Thema


Lorenzo Ravagli
Die Botschaft der Göttin


Im August des Jahres 1796, im Alter von 26 Jahren, schrieb Hegel an seinen Freund Hölderlin – den Studiengenossen aus dem Tübinger Stift – einen Brief, der lediglich aus einem Gedicht, einer Elegie, bestand. Die Elegie beschwört die Wunder vergessener Mysterien. Der Blick des Dichters bleibt nicht nur auf vordergründigen Naturbildern ruhen, sondern er dringt in die Tiefe und findet dort die Erinnerung an jene Große Göttin, die in dreifacher Gestalt als Jungfrau, Mutter und Königin der Anderwelt den Mysterien von Eleusis ihren mystischen Gehalt verlieh.

Die Nachtseele eines jeden kann zu seiner Tagesseele sprechen. Erst wenn sich letztere von der Welt des Wandels abwendet oder dem im Wandel zuwendet, was Gleichnis des Ewigen ist, kann sie in sich selbst oder im Ewigen, das sie aus den Dingen anspricht, zur Ruhe kommen. Drei Mächte suchen sie daran zu hindern. Doch davon später. Wenn die Ruhe einkehrt und die Interessen des Tages zum Schweigen gebracht sind, dann tauchen vielleicht, in der Besinnung der Seele auf sich selbst, Bilder auf, die auch noch mit dem Tag zu tun haben, die aber den Tag wie Leitbilder durchleuchten: Bilder von Menschen, deren Freundschaft und Liebe einem das Leben lebenswert erscheinen lässt, deren Zuwendung, deren Begeisterung und Aufmerksamkeit es ist, die einen durch den Trubel des Alltags und seine Widrigkeiten trägt.

So ist es auch bei Hegel: Er denkt zurück an das, was er mit Hölderlin zusammen erlebte. Doch schon tritt an die Stelle dieser Erinnerung die Hoffnung auf das baldige Wiedersehen, auf das Gespräch zwischen Ich und Du, auf den Austausch und das Gewahrwerden der Wandlungen des Anderen. Und aus der Mitte der Hoffnung, aus den Bildern, in denen Hegel sich das künftige Wiedersehen ausmalt, spricht ihn die Gewissheit eines leuchtenden Gedankens an: So klar und rein ist dieser Gedanke, es ist, als ob eine höhere Macht die Stirn des versonnenen Betrachters berührte und sein Herz mit Zuversicht und Kraft erfüllte. So ergießt sich aus dem Ideal in die zur Ruhe gekommene Seele das Feuer und die Macht des Geistes und sie erinnert sich an Bund der Freunde, der auf die Intuition der Freiheit gegründet ist. Es ist der Bund freier Geister, die sich verbunden wissen durch eine gemeinsame moralische Intuition. Deren Inhalt schließt den Dienst an der Wahrheit ein, die frei macht, nur »zu leben und Frieden mit der Satzung, die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehen!« So heißt die Losung, mit der sich die Freunde der »unsichtbaren Kirche«, dem »Reiche Gottes« geweiht haben.

Doch nun tritt eine Wendung im inneren Erleben ein. Die träge Wirklichkeit ruft Hegel zurück aus seinen Träumen und mit einem Seufzer kehrt die Seele, die sich leicht exkarnierte, in den Leib zurück. Jetzt erst – mit gereinigtem und geklärtem Blick – kann sie sich erneut der Wahrnehmung der Natur zuwenden. Das Auge erhebt sich »zu des ewigen Himmels Wölbung« und zu dem »glänzenden Gestirn der Nacht«. Der Blick der Göttin streift den Suchenden, und wie mit einem kühlen Zauberhauch tilgt sie alle Wünsche und Hoffnungen aus seinem Herzen und ein tiefer Friede erfüllt die Brust. Aus der stillen Ewigkeit des Zauberlichtes, mit dem die Göttin die Landschaft übergießt, strömt Vergessen, der Schauende verliert sich im Anschaun. Was sein er nannte, schwindet, vollständige Hingabe, tiefe, selbstvergessene Versenkung, des eigenen Wünschens und Wägens Wogen glätten sich und der Schauende wird mit dem Geschauten eins. »Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es,« schreibt Hegel. Dem Unermesslichen gibt er sich hin und vergisst für einen Augenblick sich selbst.

Doch schon kehrt der Gedanke zurück, ihm graut vor dem Unendlichen, ist es doch ein unfassbarer Abgrund. Zu schauen vermag das geistige Auge der Seele, aber nicht der zergliedernde Verstand. Da kommt Hegel die Phantasie oder die Imagination zu Hilfe und hüllt die Gestaltlose in ein Gewand, in dessen Falten, in dessen schillerndem Gewebe sich das Licht verfängt, das von ihrer Stirne strahlt.
Erhabne Geister tauchen vor dem inneren Blick auf, deren Antlitz von der Vollendung ihres Wesens zeugt. Rätselhaft ruft der aus sich herausgehobene Dichter: »Erschrecket nicht!« – wie eine Übertragung klingt es, als wollte der Dichter zu sich selbst sagen: »Erschrecke nicht, fürchte dich nicht …«, so wie die Engel sagen, wenn sie den Sterblichen erscheinen. Und nun spricht er sie an, die Göttin, die in Eleusis thronte, dem »Ort der glücklichen Ankunft« (Kerényi), mit ihrem lateinischen Namen: Ceres-Demeter, deren Weisheit er heute unter den Lehrern vergeblich sucht. Denn die Hallen der Göttin sind verstummt, die Altäre zertrümmert, die Götter sind geflohen vom Grab der Menschheit, die sich selbst entweihte, als sie die Mysterien entweihte. – Selbst wenn wir »mit Engelszungen redeten«, wie der Dichter, Paulus zitierend, fortfährt, graute uns doch vor der Profanierung des Heiligen, die im Aussprechen des Unaussprechlichen besteht. Dabei liegt diese Profanierung nicht etwa darin, dass etwas Aussprechbares ausgesprochen würde, sie liegt in dem von vorneherein zum Scheitern verurteilten Versuch, etwas seinem Wesen nach jeder Rede Enthobenes in Worte zu kleiden.

Im Heiligtum der Brust verwahrten die Söhne und Töchter der Göttin ihr Heiligtum, handelten und lebten ihrem Wissen, ihrer Schau gemäß, doch profanierten sie das Arcanum nicht im Geplapper des Alltags. Nicht dem Wörterkram, nicht dem Gedächtnis überlassen, konnte das heilige Geheimnis auch nicht zum Spielzeug der Heuchler und Sophisten werden, die sich selbst nur zu erhöhen trachten durch den Glanz der leeren Worte, die sie von anderen geborgt. Auch jetzt noch lebt die Göttin in den Taten und im Leben der Wissenden, der Schauenden, die sich – frei von der Satzung, die Meinung und Empfindung regelt – zum Dienst an der freien Wahrheit zusammenfinden. Und an ihren Taten erkennen sie einander, nicht unbedingt an ihren Worten. Mehr an dem, was sie nicht sagen, als an dem, was sie sagen.

Auch diese Nacht, so endet Hegels Ekstase, hat er die Stimme der Göttin vernommen. Sie raunte ihm die Geheimnisse zu, die er nur sich selbst und seinem engsten Freund anvertraute. Die Spuren ihres Wirkens werden ihm auch in ihren Kindern anschaubar, im hohen Sinn, im treuen Glauben, der nicht wankt.

ELEUSIS

Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft‘gen Menschen
Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, – o Nacht! – Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt
Der helle Streif des See‘s herüber.

Des Tags langweil‘gen Lärmen fernt Erinnerung,
Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh‘nen Tage Lust. Doch bald weicht sie
Des Wiedersehens süßern Hoffnungen.
Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,
Des wechselseitigen Ausspähens Szene,
Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund
Sich seit der Zeit geändert; – der Gewißheit Wonne,
Des alten Bundes Treue fester, reifer noch zu finden,
Des Bundes, den kein Eid besiegelte:

Der freien Wahrheit nur zu leben,
Frieden mit der Satzung,
Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn!

Nun unterhandelt mit der trägern Wirklichkeit der Wunsch,
Der über Berge, Flüsse leicht mich zu dir trug.
Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer und mit ihm
Entflieht der süßen Phantasien Traum.

Mein Aug‘ erhebt sich zu des ew‘gen Himmels Wölbung,
Zu dir, – o glänzendes Gestirn der Nacht!
Und aller Wünsche, aller Hoffnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab.
Der Sinn verliert sich in dem Anschau‘n,
Was mein ich nannte, schwindet.
Ich gebe mich dem Unermeßlichen dahin.
Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßt
Er dieses Anschauns Tiefe nicht.

Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige,
Vermählt es mit Gestalt. – Willkommen, ihr,
Erhab‘ne Geister, hohe Schatten,
Von deren Stirne die Vollendung strahlt!
Erschrecket nicht. Ich fühl‘, es ist auch meiner Heimat Äther,
Der Ernst, der Glanz, der euch umfließt.

Ha! Sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums von selbst,
O Ceres, die du in Eleusis throntest!
Begeist‘rungstrunken fühlt‘ ich jetzt
Die Schauer deiner Nähe,
Verstände deiner Offenbarungen,
Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme
Die Hymnen bei der Götter Mahlen,
Die hohen Sprüche ihres Rats.

Doch deine Hallen sind verstummt, – o Göttin!
Geflohen ist der Götter Kreis in den Olymp
Zurück von den entheiligten Altären,
Gefloh‘n von der entweihten Menschheit Grab
Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.
Die Weisheit deiner Priester schweigt.

Kein Ton der heil‘gen Weih‘n
Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht
Der Forscher Neugier mehr, als Liebe
Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.
Um sie zu meistern, graben sie nach Worten,
In die dein hoher Sinn gepräget wär‘.
Vergebens! Etwa Staub und Asche nur erhaschen sie,
Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Moder und Entseeltem auch gefielen sich
Die Ewigtoten, die Genügsamen! – Umsonst, es blieb
Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.

Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,
Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,
Als daß er trock‘ne Zeichen ihrer würdigte.
Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,
Die, außer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit
Versunken, sich vergißt und wieder zum Bewußtsein nun
Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch‘ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armut.
Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,
Durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red‘ ihm Sünde deucht,
Und daß er bebend sich den Mund verschließt.

Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,
Was sie in heil‘ger Nacht geseh‘n, gehört, gefühlt,
Daß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Lärm
In seiner Andacht stört‘, ihr hohler Wörterkram
Ihn auf das Heil‘ge selbst erzürnen machte, dieses nicht
So in den Kot getreten würde, daß man dem
Gedächtnis gar es anvertraute, daß es nicht
Zum Spielzeug und zur Ware des Sophisten,
Die er obolenweis verkaufte,
Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
Zur Rute schon des frohen Knaben, und so leer
Am Ende würde, daß es nur im Widerhall
Von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.

Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,
Nicht deine Ehr‘ auf Gass‘ und Markt, verwahrten sie
Im innern Heiligtum der Brust.
Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.
Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.

Auch diese Nacht vernahm ich, heil‘ge Gottheit, Dich.
Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,
Dich ahn‘ ich oft als Seele ihrer Taten!
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben
Der, einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.


Blicken wir, nachdem der wunderbare Text auf uns gewirkt hat, noch einmal zurück. Welches sind die Mächte, die die Seele daran zu hindern trachten, dass sie zur inneren Ruhe findet? Haben wir uns dem Ruf: »Eingeweihte ins Meer«, der einst in der Mitte des September in der Bucht von Eleusis erklang, angeschlossen und sind ausreichend in die Tiefen des Seelenmeeres eingetaucht, dann bringen wir aus ihm das Wissen um die Mächte mit, die uns vom Vollzug des Wandels abhalten wollen, den uns die dreigestaltige Göttin, die despoina (Herrin), ermöglichen will.

Die Sorge ist bereits am Anfang der Elegie erwähnt. Aber die Sorge ist nur die Erfüllungsgehilfin einer größeren Macht, genauer gesagt, einer drei-einen Macht, die sich den Gaben der drei-einen Göttin entgegenstellt und zu verhindern sucht, dass die Saat, die sie gesät hat, aufgehen kann.

Hinter der Sorge stehen die drei großen Dämonen der Gier, des Hasses und der Verblendung. Die Verblendung beschleicht unser Denken und gaukelt uns vor, das Vergängliche sei unvergänglich, das Sterbliche unsterblich, das Wertlose wertvoll. Sie ziehen die Seele von der naheliegenden Einsicht ab, dass allein das Unvergängliche unvergänglich, allein das Wertvolle wertvoll und das Unsterbliche unsterblich ist. Sie fesseln die Energie unseres Geistes an Unwesentliches und rufen durch diese Verstrickung die Gier und den Hass hervor. Vor der Verblendung kann uns nur die Einsicht bewahren, die die Königin der Anderwelt, die Herrin des Todes, Persephone, die Tochter der De-Meter – der Göttin-Mutter – vermittelt, denn der Tod scheidet das Vergängliche vom Unvergänglichen, Schein von Wesen. Die Meditation des Todes, die Anrufung der Persephone, der Jungfrau, die in die Unterwelt steigt und lebend wieder aus ihr hervortritt, kann uns von der Verblendung befreien. Jeder muss in seinem eigenen Leben zu unterscheiden versuchen, was wirklich Wert in sich trägt, unvergänglichen Wert, Wert, der die Seele nach dem Tode nicht mit der Verstrickung in das Irdisch-Vergängliche belastet, sondern Wert, der die Seele leicht macht und sie auf ihrer Fahrt über die Gefilde der Toten durch die Finsternisse geleitet. Nicht in der pauschalen Abwendung vom Leben, nicht in dessen hochmütiger, falsch-asketischer Abwertung kann dieser Wert gefunden werden – denn wozu wären wir dann inkarniert? Sondern in der Inkarnation selbst steckt das Rätsel. Verborgen im endlichen und fleischlichen Dasein liegt ein unvergänglicher Schatz, den es in der Erde, im Fleisch (aus den Tiefen der Erde, wie die Romantik gerne dichtete) zu heben gilt.

Hass aber ruft hervor, was unsere Gier zurückweist. Gier lockt an, was uns die Verblendung als erstrebenswert vorgaukelt, wo es doch in Wahrheit nur vergänglicher Tand ist. Vor der Gier kann uns allein die Jungfrau bewahren, die Kore, das Mädchen-Kind, das auf der nysischen Ebene Narzissen pflückt. Zwar lockt es den Räuber Dionysos-Hades an, aber es selbst trägt doch die reinen Kräfte der Kindheit in sich, die dem Untergang entgegengehen, die aber nach dem Gang in den Hades in verwandelter Gestalt wieder auferstehen. Die Kräfte des Willens bedürfen der Unschuld, der Reinheit, die sie besitzen, wenn wir noch Kind sind, oder die sie nur durch den Gang in den Hades wiedererlangen können, wenn wir sie verloren haben. Der Gang in den Hades (der Gang zu den Müttern) ist der Gang in das schöpferische Ideenreich, aus dem alles Seiende hervorgegangen ist und hervorgeht. Allein die Anschauung, die aus der Stille geboren wird, kann uns in dieses Reich führen. Es ist kein Reich der Leere, sondern ein Reich der Fülle, der Lebensfülle, Liebesfülle und Gestaltenfülle, es ist wie ein ewig-gebärender Schoß, nicht wie ein alles verschlingendes Grab.

Vor dem Hass bewahrt uns die Große Mutter, De-Meter, die Göttin Mutter, denn sie ist das Urbild der mütterlichen Liebe, die Herrin aller Lebewesen und aller Geschöpfe im Wasser, auf dem Lande und in der Luft, sie ist die alles nährende, schützende und hegende Göttin, die mit ihrem Weltenmantel alle Wesen einschließt, ohne Ansehen des Guten und des Bösen. Sie wird zwar von Trauer und Zorn erfasst, nachdem ihre Tochter von Hades-Dionysos geraubt wurde, aber sie bezwingt diesen berechtigten Zorn und findet in sich die Kraft, zu verzeihen, nachdem sie ihr Kind die größere Zeit des Jahres wieder zurück erhält. Indem sie Zorn und Hass überwindet und Hermes, dem Götterboten, dem Seelenführer folgt, kann sie ihre Tochter vom Thron des Totenreiches holen und sie auf die Erde zurückführen. Auch in Gestalt der Mutter muss die Göttin den Tod auf sich nehmen, um sich in verjüngter Form wieder zu empfangen. Die Kraft des Zorns und des Hasses wurzelt in der fehlenden Wandlung. Die Kraft des Verzeihens gründet in der Bereitschaft, auf das zu verzichten, was wir geworden sind, das Errungene ersterben zu lassen, um in neuer Gestalt aufzuerstehen.

Diese Auferstehung ist keine fromme Hoffnung. Die Gewissheit, dass sie geschieht, ist Frucht einer Geistanschauung. Wer mit wachem Blick in das Geschehen der Gegenwart sieht, wird bemerken, dass sich ein gewaltiger Paradigmenwechsel vollzieht. Wie die Wehen einer globalen Geburt ist dieser Paradigmenwechsel von großen Schmerzen begleitet, aber die Freuden sind umso größer, wenn die neue Gestalt der Welt sichtbar wird. Die Kreatur seufzt im Angesichte des Aufgangs eines neuen Lichtes, das aus den Äthermeeren, in denen die Erde schwimmt, hervortritt. Es ist ein strahlendes Antlitz, das uns entgegenleuchtet, von Vollkommenheit zeugend, aus Leiden geboren, mit der Kraft allumfassender Liebe erfüllt: das Antlitz der Göttin, der weiblichen Imago Christi.



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