Anmerkungen zur Buch-Rezension von Paolo Bavastro zum Buch »Ingolf Schmidt-Tannwald (Hrsg.): Gestern lebensunwert heute unzumutbar. Wiederholt sich die Geschichte doch?« (6/99, S. 74/75)
Die Hauptsache ist, dass man etwas sehr Triviales sagt, und es oft genug wiederholt. Nur so schafft man eine Wahrheit.« (Das sagt Warwick, der englische General, der die Macht hat, in Jean Anouilhs Jeanne oder die Lerche).
Zu den Trivialitäten gehört die Tatsache, dass etwa ein Viertel aller Schwangerschaften in Deutschland abgebrochen wird. Ob es dann 150.000 oder 250.000 oder 330.000 sind (Dunkelziffern sind und bleiben dunkel!), ist Zahlenspielerei derjenigen, die durch Zahlen emotionalisieren und damit die Bewusstheitsgeschichte in Deutschland wieder zurückdrehen. Denn wir hatten in der Diskussion schon einmal einen Bewusstheitsgipfel erreicht mit jener eindrucksvollen Bundestagsdebatte im Juni 1992. Rita Süsmuth verteidigte damals die neue Fassung des § 218 StGB. Das Problem ist für die abendländisch standardisierte Ratio eine Quadratur des Kreises: Da ist die Individualität des ungeborenen Kindes (dessen Tötung im Falle des Schwangerschaftsabbruchs inzwischen keine aufgeklärte Frau mehr verleugnet); da ist die Autonomie der Frau in ihrer Beziehungsnot und Einsamkeit (möge es ein Pharisäer wagen, gegen sie, die operierenden Ärzte, assisierende Krankenschwestern, beratende Sozialarbeiterinnen und trauerbegleitende Psychotherapeuten den Stein des Vorwurfs zu schleudern mit der Christusbotschaft hat das nichts zu tun). Und zur Quadratur des Kreises gehört die zunehmende Isolation und finanzielle Ausgrenzung der allein erziehenden Mütter in unserer immer eisiger werdenden Welt [ ]. Es ist bekannt: Die in Bezug auf Schwangerschaftsabbruch liberalen Niederlande haben die niedrigste Abtreibungsrate in Westeuropa aber die Niederlande haben eine bessere Sozialgesetzgebung in Bezug auf Mutterschutz und soziale Förderung allein erziehender Mütter und Väter.
Die triviale Behauptung von der »Auflösung des Lebensschutzes Ungeborener« (Bavastro, S. 75) ist blanker Unsinn, verstreut aus der legalistischen Sandstreudose zur Verschleierung der Wahrheit. Die Wahrheit ist: Je besser die soziale Wirtschaft funktioniert, desto geringer ist die Abtreibungsrate. Der beste Lebensschutz ist ein gut funktionierendes Sozialsystem. Ebenso unsinnig ist die Behauptung, es gäbe eine (juristische) Rechtfertigung des Schwangerschaftsabbruchs in unserem Rechtsstaat BRD. Die meisten Schwangerschaftsabbrüche im Sinne der Fristenregelung des § 218 StGB sind eindeutig »rechtswidrig« (wie der juristische Ausdruck heißt) keine Krankenkasse bezahlt diese Operation mehr und die Armen (deren es in der BRD der Reichen mindestens 2 Mio. gibt) müssen sich ihr Geld für die für sie unbezahlbare Operation beim Sozialamt in entwürdigender Weise erbetteln. [ ] »Was würde geschehen, wenn der verfassungsmäßig festgelegte Lebensschutz einen Schwangerschaftsabbruch wirklich nur in Gefahrensituationen für Leib und Leben der Mutter erlauben würde?« (S. 75) Das würde geschehen, siehe oben: Wir bekämen wieder Verhältnisse wie 1924 in unserer moralistisch gesäuberten Republik mit ein paar zigtausend toten Frauen nach illegaler Abtreibung in den Hinterhöfen der Engelmacherinnen (wie die Abtreiberinnen damals hießen). Ich kann nicht glauben, dass Sie das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen das darf nicht wahr sein! Es ist Aufgabe unserer Zivilisation, die durch Abtreibung betroffenen Menschen zu integrieren, nicht sie auszugrenzen. Versöhnung heißt die Zukunftsparole, nicht »Kampf gegen «. [ ]
Der Gynäkologieprofessor Ingo Schmidt-Tannwald und ich wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren gut aus gemeinsamer Kampfzeit sind uns in unseren Zielen einig: Schutz des ungeborenen Kindes. Jedoch die Mittel sind dafür verschieden. Das Schwert des Strafrechtes ist hier deshalb stumpf und ungeeignet, weil es kontraproduktiv ist. Bewusstheit für pränatales Menschenleben kann sich nur im Schoße von Freiheit und Liebe bilden nicht aus der Angst vor Strafverfolgung, die doch nur Schuldgefühle weckt und schürt. [ ]
Und zum Schluss ein Grundsatz. Die scholastische Ethik besagte: Der Zweck heiligt die Mittel. Eine neue Ethik heißt: Die Mittel bestimmen den Sinn des Zweckes. Angewandt auf unser Problem heißt das: Ein noch so gut gemeinter alter § 218 StGB als Mittel verfehlt seinen Zweck, nämlich den Lebensschutz. Wie müssen andere, angemessene Mittel ersinnen statt strafen zu wollen: Helfen statt strafen heißt das Motto der Zukunft.
Peter Petersen, Hannover
PC gegen »wahre Pädagogik«?
»PC in der Grundschule«
(Daniel Wirz, 6/99, S. 70)
Herr Wirz sieht ganz richtig, dass sowohl die Industrie als auch die Politik und nicht zuletzt die Lehrbeauftragten bis heute nicht in der Lage waren, einen zureichenden Grund für die Einführung dieser Maschinen im Alter von 6 bis 10 einzuführen. Im Lager der Pädagogen herrscht für jedermann alltäglich offensichtlich nach wie vor Unschlüssigkeit. Dass die Industrie ihre eigenen, zumeist finanziellen Interessen verfolgt, ist klar. Ebenso, dass diese Interessen von einem weitläufigen und wettbewerbsorientierten Lobbyismus in der Politik breit gestützt werden. Am anschaulichsten zeigen dies die Vorfälle um den amerikanischen Microsoft-Konzern. Bei uns firmiert der Wunsch, hier den Anschluss nicht zu verlieren zumeist unter dem Stichwort »Standort Deutschland« und seiner Erhaltung.
Dass hier Ideale im Spiel sind, die kaum diesen Namen verdienen und vor allem nichts mit dem zu tun haben, wofür sie eigentlich zu werben vorgeben, nämlich mit einer wahrlich zeitgemäßen Pädagogik, ist dabei offensichtlich. Das »Hereinragen des Ideellen« in dieser Form ist in der kritischen Diskussion zu diesen Themen in den vergangenen Jahren bereits häufiger Thema gewesen.
Es ist also nicht zu bezweifeln, dass Herr Wirz im Kern seiner Argumentation völlig Recht hat. Allein: Die Gefahr besteht, dass eine vor dem Hintergrund der Geisteswissenschaft erwachsene Ansicht wie diese keinen Deut besser in der Qualität der Durchdringung der Sachfrage wird wie die Haltung, die sie kritisiert. Auch wenn Herr Wirz dies nicht tut: Die Gefahr, Ideologien gegeneinander aufzurechnen ist immer da besonders in einem Falle wie diesem, bei dem hervorragend unter Verweis auf die »wahre Pädagogik« oder die »Entwicklung der wahren menschlichen Persönlichkeit« argumentiert werden kann, wie noch jüngst in anthroposophischen Publikationen zu diesem Thema geschehen.
Der Computer und der Umgang mit ihm wie mit jeder Apparatur, deren »Wesen des Technischen« wachsam beobachtet wird, ist von hohem seelischen und geistigen Erfahrungsgehalt. Dieses Wechselverhältnis zwischen Nutzer und Maschine, dieses Spannungsverhältnis ins Auge zu fassen und die Phänomene, die an ihm hervorscheinen, scheint mir vorrangig Prinzip einer Auseinandersetzung sein zu müssen. Die Frage »PC in der Grundschule« lässt sich nicht durch die Alternative einer »wahren Pädagogik« beantworten, sondern nur durch eine bewusste und wachsame Gegenüberstellung des in sich Forschenden gegenüber dem Maschinenwesen, das in ihrem erlebten Verhältnis zu sprechen in der Lage ist.
Bijan Kafi, Heidelberg
Bitte keine Zensur
Zum Leserbrief von Lore Deggeler (5/99, S. 5)
Zu den verschiedenen Stellungnahmen zu Barbro Karlén von Reuveni und Ravagli möchte ich mich inhaltlich nicht äußern. Doch eine wie auch immer »m.E. einvernehmlich« geartete Zensur, wie von Frau Deggeler gefordert, möchte ich vehement ablehnen. Beide Autoren (Reuveni u. Ravagli) führen eine scharfe Zunge.
Der Ausspruch »Oppositionelle gegen die europäische Kultur« erscheint mir nicht weniger emotional wie die Unterstellung einer »Abenteuerlichkeit«, er kann sogar (für empfindliche Zeitgenossen) verletzender sein. Doch dies ist Geschmackssache. Deshalb gleich nach Zensur zu rufen, scheint mir aber weit übers Ziel hinausgeschossen. Wache und selbständig denkende Leser lassen sich von solchen Randbemerkungen doch wahrscheinlich nicht beeinflussen! Wenn auch Frau Deggeler der Leserschaft von die Drei kein großes Vertrauen hinsichtlich der eigenen Urteilsbildung entgegenbringt, so hoffe ich doch, dass die Redaktion dieses Vertrauen weiterhin hat und allen Versuchungen von »einvernehmlicher« Zensur widersteht.
Ansonsten kann man der Redaktion nur wünschen: Weiter so! die Drei ist immer wieder interessant und vielseitig!
Oliver Willing, Niederkleen
Bei Schatzsuche fündig geworden
Zur Würdigung von Leben und Werk Christoph Lindenbergs (5/99, Editorial)
Herr Stepp schließt die kurze Würdigung mit der Empfehlung, den einen oder anderen Schatz neu zu heben, den Lindenberg uns hinterlassen hat.
Dieser Hinweis ist uns Anstoß, die Leser der Drei auf einen dieser Schätze aufmerksam zu machen, der in der Anthroposophischen Gesellschaft wenig bekannt zu sein scheint, obwohl er u.E. von größter Bedeutung ist. Sein Wert erschließt sich allerdings dem flüchtigen Leser kaum, dafür umso mehr dem ernsthaften Sucher.
Es handelt sich um die 1994 im Verlag Freies Geistesleben erschienene Schrift von Christoph Lindenberg: Motive der Weihnachtstagung im Lebensgang Rudolf Steiners. [ ]
Bei aller Anerkennung bedeutender Leistungen in verschiedenster Richtung, wie es u.a. am Erscheinungsbild unserer Institutionen sichtbar ist, fehlt es offensichtlich angesichts der Zeitsituation an der Bündelung aller Kräfte im Hinblick auf die Verfolgung der zentralen gemeinsamen Kern-Aufgabe: der zu leistenden Neubegründung einer zeitgemäßen Mysterienkultur, wie sie von Rudolf Steiner an der Weihnachtstagung [der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft] von 1923 veranlagt und beschrieben worden ist.
Die Weihnachtstagung ist eben nicht »gescheitert«, sie ist nicht »überholt« durch die Zeitereignisse. Ihr Impuls führt konsequent verfolgt in einen nicht endenden lebendigen Prozess, der 1923 von Rudolf Steiner unter unmittelbarer Beteiligung der geistigen Welt ins Leben gerufen und dessen ständige Weiterführung uns zur Aufgabe gegeben worden ist.
Lindenberg schreibt: »Als realer Vorgriff auf ein künftiges Mysterienwesen leuchtet der Weihnachtstagungsimpuls durch die Zeit.« Er begründet das fundiert durch den Blick auf das Wirken Rudolf Steiners 1923 bis zu seinem Tod 1925 und fährt fort: »Noch heute stehen wir vor den damals wirkenden Impulsen wie vor einem Zukünftigen. Es kommt aber darauf an, ihm Raum unter Menschen zu schaffen«. Und: »Der Weg zur Weihnachtstagung ist ein Weg in die höheren Welten.«
In diesem Sinne möchten wir interessierten Lesern das genannte Buch von Christoph Lindenberg, das aus tiefstem Verantwortungsbewusstsein und umfassender Kenntnis der historischen Zusammenhänge geschrieben ist, nachdrücklich zum Studium empfehlen.
Barbara u. Christian Brühl, Bad Liebenzell
Die Wirklichkeit auf dem Balkan
Zum Thema »Kosovo« (5/99)
Ihr Maiheft findet meine besondere Anerkennung. Die Beiträge zum Kosovo finde ich gut, besonders die ersten drei. Meine Auffassung deckt sich ziemlich mit Tilman Zülch. Die Vertreibung der Kosovaren haben mir gegenüber Serben schon vor vielen Jahren gefordert. Unsere Friedensapostel wollen die Wirklichkeit nur nicht akzeptieren. Die sog. Friedensbewegung erdreistet sich zu behaupten, dass die Flüchtlingsströme in Bosnien schon von der Nato ausgelöst wurden, was ja praktisch gar nicht möglich ist.