Rudolf Steiner, August Weismann und die Vererbung erworbener Eigenschaften
Mit Ernst Haeckel, dem Propagator der an Charles Darwin anschließenden Evolutionslehre im deutschen Sprachraum, stand Rudolf Steiner in den Jahren vor der letzten Jahrhundertwende in freundlichem Kontakt 1. Man schickte einander die neuesten Publikationen zu, nahm darin auch aufeinander Bezug, und zu Haeckels 60. Geburtstag war der fast 30 Jahre jüngere Steiner nach Jena eingeladen.
Steiner wollte mit seinem eigenen Wirken ausdrücklich an die zeitgenössische Naturwissenschaft anschließen. So untertitelte er seine »Philosophie der Freiheit«, die einige Wochen vor der erwähnten Geburtstagsfeier herauskam, mit den programmatischen Worten »Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode«. Haeckel schätzte er als einen der hervorragendsten und konsequentesten Vertreter dieser Wissenschaft, die sich von den Fesseln des überkommenen Glaubens freimachte und sich nur auf das stützen wollte, was dem Menschen durch Beobachtung und Denken zugänglich ist. Aber nicht nur diese Gesinnung, sondern auch die Inhalte der Darstellungen Haeckels zur Evolution der Organismen wertete Steiner als einen außerordentlichen Fortschritt der Wissenschaft, und in späteren Jahren bemerkte er, dass ohne diese Vorarbeit die Anthroposophie so nicht möglich gewesen wäre.2
Der Evolutionsgedanke und damit auch Haeckel als sein prominentester deutschsprachiger Vertreter war damals noch starken Angriffen von verschiedenen Seiten ausgesetzt. In dieser Auseinandersetzung stellte sich Steiner immer wieder engagiert ganz auf die Seite Haeckels. Den Höhepunkt bildete sein Aufsatz »Haeckel und seine Gegner«, der 1899 in drei Teilen erschien.3 Es ist bemerkenswert, wie vorbehaltlos positiv darin die Leistungen Haeckels gewürdigt werden, denn leicht lassen sich in dessen Werken zahlreiche Stellen finden, mit denen sich Steiner bestimmt nicht hätte einverstanden erklären können. Ihm ging es aber darum, das Positive herauszustellen und die ungerechtfertigten Angriffe der Zeitgenossen gegen dieses abzuwehren.
Im dritten Teil seines Aufsatzes wendete sich Steiner den Gegnern Haeckels unter den damaligen Naturforschern zu. Diese Auseinandersetzungen sind heute, da die Evolutionslehre in ihren Grundzügen längst allgemein anerkannt ist, überwiegend nur noch von historischem Interesse. Überraschen kann jedoch aus heutiger Sicht, dass Steiner zu den Gegnern dieser Lehre auch August Weismann zählte, denn Weismann gilt heute wie Haeckel als einer der bedeutendsten Kämpfer für die Anerkennung der Evolution. Und Ernst Mayr, der renommierteste Evolutionsbiologe unserer Zeit, schreibt: »Auf die Frage, wer im 19. Jahrhundert nach Darwin den größten Einfluss auf die Evolutionstheorie ausgeübt hat, muss die Antwort einmütig lauten: August Weismann.«4 Was trennte Haeckel und Weismann, und was veranlasste Steiner, nur für den ersteren Partei zu ergreifen?
Vererbung erworbener Eigenschaften?
Ernst Haeckel und August Weismann hatten viele Gemeinsamkeiten. Beide waren 1834 geboren, beide studierten zunächst Medizin und wurden später als Professoren der Zoologie berufen Haeckel nach Jena, Weismann nach Freiburg. Auch gaben sich beide früh als überzeugte Anhänger der Lehren Darwins zu erkennen und wurden die bedeutendsten deutschen Darwinisten des 19. Jahrhunderts.
Aber nicht nur in der Auffassung, dass die Lebewesen sich über die Generationen hin allmählich verändern, sondern auch in der Frage, wie es zu diesen Veränderungen kommt, bestand zunächst durchaus Einigkeit. Wie fast alle, die zu jener Zeit überhaupt eine Veränderung der Arten für möglich hielten, nahmen auch Haeckel und Weismann wie selbstverständlich an, dass die Organismen sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt durch Gebrauch oder Nichtgebrauch ihrer Organe oder mehr passiv durch Einflüsse der Umgebung verändern und diese Veränderungen dann an ihre Nachkommen weitergeben. Die Vererbung derart erworbener Eigenschaften, erstmals 1809 von Jean-Baptiste de Lamarck klar formuliert und deshalb oft Lamarckimus genannt, betrachtete auch Darwin als eine Quelle der Variation. Insofern schließen Lamarckismus und Darwinismus einander nicht aus, denn Darwins Prinzip der »natürlichen Zuchtwahl« setzte eine Veränderlichkeit der Lebewesen voraus. Darwin hielt allerdings neben der Vererbung erworbener Eigenschaften noch andere Ursachen der Variation für möglich, ja aufgrund seiner Beobachtungen für wahrscheinlich. Der weniger bedächtige Haeckel hingegen setzte recht unbekümmert »Veränderlichkeit« mit »Vererbung erworbener Charaktere« gleich.5 Und in diesem Punkt kam es schließlich zum Dissens mit Weismann.
Weismann sah sich nämlich etwa im Jahre 1882 durch eine Überschau über die vorliegenden Erkenntnisse veranlasst, die bisher auch von ihm selbst angenommene Vererbung erworbener Eigenschaften abzulehnen.6 Das hing zusammen mit seiner für die Vererbungswissenschaft bahnbrechenden Entdeckung der Trennung von »Keimbahn« und »Soma«. Bis dahin hatte es als selbstverständlich gegolten, dass die der Vererbung zugrundeliegende Stofflichkeit ein im Körper zirkulierendes Fluidum sei eine Flüssigkeit oder auch frei zirkulierende kleine Körperchen, wie sie z.B. Darwin annahm. Das spiegelt sich auch in der noch weit ins 20. Jahrhundert hinein gebräuchlichen Verwendung des Wortes »Blut« im Sinne von »Erbsubstanz« wider. Wie das Blut von den durchströmten Körperteilen allerlei Einflüsse erfährt, so konnte man sich auch leicht vorstellen, dass die Veränderungen, welche die verschiedenen Körperteile im Laufe des Lebens in der Auseinandersetzung mit der Umwelt erfahren, sich der zirkulierenden Erbsubstanz einprägen und damit erblich werden könnten. Weismann stellte nun jedoch fest, dass die Substanz, aus der später die Eier oder Spermien hervorgehen, nicht im Körper zirkuliert, sondern im Gegenteil schon früh von der übrigen Körpersubstanz dem »Soma« abgesondert wird. Eier und Spermien sind nicht eine Essenz des ganzen Organismus, sondern sie gehen nur aus einem ganz bestimmten, abgesonderten Teil, der »Keimbahn«, hervor.7 Damit war der Vorstellung einer Vererbung erworbener Eigenschaften eine wesentliche Grundlage entzogen. Denn wie sollten sich Veränderungen im Soma dem abgesonderten Keimplasma mitteilen?
Die Konsequenz, die Vererbung erworbener Eigenschaften wirklich abzulehnen, zog Weismann jedoch erst, nachdem er zu der Überzeugung gelangt war, dass alle vermeintlichen Beweise für diese Anschauung auch anders erklärbar seien, und nachdem er eine Reihe von Gegenbeispielen zusammengetragen hatte, die offenkundig nicht lamarckistisch erklärt werden konnten. Seine Kehrtwendung in dieser Sache war also wohl bedacht und gut begründet. Das erkannte auch Steiner an, indem er in seinem Aufsatz eines der Argumente Weismanns ausführlich referierte, ohne es entkräften zu können, und ausdrücklich zugestand, dass die »Tatsachen«, die Weismann und seine Mitstreiter vorbrachten, »gewiss der Aufklärung« bedürften. Ohne eine Vererbung erworbener Eigenschaften sah Steiner jedoch »die ganze Entwicklungslehre in Frage gestellt«. Warum? Und wie ist das aus heutiger Sicht zu bewerten?
Zwischen Präformation und Freiheit
Der Anerkennung einer Evolution, in der auch vollkommen Neues entstehen kann, stand über Jahrhunderte die tief verwurzelte Überzeugung entgegen, dass die Welt so sei, wie sie einst von Gott geschaffen wurde, und dass ihre seitherige Entwicklung vom Anfang her fest bestimmt gewesen sei. Sofern überhaupt eine Veränderung der ursprünglich von Gott geschaffenen Verhältnisse für möglich gehalten wurde, musste diese bei der Schöpfung schon im Verborgenen veranlagt worden sein, um sich später nur noch »auszuwickeln« daher auch das Wort »Evolution«. Diese Denktradition setzt sich bis heute fort in der jedem bekannten Neigung, alles sogleich kausal, als aus der Vergangenheit determiniert, zu »erklären«. Im Zusammenhang mit der Evolution der Organismen kann sie als Lehre der Präformation oder Einschachtelung bezeichnet werden, womit die Anschauung gemeint ist, dass alle bisherigen und künftigen Generationen schon in ihren Vorfahren vorgebildet waren bzw. sind.
So absurd uns eine reine Präformationslehre heute erscheinen mag, so mächtig und unbezweifelbar wirkte sie vor noch nicht langer Zeit. Im 18. Jahrhundert waren es nur Wenige, die sich davon befreien konnten. Obwohl Caspar Friedrich Wolff, Doktorand der Medizin in Halle, in seiner Dissertation 1759 durch mikroskopische Untersuchungen die Theorie der Einschachtelung klar widerlegte, hielt die Gelehrtenwelt unbeirrt an ihr fest. Der Durchbruch gelang erst Darwin genau hundert Jahre später, weil er mit seiner Selektionstheorie erstmals eine plausible kausale Erklärung lieferte. Damit war aber auch die Möglichkeit gegeben, dass eigentlich präformistische Gedankenformen im Gewand des Darwinismus weiterleben konnten. Einen Vertreter eines solchen verdeckten Präformationismus sah Steiner in Weismann. Und das zu Recht. Denn Weismann war sich natürlich bewusst, dass er die Quelle der Variation abgeschafft hatte, und sah sich deswegen genötigt, eine neue zu finden. Da das aber empirisch zunächst nicht gelang, verlegte er sich aufs Spekulieren, und dabei geriet er in recht kausal-mechanistische Bahnen.
Das Anliegen des Autors der »Philosophie der Freiheit« war es, gegenüber solchem Determinismus der Freiheit der menschlichen Individualität Geltung zu verschaffen. In »Haeckel und seine Gegner« hielt er sich dabei ganz an Haeckel, und was dieser gegen den Determinismus ins Feld zu führen hatte, war eben die Vererbung erworbener Eigenschaften. Aus dieser Sicht war durch Weismann »die ganze Entwicklungslehre in Frage gestellt«. Bei späteren Gelegenheiten, als es nicht um die Verteidigung Haeckels ging, sondern unabhängig davon um Fragen der Vererbung, ist Steiner meines Wissens nur einmal auf die Vererbung erworbener Eigenschaften zurückgekommen, und zwar mit einer negativen Aussage: »Eigenschaften, die man sich nach vollendeter Geschlechtsreife erwirbt, tragen nichts dazu bei, das Geschlecht des Menschen zu verbessern, sondern können nur dazu beitragen, es zu verschlechtern.«8 Immer wieder sprach er hingegen von der Unangemessenheit der verbreiteten deterministischen Vorstellungen und forderte dazu auf, stattdessen das »Chaos« zu suchen, durch das Neues, nicht im fortlaufenden Strom der Vererbung Liegendes, hineinkommen könne.9
Erweiterung durch Anthroposophie
Ein Vergleich dieser späteren, anthroposophischen Darstellungen mit der Schrift von 1899 zeigt aber auch, dass Steiners Eintreten für den Darwinismus nur ein erster Schritt war, dem ein zweiter, anders gerichteter folgte. Darwin und Haeckel kämpften gegen den Präformismus, aber sie setzten ihm nur eine Anpassung der Organismen an ihre Umwelt entgegen. Das erkannte Steiner als berechtigt an, er blieb jedoch nicht dabei stehen. Er forderte dazu auf, bei der naturwissenschaftlichen Untersuchung der Fortpflanzung nach einer Chaotisierung der Erbsubstanz Ausschau zu halten, weil er aus der Geistesforschung wusste, dass bei der Befruchtung außer dem mütterlichen und dem väterlichen Erbgut noch ein drittes, kosmisches Element hinzutritt, das aber nur einwirken kann, wenn durch die ersten beiden Faktoren nicht schon alles bestimmt ist. Dieses aus dem Kosmos Hereinkommende ist beim Menschen die sich inkarnierende Individualität, aber ein Entsprechendes kommt auch bei Pflanzen und Tieren in Betracht.
Diese Perspektive wird noch erweitert durch andere Darstellungen Steiners.10 Nicht nur diejenige Individualität, deren Leib aus der gegenwärtigen Befruchtung hervorgeht, wirkt auf das Geschehen ein, sondern auch andere, die noch lange nicht geboren werden, aber sich auf eine Inkarnation im selben Vererbungsstrom vorbereiten. Über Jahrhunderte im Voraus haben so auch mögliche Nachfahren bereits aus der geistigen Welt einen Einfluss darauf, wie für ihre künftige Inkarnation eine geeignete Leiblichkeit vorbereitet wird. Das bedeutet im Vergleich zu der üblichen Denkweise eine Umkehrung der Kausalität: Zukünftiges wirkt voraus. Oder mit den Worten Steiners: »Wir sind in gewisser Weise schuld daran, wie unser Urururgroßvater war.«
Ob Rudolf Steiner das alles schon 1899 überschauen konnte, sei dahingestellt. Einige Jahre später konnte er es jedenfalls. In dieser Perspektive spielt es keine große Rolle mehr, ob Eigenschaften, die in der Auseinandersetzung mit der Umwelt erworben wurden, erblich werden können, denn dann handelt es sich ja nur noch um ein Fortwirken äußerer irdischer Verhältnisse auf künftige Generationen. Entscheidend bleibt die 1899 nur daran exemplifizierte Frage, ob es gegenüber dem Determinismus des Erbstroms überhaupt die Möglichkeit neuer Einschläge gibt.
Mutationsforschung im 20. Jahrhundert
Der dritte Teil von »Haeckel und seine Gegner« erschien im September 1899. Nur wenige Monate später, im März, April und Juni 1900, folgten die aufsehenerregenden Arbeiten der Botaniker Hugo de Vries, Carl Correns und August von Tschermak, in denen diese ohne Kenntnis voneinander und von ihrem inzwischen verstorbenen Vorarbeiter Gregor Mendel die von jenem schon 1866 beschriebenen, aber damals unbeachtet gebliebenen Vererbungsregeln neu gefunden hatten. Und im Juli berichtete de Vries erstmals von einer genau dokumentierten »Mutation«: von der »Entstehung einer neuen Pflanzenart« im kontrollierten Experiment.11
Damit war eine revolutionär neue Phase der Vererbungsforschung eingeleitet. Endlich waren klar beschreibbare Regeln der Vererbung gefunden (wobei das Rätsel bleibt, warum sich einige Jahrzehnte zuvor noch niemand dafür interessiert hatte). Und ebenso klärend wirkte die durch de Vries eingeführte neue Vorgehensweise bei der Untersuchung der Mutationen. Hatte man bis dahin nur zufällige Beobachtungen oder vereinzelte Berichte Anderer über das Auftreten neuer Eigenschaften ausgewertet, untersuchte de Vries systematisch über einen Zeitraum von 7 Jahren insgesamt 50.000 Pflanzen der Nachtkerze Oenothera lamarckiana (!) und überprüfte alle auftretenden Abweichungen auf ihre Erblichkeit.
Diese »experimentelle« Mutationsforschung erhärtete sehr schnell, was Weismann noch durch umständliche Argumentationen darlegen musste und was Darwin nur der Tendenz nach, aber noch nicht mit solcher Deutlichheit gesehen hatte: Das Auftreten neuer und vererbbarer Eigenschaften also der Mutationen, wie sie seit de Vries genannt werden, ist unabhängig von der Umwelt. Damit war dem Lamarckismus auch dem Haeckelscher Prägung endgültig der Boden entzogen.
Dennoch hat es seither nicht an Versuchen gefehlt, neben den nicht mehr bezweifelbaren zufälligen Mutationen auch solche nachzuweisen, die durch die Lebensverhältnisse induziert sind.12 Besonderes Aufsehen erregte in den 20er Jahren der Wiener Zoologe Paul Kammerer mit seinen Berichten über die Vererbung erworbener Eigenschaften bei Amphibien. Die Versuche anderer Forscher, seine Experimente zu wiederholen, brachten jedoch keinen Erfolg. Nur in der Sowjetunion, wo aus ideologischen Gründen der Lamarckismus weiter hoch im Kurs stand, fand er auch in wissenschaftlichen Kreisen weiter Unterstützung und bekam sogar eine leitende Stellung angeboten. Als jedoch der konkrete Vorwurf der Fälschung gegen ihn laut wurde angebliche Daumenschwielen am Fuß einer Kröte hatten sich als eingespritzte Tusche entpuppt , nahm er sich das Leben.
Noch tragischer war die Rolle, die der aus ideologischen Gründen konservierte Neo-Lamarckismus in den folgenden Jahrzehnten in der Sowjetunion zu spielen hatte. Sein Exponent wurde Trofim Lyssenko, ein Landwirt ohne gediegene wissenschaftliche Bildung, aber linientreu. Nach marxistisch-leninistischer Ideologie sind alle Menschen und analog auch alle Getreidepflanzen von Geburt aus gleich. Was aus ihnen wird, bestimmt ihre Umwelt. Diese Überzeugung vertrat Lyssenko mit aller Konsequenz. Das brachte ihm gute Beziehungen bis hin zu Stalin ein, und damit die Macht, Andersdenkende auszuschalten. Sein bedeutendster Widersacher, der weltweit hoch angesehene Nikolai Wawilow, wurde auf Lyssenkos Betreiben systematisch demontiert und schließlich in Haft genommen, wo er bald umkam. Der nun ungehinderte Einfluss Lyssenkos auf die gesamte sowjetische Land- und Forstwirtschaft war katastrophal. Er endete erst 1964 mit dem Sturz Chruschtschows, seines letzten Förderers. Empirisch gesicherte Ergebnisse, die diesen Neo-Lamarckismus stützen könnten, hat die gesamte Ära Lyssenko nicht zu bieten. Wohl aber einen beeindruckenden Gegenbeweis in Form eines großangelegten »Feldversuchs«, der mit dafür verantwortlich zu machen ist, dass dieses von seinen Voraussetzungen her so fruchtbare Riesenreich sich bis heute nicht selbst ernähren kann.
Nicht in der Sowjetunion, sondern in Wales gelang 1962 Alan Durrant der einzige Nachweis umweltinduzierter erblicher Veränderungen bei einem höheren Organismus, der kritischen Überprüfungen standhielt.13 Durrant gelang es, beim Flachs durch bestimmte Ernährungsbedingungen erbliche Veränderungen hervorzurufen, die über mehrere Generationen stabil blieben. Um erworbene Eigenschaften im Sinne Haeckels und Steiners handelte es sich dabei jedoch nicht. Durrants Pflanzen passten sich, wie er selbst klar konstatierte, nicht an die jeweiligen Kulturbedingungen an. Was er beobachtete, war nur ein Verlust an genetischer Plastizität, der wohl als Folge einseitiger Ernährungsverhältnisse angesehen werden kann.
Auf einer anderen Ebene bewegt sich die vor einigen Jahren aufgekommene Diskussion über die Zufälligkeit der Mutationen bei einzelligen Organismen wie Bakterien.14 Diese sind von Weismanns prinzipiellem Einwand gegen eine Vererbung erworbener Eigenschaften nicht betroffen, da sie sich durch Teilung vermehren, also überhaupt keine Trennung von Keimbahn und Soma aufweisen. Dennoch bestätigte sich auch bei ihnen zunächst die generelle Zufälligkeit der Mutationen. Erst in jüngerer Zeit gelang es, unter bestimmten Bedingungen auch nicht-zufällige Mutationen nachzuweisen: In Bakterienkulturen, die langsam zugrundegehen, weil ein unter den gewählten experimentellen Bedingungen unentbehrliches Gen defekt ist, wird dieses Gen mit größerer Wahrscheinlichkeit »repariert«, als es aufgrund der Häufigkeit zufälliger Mutationen zu erwarten wäre. Mit der Einschränkung, dass es sich nur um die Behebung von Defekten handelt, kann man in diesen Fällen von einer Vererbung erworbener Eigenschaften sprechen. Eine Bestätigung der Ansichten Lamarcks und Haeckels läge jedoch nur vor, wenn auf diese Weise auch neue Eigenschaften auftreten würden.
Resümee und Ausblick
Wie ist also Steiners Haltung in »Haeckel und seine Gegner« aus heutiger Sicht zu bewerten? Zur Erinnerung: Er lehnte Weismanns präformistische Spekulationen ab und vertrat in Anlehnung an Haeckel einen offenbar lamarckistischen Standpunkt. Eine Klärung dieser Streitfrage erwartete er von weiteren empirischen Forschungen. Diese führten in den folgenden Jahren zur Abweisung sowohl der präformistischen als auch der lamarckistischen Theorien. Dabei wurde Weismann aber insofern grundsätzlich bestätigt, als seine zentrale Aussage die Ablehnung des Lamarckismus war; nur seine spekulativen Versuche, den dadurch hervorgerufenen Erklärungsnotstand zu beheben, erwiesen sich als unhaltbar. Weismanns Beitrag zur Überwindung des Lamarckismus macht ihn im Rückblick zu einem der bedeutendsten Wegbereiter der neueren Evolutionslehre. Ebenso wurde Steiner in seiner negativen Haltung gegenüber dem Präformismus bestätigt, und als unhaltbar erwies sich nur, was er an positiven Erklärungsversuchen von Haeckel übernommen hatte.
Das Neue, das im 19. Jahrhundert so noch nicht denkbar schien und dann durch die empirische Mutationsforschung zutage trat, war die Zufälligkeit der Mutationen. Damit sie überhaupt denkbar wurde, musste erst der Zwang zum Einschachtelungsdenken und die scheinbare Selbstverständlichkeit der Verursachung aller Veränderungen durch die Umwelt überwunden werden. Dafür kämpften Weismann und Steiner, äußerlich im Widerstreit, aber letztlich einander fruchtbar ergänzend.
Während Weismann sich allerdings auch in späteren Jahren nicht mehr von seinen präformistischen Spekulationen lösen konnte,15 hob Steiner gerade die Bedeutung nicht-deterministischer Aspekte der Vererbung hervor. Die Zufälligkeit der Mutationen ist ein solcher Aspekt. Einen anderen, die freie Rekombination verschiedener Erbfaktoren, hatte Mendel schon 1866 gefunden, und sie wurde im Jahre 1900 wiederentdeckt. Auch die neuere Vererbungsforschung hat vielfach überraschende »Freiheitsgrade« aufgedeckt, vor allem die Möglichkeit, dass Gene ihre Position auf den Chromosomen aktiv wechseln können (»springende« Gene) und dass sogar Teile von Genen neu kombiniert werden können (»Mosaikgene«).
»Zufall« besagt ja zunächst nichts anderes, als dass wir unter den uns gegenwärtig überschaubaren Gründen keinen für das Geschehene verantwortlich machen können.16 Wie chaotisch erscheinen uns die Bewegungen der Menschenmassen in einer belebten Fußgängerzone! Ein fremder Beobachter, der noch nichts vom Leben der Menschen kennt außer diesem ihm rätselhaften Treiben, würde es als hochgradig zufällig beschreiben können. Wer unter den Menschen lebt, weiß dagegen, dass viele von ihnen ganz klare Ziele haben und keineswegs zufällig umherirren. Ebenso schließt die äußerlich festgestellte Zufälligkeit der Mutationen keineswegs aus, dass sich dahinter Sinnvolles, Gesetzmäßiges und Zielgerichtetes verbergen kann, das nur aus der gegenwärtigen Perspektive nicht erkennbar ist.
Wie die physiologischen Vorgänge in unserer Muskulatur eine andere Seite dessen sind, was wir seelisch als Willensregungen erleben, könnten auch die scheinbar zufälligen Ereignisse beim Entstehen von Mutationen, beim Springen von Genen, bei der Befruchtung usw. eine seelisch-geistige Seite haben in den Seelen ungeborener potentieller Nachfahren. Einen Freiraum dafür deckt die genetische Forschung heute von alleine überall da auf, wo sie »Zufälligkeiten« entdeckt. Vor hundert Jahren war sie noch nicht so weit. Da konnte es angebracht erscheinen, zunächst für die Denkmöglichkeit einer Vererbung erworbener Eigenschaften einzutreten, wie Steiner es damals tat. Wenn er deshalb noch heute als Vertreter lamarckistischer Anschauungen in Anspruch genommen wird,17 wird sein Anliegen missverstanden, weil der Kontext von »Haeckel und seine Gegner« nicht genügend beachtet wurde. Nicht im Spannungsfeld von Vererbung und Anpassung, sondern in der von beidem unabhängigen Möglichkeit neuer Entwicklungsimpulse liegt das, worum es Steiner zu tun war.
Eine »anthroposophische Genetik« in diesem Sinne liegt noch heute im Wesentlichen als Aufgabe vor uns. Anzuknüpfen hätte sie an der naturwissenschaftlich-empirischen Vererbungsforschung des 20. Jahrhunderts, wie Steiner 1899 versuchte, an dem damals Vorliegenden anzuknüpfen.18 Wir haben dabei heute den Vorteil, schon auf außerordentlich viele konkrete Forschungsergebnisse der Genetik zurückgreifen zu können, während man vor hundert Jahren noch kaum über die ganz allgemeine Erkenntnis hinausgekommen war, dass es überhaupt Vererbung gibt. Deshalb müssen wir uns heute nicht mehr mit theoretischen Erwägungen begnügen. Die andere Seite dieses Fortschritts ist allerdings mittlerweile die Existenz der Gentechnik. Durch sie ist es keine bloß akademische Frage mehr, ob eine anthroposophische Erweiterung dieser Wissenschaft gelingt.
Anmerkungen: 1) Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe. Zurück zum Text