften in Empfang genommen wurde. Dann ging der Wagen unter, und sie ertranken. Andreas Geschichte, eine Geschichte von Eltern, deren letzte heroische Handlung darin besteht, für das Überleben des Kindes zu sorgen, hält einen Moment von geradezu mythischer Tapferkeit fest. Solche Fälle, in denen Eltern sich für ihren Nachwuchs opfern, hat es in der menschlichen Geschichte und Vorgeschichte sicher unzählige Male gegeben und zahllose weitere im größeren Rahmen der Evolution unserer Spezies. Aus der Sicht der Evolution geht es bei der Selbstaufopferung von Eltern um das, was die Evolutionsbiologen als »Fortpflanzungserfolg« bezeichnen, um die Weitergabe der eigenen Gene an künftige Generationen. Doch aus der Sicht eines Elternteils, der in einer äußersten Krise die verzweifelte Entscheidung trifft, ein Kind zu retten, handelt es sich um nichts anderes als Liebe. Dieser beispielhafte Akt elterlichen Heroismus bietet uns einen Einblick in den Sinn und Zweck von Emotionen, und er bezeugt die Bedeutung, welche der altruistischen Liebe und allen sonstigen Emotionen im menschlichen Leben zukommt. Er lässt vermuten, dass unsere tiefsten Gefühle, unsere Leidenschaften und Sehnsüchte, entscheidend für unser Überleben sind und dass unsere Spezies ihre Existenz weitgehend ihrem machtvollen Wirken in der menschlichen Lebenswelt verdankt. Was sonst, wenn nicht eine übermächtige Liebe, die darauf drängt, das geliebte Kind zu retten, könnte einen Vater oder eine Mutter veranlassen, nicht dem reflexartigen Selbsterhaltungstrieb nachzugeben?«2
Mir scheint, diese Darstellung ist weder logisch widerspruchsfrei noch feinfühlig. Ein eng damit zusammenhängender Mangel an Konsistenz, der Goleman überhaupt nicht zu stören scheint, ist der Wechsel von alltäglicher Erlebnis- zur wissenschaftlichen Sprache, dem letztendlich die altbekannte unkritische Reduzierung seelischer Tätigkeit zu Nervenvorgängen zugrundeliegt. Demgemäß sind emotionale Entgleisungen nichts anderes als »neurale Überfälle«. Die Amygdala (ein Zentrum im limbischen System des Gehirns) übernimmt dann die Macht. So wie der Neokortex »denkt«, so ist der Mandelkern (Amygdala) »so etwas wie ein psychologischer Wachtposten, der jede Sekunde der Erfahrung, jede Situation, jede Wahrnehmung kritisch prüft, der aber nur eine Frage im Sinn hat, die allerprimitivste:&Mac221;Ist das etwas, das ich nicht ausstehen kann, das mich kränkt, das ich fürchte?&Mac220; Falls ja, reagiert der Mandelkern augenblicklich wie ein neuraler Stolperdraht und schickt eine Krisenbotschaft an alle Teile des Gehirns.«3 Diese anthropomorphe Sprache für Hirnteile löst das Leib-Seele-Problem dadurch, dass sie es negiert. Wäre eine präsentative Symbolik à la Langer hier nicht angemessener als der wissenschaftliche Diskurs? Bei Goleman findet ein Umgekehrtes statt: Wenn er gelegentlich »Herz« sagt, meint er eindeutig ein bestimmtes Hirnteil. Und wie soll ein Gehirn, das das automatische Ergebnis einer Evolution ist, die sich »in den letzten 50000 Generationen« (!) abgespielt hat, jetzt plötzlich sich selbst erziehen wo »die letzten 10000 Jahre ( ) in den biologischen Grundformen unseres Gefühlslebens kaum eine Spur hinterlassen«4 haben?
Auf diese Weise kann der wissenschaftliche Verstand die Brücke zum Herzen des Menschen kaum befriedigend bauen: Der »Manager der Emotionen« bleibt der neokortikale Präfrontallappen unter dem Schädeldach.5 Aber über solche Widersprüche setzt er sich in der Praxis locker hinweg.
Achtsamkeit und Gelassenheit Vom Wahrnehmen der Gefühle zu Gefühlen als Wahrnehmungsorganen
Abgesehen von seiner symptomatischen Bedeutung (im Sinne der eben genannten Erkenntnismängel unserer Zeit) hat Golemans Buch vor allem in seinen pragmatischen Teilen einen Wert: Wie man mit Emotionen wie Wut, Sorgen, Traurigkeit und Ängsten usw. umgeht, Impulse kontrollieren lernt, Positivität, Kreativität, Empathie und soziale Fähigkeiten entwickelt, und wie man damit schon in der Kindererziehung anfangen kann. Diese Ansätze sind schon von anderen Autoren aufgegriffen und konkretisiert worden. Dass dies zu grotesken Exzessen führt, wie das bunte Büchlein von Ray Johnson bezeugt: »Der Schlüssel zum EQ. Ein Symbolspiel, das in jeder Lebenssituation kreative Lösungen möglich macht« (vielsagend beim Scherz-Verlag veröffentlicht), mag abgesehen davon, dass es zum Lachen reizt und so unabsichtlich (?) die Stimmung verbessert, wieder bloß zeitsymptomatische Bedeutung haben.
Im Folgenden möchte ich mich auf zwei Hinweise beschränken, wie Golemans Ansatz spirituell erweitert werden kann. Der eine betrifft die sog. Nebenübungen oder auch die sechs Eigenschaften, die Rudolf Steiner mehrfach im Rahmen eines geistigen Erkenntnisweges schildert. Der zweite betrifft das Hauptmittel der geistigen Schulung überhaupt: die Meditation.
Die sechs Eigenschaften, die dem »Herzen« (hier als seelisch-geistiges Organ gemeint) zuzuordnen sind, vom heutigen Menschen jedoch bewusst entwickelt werden müssen, sind Gedankenkontrolle (oder Sachlichkeit), Handlungskontrolle, Gefühlskontrolle (oder Gelassenheit und Gleichmut), Positivität, Unbefangenheit und zuletzt die Harmonie der Seelenkräfte. Mindestens zwei davon finden wir deutlich in Golemans Buch wieder: die Gelassenheit und die Positivität. Wir beschränken uns hier auf die Gelassenheit als die Übung der Gefühlskontrolle (und damit der emotionalen Intelligenz im Sinne von Wahrnehmung und intelligenter Handhabung der eigenen Gefühle) schlechthin. Für Goleman ist der Begriff »mindfulness« (Achtsamkeit) grundlegend: ein selbstreflexives, fortwährendes gleichmütiges Wahrnehmen der eigenen inneren Zustände. Ohne diese grundlegende Kompetenz kann keine emotionale Selbstkontrolle aufgebaut werden.
In der »Geheimwissenschaft im Umriss«6 schreibt Steiner ebenfalls, dass Gefühlskontrolle »ein genaues Achtgeben auf sich selbst durch längere Zeit« erfordert. Die Kontrolle selbst betrifft die Beherrschung des Ausdrucks von Freude und Schmerz, Lust und Leid. Die Emotion als persönlich bewegende Kraft wird gezügelt, damit die Empfindung empfänglicher wird für Erfreuliches und Schmerzhaftes in der Umgebung (und der Ausdruck der Seele dann wieder dem empfangenen Eindruck entsprechen kann). Diese Empfänglichkeit der Seele ist in der »Theosophie«7 der beherrschende Aspekt der Darstellung: Gefühle können zu Seelenorganen für die übersinnliche Welt auswachsen. Solange der Mensch in seinen Gefühlen lebt, erkennt er nicht durch sie. »Wenn er sein Selbstgefühl aus ihnen herauszieht, dann werden sie seine Wahrnehmungsorgane; ( ) dann erkennt er durch sie.« Das ist die entscheidende Wendung: vom Selbstgefühl zum Weltgefühl. Durch die Entwicklung zum modernen Ich-Menschen sind die Gefühle mit Selbstgefühl durchdrungen. Dies zu »managen« ist ein erster Freiheitsschritt des Menschen in Bezug auf sein emotionales Leben. Die Gefühlsrichtung umzukehren und die Gefühle selbst zu Intelligenzorganen reifen zu lassen, ist ein zweiter, der nicht nur Gegenwart, sondern auch Zukunft begründet. Der moderne Mensch wächst damit über sich selbst hinaus, kann Ich und mehr als Ich zugleich sein und beginnt die Wunde, die zwischen Gefühl und Verstand klafft, zu heilen. Er steht am Anfang eines spirituellen Weges.
Meditation. Gefühl als geisterweckende Kraft
Es ist folgerichtig, dass das Hauptmittel, wieder bewusst und ohne die Freiheit einzubüßen zur geistigen Anschauung zu gelangen, eine gedankliche Grundlage hat und dann das Gefühlserleben als eigentlich Wirksames ins Werk setzt. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die präsentative Symbolik dabei eine große Rolle spielt: z.B. durch mantrische Sprüche, die nicht sinnlos sind oder unverstanden bleiben, aber bei denen es auch und dann vor allem aufs Erleben von Metaphern, Lautklängen, Rhythmus, Konkordanzen usw. ankommt. Nicht zufällig wählt Rudolf Steiner bei der ausführlichen Beschreibung der Meditation in seiner »Geheimwissenschaft im Umriss« das Beispiel einer sinnbildlichen Vorstellung: das »Rosenkreuz«8 Diese Vorstellung muss erst in der Seele aufgebaut werden.
Das geschieht in vier Schritten:
durch einen gedanklichen Vergleich zwischen Mensch und Pflanze: »Man mache den Gedanken in seiner Seele lebendig«, dass der Mensch Bewegungsfreiheit hat, aber dafür auch die Leidenschaftslosigkeit der Pflanzen eingebüßt hat. Er kann seine Leidenschaften allerdings läutern:
durch Symbolisierung dieser Gedankeninhalte, z.B. grüner Farbensaft als Ausdruck der reinen Wachstumsgesetze, rotes Blut als Ausdruck für Triebe etc., rote Rosen als Ausdruck für geläuterte Triebe;
durch entsprechende Belebung der Empfindungen und Gefühle: »Ich versuche nun, solche Gedanken nicht nur in meinem Verstande zu verarbeiten, sondern in meiner Empfindung lebendig werden zu lassen.«
»Es kommt darauf an, dass man nicht gefühllos sich den Gedanken gegenüberstelle, welche zum Aufbau einer sinnbildlichen Vorstellung dienen«;
durch den Aufbau eines komplexen Sinnbilds, dessen Zusammenstellung nicht mehr der sinnlichen Welt entnommen ist (wie es noch die Elemente sind).
Erst danach kann in die eigentliche innere Versenkung (Meditation) eingetreten werden. Während dieser soll man »das Bild lebhaft vor sich im Geiste schweben haben und dabei jene Empfindung mitschwingen lassen, die sich als Ergebnis durch die vorbereitenden Gedanken eingestellt hat. So wird das Sinnbild zum Zeichen neben dem Empfindungserlebnis. Und in dem Verweilen der Seele in diesem Erlebnis liegt das Wirksame.«
In dem Verweilen in diesem Empfindungserlebnis liegt das Wirksame der Meditation. Erst durch dieses bekommt die sinnbildliche Vorstellung ihre »seelenweckende Kraft». Im Hinblick auf die aktuelle Literatur ist neben der Verwendung präsentativer Symbolik als Brücke zwischen Gedanke und Gefühl noch das aktive Verhältnis zum Gefühl bemerkenswert. Nicht die vorhandenen, von Selbstgefühl durchdrungene Emotionen sind Ausgangspunkt für die Meditation, sondern Gefühlsempfindungen, die erst an Gedanken entwickelt werden und wohl kaum zu unserem alltäglichen Seelenleben gehören: eine »beseligende« Empfindung bei der Vorstellung der Leidenschaftslosigkeit der wachsenden Pflanze, ein »ernstes Gefühl« bei der Vorstellung des Preises, den der Mensch für seine Bewegungsfreiheit bezahlt, dann das »Gefühl eines befreienden Glückes« bei der Vorstellung eines Blutes, das so rein wie eine rote Rose werden kann. Das dem komplexen Sinnbild des Rosenkreuzes entsprechende Empfindungserlebnis ist somit das Ergebnis eines Dreischritts im Gefühl, der ohne den Gedankenvollzug unmöglich durchlaufen werden kann. Mancher Zeitgenosse wird bemerken, dass dieses Gefühlserlebnis sich zunächst gar nicht einstellen will, dass es die häufigere bewusste Wiederholung des gedanklichen Vollzugs braucht, ja, dass ohne die Übung der Kontrolle des emotionalen Ausdrucks und Steigerung der Empfänglichkeit die eigentliche innere Versenkung gar nicht zu erlangen ist.
In dem Maße jedoch, wie sie gelingt, erhebt der Mensch sich zu einem übersinnlichen Bewusstseinszustand. So ist die Anthroposophie eine Antwort auf die seelisch-geistige Lage des neuzeitlichen Menschen, auf die auch das Konzept der emotionalen Intelligenz eine Antwort sein will: auf die Trennung von Gefühl und Verstand. Sie lehrt jedoch nicht nur das erfolgreiche Management der (eigenen und fremden) Emotionen in der Sinneswelt, sondern darüber hinaus die Reinigung (Katharsis im ursprünglichen Sinne) der selbstbezogenen Gefühle zu Wahrnehmungsorganen der sinnlich-sittlichen und übersinnlichen Welt. Weil im Gefühlsmenschen noch der Zug zum Geistigen lebt, kann dieser durch die innere, gedanklich vorbereitete und durch präsentative Symbolik vermittelte Versenkung in aktiv hergestellte Empfindungserlebnisse zur geistigen Anschauung geweckt werden. Der anthroposophische Weg umfasst die Ausbildung der emotionalen Intelligenz nicht nur im Sinne der persönlich-intelligenten Handhabung der Emotionen, sondern auch im Sinne der weltoffenen Intelligenz, die im Fühlen-Können zunächst verborgen lebt. Er führt zur bewussten Spiritualisierung des Fühlens.
Anmerkungen: 1) Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe! Zurück zum Text