Provokante Thesen eines Kriminologen
Erziehung und Gewalt
In den letzten Wochen gehen die Emotionen vieler Ostdeutscher hoch. Nach der These des Hannoveraner Professors und Leiters des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, liegt die wichtigste Ursache für die hohe Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit unter Jugendlichen in Ostdeutschland im Erziehungssystem der ehemaligen DDR.
Das »Unterdrücken von Individualität, das im Gleichschritt Denken und im Gleichschritt Marschieren«, wie es in DDR-Kindergärten und Schulen üblich gewesen sei, habe »Ich-schwache Jugendliche« hervorgebracht, die besonders geneigt seien, sich zu Gangs und Gruppen zusammenzuschließen und dabei auch Fremdenfeindlichkeit und Gewalt auszuüben.
Diese These Pfeiffers haben die Medien vielfach verbreitet. Im Westen signalisiert die Medienaufmerksamkeit Zustimmung, im Osten regt sich lautstarker Protest. Der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz, selbst durch etliche Publikationen (»Gefühlsstau«, »Die Entrüstung«) zur psychischen Befindlichkeit der DDR hervorgetreten, erklärt diese Empörung damit, dass hier »ein typisches Problem der deutsch-deutschen Vereinigung kulminiert: Die Mehrheit der Ostdeutschen erfährt neue Kränkung und Demütigung weil nur der westliche Maßstab gilt«. Die autoritäre Erziehung in der DDR habe Anpassungsdruck und Gehorsamszwang erzeugt, die westliche Erziehung unter marktwirtschaftlichen Bedingungen dagegen bringe »eine frühe charakterliche Verbiegung durch den Leistungsdruck« mit sich.1
Ist es damit getan, die Auseinandersetzung über Pfeiffers These auf die Ebene der allgemeinen Ost-West-Vereinigungsproblematik zu verschieben? Pfeiffer hat ohne Zweifel einen wichtigen Schritt getan, um eine Debatte über die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen in der ehemaligen DDR in Gang zu bringen. Das öffentliche Echo darauf jedoch läuft Gefahr, lediglich Erklärungsmuster hin- und herzuschieben und die Komplexität der Hintergründe der Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit bei Jugendlichen auf eine einzige Ursache zu reduzieren. Außerdem wird unter Gewalt nur verstanden, was sich an offenkundigen körperlichen Gewalthandlungen in den Akten der Ermittlungsbehörden niederschlägt.
In bisher siebenjähriger Forschungs- und Entwicklungsarbeit hat sich die GAB Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung GbR, München, mit dem Thema Jugendgewalt befasst.2 In der Arbeit mit Jugendlichen und pädagogischem Ausbildungspersonal zeigte sich schnell, dass ein auf physische Gewalt reduziertes Verständnis von Gewalt viel zu kurz greift. Denn Gewalt beginnt mit Worten, mit verbalen Verletzungen, die von Jugendlichen oft mit Aggression beantwortet werden. Viele Jugendliche fühlen sich durch Worte stärker getroffen als durch körperliche Gewalt. Sie spüren sehr genau die mit Worten vermittelte persönliche Herabsetzung, die den Sprechenden oft nicht einmal bewusst ist. Gewalt umfasst ebenso seelische Verletzungen durch Ausgrenzung, durch Zwang und Diskriminierung. Und als Gewalt erleben Jugendliche auch solche strukturellen Bedingungen, die ihnen die Entwicklung tragfähiger Orientierungen und Perspektiven, das Erlebnis von Anerkennung und Gebrauchtwerden vorenthalten. Beispielsweise reagieren sie auf eine Ausbildung an nutzlosen Übungsstücken mit Frustration und Zerstörungswut. Der Ausbruch physischer Gewalt ist also die letzte Eskalationsstufe, auf der sie vollends sichtbar wird. Unter dieser »Spitze des Eisbergs« liegen die Gegen-Gewalt vorbereitenden Verletzungen, deren Tragweite für die Dynamik der Gewaltentwicklung erkannt werden muss.
In Bezug auf Pfeiffers These muss also zunächst festgehalten werden, dass nicht allein die vergangenen, sondern sehr wohl ebenso die aktuellen Erfahrungen von Jugendlichen bei der Diskussion über Ursachen und Hintergründe der Gewaltneigung berücksichtigt werden müssen.
Dennoch bleibt es wesentlich, auf spezifische günstigere oder ungünstigere Kindheitsbedingungen für die Entwicklung der Individualität zu blicken. Aber es gilt auch: In der menschlichen Entwicklung gibt es keinen Automatismus. Pfeiffer selbst differenziert (im Spiegel 12/99) wesentlich mehr, als dies in der Berichterstattung sichtbar wurde. Er nennt folgende Argumente für seine These:
In der ehemaligen DDR kamen vier Fünftel aller Kleinkinder mit spätestens 12 Monaten in Ganztagskinderkrippen. Die Erziehung dort habe sich nach »relativ starren Regeln« vollzogen, ausgerichtet an »ideologisch vorgegebenen Erziehungszielen«. Ferner seien die Kinder und Jugendlichen »ständig mit einem idealisierten Bild der eigenen Welt überzogen« und »zum Feindbild« (Klassenfeind, der für alle Missstände verantwortlich ist) erzogen worden. Sie hätten zu wenig an individueller Zuwendung und Förderung erfahren und daher kein »gelassenes Selbstbewusstsein« entwickeln können. Daher würden Fremde viel eher als bedrohlich erlebt und als Feinde definiert. Dies verstärke die Neigung zur Suche nach dem Sündenbock. Und diese Entwicklung vollziehe sich vor dem Hintergrund von Erwachsenen/Elternhäusern, die selbst ebenfalls fremdenfeindlich sind, wie statistische Untersuchungen belegten. Daher könnten »Jugendliche, die im Osten Ausländer überfallen, sich durchaus als Vollstrecker einer weitverbreiteten Volksmeinung verstehen«.
Schließlich will Pfeiffer keineswegs als »Besserwessi« auftreten, sondern nimmt die Forschungen seines Instituts zum Anlass für den Hinweis, die Betroffenen in den neuen Bundesländern sollten selbst ihre Geschichte untersuchen.
Damit dieser Hinweis allerdings fruchtbar werden kann, ist es nötig, Einseitigkeiten und die Gefahr einfacher Formeln zu vermeiden. Es ist nicht hinreichend, zwar die »Erziehung zur Suche nach dem Sündenbock« zu thematisieren, zugleich jedoch einen neuen Sündenbock das DDR-Erziehungssystem aufzubauen. Der Gewaltneigung bei Jugendlichen liegt eine weitaus verschlungenere Täter-Opfer-Dynamik zugrunde. Und es muss darum gehen, nicht nur die Erziehungsbedingungen im Osten kritisch zu betrachten. Weiterführen kann die Auseinandersetzung mit Pfeiffers Ausgangsthese nur dann, wenn sie als Aufforderung genommen wird, nach dem Aufwachsen von Kindern und den gegenwärtigen Erfahrungen von Jugendlichen in unserer heutigen Gesellschaft zu fragen.
In der Forschungs- und Entwicklungsarbeit der GAB zeigte sich, dass Gewalt bei Jugendlichen als Bewältigungsstrategie verstanden werden kann, mit der junge Menschen auf Lebenslagen antworten, die sie als überfordernd erleben. Diese Überforderung hängt zentral mit der heutigen »Individualisierung der Gesellschaft« zusammen. In stärkerem Maße als je zuvor stehen alle Menschen vor der Aufgabe, aus sich heraus Orientierungen für ihre Lebensgestaltung zu finden. Altersbezogen jedoch bündeln sich gerade für Jugendliche »alle Risiken und Überforderungen des Individualisierungsprozesses wie durch ein Brennglas, besteht doch ein extremer Entscheidungsdruck gleichzeitig damit, dass Ich-Identität noch gar nicht vorhanden ist, sondern in eben diesem Lebensalter erst gebildet werden muss. Es wird heute von Jugendlichen etwas verlangt, wofür die persönlichen Voraussetzungen eben die Selbstfindung noch gar nicht gegeben sind.«3
Das Jugendalter ist grundsätzlich eine riskante Lebensphase. Frühere Jugendgenerationen mussten sich auf ihrem Weg der Selbstfindung »nur« gegen das Alterhergebrachte wenden und konnten in der Ablehnung des Bisherigen allmählich das Eigene herausfinden. Dabei konnten sich die Jugendlichen aber darauf stützen, dass das gesellschaftliche Gefüge in sich verlässlich war, dass Orientierungsrahmen vorhanden waren, wie »man« als Erwachsener durchs Leben kommt. Heute jedoch sind Kinder und Jugendliche von Anfang an mit Erfahrungen von Brüchigkeit und Unsicherheit konfrontiert.
Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern weitgehend für ganz Europa. Die Jugendlichen im Osten erlebten durch den Zusammenbruch der DDR in noch gesteigertem Maße Verunsicherung. Im Zeitraffer traten für sie an die Stelle staatlich festgelegter und abgesicherter Lebenswege der Zwang zur individuellen Lebensgestaltung und fundamentale Unsicherheitserfahrungen.
Die Erziehungserfahrungen spielen für den Umgang mit diesen Anforderungen eine entscheidende Rolle. Wenn die Entwicklung der eigenen Individualität und der soziale Umgang miteinander genügend gefördert werden, dann verfügen Kinder und Jugendliche über ein gutes Fundament, um konstruktive Bewältigungsformen auch für schwierige Lebenslagen zu entwickeln. Wo aber dieses Fundament nicht vorhanden ist und später auch in Schule und Ausbildung keine entsprechenden Lern- und Entwicklungsfelder eröffnet werden, bieten Gewalt in allen ihren Formen, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus scheinbar einen Ausweg. Durchsetzung mit Gewalt tritt dann an die Stelle differenzierter Auseinandersetzung, und Gewalt wird auch zum Mittel, sich selbst zu spüren und seine Grenzen auszutesten. Die Abwehr von Fremden stärkt das eigene Identitätsgefühl, rechtsextreme Orientierungen vermitteln Zusammengehörigkeits- und Überlegenheitsgefühle und die Möglichkeit, sich ohne nachzudenken auf die Vorgaben des Anführers zu verlassen.
Zwar ist statistisch belegt, dass im Osten mehr Gewalttaten von Jugendlichen im Gruppenzusammenhang begangen werden und der öffentliche Umgang mit Gewalt und Fremdenfeindlichkeit häufig von Verharmlosung geprägt ist. Doch darf dies nicht den Blick dafür verstellen, dass auch im Westen das Gewaltpotential hoch ist. Und: Die jugendlichen Gewalttäter sind keineswegs arbeitslos oder sozial randständig, sondern haben in der überwiegenden Mehrzahl Arbeit als Auszubildende oder Facharbeiter.
Worauf kann uns also Pfeiffers DDR-bezogene These hinweisen? Ist es tatsächlich so, dass westliche Erziehungspraxis solche Alternativen bietet, die gewaltverhindernd wirken? Oder hat nicht Hans-Joachim Maaz auch Recht, wenn er die »charakterliche Verbiegung durch den Leistungsdruck« beklagt? Gilt vielen Eltern nicht als Ziel, möglichst früh Intelligenz und Leistungsfähigkeit zu »programmieren«? Und verweisen die anhaltende Kritik an der herkömmlichen Schule, ratlose und überforderte Eltern nicht auch auf Defizite hierzulande? Ist es nicht charakteristisch, dass jedes neue Erziehungsmodell sofort aus den USA importiert wird?
Im anthroposophischen Umfeld liegt angesichts dieser Befunde die Versuchung nahe, sich zufrieden zurückzulehnen: »Wir« haben ja die Waldorfpädagogik! Wir orientieren uns an der Individualität des Einzelnen. Man sollte es sich hier nicht zu einfach machen. Selbst der Waldorfpädagogik droht mancherorts Erstarrung. Auch sie läuft sie Gefahr, nach »relativ starren Regeln«, »ausgerichtet an ideologisch vorgegebenen Erziehungszielen«, wie Pfeiffer es für die Ost-Erziehung beschreibt, vorzugehen und so ihren ursprünglichen Impuls zu verlieren.
Könnten Pfeiffers Einlassungen nicht als Prüfsteine geeignet sein? Gibt es nicht auch im Waldorfpädagogik-Bereich Tendenzen, »die eigene Welt ständig zu idealisieren«? Und führen nicht auch wenngleich anders geartete Feindbilder hin und wieder ein untergründiges Dasein?
In der Arbeit zur Gewaltprävention zeigte sich eines besonders deutlich: Wer nicht bereit ist, mit dem kritischen Hinterfragen bei sich selbst anzufangen, der vergibt die Chance, »das ganze Bild« des Aufwachsens und aktuellen Erlebens von Kindern und Jugendlichen in den Blick zu nehmen.
Gewaltprävention beginnt daher mit der kritischen Selbstbefragung nach den eigenen Anteilen an den Stufen der Eskalation von Gewalt und mit dem Eingeständnis eigener Schwächen. Denn nur so kann der Prozess in Gang kommen, der die Nöte und (Entwicklungs-) Bedürfnisse erkennt, die der Gewalt bei Jugendlichen zugrundeliegen. Dann besteht die Chance, Gewalt nicht zu bekämpfen, sondern zu ihrer produktiven Verwandlung beizutragen, durch (geistes-) gegenwärtiges Handeln Schäden der Vergangenheit heilen und die Entwicklung für eine gewaltfreie Zukunft fördern zu helfen.
In diesem Sinne ist Pfeiffer zuzustimmen: Die Menschen im Osten sollten ihre eigene Entwicklungsgeschichte untersuchen. Unsere Sache aber ist, unser eigenes Tun immer wieder zu überprüfen. Nur wer auch an sich selbst arbeitet, trägt zur Gewaltminderung bei.
Ute Büchele / Claudia Munz
Anmerkungen: 1) Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe. Zurück zum Text