Die Sonne und ihre Verehrung
in den alten Kulturen
Am 11. August wird eine totale Sonnenfinsternis stattfinden, die von Stuttgart aus zu beobachten ist und auf die sich die Stadt und die hier wohnenden Menschen schon vorbereiten. Ein jeder weiß inzwischen, dass all die Bedingungen, die für eine totale Finsternis nötig sind (Mond auf der Ekliptik und in Erdnähe), zusammentreffen werden. Jeder weiß auch, welche Phänomene dann zu erwarten sind und wann er auf was achten muss. Jeder freut sich schon auf das Aufleuchten der Sonnenkorona und ahnt die merkwürdige Dunkelheit, die er wohl nie wieder in seinem Leben wird beobachten können. Viele haben sich vielleicht sogar schon eine Schutzbrille zugelegt, damit ihre Augen bei der Beobachtung keinen Schaden erleiden kurz, das Ereignis kann eintreten.
Wer sich nun prüft, welche Gedanken er mit diesem Ereignis verbindet und welche Erwartungen er hegt, der wird zuallererst vor allem räumliche Körper vorstellen, die sich nach himmelsmechanischen Gesetzen bewegen und dabei das Leuchten des Sonnenkörpers verdecken. Wenn er gut genug vorbereitet ist, dann weiß er auch, dass dieses Verdecken in der Lebenswelt der Tiere Folgen haben wird und vielleicht vermutet er auch, dass er selbst ebenso überrascht sein wird, weil dieses Ereignis doch ganz anders auf ihn wirken wird, als er es sich heute noch vorstellt. Ein jeder »gut Informierte« erwartet auch, dass das ganze Phänomen nur wenige Minuten sichtbar sein und der Alltag sich nach 2-3 Stunden fortsetzen wird. Im Grunde ist es ein mechanischer Vorgang, aber ein solcher, von dem man sich ein tiefes einmaliges Erlebnis erhofft.
Der Jahreslauf des Sonnengottes in der Megalithkultur
Um zu verstehen, um was es sich dabei handeln könnte, ist es sinnvoll, sich einmal zurückzudenken in alte und frühe Zeiten, in denen die Menschen noch ganz andere Vorstellungen mit dem Sonnengang verbanden. Denn da wurde die Sonne überall auf der Erde und in allen alten Kulturen als Gottheit verehrt, als ein göttliches Wesen, dem Kosmos und Menschen ihr Dasein verdanken. Der Sonnengott war immer der oberste der Götter und die Kraft, mit der er sich offenbarte, hatte ihr Gegenbild in der Verehrung und in den Opfern, die ihm dargebracht wurden. Er stand stets im Mittelpunkt des religiösen Lebens, für ihn wurden die täglichen Tempelrituale gefeiert und ihm galten die meisten der Festtagskulte.
In den nördlichen Gebieten der Erde, da wo die Megalithkultur einst blühte, hat man den täglichen Gang des Sonnengottes intensiv verfolgt, denn er erzeugte die Jahreszeiten, lockte die Pflanzen hervor, ließ sie gedeihen, fruchten und welken, und sein Rückzug im Winter brachte der Erde Kälte und Erstarrung. Die Sonnenwenden markierten die entscheidenden Umschwungspunkte dieser lebenspendenden Bewegung und zu Johanni antworteten die dankbaren Menschen diesem ungeheuren Zustrom kosmischer Gestaltungskräfte mit einem tagelangen Fest. Sich eins zu wissen mit allem, was in der Natur an Gestalten sich zeigt, sich eins zu wissen mit diesen Kräften, das hieß, die Feste würdig zu begehen und selber teilzuhaben an dem Leben der Gottheit.
Auch das Leben nach dem Tod ist hier nicht ohne die sonnengöttliche Leitung zu denken. Es wurden die größten Anstrengungen unternommen, um die Gräber in den Jahreslauf des Sonnengottes einzubinden. Manche der Ganggräber sind etwa so ausgerichtet, dass die Strahlen der aufgehenden Sonne bei der Wintersonnenwende deren innerste Kammer erleuchten, um so zu symbolisieren, dass der Sonnengott die Toten in seinen Lauf mit aufnimmt. Natur und Mensch verdanken nicht nur ihr Leben auf der Erde diesem Sonnenwesen, sondern auch ihr nachtodliches Dasein, wenn sie, unsichtbar für sinnliche Augen, ihr Leben im Innern des Kosmos fortführen.
Der tägliche Lauf des Sonnengottes in Ägypten
Im Süden dagegen, in Ägypten, wo es kaum Jahreszeiten gibt, ist der tägliche Lauf des Sonnengottes das alles beherrschende Bild. Auch da ist er dasjenige Wesen, dem die Schöpfung ihr Dasein verdankt und dem dafür Hymnen gesungen werden:
»Du bist der Eine, der alles Seiende geschaffen hat,
der eine Einsame, der schuf, was ist.
Die Menschen gingen aus deinen Augen hervor,
und die Götter entstanden aus deinem Mund.
Du bist,
der die Kräuter erschafft, die das Vieh am Leben erhalten,
und den Lebensbaum für die Menschheit,
der hervorbringt, wovon die Fische im Fluss leben
und die Vögel, die den Himmel bevölkern.
Der dem, der im Ei ist Luft gibt;
der das Junge der Schlange am Leben erhält,
der erschafft, wovon die Mücke lebt,
Würmer und Flöhe gleichermaßen;
Sei gegrüßt, der dies alles erschaffen hat
Amun, bleibend in allen Dingen, Atum-Harachte,
Preis dir, Jauchzen erschalle dir, weil du dich abgemüht hast mit uns,
die Erde werde vor dir geküsst, weil du uns geschaffen hast!« 1
Auch in Ägypten ist der Sonnengott mit dem nachtodlichen Dasein verbunden, dem er Richtung und Ziel gibt. Im Sonnenschiff mitzufahren, garantiert geradezu das Weiterleben nach dem Tode, sodass der Ägypter hier sagen kann: »Wer dort ist wird ja sein, einer der im Sonnenschiff steht«, er wird beteiligt sein an den Metamorphosen des Sonnengottes, wird mit ihm sprechen können und von ihm erhoben werden, je nach seinem Verhalten hier auf der Erde.
Der König, der schon hier den Einblick in jene Welten erworben hat, kann sich als Sohn dieses Gottes empfinden, er kann schon hier mit ihm sprechen, seine Pläne erkunden und so die Weltordnung in Gang halten. Er kennt die geistigen Vorgänge bei Sonnenaufgang, kennt
»diese geheime Rede da, die die östlichen Seelen sprechen,
indem sie Jubelmusik machen für Re,
Er kennt ihr geheimes Aussehen,
ihre Heimat im Gottesland.
Er kennt den, der in der Tagesbarke ist,
und das große Bild, das in der Nachtbarke ist.«
Und weil er dies alles kennt, weil er Einblick hat in göttliche Welten, hat ihn Gott auf der Erde der Lebenden als König eingesetzt, damit er den Menschen Recht sprechen und den Göttern Opfer zuweisen kann. Alles was der Pharao hier leistet, steht unter der väterlichen Aufsicht des Sonnengottes. Ihm wendet er sich zu, ihm will er dienen und für ihn und seine Welt setzt er sich ein. Alle wesentlichen Bau-Aufträge dienen seiner Verherrlichung und wenn wir die Pyramiden dafür als Beispiel wählen, so tritt dieser Bezug auch noch nach außen voll in Erscheinung. Denn die riesigen geometrischen Baukörper waren einst mit weißem Kalkstein bekleidet und antworteten dem Licht, wenn der Sonnengott sich über den Horizont erhob. Er konnte Wohnung nehmen auf der ihm angebotenen heiligen Stätte. Und alle Ägypter konnten dies sehen, denn die Pyramide leuchtete auf, wenn sich der Gott auf ihr niederließ.
Doch außer der täglichen Anwesenheit des Sonnengottes, die jedem Einwohner in dieser Form deutlich wahrnehmbar war, darf nicht vergessen werden, dass die Pyramiden auch Gräber waren und die gleiche Symbolik auch dort Gültigkeit hatte. Das wird besonders offensichtlich, wenn man einmal den Gang vom Taltempel aus, der den Ankommenden am Niltalrand empfängt, über den geschlossenen Aufweg bis hinauf in den offenen Hof des Totentempels verfolgt, der direkt vor der aufragenden Pyramide liegt. Hat man sich doch vorzustellen, dass am Anfang des Weges der nur spärlich erhellte, doch edle Empfangsraum die Aufgabe hatte, den Alltag vergessen zu machen, um das Bewusstsein umzustellen auf den nachtodlichen, ewigen Bereich. Nichts Lebendiges ist dort zu sehen, nur die strengen, abstrakten, geometrischen Formen, an die man sich erst langsam anpassen musste, bilden den Umraum. War die Umstellung vollzogen, dann konnte der Aufstieg folgen, der in einem ebenso dunklen Gang eine lange Strecke nach oben führte, ehe er oben durch eine sich öffnende Tür in den freien Hof mündete. Plötzlich und unvermittelt stand der Teilnehmer an diesem Gottesdienst vor der hell gleißenden Pyramide. Die Lichtfülle musste für jeden, der dieses Erlebnis haben konnte, überwältigend gewesen sein. Fortan wusste er, dass er vom Sonnengott empfangen wird, wenn er gestorben ist und in seine Herrlichkeit eingeht. Dieses Erlebnis ist nun genau dasselbe, das auch heute noch von einem jeden berichtet wird, der ein Nahtoderlebnis hatte. Auch dieser weiß von dem Tunnelerlebnis zu berichten, an dessen Ende man von dem leuchtenden Lichtwesen empfangen und in seine liebevolle Aura aufgenommen wird.
Die Schau des Sonnengottes in Griechenland
Ganz anders, doch nicht weniger lichtvoll, ist das Erleben des Sonnengottes in der griechischen Kultur empfunden worden. Denn da zog er ein ins Innere des Menschen und wurde fortan im Denken erlebt. Nicht in jenem kurzsinnigen Denken, welches den Nutzen und technischen Fortschritt im Bewusstsein hat das unterstand Athena , sondern in jenem Denken, das künstlerisch ist, das von Apollon und von den Musen inspiriert wird und das zur Wahrheit führt. In Apollon sahen die Griechen den Gott, der ihre Kultur zu einer besonderen machte, der ihnen »einen Trieb einpflanzte, der sie zur Wahrheit leiten« und ihnen ein ewiges Streben nach Erkenntnis mitgeben sollte. Deswegen sollten diejenigen anerkannt werden, »welche Apollon und die Sonne für identisch halten«2, ja sie sollten nicht nur anerkannt werden dafür, sondern auch noch gefördert werden, damit sie sich weiterhin schulen und nicht nachlassen, um seine »Wirklichkeit und sein Wesen zu schauen«.
Die Schau des Sonnengottes selbst wurde das hohe Ziel des späteren Griechentums, desjenigen Griechentums, welches bemerkt hatte, dass das normale Denken nicht hinreicht, um höhere Weisheit zu erwerben und das sich schulen wollte, um den Einblick in geistige Welten nicht zu verlieren. Was die Mysterien der frühgriechischen Zeiten ihren Eingeweihten vermittelten, die »Schau« geistiger Zusammenhänge, das sollte jetzt ein entwickeltes und geschultes Denken auch leisten können. Dieses Ziel stellt Platon erstmals auf, indem er Sokrates am letzten Tage seines Lebens, wo er schon hinüberschaute auf die andere Seite, sagen lässt:
»So mögen auch die bekannten Stifter der Mysterien keine geringen Leute gewesen sein, haben sie doch in Wirklichkeit schon lange angedeutet, dass, wer ohne die Weihen und ungeheiligt in die Unterwelt kommt, im Schlammstrom liegen muss, während der, der gereinigt und geweiht dorthin kommt, bei den Göttern wohnen wird. Viele sind Thyrsosträger so sagen die in die Mysterien Eingeweihten ,wenige aber sind echt Begeisterte. Dies sind aber nach meiner Meinung keine anderen als die echten Philosophen.«3
Wer solch ein geistdurchdrungenes Leben eines echten Philosophen führt, der verbindet sich mit der göttlichen Welt und kann, wie Aristoteles es in der Nikomachischen Ethik aussagt, zu einem unsterblichen, einem göttlichen Menschen werden. Als solcher ist er dann auch in der Lage zu erkennen, was es bedeutet, dass ein Gott zur Erde herabgestiegen und Mensch geworden ist, den Tod erlitten hat und auferstanden ist, um dadurch der gottverlassenen Menschheit einen geistigen Wiederaufstieg zu ermöglichen.
Christus als Sonnengott
Die Menschwerdung Gottes, der all das auf sich nimmt, was ein Mensch allhier erfahren kann, bis hin zum Tod, ist das zentrale Ereignis der Menschheitsgeschichte. Für die frühen Christen war es ein selbstverständlicher Glaube, dass in Christus dasselbe Wesen herniedergestiegen ist, welches vordem mit der Sonne verbunden war. Und sein von Menschen verschuldeter Tod war nicht anders zu denken als eine selbst verursachte Sonnenfinsternis. Das wird besonders eindrücklich in einem Brief von Dionysios dem Areopagiten an Polykarpos von Smyrna geschildert. Diese Überlieferungen der ältesten Gruppe der Kirchenväter sind zwar vielleicht nicht ganz zuverlässig im Wortlaut erhalten, aber was sie berichten, hat doch sicher einen wahren Kern. In diesem Brief erinnert Dionysios seinen Freund an den Aufenthalt in Ägypten, wo er zusammen mit Apollophanes ein von diesem jetzt verleugnetes merkwürdiges Erlebnis hatte:
»Damals befanden wir uns beide in Heliopolis und gerade in Gesellschaft von anderen, als wir dieses überaus auffallende Ereignis gemeinsam beobachteten: Es war gerade Ostern und Vollmondzeit und der Mond ging trotzdem bis auf die entgegengesetzte Seite des Himmels und verfinsterte die Sonne, obgleich die Zeit ihrer Konjunktion fern war. Und nach dem Ereignis, in der neunten Stunde [= 3 Uhr nachmittags], wanderte der Mond wieder an seinen Platz zurück, in Opposition zur Sonne! Erinner ihn doch an die Einzelheiten! Er [Apollophanes] wird sich wohl entsinnen, wie wir staunten, weil der Mond von Osten her anfing, die Sonne zu überdecken, sich langsam über die ganze Sonnenscheibe legte um dann auf dem gleichen eben zurückgelegten Weg wieder umzukehren, sodass Eintritt und Rückgang der verdunkelnden Scheibe sich nicht nach der gleichen Richtung bewegten, sondern nach der entgegengesetzten.«4
Wie auch immer dieser Vorgang zu bewerten ist, eines ist sicher: Die Zeitgenossen Christi hatten im Augenblick, in dem sich das Mysterium von Golgatha vollzog, den Eindruck einer Sonnenfinsternis. Das ist auch bei jedem Hellseher so, der seinen clairvoyanten Blick auf dieses Ereignis hinlenkt. So sieht etwa Anna Katharina Emmerich und sie wundert sich darüber , »den Mond an einer anderen Seite der Erde und sah ihn einen schnellen Lauf oder Sprung tun, wie eine schwebende Feuerkugel , er zog sehr schnell von der Morgenseite vor die Sonne heran. Anfangs sah ich an der Ostseite der Sonne wie eine dunkle Bank, diese wurde wie ein Berg und bedeckte sie bald ganz, der Kern des Bildes erschien fahl, ein roter Schein wie ein glühender Ring war umher, der Himmel wurde ganz dunkel, die Sterne traten rotschimmernd hervor. Es kam ein ungemeines Erschrecken über Menschen und Tiere «. Nach dem Bericht über die Abschiedsworte Jesu und seinen Tod am Kreuz sagt sie noch: »Bald nach drei Uhr ward es heller, der Mond begann von der Sonne zu weichen, und zwar nach entgegegengesetzter Richtung.«5
Auch Rudolf Steiner steht bei seinen eigenen Schauungen vor demselben Rätsel und kann nicht genau unterscheiden, ob es sich dabei um eine wirkliche Sonnenfinsternis handelt oder nicht.6
Durch den Tod Christi hat sich die Atmosphäre der Erde verändert. Und seither ist der frühere Sonnen- und Schöpfergott mit den Menschen verbunden, sodass wir jetzt bereits im Leben an seinen Auferstehungskräften teilhaben und uns dem Geiste zuwenden können. Was früher erst jenseits des Todes möglich war, kann heute hier geschehen, und wer sich dafür schult, dem kann sich dann die Wesenheit Christi als dreifaches Sonnen-Mysterium enthüllen, so wie es dem großen Georgier, David dem Erneuerer, im 12. Jahrhundert geschehen ist. Er konnte so seine »Reue-Gesänge« mit der eindrucksvollen Formel schließen:
»O einfache, volle, dreifaltige Sonne
Erhelle mir das Sehen des Geistes
Damit dich, Licht,
ich sehe durch das Licht des Herrn.«
Wenn wir am 11. August dieses Jahres die Sonnenfinsternis beobachten, so sollten wir doch den spirituellen Hintergrund, der mit einem solchen Ereignis verbunden ist, den eine frühere Menschheit noch erlebte und der den Christen noch vor wenigen Jahrhunderten bekannt und wesentlich war, nicht ganz vergessen. Die mechanischen Bewegungen der Himmelskörper sind nur ein äußeres Bild für einen inneren Vorgang und wir sollten aufpassen, dass uns die entsprechenden Vorstellungen nicht die inneren Erlebnisse verdecken, denn das wäre erst die wahre Sonnenfinsternis.
Anmerkungen: 1) Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe! Zurück zum Text