Die Gräser führen neben den Blütenpflanzen ein recht vernachlässigtes Dasein. Und doch ist es lohnend, sie einmal genauer zu betrachten. Weniger nun die uniformen Raygras-Steppen unserer sogenannten Kulturlandschaften, sondern eher die Vegetation an Wald- und Wegesrändern, oder auch auf biologisch bewirtschafteten Flächen. Denn hier findet man noch die unzähligen Nuancen von Formen und Grüntönen, von großen und kleinen Gräsern, sparrigen und kräftigen Erscheinungen.
Um die Ästhetik der Gräser zu würdigen, kann man sich einmal in eine Wiese setzen und den Blick auf das allernächste Umfeld begrenzen. Normalerweise sehen wir die Gräser als grüne Fläche, sie bilden, zusammen mit den Bäumen des Waldes, den vegetabilen Grundfarbton wenn unser Blick außerhalb von Städten oder Felsregionen über eine Landschaft schweift. Sie sind wie eine monochrome und doch harmonische Grundierung unseres Lebensraums, die wir als solche aber bewusst kaum einmal wahrnehmen. Wie ein Teppich, auf dem wir gehen, aber dessen Muster und Knüpfweise kaum Beachtung findet.
Von der Fülle ins Detail, von der Weite in die Nähe, vom Allgemeinen ins Besondere zu gehen, öffnet die Wahrnehmung für bislang verborgene Wunderwelten. Die eigene Beobachtung schenkt uns dabei zunehmend mehr Nähe zu dem scheinbar Fernen.
Doch zuerst einige Informationen, die diese Beobachtung nicht ersetzen sollen, ihr aber doch einen theoretischen Hintergrund geben können. Die Gräser, darin den Bäumen ähnlich, verzichten auf eine auffällige Blüte. Sie bestehen vor allem aus Blatt und Stengel. Dabei ist ihr Aufbau relativ einheitlich. Die Blätter umgreifen den Stengel immer mit einer Blattscheide, die glatt oder behaart sein kann. In ihrer Größe und Gestalt allerdings variieren sie vielfältig. Da gibt es die Seggen, die ihren Namen vom niederdeutschen Wort für »schneiden« ableiten, und damit mit dem Begriff der Sense in Beziehung stehen. Sie erhielten ihren Namen eben wegen der harten und scharfen Blätter, an denen man sich tatsächlich wie an einer Rasierklinge schneiden kann. Dann gibt es die Süßgräser, die weich sind, und vom Vieh gerne angenommen werden. Die Gemeine Quecke, ein im Garten wenig beliebtes Gras, das zahlreiche und lange Ausläufer bildet, gehört zu dieser Familie. Aus ihr hat man früher Sirup gekocht, das aufgrund des hohen Gehaltes an Kohlenhydraten aufbauende Wirkung besitzt. Es war damit sozusagen das Zuckerrohr ebenfalls ein Gras, von enormer Größe allerdings des einfachen Volkes.
Als »Wild Oat« hat die Waldtrespe, ein feines und zierliches Gras, das Waldlichtungen einen besonderen Reiz verleiht, in der Bach-Blütentherapie einen subtileren therapeutischen Wert zugemessen bekommen. Aber allgemein und wirtschaftlich gesehen, dient das Gras tatsächlich im Wesentlichen nur dem Vieh und Wild zum Wohlergehen.
Durch die im Gesamten sehr große Masse an Grünteilen jeder Rasenbesitzer weiß, welche Menge an Schnittgut über das Jahr anfällt leisten die Gräser jedoch auch einen wesentlichen Beitrag zur Säuberung der Luft und zur Sauerstoffbildung.
Die Samenbildung ist bei den meisten der Gräser zwar von der Menge her recht beachtlich, und denkt man an das Woll- oder das Federgras, auch wunderschön, aber quantitativ doch wenig ergiebig. Die Körner sind meist sehr klein, und von einer Vielzahl meist schwer zu entfernender Spelzen umgeben.
Wenn ein steinzeitlicher Jäger und Sammler zum Vegetarier werden wollte, so war es sicherlich kein vergnügliches Unterfangen, sich eine vernünftige Grundlage von Zerealien zu beschaffen. So kann man auch unter diesem Aspekt die Einführung des Getreides und seiner Kultivierung als eine wesentliche Veränderung bezeichnen. Denn beim Getreide ist das Wachstum der Grünmasse beschränkt. Das Getreide legt alle Konzentration in die Bildung der Körnerfrüchte und kann damit zur Grundlage der menschlichen Ernährung dienen.
Dabei hat das Getreide zum einen beachtliche ernährungsphysiologische Qualitäten, zum anderen aber, und das ist der wohl weniger beachtete Aspekt, eine besondere Beziehung zum seelischen Leben des Menschen.
Heinz Grill beschreibt im Buch »Ernährung und die gebende Kraft des Menschen«1 die Nahrungsmittel aus einer imaginativ-inspirativen Sichtweise. Über dem Getreidefeld liegt nach seiner Aussage ein besonderer göttlicher Segen. Das Getreide ist das Nahrungsmittel, das dem geistig Strebenden die beste Substanz zu einem gebendem Leben spenden kann. Jedes der sieben Getreide hat dabei eine besondere Zuordnung wie sie auch von R. Renzenbrink in seinen Ernährungsbüchern so wunderbar beschrieben wurde.
Während Gemüse und Obst mit dem Lauf der Jahreszeiten variiert, Bewegung und Veränderung, Anteilnahme am Jahreslauf gibt, ist das Getreide mehr »zeitlos«. Der Roggen beispielsweise, der schon im Herbst gesät wird, nimmt die Kräfte des gesamten Sonnenumlaufs in sich auf. Sein Korn aber ist etwas Dauerhaftes.
Die Saat der Hirse, des Mais, das Reiskorn, Hafer, Weizen, Roggen und Gerste sind ohne weiteres haltbar. Sie können, kühl und trocken, über Jahre, ja Jahrhunderte gelagert werden, ohne ihre Qualität zu verlieren. Die Bilde- und Wachstumskräfte bleiben erhalten. Bringt man den Samen in die Erde, so keimt er wieder, er »stockt auf« wie man die Halmbildung bezeichnet, und bringt neues Korn. »Vielfältig« neues Korn, wie es das Evangelium beschreibt und auch das Brot als Urbild der Nahrung nicht unerwähnt lässt.
Ein Weg der Annäherung an solch geistigen Geheimnisse ist der der künstlerischen Nachempfindung. Dadurch wird der Nutzwert, der so leicht profane Ausgestaltungen annimmt, sozusagen veredelt. Die eigene Beobachtung, Gedankenbildung und Aufmerksamkeit erfährt eine Anregung indem man natur- und geisteswissenschaftliche Erkenntnisse auf sich wirken lässt. Damit diese aber lebendiges, integriertes Wissen und Empfinden werden, und sich schließlich durch das Leben auszudrücken vermögen, scheint es mir sinnvoll, um beim Beispiel zu bleiben, dieses göttliche Weben über dem Getreidefeld empfinden und sozusagen ahnend sehen zu lernen.
Wenn man die Gräser, die Verwandten des Getreides, die dem Vieh als Nahrung dienen, betrachtet, so sieht man ihre vielfältige und irgendwie sehr zurückhaltende Schönheit. Und wenn man das im Frühsommer in der Blüte stehende Getreide sieht, das der Wind befruchtet und im Spätsommer dürr und trocken, reif und golden wird, so stärkt dies den Sinn für Ästhetik, der mit einer feinen Achtung und Freude einhergeht.