Feuilleton
Filme


Wir Idioten

»Ein Film von, über und für Idioten«
(Lars von Trier).

»Idiotes« bezeichnet ursprünglich die Privatperson gegenüber dem Vertreter des öffentlichen Interesses, etwa dem Amtsinhaber, den Laien und Unwissenden gegenüber dem Experten und Wissenden, den Außenstehenden, Fremden gegenüber dem Einheimischen, Eingeweihten. Schon aus diesen ursprünglichen Bedeutungsfeldern des Wortes wird ersichtlich, wogegen Lars von Trier – seiner bisherigen künstlerischen Linie treu – sich in seinem neuen Film wendet: gegen die Etablierten, Arrivierten, Erfolgreichen und Angepassten. Gegen die Mentalität, die nur der Perfektion Anerkennung zollt, die nur den Erfolg beachtet und Versager, Minderwertige und Schwache ins gesellschaftliche Abseits manövriert. Während er in seiner Fernsehserie »The Kingdom – Hospital der Geister I und II« die von der öffentlichen Diskussion ausgegrenzten Themen des wesenhaft Bösen, die Phänomene des Okkultismus, der geistigen Heilkraft, des Wirkens der Verstorbenen in der Welt der Lebenden untersuchte, und in »Breaking the Waves« die Gratwanderung einer Frau zwischen totaler Hingabe und Wahnsinn filmisch behandelte, wagt er sich jetzt auf ein weiteres Grenzgebiet: die Grenze zwischen Normalität und Behinderung.

In seinem äußerst vielschichtigen Œuvre kämpft sich eine Gruppe von Erwachsenen in einer urbanen Villengegend durch einen selbstauferlegten Initiationsweg, der ihrem Urlaub einen tieferen Sinngehalt verleihen soll. In der reichen Kopenhagener Vorortgemeinde Søllerød haben sie sich im Haus eines Onkels eingenistet und spielen »gaga«, um ihre eigenen Grenzen und die Grenzen der Umgebung auszutesten, die unfreiwillig in den Genuss ihrer Experimente gelangt. Das Experiment zeigt, wie weit sich die dänische Gesellschaft am Ausgang des 20. Jahrhunderts von den urchristlichen Tugenden und Idealen befreit hat. Tief in die christliche Tradition greift von Trier zurück bis in die Evangelien, die von der Seligkeit der Bettler um Geist und von der göttlichen Gnade künden, die denen zufällt, die töricht sind vor der Weisheit dieser Welt. Die Ausgegrenzten, Missratenen, die wahren Leidenden: die Spastiker, Debilen, Mongoloiden und Epileptiker sind das wirkliche Skandalon, vor denen unsere rationale Welt, unsere auf Gewinn getrimmte Ideologie zum Scheitern verurteilt ist. Dort wo der westliche Zweckrationalismus, der nicht vor der Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüber dem Leben Halt macht, der danach strebt alles nicht Funktionierende und damit letztlich den Menschen in seiner Unvollkommenheit auszumerzen, an seine Grenze stößt, weil er an dessen Sperrigkeit verzweifelt, dort leben die wahren Nachfolger Christi. Dort leben die, von denen es in den Evangelien heißt: »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder angetan habt, das habt ihr mir angetan.«

Was aber, wenn das Skandalon der zweckrationalen Vernunft nicht mehr als solches erlebt wird, weil es in eine gewaltige, durch Konditionierung aufgedrungene, gesellschaftliche Heuchelei der Wohlfahrt eingesponnen ist? In jene Heuchelei, die das Befremden, das Behinderung erregt, mit scheinbarer Normalität übertüncht, die das Elend vordergründig duldet und mit Taten der Nächstenliebe zu lindern scheint, um insgeheim das Ressentiment gegen die schamlosen Subjekte zu nähren, die die gutbürgerliche Selbstzufriedenheit in Frage stellen? Was geschieht, wenn sich Angehörige einer Gesellschaft, die sich über das Gutmenschentum definiert, das allerdings nur auf dem Mist wirtschaftlicher Saturiertheit gedeiht, aufmachen, die Selbstbestätigungsrituale, deren Zelebrierung diese Gesellschaft ihre Fortdauer verdankt, radikal in Frage zu stellen? Wenn sie sich aufmachen, ihre gewachsenen, bürgerlichen Identitäten aufzubrechen, wenn sie sich auf den Weg zur Initiation begeben, an dessen Rand die Idioten sitzen, die gemeinsam den Sprechgesang intonieren: »Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott?« Immer wieder in der Geschichte des Abendlandes, angefangen mit der antiken Interpretation der Epilepsie als einer göttlichen Heimsuchung, über die Toren und Asozialen der Evangelien, die zum Abbild des leidenden Christus wurden, über die lallenden Sufi-Mystiker und ihre westlichen Adepten, die docta ignorantia des Nicolaus von Kues, das radikale samaritanische Christentum der spiritualen Franziskaner, über Rousseaus edlen Wilden und den Idioten Dostojewskis wurde das scheinbar so sinnlose Dasein des »geistig« Behinderten zum Idealbild des wahren Menschen stilisiert. Nur wenn die Scheinsicherheit der gutbürgerlichen Identität mit ihren vermeintlichen Selbstgewissheiten, ihrem schamlosen Selbstgenuss, der sich hinter der Fassade der Wohlanständigkeit verbirgt, zerbröckelt, kommt das wahre Ich des Menschen zum Vorschein: der innere Idiot, der frei von Konventionen und Traditionen seine moralische Phantasie auslebt und in unmittelbarer Zuwendung zur Welt und zum Nächsten eine Form des Menschseins verwirklicht, vor der die Meisten sich fürchten.

Die Teilnehmer des Experiments scheitern angesichts dieser gewaltigen Herausforderung – außer einer, die schon als Grenzgängerin auf dem schmalen Pfad, der Normalität von Wahnsinn trennt, sich zu der Gruppe hinzugesellte. Keiner genügt wirklich dem Ruf des Hierophanten, der die vollständige Entblößung verlangt, der von den Mitgliedern der Gruppe verlangt, sich in ihrer Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit dem Mitleid der Anderen preiszugeben. All die Episoden, die der Film aneinanderreiht, zeigen nur das eine: Die wahre Nachfolge Christi ist kein Kinderspiel und auch kein Zeitvertreib für gelangweilte Bildungsbürger. Allein aus der tiefsten Tiefe des Leids, aus dem Erlebnis des Verlusts, der der Mutter das Leben, das sie schenkte, vorzeitig entriss, einem Schicksal, das sie an den Rand des Wahnsinns trieb, schöpft Karen, die verkannte Protagonistin des Films, den Mut, der Sprachlosigkeit und Lieblosigkeit ihrer Familie ihren inneren Idioten entgegenzuschleudern und sich von ihrem Schmerz und der Geist-und Sinnlosigkeit des gutbürgerlichen Daseins zu befreien. An die Stelle der Gewalt, in die ihr Noch-Ehemann ausbricht, setzt sie die Identifikation mit dem verstorbenen Kind, mit dem Leben im Tode und stirbt selbst den Tod ihrer bürgerlichen Identität, um sich vom Schmerz der Mutter zu befreien und zu sich selbst zurückzufinden.

Zimperliche Zeitgenossen missverstehen den Film und fühlen sich herausgefordert, ihn als Provokation zu sehen. Dabei ist die Frage, wer sich denn heute noch von Szenen wie sie Lars von Trier zeigt, provoziert fühlen sollte. Das Neue sind keineswegs die Exzesse, die seit dem Ende der 60er Jahre dem Kino vertraut sind, das Neue ist die Zielrichtung und der Ursprung des Exzesses. Es geht nicht um vordergründige Befreiung der Instinkte, um Überwindung einer altmodischen Sexualmoral, das wäre ein völlig anachronistisches Missverständnis. Es geht in Wahrheit um eine radikale Suche nach der wahren Identität.

Dänemark kennt solche radikalen Sinnsucher. Schon einmal wanderte ein Unverstandener mit seiner Laterne über Kopenhagens Plätze. Lars von Trier tritt seine Nachfolge an. Schon Kierkegaard thematisierte die Urthemen der menschlichen Existenz: die Frage nach dem wirklichen Sinn des Daseins, die Angst vor dem Tod, die Sehnsucht nach Nähe, nach Liebe und Gegenwart im Anderen. Um nichts anderes geht es Lars von Trier, geht es den Dogmafilmern. Sie suchen hinter den glänzenden Oberflächen, hinter den synthetischen Simulationen und digitalen Verzauberungen der Welt den schlichten Menschen, die Authentizität der wirklichen Empfindung, der tatsächlichen Erfahrung. Die Suche nach der europäischen Identität geht, was den Kinofilm angeht, momentan ohne Zweifel von Dänemark aus.

lr


Mifune – Des Kriegers Schwanengesang

»Ich habe versucht eine Metapher zu finden für diese Art, Filme zu machen. Da ist mir als altem Musiker Eric Clapton eingefallen, der Anfang der 90er Jahre »unplugged« gespielt hat. Obwohl in den Studios heute technisch alles möglich ist, wollte Clapton wissen, wie gut er wirklich ist. Dogma ist »unplugged«, biodynamisches und ökologisches Filmemachen. Es geht einfach um gute Schauspieler und eine gute Geschichte«
(Søren Kragh-Jacobsen).

Nicht nur eine Hommage an den 1997 verstorbenen Toshiro Mifune, einen der großen Schauspieler des japanischen Kinos, der in vielen Filmen Kurosawas mitspielte, stellt der dritte Dogma-Film des dänischen Kinder-und Jugendfilmers Søren Kragh-Jacobsen dar. Er ist auch eine leichte Sommerkomödie, in gewisser Weise das Satyrspiel, das auf die beiden Tragödien »Das Fest« und »Idioten« folgt. Komödien schöpfen ihren Inhalt bekanntlich aus der Lächerlichkeit des Alltags. Immer steckt der Alltag voller Grotesken, voll erheiternder Zufälle und unfreiwilliger Komik. Doch bedarf es des melancholischen Blicks, der Ironie im Sinn der Romantik, um diese Komik des Alltags zu bemerken. Tierischer Ernst ist nicht immer die Lösung für die Probleme des Lebens. Mancher Streit und manche Katastrophe hätte durch die Bereitschaft, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, vermieden werden können.

So ist es auch in Mifune: Die dramatischen Verwicklungen, die Schürzung des Knotens kurz vor der Katastrophe, kann nur in das für die Komödie erforderliche Happy End übergehen, weil die Beteiligten ausnahmslos bereit sind, sich von sich selbst zu distanzieren – wenn man von der hysterischen Braut absieht, die mit ihrer enervierenden Leidenschaftlichkeit den Film eröffnet und mit ihrer krankhaften Selbstbezogenheit nicht wenig zur Beschleunigung der Ereignisse auf die Peripetie hin beiträgt.

Hat doch der kleine Hochstapler Kresten (Anders W. Berthelsen), der Bauernsohn vom Lande, unter Verschleierung seiner Herkunft in eine Unternehmerfamilie hineingeheiratet und wird zu seiner Hochzeit mit dem uneingeschränkten Bekenntnis des Schwiegervaters zu seinen unternehmerischen Fähigkeiten belohnt. Doch nicht lange währt sein Glück. Denn Lügen haben bekanntlich kurze Beine. Ein Telefonanruf genügt und schon holt ihn seine Vergangenheit ein. Der Vater ist gestorben. Er muss ihn beerdigen. Doch der Vater hinterlässt einen geistig zurückgebliebenen Bruder (Rud, großartig gespielt von Jesper Asholt), um den sich niemand kümmern kann, außer Kresten. So übernimmt er erst widerwillig, dann mit zunehmender Zuversicht die Aufgabe, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Alles ginge gut, wäre da nicht die eifersüchtige Braut, die sein Fernbleiben von Kopenhagen und seine Ausflüchte am Handy nicht erträgt. Während Kresten sich um eine Haushälterin bemüht und mit seinem Bruder den Vater unter die Erde bringt, nährt seine Braut in der fernen Großstadt ihren Verdacht. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Die Haushälterin in spe, das attraktive Mädchen Liva (eindringlich gespielt von Iben Hjejle) ist in Wahrheit eine Prostituierte, eine alleinerziehende Mutter, die sich um ihres kleinen Bruders willen verkauft, der in einem Internat mehr schlecht als recht erzogen wird und offenbar – wie sich nach und nach herausstellt – mehr unter der Arbeit seiner Schwester leidet als sie selbst.

Alle Ingredienzien – mitsamt dem dritten Mann am Ort, der sich eines Nachts mit seinen Kumpanen anschickt, Liva zu vergewaltigen – sind also versammelt, um eine sozialkritische Tragödie vom Stapel zu lassen. Doch stattdessen wendet sich alles zum Guten. Der zurückgebliebene Bruder weicht die Verhärtungen und Verstörungen aller Beteiligten auf: Kresten entdeckt seine tiefe Liebe für seinen Bruder und das einfache Leben auf dem Land, der kleine Schwererziehbare, den die Schwester aufs Landgut holt, nachdem er aus dem Internat geworfen wurde, rettet Rud vor dem Ertrinken, nachdem er ihn zuvor ins Wasser getrieben hat und Liva befreit sich aus ihrem Zwang zur Prostitution, weil sie in Kresten einen zwar nicht einfachen, aber doch liebenswerten Freund findet.

Mifunes letzter Gesang ist der Gesang eines Kriegers, der erkannt hat, dass der wahre Sieg nicht in der verlockenden Welt des Reichtums und in der Hohlheit des sozialen Prestiges liegt, sondern in den kleinen Gesten des Alltags, in der Größe, die sich im Verzicht äußert, in der Bereitschaft zu verzeihen und zuzuhören. Nur diese Bereitschaft ermöglicht es den Beteiligten auch, ihre Flucht vor dem Leben, das sie führen sollen, aufzugeben und sich auf die Wunder einzulassen, die nicht in der Ferne liegen, sondern in der unmittelbaren Nachbarschaft. So erweist sich Søren Kragh-Jacobsen am Ende – wie jeder Satiriker – als Moralist und weist die Verstiegenen und Verblendeten darauf hin, dass sie nur sehend werden müssen, um frei zu sein.

lr

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