Feuilleton



Die stille Kraft des Zerbrechlichen

Werke von Andy Goldsworthy 1(Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe)


Wer vom »Luxus permanenten Frostes« spricht, kann nicht mehr zum Kreis normaler Menschen gerechnet werden. Auch nicht zur Mehrzahl normaler Künstler, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Eher zum Kreis derer, die ein leidenschaftliches Verhältnis zur Natur an den Nordpol, in die Sahara oder an sonstige, vielleicht besonders verborgene Winkel ihrer Geliebten treibt. Andy Goldsworthy geht es jedoch um noch etwas anderes. Sein Paradies ist die feuchtkalte Nische eines schottischen Flüsschens, in der er mit heißem Kopf und fiebernden Händen etwas aus Eiszapfen oder -platten fabriziert, das für gewöhnlich mehrmals in letzter Minute zusammenbricht, um dann schließlich für nur kurze Zeit zu existieren, bevor es schon wieder auftaut, verdunstet, von Tieren zerstört wird oder schlicht einstürzt.

Spleen? So dürfte man in Goldsworthy’s Heimat wohl das Verhalten eines Mannes nennen, der sich mit Beginn von Regen- oder Schneefall stracks auf den Boden legt und dort mit ausgebreiteten Armen so lange regungslos verharrt, bis das Werk vollendet ist: Seine Silhouette auf dem schneebepuderten Grund, die unvermerkt zum Tor zwischen Gegenwart und Vergangenheit wird, zu einem Rahmen, an dem sich Innen und Außen gegenseitig spiegeln. Woanders sehen wir ihn im Kampf mit Fischen und Enten, die das gerade entstehende Werk aus schwimmenden Lilienblättern und Beeren für ein nettes Buffet halten.

Andy Goldsworthy’s Einsatz im Umgang mit der Natur umfasst eine enorme Spannweite von Dimensionen und Materialien: Neben Hunderte von Metern langen Sandaufschüttungen finden sich Grundstücksverschlingungen per S-förmiger Mauersetzung, Zöpfe aus aneinandergeflochtenen Baumstämmen, Menhire aus Packschnee, vielfältig inszenierte Löcher und Risse im Boden oder im Laubwerk, schließlich Werke bloßer Feuchtigkeit oder Wasserspiegelungen. Denn gern und nicht selten bewegt sich Goldsworthy am Rande zum – räumlichen oder auch zeitlichen – Nichts.

In der Wahl seiner Materialien jedoch spiegelt sich die ganze Fülle der Natur: Wasser, Reif, Eis, Schnee, Matsch, Erdboden, Sand, Staub, Felsen, Steine, Kiesel, Schiefer, Stämme, Stöcke, Äste, Zweige, Ruten, Dornen, Halme, Stengel, Blätter, Blüten, Beeren, Treibholz und Flechten, schließlich auch Federn von Taube, Gans oder Reiher; selbst Kadaver sind nicht vor ihm sicher. Bearbeitet wird zumeist mit Naturmaterialien, so etwa bei der Spaltung von Reiherfedern durch einen scharfen Stein oder der Befestigung von Blättern an der Erde mit Hilfe von Dornen oder Spucke. Doch puristisch soll das Ganze nicht sein: Während Goldsworthy im einen Fall Stöcke nur durch ausgebissene Löcher miteinander verbindet, lässt er im andern Fall Baggerführer, Maurer oder Freunde und Studenten ans (Kunst-) werk gehen.

Was so unterschiedliche Arbeiten wie mäandernde Sandhügel, lemniskatische Mauern oder geflochtene Baumstämme verbindet, ist ein Gestus, der sich auch im Kleinen, bei zusammengesteckten Halmen oder aneinandergelegten Federn findet: Goldsworthy greift scheinbar zufällig gegebene Konturen oder Linienzüge auf und führt sie gerade um so viel weiter, dass sie sich zu verselbständigen und ihr eigenes Leben zu beginnen scheinen. Und dies nicht minder bei Linien, die erst durch menschliche Tätigkeit hervortreten, wie bei den sich unwillkürlich bildenden Kämmen aufgeschütteter Sandhaufen, bei Mauerzügen oder enthäuteten Stämmen.

Auch im schlichten, aber exakten Aneinanderlegen zerbrochener Steine oder zerrissener Blätter werden deren Bruch- oder Risskanten zu durchgängigen Linien, die ein zartes, wundersames Eigenleben entfalten. Was am fragmentarischen Linienzug des einzelnen Objektes nur kurz aufblitzen kann, vermag nun, in serieller Verbindung, seine eigene Sprache zu sprechen und dabei seinen Charakter zu enthüllen, sei es als durchgängige Linie oder aber als Liniengeflecht (Abb. S. 97). Das Auge bekommt Zeit, in den Linienduktus einzuschwingen, und man beginnt, durch das Medium gesteigerter Kontinuität ins Ungesehene zu blicken. Das Bedingte wirkt wie Unbedingtes.

Liegen die beiden jeweils getrennten Teile des Steines oder Blattes nahe beieinander, dann wird aus der durchgehenden Linie eine Spalte und nun scheint es gar, als sei das Phantasma der sinnlichen Welt überhaupt an einer Stelle aufgerissen und in Frage gestellt. Dialektik der Kontinuität: Die Fügung bildet den Riss, und der Riss weist wieder zurück ins (aufgehobene) Ganze. Im illusionären Zerreißen erscheint die Natur mit einem Male als Kleid.

Ähnliches bei der Farbe. Im spielerischen Versammeln farbiger Steine, im anspruchslosen Aneinanderlegen herbstlich gefärbter Blätter zu einem kontinuierlichen, durch grün, gelb, orange, rot und violett dahinfließenden Farbstrom verhilft Goldsworthy der Farbe dazu, sich für den Betrachter vom Blatt oder Stein zu lösen, sich gleichsam zu regen, zu strecken und aufzuatmen. Erhält sie doch die Chance, zu sich zu kommen, d.h. als Immaterielles, als Erscheinendes bewusst zu werden. Bei flachkegelförmigen Aufschichtungen von Farnstengeln, Treibholz oder Platanenlaub ist es dementsprechend die Struktur, die als solche Leben gewinnt.

»Ich möchte die Oberfläche durchdringen. Wenn ich mit Blättern, Steinen oder Stöcken arbeite, beschäftige ich mich mit ihnen nicht nur in ihrer Eigenschaft als Material; sie ermöglichen mir zugleich einen Zugang zu dem Leben, das in ihnen ruht und das sie umgibt.«2

Solches »die Oberfläche durchdringen« geschieht trotz Gestaltung von Löchern, Rissen oder durchscheinenden Flächen nicht äußerlich, sondern im Aufdecken, Hervorlocken und Präsentieren von Zusammenhänglichkeit. Dass es ihm beim Aufgreifen und Erhöhen sinnlicher Kontinuität in Form, Farbe und Struktur nicht um die von Gegenständen, sondern von Erscheinungen geht, zeigt sich besonders eindrucksvoll dort, wo Goldsworthy halbkreisförmig zusammengeflochtene, in den Seegrund gesteckte Weidenruten sich durch die Spiegelung im morgenstillen See zum Vollkreis ergänzen lässt.

Dieser stets auf den Zusammenhang der Natur gerichtete Blick verändert das Bewusstsein von Zeit und Raum grundlegend: »Wenn ich einen Stein berühre, berühre und bearbeite ich gleichzeitig den ihn umschließenden Raum. Der Stein ist nicht unabhängig von seiner Umgebung, und die Art, wie er daliegt, sagt etwas darüber aus, wie er dort hingekommen ist. In dem Bestreben zu verstehen, warum der Stein dort ist, wo er ist, und wohin er von dort aus gelangen wird, muss ich in der Umgebung arbeiten, wo ich ihn gefunden habe.« So ist er sich »darüber klargeworden, dass sich die Natur in einem Zustand des ständigen Wandels befindet und dass diese Erkenntnis der Schlüssel zu ihrem Verständnis ist.«

Eindrücklich zeigt sich die Wirkung dieser Einstellung in der Art, wie der Künstler seine eigenen Bewusstseinsvorgänge in der Wechselwirkung mit der Natur erlebt: »Oft kann ich an einem Gedanken nur so weit festhalten, wie eine bestimmte Wetterlage anhält. Bei einem Wetterwechsel müssen sich meine Überlegungen entsprechend umstellen, sonst werden sie scheitern, was sie nicht selten tun.«
Bloße Kontinuität ist somit nicht alles. Ein wichtiger Zug in Goldsworthys Arbeiten ist das Ergreifen der Kontinuität im Werden, die Gestaltung von Crescendos im langsamen Vordringen oder Verdichten bis zu einem Höhepunkt, an dem sich plötzlich ein Nichts auftut, in dem jedoch Energie als solche spürbar wird. So etwa bei dem häufigen Motiv des sich zunehmend verdichtenden Kreises aus Blättern (Abb. S. 98), Steinen (Abb. S. 99), Löwenzahnblüten, Farnstengeln, Birkenzweigen, Ruten, oder auch in Gestalt von Sandkegeln.

Das Vordringen bis an die Grenze zum Durchbruch ist im positiven, aber auch im negativen Sinne Bestandteil vieler Werke. Als potentielles wie auch als aktuelles Scheitern durch Um- oder Auseinanderfallen bleibt der Prozess im Produkt oftmals erhalten.

Auf allen Ebenen seines Schaffens findet sich solches Vortasten zum Kulminations- und Umschlagspunkt. Nicht nur im Aufsuchen extremer Orte; vor allem im Aufschichten von Eis, Schnee und wackligen Steinen zu Kugeln, Birnen oder Bögen, im Aushöhlen und Dünnerschaben von Schneeblöcken (Abb. S. 97) bewegt sich Goldsworthy in diesem Spannungsfeld: »Nicht selten gelingt eine Arbeit dann am besten, wenn sie am heftigsten vom Wetter bedroht wird. Jeder Windzug, der einen balancierenden Fels umzustoßen droht, intensiviert die Spannung und Kraft seiner Erscheinung.« Schließlich findet er sich aber auch als anschauliche Gebärde in spezifischen Grundformen wie der Spirale aus zerbrochenen Eiszapfen oder dem Horn aus geflochtenen Blättern. Dort erfährt der Blick selbst das Zulaufen auf einen rein anschaulichen Kulminationspunkt der geringsten Materie, aber größten Energie.

Nicht alle der Arbeiten Andy Goldsworthy’s sind artistische Gratwanderungen, viele wirken auf den ersten Blick rührend einfach. Doch das sonst so leidige »Könntichauch« wird hier zum Einstieg. Wer sich von diesen Arbeiten angesprochen fühlt, geht anders durch die Natur, denn er beginnt, Blätter und Zweige, Steine und Blüten, Wasser und Licht als Materialien künstlerischer Prozesse zu sehen, auch wenn er es nicht selbst, mit kleinen oder großen Kindern, ausprobiert. Schon in diesem Blick kommt er dem Kern, d.h. schöpferischen Wesen in der Natur näher als durch Lektüre aufgestellter Informationstafeln.
Allein entscheidend für sein Tun nennt es Andy Goldsworthy schließlich, »dass mein Verständnis der Natur ständig zunimmt und meine Wahrnehmung sich sensibilisiert.«

Roland Halfen



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