Forum Anthroposophie

Interpretationsfragen

In der Drei 6/99 (S. 54 ff.) erschien der Essay von Klaus Frisch unter dem Titel »Rudolf Steiner, August Weismann und die Vererbung erworbener Eigenschaften«. Dieser Beitrag forderte den Widerspruch von Manfrid Gädeke heraus. Wir veröffentlichen diese Entgegnung und die Antwort des Autors darauf unter der Rubrik »Forum Anthroposophie«, da es dabei um Fragen der Interpretation Rudolf Steiners geht, die sich hauptsächlich Lesern erschließen werden, die sich mit Anthroposophie im Zusammenhang mit den Naturwissenschaften beschäftigen.

Redaktion

Zur Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften

Sind die Eigenschaften eines Lebewesens nicht in der vorangegangenen Generationenfolge erworben worden und haben sich durch Vererbung erhalten, so bleibt uns nur die Möglichkeit, den Entwicklungsgedanken fallenzulassen. Denn wenn Veränderungen solcher Eigenschaften, Mutationen ohne Beziehung zu den vorangehend vorhandenen Formen durch irgendwelche wie auch immer geistig oder stofflich gedachten Einflüsse möglich wären, dann wäre jedes gegenseitige In-Beziehung-Setzen verschiedener Formen von Lebewesen müßig. Auch wenn diese Konsequenz heute gewöhnlich nicht gezogen wird: Das Wissen um die Vorfahren eines Lebewesens wäre für den Entwicklungsgedanken völlig wertlos, wenn dieses Lebewesen auch nur in einer einzigen Eigenschaft ohne Bezug zu seinen Vorfahren wäre. Dass es in tausend anderen Eigenschaften noch mit ihnen übereinstimmt, wäre nichts als Zufall und könnte sich im Laufe weiterer Generationen auf ebenso äußerliche Weise verlieren. In prinzipieller Hinsicht wäre eine solche Ansicht durchaus nicht verschieden von einer Schöpfungslehre, die ein willkürliches Schaffen verschiedener Lebewesen aus einem ganz anders gearteten »Rohstoff« zur Erklärung ihrer Vielfalt annimmt. Entwicklung ist eben etwas anderes als ein plötzlicher oder auch allmählicher Austausch von Einzelheiten. Aus diesem Grunde konnte R. Steiner in seiner Schrift »Haeckel und seine Gegner« (GA 30/152ff) sagen, dass »durch die namentlich von August Weismann verfochtene Meinung, dass sich erworbene Eigenschaften nicht vererben, die ganze Entwicklungslehre infrage gestellt« werde.

Nun ist aber die »Vererbung erworbener Eigenschaften« heute zu einem Reizwort unter Biologen geworden. Man denkt dabei an den in der Tat überwundenen Glauben, dass etwa die im Beruf ausgebildete kräftige Muskulatur eines Schmiedes an dessen Nachkommen vererbt werde. Klaus Frisch hat den Versuch unternommen, A. Weismann gegenüber R. Steiner und R. Steiner gegenüber uns Heutigen zu rehabilitieren. Dass A. Weismann mit seiner Ablehnung der Vererbung erworbener Eigenschaften durch die Vererbungsforschung des 20. Jahrhunderts bestätigt, R. Steiner (und E. Haeckel) aber in diesem Punkt widerlegt sei, hält Frisch für erwiesen. Er schließt sich der Ansicht namhafter Evolutionsbiologen an, für die Weismann einer der bedeutendsten Wegbereiter der neueren Evolutionslehre ist. Das »Unhaltbare« in Steiners Argumentation entschuldigt Frisch damit, dass es doch belanglos sei gegenüber der Frage, »ob es gegenüber dem Determinismus des Erbstroms überhaupt die Möglichkeit neuer Einschläge gibt« (Hervorhebungen hier und im Folgenden immer vom zitierten Autor). Natürlich erweist sich Steiner in seiner Schrift gleich Haeckel als ein entschiedener Gegner der Präformations- oder Einschachtelungslehre – der Ansicht also, dass die Entwicklung vorherbestimmt sei und wirklich neue Einschläge nicht möglich wären. Für ihn ist aber die Frage alles andere als nebensächlich, ob die Neueinschläge im Entwicklungsgedanken, der an der Erbfolge der Lebewesen ablesbar ist, begründet sind, oder ob sie als etwas Willkürliches von außen hereinwirken.

Frisch meint, Steiner habe die Vererbung erworbener Eigenschaften als positiven Erklärungsversuch einer Epigenese (einer Entwicklung mit wirklichen Neueinschlägen) von Haeckel nur übernommen, weil andere Erklärungsmöglichkeiten noch nicht zur Verfügung standen. »Das Neue, das im 19. Jahrhundert so noch nicht denkbar schien und dann durch die empirische Mutationsforschung zutage trat, war die Zufälligkeit der Mutationen.« Wenn Frisch so die Vererbung von zufällig entstandenen Eigenschaften in Gegensatz zu der von erworbenen bringt, so legt das die Vermutung nahe, dass er R. Steiner (und Haeckel) bei seinen Ausführungen die Annahme »nicht-zufälliger«, sondern von vornherein sinnvoll auf die bessere Bewältigung von äußeren Lebensanforderungen ausgerichteten Veränderungen zuschreibt. Eine solche Annahme wird häufig als »Lamarckismus« bezeichnet. In der Tat meint Frisch, bei einem bestimmten Falle wirklich beobachteter ernährungsbedingt entstandener und erblicher Veränderungen an Flachspflanzen handele es sich nicht um »erworbene Eigenschaften im Sinne Haeckels und Steiners«. Denn das Kriterium der Anpassung an die jeweiligen Kulturbedingungen sei nicht gegeben. Für Haeckel und Steiner ist aber »Anpassung« ein Ergebnis der Selektion. Die der Selektion, der Auslese durch die Lebensumstände ausgesetzten verschiedenen Formen von Lebewesen sind für sie ihrer Entstehung nach durchaus »zufällig« mehr oder weniger zum Überleben in der später auf sie einwirkenden Umwelt geeignet. Auf Lamarck berufen sich Haeckel und Steiner auch. Für sie ist aber »Lamarckismus« etwas ganz anderes als eine nicht-zufällige Entstehung neuer Eigenschaften. Steiner zitiert den Satz Haeckels: »Man könnte [den] Teil der Entwicklungstheorie, welcher die gemeinsame Abstammung aller Tier- und Pflanzenarten von einfachsten gemeinsamen Stammformen behauptet, seinem verdientesten Begründer zu Ehren mit vollem Rechte Lamarckismus nennen.« Wenn Frisch also meint, es sei »dem Lamarckismus – auch dem Haeckelscher Prägung – endgültig der Boden entzogen«, weil sich durch Forschungen von de Vries, Correns und Tschermak erwiesen habe, dass Mutationen »unabhängig von der Umwelt« seien, so weist das auf eine Vermischung durchaus verschiedener Aspekte in seinem Lamarckismus-Begriff hin.

Die Unklarheit über Steiners Begriff von »erworbenen« Eigenschaften führt nun dazu, dass Frisch auch die Tragweite von Steiners Kritik an Weismanns Theorie verkennt. Über Weismann sagt er, dass »seine zentrale Aussage die Ablehnung des Lamarckismus war; nur seine spekulativen Versuche, den dadurch hervorgerufenen Erklärungsnotstand zu beheben, erwiesen sich als unhaltbar.« In diesen sieht Frisch einen »verdeckten Präformationismus« und gibt Steiner Recht in dessen Ablehnung. Über die »spekulativen Versuche« selbst sagt er nichts weiter aus. – Steiner schreibt: »Weismann denkt sich den fortschreitenden Prozess, durch den die Keime die Entwicklung besorgen, als einen stofflichen Vorgang.« Unter »Keimen« versteht er etwa das, was wir heute »Gene« nennen und nach Weismanns Vorbild gewöhnt worden sind, dem »Soma« – also der übrigen Körperlichkeit eines Lebewesens als deren wesentliche Gestalter gegenüberzustellen. Steiner sagt weiter, es »wäre nicht einzusehen, warum diese stofflichen Vorgänge und nicht die des äußeren Geschehens im Prozess der Vererbung fortwirken sollten.« Damit ist in der Tat die Trennung von »Keimbahn« und »Soma« als das zentrale Dogma auch der heutigen Genetik infrage gestellt. Frisch nennt diese Trennung aber eine »für die Vererbungswissenschaft bahnbrechende Entdeckung« (rechnet sie also offenbar nicht unter die »spekulativen Versuche«) und versucht, sie dadurch plausibel zu machen, dass die Keimsubstanz nicht im Körper zirkuliere und sich daher Veränderungen im Soma auch nicht dem schon früh davon abgesonderten Keimplasma mitteilen könnten. Von den Verhältnissen bei Pflanzen einmal ganz abgesehen, wo gar keine frühzeitige Isolierung der Keimzellen möglich ist, weil diese erst am Ende der vegetativen Entwicklung gebildet werden, müssen aber auch Eier und Spermien der Tiere wachsen und vermehrt werden. Sie müssen dazu Stoffe aus dem Soma aufnehmen. Von den vergeblichen Versuchen, zu erklären wie dieser Vorgang ohne Auswirkungen auf die Natur der Keimsubstanz bleiben kann, ist im Grunde die ganze heutige theoretische Genetik geprägt. Hinzu kommt die Schwierigkeit, die Konstanthaltung der Keimsubstanz gegenüber direkten Umwelteinflüssen zu begründen.

Aufgrund der Unmöglichkeit, stofflich gedachte Entwicklungsursachen von einer Beeinflussung durch Umgebungsfaktoren freibleibend zu denken, sagt Steiner: »Weismann ist im Grunde doch nur auf halbem Wege zum Dualismus stehengeblieben. Seine inneren Entwicklungsursachen haben nur einen Sinn, wenn sie als ideelle gefasst werden.« Und indem er auf die Ansichten weiterer Forscher eingeht, die »den Sprung ins dualistische Lager ohne Rückhalt gemacht« haben, sagt er auch ganz deutlich, was er hier unter »ideellen« Entwicklungsursachen versteht: »Abkömmlinge der Gedanken des planmäßig bauenden Weltschöpfers«. Gegenüber derartigen Vorstellungen gelte Haeckels Satz, dass »es dann besser ist, die mysteriöse Schöpfung der einzelnen Arten anzunehmen«. Einen Entwicklungsgedanken durch Zusammenstellung der einzelnen Arten fassen zu wollen bei gleichzeitiger Annahme eines von außen einwirkenden »ideellen« Prinzips ist eben vergeblich.

Frisch glaubt, die aus der naturwissenschaftlichen Perspektive zufällig erscheinenden Prozesse bei der Vererbung erlaubten, hier an das Hereinwirken eines »kosmischen Elementes« zu denken, das zu dem mütterlichen und väterlichen Erbgut als drittes hinzutritt. Dieses könne aber nur einwirken, wenn durch die ersten beiden Faktoren nicht schon alles bestimmt ist. Er glaubt, dadurch spätere Äußerungen Steiners zu geistigen Aspekten der Generationenfolge einordnen zu können. Es wird aber dabei wiederum unklar, wie das Hereinwirken des »kosmischen Elementes« nicht zur Bildung ganz isolierter Formen von Lebewesen führen soll, deren Anschauung dem Entwicklungsgedanken keinerlei Nahrung gibt. Die strikte Ablehnung, die Steiner Weismanns inneren Entwicklungsursachen, Goettes Formgesetz, Reinkes Dominanten und anderen »höheren, geistigen« Gesetzmäßigkeiten gegenüber in seinem Aufsatz über »Haeckel und seine Gegner« an den Tag legt, fordert unser vollstes Interesse, wenn wir anstreben, dass Anthroposophie zu mehr führe als zu einer (modifizierenden und differenzierenden) Auffrischung naiver Schöpfungsvorstellungen. Sie kann uns zeigen, wie seine späteren Äußerungen zum Wirken geistiger Kräfte und Wesen zu verstehen, bzw. nicht zu verstehen sind.

Wenn man sich aus der verbreiteten Fortschrittseuphorie in der Biologie heraus zu der Vorstellung hinreißen lässt, dass »man vor hundert Jahren noch kaum über die ganz allgemeine Erkenntnis hinausgekommen war, dass es überhaupt Vererbung gibt«, dann mag man Steiners Äußerungen zu Weismann als zeitbedingt leicht nehmen. Wenn man aber anerkennt, dass Steiner sich just zu jener Ansicht Weismanns kritisch äußert, die heute als das Fundament der Genetik gilt, dann bekommen seine diesbezüglichen Gedanken gewissermaßen noch größere Modernität, als sie zur Zeit ihrer Niederschrift besaßen. – Glaubt man, man müsse die Rolle eines zufälligen Elementes als neuere Errungenschaft gegenüber dem »Lamarckismus« Steiners geltend machen, dann kann man auch übersehen, wie leicht sich hinter der Zufälligkeit eine rein äußere, wenn auch »geistige« oder »kosmische« Ursache der organischen Erscheinungen verbirgt, die es unmöglich macht, das »Gewordene aus dem Werden« allein zu verstehen, wie Steiner in seinem Aufsatz einmal das Ziel der Entwicklungslehre nennt. Nur dann kann man sich zu dem Glauben bekennen, Weismann und Steiner hätten doch eigentlich für das Gleiche gekämpft, »letztlich einander fruchtbar ergänzend«.

(Alle Zitate entstammen den beiden eingangs genannten Aufsätzen von R. Steiner und K. Frisch.)

Manfrid Gädeke



Die Antwort des Autors

Manfrid Gädeke beschränkt sich im Grunde auf eine ideologische Auslegung Steiners, ohne sich für den historischen Kontext zu interessieren. Meine auf einer gewissen Kenntnis beruhende Charakterisierung des Stands der Vererbungsforschung vor hundert Jahren tut er als »Vorstellung« ab, zu der ich mich durch eine verbreitete Euphorie habe »hinreißen« lassen. Er wirft mir vor, dass ich Weismanns empirische Forschungsergebnisse, die Steiner durchaus anerkannte, nicht als »spekulative Versuche« bezeichne. Seine dagegen gehaltene Behauptung, die ganze heutige theoretische Genetik sei von vergeblichen Versuchen geprägt, zu erklären, wie die Keimzellen ernährt werden können, ohne dabei genetisch verändert zu werden, ist grotesk. Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht.

Bei der Frage der »erworbenen Eigenschaften« geht es darum, wie die erblichen Veränderungen zustande kommen, also die Vielfalt, an der Darwins Selektionsprinzip erst ansetzen kann. Haeckel formulierte seine Ansicht darüber 1866 in seiner »Generellen Morphologie der Organismen«: »Jeder Organismus vererbt auf seine Nachkommen nicht bloß die morphologischen und physiologischen Eigenschaften, welche er selbst von seinen Eltern ererbt, sondern auch einen Teil derjenigen, welche er selbst während seiner individuellen Existenz durch Anpassung erworben hat.« (Hervorhebung von mir.) Für Letzteres verwendete er auch die Bezeichnung »Vererbung erworbener Charaktere«, und er betrachtete es als den einzigen Weg, wie erbliche Veränderungen zustande kommen können. Selbst in der letzten Ausgabe seiner »Welträtsel« (1919) hielt er daran noch fest.

Gädekes Behauptung, für Haeckel sei Anpassung erst ein Ergebnis der Selektion, ist also falsch. Seine Ausführungen zur Frage der Zufälligkeit sind zumindest irreführend, indem er »zufällig« mit »nicht zweckmäßig« gleichsetzt, weil er die Vermutung naheliegend findet, dass ich das so gemeint haben könnte. Seine damit verbundene Belehrung über den Begriff »Lamarckismus« wiederum ist lächerlich: Ich habe diesen Begriff in meinem kritisierten Aufsatz auf S. 55 unten in einem bestimmten Sinn eingeführt und später wieder aufgegriffen. Dass Haeckel einmal andeutete, man könne dieses Wort – Lamarck zu Ehren – eigentlich auch anders definieren, verwirrt mich nicht.

Besonders merkwürdig finde ich den Anfang von Gädekes Beitrag. Er fordert da (wenn man seine etwas sprunghaften Gedanken konsequent verbindet), dass alle Neueinschläge in der Evolution in dem »Entwicklungsgedanken« begründet sein müssen, welcher an der Reihe der Vorfahren ablesbar sei. Eine einzige Mutation, bei der das nicht der Fall wäre, würde seiner Auffassung nach dazu zwingen, den Entwicklungsgedanken überhaupt aufzugeben. Damit bekennt sich Gädeke von vornherein zu dem Determinismus, den Steiner und Haeckel überwinden wollten, indem er die Evolution auf die bloße Entfaltung eines schon fertigen »Gedankens« beschränken will. Wirklich Neues, das nicht in diesem Gedanken begründet ist, lehnt er als ein »willkürlich« von außen Hereinwirkendes ab, und ausgerechnet an dieser Stelle zieht er seine Parallele zur Schöpfungslehre. Ich meine: Gründlicher kann man Steiner und Haeckel kaum missverstehen.

Klaus Frisch



Taste Zurück zum Inhaltsverzeichnis