Leserforum


PC in der Grundschule

Der PC erobert die Welt, sagt man – zu ihrem Heil oder Unheil bleibe fürss Erste einmal dahin gestellt. Nun soll diese Welle auch noch in die Schulen überschwappen. Denn sie wollen doch modern sein und den Anschluss ans Leben auf keinen Fall verpassen. So wird gedacht.

Ich wage allerdings zu bezweifeln, ob diese Neuerung den Kindern, um sie geht es doch wohl, auch wirklich zugute kommt. Ganz im Gegenteil fürchte ich, dass unsere Schule im Zuge ihrer zunehmenden Veräußerlichung mehr und mehr vom »Haus der Lehre« zum »Haus der Leere « (Postman) verkommt.

Der PC ist zur Vereinfachung unseres Lebens- und Berufsalltags gewiss ein sehr nützliches Ding. Aber da, wo es doch eigentlich um die Bildung heranwachsender Menschen gehen sollte – ich spreche von der Schule – hat er, meines Erachtens, null und nichts verloren. Denn niemals darf im Unterricht – an Stelle der unmittelbaren Begegnung von Mensch zu Mensch – die tote Maschine treten.

Was die Kinder von uns erwarten: Dass wir für sie da sind und darüber hinaus uns für sie interessieren. So lapidar würde ich, nach bald 30-jähriger Lehrtätigkeit zusammenfassen, worum es in der Schule im Grunde genommen gehen sollte.

Das ist leider nicht selbstverständlich. Ein Oberstufenschüler meinte unlängst auf meine Frage, ob er sich denn an dieserer sich denn an dieser Schule wohlfühle, achselzuckend (eigentlich war es: zutiefst resigniert): »Wir (Schüler) kommen hier gar nicht vor.«

Immer und überall, wo wir Schülerinnen und Schüler mit Medien »abspeisen«, bringen wir sie um das, was sie eigentlich suchen, nämlich den möglichst nahen (und unverstellten) Kontakt zu uns.

Seit geraumer Zeit stelle ich Tendenzen zu einer fortschreitenden Aushöhlung des Bildungsbetriebs fest. Mehr und mehr, so habe ich den Eindruck, verkommt die Schule zu einem Ort, wo (nur noch) süffiges Infotainement geboten wird. Wir müssten die Kinder doch bei der Stange halten, wird da etwa argumentiert. Action müsse auch die Schule bieten, wenn sie angesichts der mächtigen Miterzieher (vorab dem Fernsehen) nicht auf der Strecke bleiben wolle.

Das ist, so meine Erfahrungen, an den Kindern vorbei gedacht. Sie suchen keineswegs den »Kitzel« in der Schule, die seichte Unterhaltung. Davon haben sie schon mehr als genug. Aber, dass wir ihnen zu tieferen und echten, das heisst individuellen Erfahrungen verhelfen, das wünschen sie sich sehnlichst, ungenau gesprochen natürlich. Dass, was sich im Unterricht ereignet, »unter die Haut gehe«, erhoffen sie sich insgeheim.

Wir sind also herausgefordert, uns voll und ganz im Unterricht, in die Beziehung zu den einzelnen Kindern einzubringen. Lehrmittel und Medien, zwischen uns und die Kinder gestellt, sind da oft – aus Kinderperspektive – wie eine trennende Wand. War Pestalozzi denn wirklich ganz umsonst da? Er, der sich doch zeitlebens so verzweifelt darum mühte, der Schule ihren eigentlichen Sinn zurückzugeben, der im Wesentlichen – seiner Ansicht nach – darin besteht, die Kinder, ihrer individuellen Bestimmung gemäß, zu sich selbst zu führen. Das setzt aber in erster Linie voraus, ich wiederhole mich, dass wir für jedes einzelne Kind das größtmögliche Interesse aufbringen.

Nicht nach dem sollen wir also fragen, was die Zeit, die äußere Welt vordergründig von den Kindern fordert, sondern nach den Voraussetzungen, die in der Schule gegeben sein müssten, wenn sie hier Gelegenheit erhalten sollten, zu vollgültigen Menschen heranzureifen.

Wozu der PC in der Schule zugestandenermaßen taugt: Zum Zeitvertreib, einem allerdings sehr minderwertigen, wage ich zu behaupten. »Spazifizottle« wäre da entschieden mehr.

Im Ernst: Zumindest einen einigermassen nachvollziehbaren pädagogischen Grund für den Einsatz des PC's in der Primarschule möchte ich einmal hören. Wo immer ich mich dafür interessiere: Verlegenheit, Sprachlosigkeit. »Man muss doch mit der Zeit … die Schule kann nichts abseits stehen …« und andere Belanglosikeiten.

Kommt noch das Übelste am ganzen Sache: Frägt man nämlich Vertreter der Wirtschaft, insbesondere Computer-Fachleute, ob denn dies Bemühen der Schule überhaupt in ihrem Sinne wäre, erfährt man, ziemlich konsterniert, dass dem keinesegs so sei.

Ganz im Gegenteil: Es wird da geraten, von dem ganzen Zauber die Hände zu lassen. Die atemberaubende Entwicklung auf dem Hardware-Sektor mache ein solches Unterfangen ohnehin ganz unsinnig. Was heute in der Schule erübt werde, sei morgen im Berufsalltag längst überholt.

Was dagegen erwartet wird, dass die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe darüber aufgeklärt werden, wie ein PC grundsätzlich funktioniert und was die Möglichkeiten und Grenzen eines sinnvollen Einsatzes dieser Geräte wären. Und mehr bitte nicht.

Daniel Wirz



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