Die verheerenden Mai-Hochwasser auf der Nordseite der Alpen haben es erneut an den Tag gebracht: Die Vorstellung, wir könnten die Natur beherrschen, ist eine Illusion. Hochwasser, Überflutungen und Überschwemmungen sind etwas Natürliches. Aber die neuzeitliche Frontstellung des Menschen gegen die Natur verleiht diesen Ereignissen gegenüber früheren Zeiten andere Dimensionen. Der massive Abbau natürlicher Überflutungsflächen durch Deiche, die Begradigung von Wildgewässern, Kanalisierung und Staustufenbau, die Zerstörung ursprünglicher Landschaften durch Entwaldung, Landwirtschaft und Besiedelung, die Versiegelung des Bodens und nicht zuletzt die durch den Menschen hervorgerufene Klimaveränderung gehören zu den Hauptfaktoren, denen wir die zunehmende Eskalation im Krieg gegen die Natur zu verdanken haben.
Seit 1945 wurden in Bayern laut Bund Naturschutz 90 Prozent der Fließgewässer begradigt und seit Beginn dieses Jahrhunderts 90 Prozent der Auwälder vernichtet. Diese Zahl ist auf Gesamtdeutschland annähernd übertragbar. Am südlichen Oberrhein schrumpften, laut einer Mitteilung des WWF, die Reste natürlicher Auwälder und -wiesen auf ein bis zwei Prozent ihrer einstigen Ausdehnung. Allein dem Bau der Staustufen fielen 130 Quadratkilometer zum Opfer, das sind zwei Drittel der Fläche, die noch 1955 regelmäßig überflutet wurden. Das Wasser verwüstet die dort errichteten Wohngebiete und das neu gewonnene Ackerland.
Umweltschützer sehen in den zunehmenden Überschwemmungen aber auch Anzeichen globaler Klimaveränderungen. So ist laut einer Pressemitteilung von Greenpeace Österreich seit den Achtzigerjahren weltweit eine Zunahme der Niederschlagsmengen zu verzeichnen, was immer öfter zu Überschwemmungen führt. Außerdem steigen die Schadensummen stetig an. Allein in diesem Jahrzehnt (ab 1990) traten so Greenpeace in Europa vier sogenannte Jahrhunderthochwasser auf, das jetzige nicht mitgezählt. Über 200 Menschen starben dabei. Eine halbe Million Menschen musste evakuiert werden. Der Gesamtschaden belief sich auf rund 35 Milliarden Mark.
Anthropologisch betrachtet sind alle technischen Maßnahmen, die wir gegen die Natur ergreifen, in erster Linie durch unsere Bedürfnisse motiviert. Deren Befriedigung dient das technologische Geschick, ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen; denn wer sich in seinem Handeln lediglich an seinen Bedürfnissen orientiert, denkt nicht über sich hinaus. Ebensowenig ist das einseitig rationale Denken der etablierten Wissenschaften geeignet, die Lebensganzheit von Mensch, Natur und Übernatur zu erfassen. Auch in der technologischen Bezwingung der Natur dient das Denken lediglich unseren Bedürfnissen. Diese können wir zwar auf unsere nächsten Angehörigen erweitern, werden aber kaum die gesamte Menschheit in sie einschließen können, vor allem nicht die Generationen der Ungeborenen. Allein die Vernunft ist imstande, die Grenzen zu erkennen, die die Begierdennatur dem Denken des Verstandes setzt. Die Vernunft ist jene Form des Denkens, durch die der Mensch sich als Geist erkennt. Diese Erkenntnis befähigt uns dazu, unserem Handeln die Einsicht in die Lebensnotwendigkeit des Ganzen, dem wir angehören, zugrundezulegen. Die Vernunft verleiht uns auch das Vermögen, auf die Befriedigung von Begierden zugunsten anderer zu verzichten, ohne dass wir uns in den Fallstricken der Klugheitsmoral verfangen. Erst die Bereitschaft zum Verzicht, in der sich die Verwandlung unserer Begierden und damit unsere wahre Individualität ankündigt, kann zu einer Versöhnung von Mensch und Natur führen.
Während Hubert Weinzierl, der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern die Verwirklichung eines Auwaldprogrammes fordert, in dem 70.000 Hektar Auwald zurückgewonnen werden sollen, bevorzugen die Vertreter der Wasserwirtschaft technologische Lösungen: Sie bezeichnen die Flussbegradigungen als irreversibel und wollen stattdessen Dämme an bestimmten Stellen abschleifen, um »die Flüsse bei Hochwasser durch Ausfluten in kontrollierte Überschwemmungsgebiete« zu bändigen. Das Problem ist nur, dass es aufgrund der dichten Besiedelung kaum solche Flächen gibt.
Das bayerische Umweltministerium schätzte Ende Mai die durch das Hochwasser entstandenen Sachschäden auf 2,1 Milliarden Mark vermutlich liegen sie weit höher. Das von Weinzierl befürwortete Auwaldprogramm würde rund eine Milliarde Mark kosten.
Werden die betroffenen Menschen die Bereitschaft zum Verzicht aufbringen? Nach einer Erkenntnis Rudolf Steiners sind Gewässer die physischen Leiber der Engel. Werden wir die Botschaft der Engel verstehen lernen, deren gewaltige Leiber sich durch die technischen Verbauungen, durch Wohnsiedlungen und Landwirtschaftsflächen einen Weg bahnen? Sind wir bereit, von Einsicht geleitet, den Weg des Verzichtes zu gehen, den Weg der Rücksichtnahme gegenüber unseren Mitgeschöpfen, deren Lebensräume wir nicht ungestraft verdrängen? Überleben kann die Menschheit auf der Erde nur, wenn sie nicht nur ihr eigenes Überleben sichert, wenn sie sich als Glied einer höheren Lebensordnung erkennt, zu der nicht nur die sichtbaren, sondern auch die unsichtbaren Geschöpfe gehören.