Thema



Immo Lünzer

Gentechnologie bei Pflanze,
Tier und Nahrungsmitteln

1998 wurden weltweit auf über 40 Mio. Hektar gentechnisch veränderte Kulturpflanzen (insbesondere Raps, Mais, Soja und Baumwolle) angebaut. Außerdem gibt es Kartoffeln mit höherem Stärkegehalt, altersbeständige Antimatschtomaten (FlavrSavr = »der Geschmack wird bewahrt«), Schweine mit menschlichem Wachstumsgen oder mit Gentech-Superhefen gebrautes Bier, alles Dinge, bei denen es sehr fraglich ist, ob wir sie wirklich benötigen. »Ich kann dem Verbraucher kein Beispiel eines für ihn vorteilhaften Produktes aus gentechnisch veränderten Organismen nennen.« 1 Zunehmend fragen die Verbraucher, ob Organismen (Pflanzen, Tiere, Pilze, Bakterien), die bei der Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln eingesetzt werden, gentechnisch verändert sind oder nicht. Eine umfassende und für die Verbraucher eindeutige Kennzeichnung gentechnisch veränderter Organismen und deren Produkte im Lebensmittelbereich wird nach jüngster Beschlussfassung der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments nicht gesetzlich verankert werden. Deshalb wird der Bezug von gentechnikfrei erzeugten pflanzlichen und tierischen Produkten für Lebensmittel zunehmend schwieriger (jüngstes Beispiel: Soja). Zur Zeit bieten Produkte aus ökologischem Landbau die beste Gewähr dafür, dass sie ohne den Einsatz von Gentechnik erzeugt worden sind. Der ökologische Landbau braucht die Gentechnik nicht, um »bessere« Nahrungsmittel herzustellen. Auch im Verarbeitungsprozess wird keine Gentechnik eingesetzt. Dies gilt unabhängig davon, ob dies auf der Verpackung steht oder nicht. Außerdem ist sichergestellt, dass von dem Geld, mit dem das Lebensmittel bezahlt wird, kein Pfennig in die Gentechnikforschung fließt.

Was ist Bio- und Gentechnologie?

»Biotechnologie« ist eigentlich nichts Neues. Die klassische Biotechnologie ist die technische Nutzbarmachung biologischer Prozesse (Technologien), um industrielle Produkte (insbesondere Nahrungsmittel) herzustellen. In der Lebensmittelherstellung hat die Biotechnologie eine lange Tradition. Hierzu gehört z.B. die Gärung bei der Bierherstellung oder die Funktion der Hefe beim Backen. Die neue Biotechnologie ist durch gezieltes Verändern und Beschleunigen biologischer Abläufe gekennzeichnet. Sie ist eine integrierte Anwendung von Biochemie, Mikrobiologie und Verfahrenstechnik mit dem Ziel, das Potential von Mikroorganismen, pflanzlichen und tierischen Zellen sowie Gewebekulturen auszunutzen. Dabei werden mit manipulierter lebender Substanz Prozesse in Gang gesetzt, die es in der Natur bisher nicht oder kaum gegeben hat. Beispiele: Herstellung von pharmazeutischen Produkten und die Abwasserreinigung mit Mikroorganismen.

Die Reproduktionstechnologie (Fortpflanzungstechnologie) beschäftigt sich mit der Steuerung bzw. dem gezielten Eingriff in die Fortpflanzung bei Mikroorganismen, Pflanze, Tier und Mensch. Dabei werden als Ersatz für die natürliche Zeugung vorhandene Erbanlagen künstlich (außerhalb des natürlichen Ortes) miteinander kombiniert. Dies passiert z.B. durch die Erzeugung von Embryonen im Reagenzglas, durch die Teilung von Embryonen sowie durch künstliche Verschmelzung von Embryonalzellen verschiedener Tierarten. So entstand z.B. die »Schiege« aus Schaf und Ziege.

Eine weitere bedeutsame Technik ist der Embryotransfer (ET). Hierbei wird ein Tier oder der Mensch mit Hormonen behandelt, um die Zahl der abgestoßenen Eizellen zu erhöhen. Die nach der Befruchtung der Eizellen entstandenen Embryonen werden auf einen anderen Empfänger übertragen, der wiederum mit Hormonen darauf vorbereitet ist. So kann sich z.B. eine Hochleistungskuh nicht nur einmal pro Jahr vermehren, sondern eine Vielzahl von Kälbern hervorbringen, da die Embryonen auf andere Kühe übertragen werden.

Die Gentechnologie ist der jüngste Zweig der Biotechnologie. Sie ermöglicht die gezielte Veränderung und Manipulation des in jeder Zelle vorkommenden Erbmaterials. Dabei wird das Erbgut von Mikroorganismen, Pflanzen, Tieren und Menschen verändert. Das Erbgut besteht aus einer Vielzahl von Genen, auf denen die Erbmerkmale verankert sind. Die Gene bestehen aus chemischen Substanzen, die man als DNS (Desoxyribo-Nuklein-Säuren) oder im Englischen als DNA (acid = Säure) bezeichnet. Bei genauer Kenntnis des Aufbaus der Gene und der Vererbungsvorgänge können Gene entfernt, hinzugefügt oder ausgetauscht werden. Durch diese Technik ist es sogar möglich, ein Rindergen in ein Bakterium oder ein Menschengen in einen Fisch einzuschleusen: Die Bakterien produzieren dann Eiweiße vom Rind und die Fische wachsen zu Riesenfischen heran, weil ihre Zellen die Sprache des menschlichen Wachstumshormongens übernommen haben. Die Fische geben menschliche Gene dann sogar an ihre Nachkommen weiter. Damit sind die von der Natur gebildeten Artengrenzen, außerhalb derer sich Lebewesen nicht vermehren können, nicht mehr gültig. Somit sind die Schranken, welche in Millionen Jahren Evolution zwischen den Arten aufgebaut worden sind, durchbrochen. Es können Lebewesen entstehen, die es in der Natur in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Wie funktioniert die Bio- und Gentechnik?

Zunächst muss die Erbinformation eines DNS-Abschnitts eines bestimmten Organismus entschlüsselt werden. Sind Funktion, Lage und Länge bekannt, wird dieser Abschnitt herausgetrennt. Anschließend bedient man sich sogenannter Vektoren (auch als »Gentaxi« bezeichnet), um die Gene in einen anderen Organismus zu transportieren. Auf diese Weise bringt man ein Bakterium, eine Pflanze oder ein Tier dazu, den Stoffwechsel so zu verändern, dass der Mensch dies für seine Zwecke nutzen kann.

Für die gezielte Genübertragung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Bei Pflanzen benutzt man vorzugsweise das Bodenbakterium Agrobakterium tumefaciens: Der Mikroorganismus dringt in verletzte Pflanzen ein und ruft an der Wundstelle krebsartige Wucherungen, sogenannte Wurzelhalsgallen hervor. Dabei schleust das Bakterium Teile seiner eigenen DNS ins Genom (Gesamtheit der in der Zelle vorhandenen Erbinfos) der Pflanze ein. Dazu benutzt es einen DNS-Ring, den sogenannten Ti-plasmid (Ti steht für »tumorinduzierend«, wucherungsauslösend.) Dieser ringförmige DNS-Abschnitt bringt Bakteriengene in das Genom der Pflanze und schaltet die Zellen für seine Zwecke um: Sie produziert spezielle Nährstoffe für das Agrobakterium. Die Forscher entschärften das Ti-plasmid, indem sie aus dem DNS-Ring die tumorauslösenden Gene herausschnitten. Bauen sie nun an dieser Stelle die Erbinformation ihrer Wahl ein, können sie damit die Pflanzen genetisch verändern.

Durch Gentechnik soll die Züchtung verbessert und beschleunigt werden. Außerdem sollen einerseits die Erträge und andererseits die Qualität erhöht werden. Dies soll den Nahrungspflanzen dienen, aber auch den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen unterstützen. Zusätzlich hofft man, die Resistenz (Widerstandskraft) gegenüber Krankheiten, Herbiziden, Insektenfraß und Sressfaktoren wie Hitze und hoher Salzgehalt des Bodens zu erhöhen.

Besondere Ergebnisse wurden bei den herbizidresistenten Raps- und Maispflanzen erzielt. Dabei wurde ein spezielles Bakteriengen hinzugefügt, das die Pflanzen zu etwas befähigt, was sie von Natur aus niemals könnten: Sie überstehen äußerlich unbeschadet ein bestimmtes Herbizid (chemisches Unkrautvernichtungsmittel), das sonst alle grünen Pflanzenteile angreift und zerstört. Dabei geht es insbesondere um das von der Firma Hoechst produzierte Herbizid mit dem Handelsnamen Basta. Gleichzeitig besitzt Hoechst das Patent für bastaresistente Pflanzen und kann somit Gentechnik und Agrochemie als Paket verkaufen. Der große Vorteil von Basta sollte sein, dass es im Boden schnell abgebaut wird. Das Problem sind aber gerade seine Abbauprodukte, die sich als chemisch stabil erweisen und daher lang im Boden verbleiben und bis ins Grundwasser versickern. Außerdem ist Basta fischgiftig und schädigt viele Kleinstlebewesen und Bodenbakterien.

Resistenzen gegen Pflanzenkrankheiten

Eine besondere Hoffnung der Gentechnik ist die Erhöhung der Resistenz gegen Virus- und Pilzkrankheiten. Durch Einkreuzen resistenter Wildsorten hat man schon vor einigen Jahren die Resistenz in die Kultursorten eingeschleust. Doch der Phytophthorapilz bei der Kartoffel war überlegen: Er mutierte und durchbrach die auf einem einzigen Gen beruhende Widerstandskraft der resistenten Kartoffelsorten. Immer neue Resistenzgene wurden in Kartoffeln eingebaut. Doch immer wieder erwies sich der Pilz stärker und umging die auf wenigen Genen beruhende Resistenz. In der Regel fragt kein Molekularbiologe nach einem möglichen Sinn solcher Reaktionen. Niemand bedenkt die regulierenden Funktionen von Krankheiten in der Natur, die besonders in naturfeindlichen Monokulturen zum Tragen kommen. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Natur oftmals sehr schnell auf radikale Eingriffe des Menschen reagiert. Und dann müssen wieder neue, oft risikoreiche Mittel – unter Zeitdruck – entwickelt werden.

Mit dem Einbau von Genen des Bacillus thuringiensis in Nutzpflanzen hat man versucht, diverse andere Schädlingsresistenzen herzustellen. Dessen Toxin (Giftstoff) ist aufgrund seiner geringen Umweltstabilität und breiten Anwendbarkeit ein geschätztes Schädlingsbekämpfungsmittel des ökologischen Landbaus. Wenn dieses Toxin durch gentechnische Resistenzzüchtung großflächig von den Kulturpflanzen selbst hervorgebracht wird, liegt es natürlich nicht in seiner kristallinen, wenig UV-stabilen Form vor. Schädlinge haben dann große Chancen, Resistenzen gegen das Toxin auszubilden, das ja nun stets in geringer Konzentration in der Schädlingsumwelt vorhanden ist. Das eine Problem dabei ist, dass die Resistenzen schnell zusammenbrechen. Das andere, viel größere Problem ist, dass gleichzeitig die Möglichkeit, Bacillus thuringienses einzusetzen, das mit großem Erfolg auch im Biolandbau verwendet wird, bald nicht mehr besteht.

Tierzüchtung

Die Ziele der Tierzucht sind erstens Leistungssteigerung und zweitens Milderung der systemimmanenten Folgen der jetzigen Haltungs- und Fütterungsbedingungen sowie der Stressanfälligkeit. Auch diese Ziele lassen durch die moderne Biotechnologie eine weitere Verschärfung der Situation erkennen. Die industrialisierte Agrarwirtschaft hat eigentlich genug Probleme mit zucht- und haltungsbedingten Krankheiten der Haustiere: Fruchtbarkeitsrückgang, erschwerte Geburten und allgemein geschwächte Tiergesundheit führen zwangsläufig zu einem verstärkten Einsatz von Tierarzneimitteln. Die Erzeugung von gewaltigen Mengen tierischen Eiweißes führt außerdem in der Form der flächenunabhängigen Veredelungswirtschaft zu enormen Abfallbergen, die Grund- und Oberflächenwässer belasten und gewaltige Kraftfutterimporte aus Entwicklungsländern zur Voraussetzung haben. Gleichzeitig wird immer noch zu viel Milch in Europa produziert.

Anfang der 90er Jahre gingen Fotos von übergroßen Schweinen und Riesenkarpfen um die Welt und verkündeten den Erfolg der Gentechnik im Bemühen um noch mehr Fleisch in noch kürzerer Zeit. Den Tieren wurden menschliche Wachstumshormon-Gene als zusätzliche Erbanlage in das Genom eingebaut. Aber die Konstitution der Schweine war dem Fleischzuwachs nicht gewachsen, die Tiere litten an Gelenksentzündungen, zeigten Deformationen und starben früh. Landtiere, bei denen die Erbinformation gentechnisch verändert wurde (= transgene Tiere) werden bis voraussichtlich 2015 keine praktische Bedeutung für die Lebensmittelproduktion erlangen.2 Bei Lachsen und Forellen sind die Entwicklungen dagegen weit fortgeschritten und es kann damit gerechnet werden, dass transgene Fische bereits Anfang des nächsten Jahrtausends auch in Europa auf den Markt kommen werden. Damit erlebt die Fischproduktion eine weitere Rationalisierung und Produktionssteigerung. Die neuen Techniken werden aber auch dazu beitragen, dass die negativen Auswirkungen der Massentierhaltung im Meer fortgesetzt und gesteigert werden. Ein Beispiel aus der USA: Mit 11.8000 Tonnen Fisch als Fischmehl aus dem Pazifischen Ozean werden 32.000 Tonnen Lachs produziert, die das Meer mit einer Menge an Exkrementen belasten, die der Belastung durch eine Stadt mit 500.000 Einwohnern entsprechen.3

Des weiteren gibt es eine breite Palette von gentechnischen »Optimierungen«: Nutztiere sollen so manipuliert werden, dass sie Futter besser verwerten oder pharmakologische Wirkstoffe erzeugen oder Milch produzieren, die mit der menschlichen Muttermilch nahezu identisch ist. Außerdem hofft die milchverarbeitende Industrie, durch gentechnologische Methoden die Zusammensetzung der Milch variieren und industriellen Bedürfnissen anpassen zu können. Zahlreiche genmanipulierte Tiere gibt es bereits: Krebsmäuse, Arthritisschweine oder Schizophrenieratten, die als »Krankheitsmodelle« der medizinischen Forschung dienen. Dadurch wird eine ganz neue Kategorie von Tierversuchen eingeleitet. Den Tieren werden Gene anderer Lebewesen (vom Menschen, von anderen Tierarten, von Pflanzen oder Mikroorganismen) übertragen. Das Tier wird zu einem Gegenstand, der sich beliebig verändern lässt, um einen bestimmten Nutzen zu erbringen. Sein Wohlergehen spielt dabei keine Rolle. Andererseits sind diese »Krankheitsmodelle« aus dem Genlabor wie alle Tierversuche für den Menschen nur bedingt aussagefähig. Es wird also für einen geringen und unsicheren Erkenntnisgewinn großes Tierleid erzeugt. Die Mehrheit der Gesellschaft lehnt diesen technokratischen Umgang mit Tieren ab, wie eine großangelegte Umfrage in der EU zeigte.

Noch weitgehend ungeklärt sind die Nebenwirkungen, die sich zum einen direkt auf die Tiere ergeben (vgl. Riesenschwein, bei dem auch massive Störungen im gesamten Stoffwechsel auftraten). Andererseits ergibt sich ein ganz neues Gefährdungspotential durch die so erzeugten Nahrungsmittel. Vor allem Allergiker sind dadurch extrem gefährdet. Studien aus der USA und Frankreich weisen darüber hinaus auf eine mögliche Erhöhung des Brustkrebsrisikos, der Veränderung von Darmzellen sowie auf besondere Gefährdung von Kindern hin, die aus der Konzentration eines insulinähnlichen Wachstumsfaktors in der Milch behandelter Kühe resultiert.

Gentechnik und ökologische Agrar- und Esskultur

Die Gentechnologie und die neuen Methoden der Reproduktionstechnologie passen grundsätzlich weder zum Ökolandbau noch zu einer zeitgemäßen Ernährung, denn sie sind mit unkalkulierbaren Risiken für Mensch und Natur verbunden. Die Gentechnologen betrachten Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere unter rein auf den Nutzen für den Menschen bezogenen Gesichtspunkten. Sie arbeiten mit einzelnen Funktionen und Teilen des menschlichen, tierischen und pflanzlichen Organismus und versuchen, Symptome zu kurieren und systemimmanente Fehler auszumerzen. Wirtschaftliche, biologische und technische Aspekte stehen im Vordergrund. Doch wirft die Genmanipulation auch die Frage der Ethik genügend auf? In der ökologischen Agrar- und Esskultur steht eine ganzheitliche Sichtweise im Vordergrund, um den Einklang von Natur und Mensch herzustellen. Außerdem gilt dem vorsorgenden Umwelt- und Gesundheitsschutz besondere Aufmerksamkeit.4 Die ökologische Agrarkultur stellt somit eine zukunftsorientierte Alternative zur Gentechnik dar, zumal sie sich auch um eine eigene Pflanzen- und Tierzucht bemüht. Eine ökologische Züchtung stellt nicht einseitig den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Es geht ihr nie allein nur um mehr Ertrag, sondern es stehen andere Ziele im Zentrum: Standortgerechtigkeit der Pflanzen, Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Klimabedingungen, hohes genetisches Potential, Nachbaufähigkeit. Ökologische Züchtung weiß um die Bedeutung der Optimierung der Lebensbedingungen für die zu züchtenden Organismen und unterstützt die gesundheitsstärkenden Kräfte in der Natur. Im Pflanzenbau bedeutet das, den Boden als »Verbündeten« zu betrachten und zu schützen. Eine »artgerecht« gezogene Getreidepflanze wächst bei einem vertretbaren Aufwand auf gegebenem Standort gesund auf und kann ohne Vitalitätsverlust beliebig oft nachgebaut werden.5

Es wird allerdings immer schwieriger, Lebensmittel ohne Gentechnik herzustellen, weil Betriebsmittel, Zutaten oder Zusatzstoffe teilweise nicht aus ökologischer Erzeugung stammen. Dies gilt für alle zugekauften Produkte, die außerhalb der ökologischen Erzeugung und Verarbeitung hergestellt werden. Dies können im landwirtschaftlichen Betrieb Futtermittel oder Futterzusatzstoffe sein, Saat- und Pflanzgut (was nicht immer aus ökologischer Erzeugung erhältlich ist) sowie Dünge- und Tierarzneimittel. Im Verarbeitungsbereich: Mikroorganismen, Enzyme, konventionelle Zutaten, Vitamine und Aromen. Für alle Bereiche: Reinigungsmittel.6

Die Möglichkeiten, Produkte bis zu ihren Ursprungssubstanzen zurückzuverfolgen, sind sehr unterschiedlich (große Probleme z.B. bei Enzymen, Aromen, Vitaminen, Zusatz- und Hilfsstoffen). Das erste Ziel ist daher, dass konventionelle Rohstoffe soweit wie möglich durch Produkte ökologischer Herkunft ersetzt werden (z.B. Hefe, die auf Ökosubstrat gezogen wurde oder Lecithin aus Öko-Soja). Daneben ist es dringend erforderlich, die Gentechnikfreiheit auf den unterschiedlichen Herstellungsstufen zu prüfen, was nur in Form einer Prozesskontrolle vonstatten gehen kann.7

Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in Deutschland bisher kaum auf dem Markt, weil die Verbraucher diese überwiegend ablehnen. Die dänische Firma Nordisk vertreibt seit einigen Jahren ein Enzym, das in der Backwarenherstellung verwendet wird und auch in Deutschland eingesetzt wird. Das Enzym Chymosin wird für die Käseherstellung in den Niederlanden, Italien, Großbritannien und der Schweiz seit einigen Jahren eingesetzt. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde Mitte März 1997 in Deutschland die Einfuhr und die Inverkehrbringung von Chymosin genehmigt, kurioserweise ist die Herstellung dieses Gen-Labs bisher aber nicht zugelassen.

Zur Zeit (Sommer 1999) nimmt der Umgang auf Druck der Konsumenten eher ab als zu. Immer mehr Lebensmittelfirmen in Europa erklären, dass sie künftig auf den Einsatz gentechnisch veränderter Rohstoffe verzichten. Auch das bekannte Genprodukt »Butterfinger« von Nestlé findet sich jetzt kaum noch im Supermarkt, allenfalls noch an Tankstellen und Kiosken.8

Auswirkungen der Gentechnologie

Ein Beispiel aus den USA zeigt, wie fatal die Gentechnikeuphorie der Industrie für die Landwirte sein kann. Von 1,5 Millionen Hektar in den USA wurden 1996 ca. eine Million Hektar mit einer neuen, letztlich erfolglos gentechnisch veränderten Baumwollsorte der Firma Monsanto eingesät. Diese sogenannte Bt-Baumwolle sollte den Bauern den Wettbewerbsvorteil bringen, auf Spritzmittel gegen einen Hauptschädling im Baumwollanbau, den Baumwollkapselwurm, verzichten zu können. In die neue Sorte ist Erbmaterial des Bacillus thuringiensis eingebaut worden, das die Pflanzen resistent gegen die lästige Raupe machen soll. In dem nun von den Landwirten über den Saatgutkauf selbstfinanzierten Großversuch entwickelten sich die Raupen zu der üblichen Plage, und die Bauern mussten wie gewohnt spritzen. In jüngster Zeit mehren sich Berichte von weiteren negativen Auswirkungen, die zuvor von der Mehrheit der Wissenschaftler als unmöglich gehalten wurden (z.B. Ertragsrückgang bei Gen-Pflanzen und Schädigungen bei Nützlingen).

Von der genetischen Manipulation verstehen wir viel zu wenig, als dass wir davon ausgehen könnten, trotz unserer Eingriffe starke, lebensfähige Organismen zu erzielen. Selbst wenn es gelänge, eine Getreidepflanze auf gentechnischem Wege gegen drei Krankheiten resistent zu machen, würde doch eine vierte sie hinraffen, weil Vitalität eine »Leistung« des gesamten Organismus ist, die ohne günstige äußere Lebensumstände nicht erbracht werden kann. Die Gentechnik soll insbesondere zur Steigerung der Qualität notwendig sein. Bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass es sich hierbei fast ausschließlich nur um eine Steigerung der sogenannten »technologischen Qualität« handelt. So geht es z.B. darum, dass die Tomate möglichst lange rot bleibt bzw. den Transport und die Verarbeitung gut übersteht. Aspekte der inneren Qualität stehen dabei im Hintergrund. Außerdem ist längst erwiesen, dass der ökologische Landbau eine optimale Voraussetzung bietet für die Erzeugung ernährungsphysiologisch hochwertiger Lebensmittel, die ohne Einsatz von Agrochemikalien produziert werden.9

Hinzu kommt, dass die Gentechnik auch Auswirkungen auf das Bauernsterben und die gesamte Agrarstruktur hat. Arbeitsplätze in der Industrie werden zwar geschaffen, dafür werden aber in der Landwirtschaft um so mehr vernichtet. Einerseits werden zunehmend die Nachteile der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion erkannt,10 andererseits wird gerade die Gentechnik dazu beitragen, diese Trends weiter zu verschärfen, auch wenn es in Teilbereichen heute noch nicht so ausschauen mag.11

Kennzeichnung

Ein weiteres Problem liegt in der Kennzeichnung gentechnisch veränderter Produkte. Am 16. Januar 1997 hat das Europäische Parlament der »Verordnung über neuartige Lebensmittel und Lebensmittelzutaten«, kurz Novel-Food-Verordnung, zugestimmt. Sie ist am 15.5.1997 in Kraft getreten. Sie regelt in allen Mitgliedsstaaten wie ein nationales Gesetz die Kennzeichnungspflichten. Die Nachweisbarkeit des Vorhandenseins gentechnisch veränderter Erbinformationen im Produkt löst die Kennzeichnungspflicht nicht aus. Die neue Verordnung verlangt nicht die Kennzeichnung, wenn sich der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der landwirtschaftlichen Produktion oder in der Verarbeitung im Endprodukt noch nachweisen lässt. Die Verordnung verlangt die Kennzeichnung nur, wenn Ernährungseigenschaften wie die Zusammensetzung und der Nährwert verändert wurden, Stoffe vorhanden sind, die die Gesundheit beeinflussen können, gegen vorhandene Stoffe ethische Vorbehalte bestehen oder lebende, gentechnisch veränderte Organismen vorhanden sind. Beispielsweise gelten nach Ansicht der Verbraucherinitiaive (Bonn) die bereits in das Lebensmittelsortiment eingeführten Produkte aus Ciba-Mais nicht als »neuartig« im Sinn der Verordnung und werden daher im nachhinein keine Kennzeichnungsauflagen erhalten. Künftige Produkte aus anderen Gen-Maissorten müssen nach den Bestimmungen der Novel-Food-Verordnung bei der EU-Kommission angemeldet werden – unklar scheint jedoch, ob und wie sie zu kennzeichnen sind. Eine Kennzeichnung schreibt die Novel-Food-Verordnung vor, wenn die durch einen gentechnischen Eingriff verursachte stoffliche Abweichung gegenüber einem »bestehenden« Lebensmittel eindeutig nachgewiesen werden kann. Dieses Kriterium dürften Maismehl, wahrscheinlich auch Cornflakes oder Maischips erfüllen und daher kennzeichnungspflichtig sein. Nicht nachzuweisen sind Gen-Spuren im Maisöl, das ohne Kennzeichnung bleibt. Unklar ist die Lage bei der Stärke: Reine Maisstärke, wie sie etwa als Soßenbinder und in Puddings verwendet wird, könnte unter die Kennzeichnungspflicht fallen, nicht jedoch die zahlreichen Produkte der Stärkeverzuckerung (Glucose-, Maltose-, Fructose-Sirupe, Zuckeraustauschstoffe, Maltit, Sorbit). Zusatzstoffe, Aromen und Enzyme werden erst gar nicht erfasst, was insofern besonders problematisch ist, weil Gentechnik in diesem Bereich schon sehr stark eingesetzt wird.

Risikoabschätzung

Besonders problematisch ist die mit der Gentechnik verbundene Risikoabschätzung. So können genmanipulierte Lebewesen neue, teilweise giftige oder unverträgliche Stoffe produzieren und damit beim Menschen insbesondere Allergien und immunologische Störungen hervorrufen.

Welche gesundheitlichen Risiken hier drohen, zeigt der Fall L-Tryptophan aus dem Jahre 1989, bei dem gentechnisch erzeugtes L-Tryptophan in einem auch in Deutschland verkauften Schlafmittel 37 Tote und 5000 zum Teil unheilbar gelähmte Menschen zur Folge hatte. Still und heimlich verschwand Tryptophan dann schnell wieder vom Weltmarkt

Für das neuartige Gen-Soja fehlt bis heute eine umfassende medizinische Einzelfallprüfung. Nach bisherigen Informationen enthält Soja nicht ein, sondern vier artfremde Gene (von einem Virus, einem Bakterium und zwei von der Petunie). Da nun die vier artfremden Gene ungezielt irgendwo zwischen den anderen 100000 Genen »eingebaut« wurden, ist unbekannt, was man mit diesem Einbau alles zusätzlich verändert hat. Denn über die hochgeordnete, innerste Organisationsstruktur (DNS) weiß man bei der Sojapflanze recht wenig. Nur ein kleiner Teil der Gene für den Stoffwechsel ist bekannt. Kenntnisse über die Gesamtsteuerung von der Keimung über das Pflanzenwachstum bis zur Blüte und Samenreife fehlen für die Sojapflanze komplett. Eine mögliche Folge dieses ungezielten Gentransfers könnten total unerwartete Inhaltsstoffe sein: zum Beispiel über eine Aktivierung von Genen aus alten stammesgeschichtlichen Entwicklungsstadien der Sojapflanze. Möglich wäre auch das Auftreten sogenannter pleiotroper Effekte, das sind Veränderungen bei mehreren voneinander verschiedenen äußeren Merkmalen durch die Veränderung nur eines einzelnen Gens. In diesem Fall würden die artfremden Gene zusätzlich noch an anderen Stellen im Stoffwechsel eingreifen. Unbekannt sind immunologische Reaktionen beim Menschen sowohl mittel- als auch langfristig. Denkbar sind noch andere Konsequenzen, wie zum Beispiel die negativen Auswirkungen der Antibiotikaresistenz. Doch all diese Bedenken können nur durch fundierte Untersuchungen entkräftet oder bestätigt werden, für die Anwendung in Nahrungsmitteln steckt die Gentechnik noch in den Kinderschuhen. Treten nun gesundheitliche Schäden auf, stellt sich weiter die Frage der Haftung, zum Beispiel des Bäckers, der das Gen-Sojaschrot in seinem Brot in den Verkehr gebracht hat.

Besonders problematisch sind die Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen deshalb, weil solche Freisetzungen in der Regel irreversibel sind, d. h. freigesetzte Organismen sind nicht sicher rückholbar. Hinzu kommt, dass das freigesetzte Gen zusätzlich zur Selbstvermehrung befähigt ist. Das ist der große Unterschied zu chemischen oder radioaktiven Substanzen, die in der freien Natur – über kurz oder lang – wenigstens abgebaut werden.

Die Übertragungswege von Genen aus Pflanzen sind sehr vielfältig: zum einen können Gene durch Vögel, Bienen, Säugetiere verbreitet werden, andererseits aber auch über Viren und Bodenorganismen. Man unterscheidet dabei den horizontalen Gentransfer (eine Übertragung von Erbsubstanzbereichen zwischen einzelnen Organismen) und dem vertikalen Gentransfer (Übertragung innerhalb einer Art über mehrere Generationen hinweg). Durch den Anbau transgener Pflanzen ergeben sich zukünftig verstärkt negative Auswirkungen auf die ökologische Saatgutproduktion und den ökologischen Landbau (Öko-Institut, 1997).

Außerdem besteht die Gefahr, dass die Manipulation von Genen den Zwang zu immer weiteren Manipulationen herbeiführt. Insgesamt wird sich durch die »Biotechnologie« ein zunehmender Verlust an Ehrfurcht vor dem Lebendigen und eine Zunahme technokratischen Denkens und Handelns ergeben, was für die Zukunft des Menschen und der Natur sicherlich von Nachteil ist. Von dieser Entwicklung werden die Menschen in der sogenannten »Dritten Welt« besonders betroffen sein.

Gentechnologie gegen den Welthunger?

Immer wieder wird behauptet, man würde die Gentechnologie brauchen, um den Welthunger zu besiegen. Zunächst muss man feststellen, dass sich der Welthunger durch technische Mittel kaum beseitigen lässt. Auch durch den Einsatz der Agrochemie ist der Welthunger nicht genügend bekämpft worden. Wer den Hunger wirklich beseitigen will, muss die Armut und die Ausbeutung der sogenannten Entwicklungsländer durch die Industrieländer bekämpfen. Die weltweite Verteilung von Reichtum und Ressourcen ist einseitig und diese Ungerechtigkeit muss vom Tisch (Erklärung von Bern, 1997). Sicherlich verlangt eine wachsende Weltbevölkerung nach einem Zuwachs an Lebensmitteln. Eine hochtechnisierte und rohstofffressende Agrarwirtschaft mag kurzfristig Ertragssteigerungen erzielen, auf längere Sicht sind Einbußen und negative Auswirkungen aber unausweichlich. Dies zeigt ein aktuelles Beispiel von den Philippinen. Dort wurden gentechnisch veränderte Reispflanzen den Bauern kostenlos zur Verfügung gestellt. Diese wollten diesen Reis aber nicht einsetzen, weil er das Verschwinden traditioneller und wildwachsender Reissorten beschleunigt. Außerdem befürchteten sie eine genetische Verschmutzung durch Pollenflug und dass sich damit auch Auswirkungen auf die traditionellen Sorten ergeben.12

Schlussfolgerungen

Es ist ganz wichtig, dass eine intensive, öffentliche Diskussion und wissenschaftliche Auseinandersetzung (inkl. Technologiefolgeabschätzung) um die Probleme der Gentechnik in Bezug auf die Nahrungsmittel und Gesundheit des Menschen geführt wird.

In Amerika wird der ökologische Landbau pro Jahr mit etwa 1,5 Mio. $ vom Staat unterstützt, andererseits gibt die Firma Monsanto etwa 100 Mio. $ pro Jahr für die Gentechnik aus. Und die Gentechbranche gibt mehrere Milliarden $ für eine Propagandakampagne aus, um die Furcht der Europäer vor genmanipulierten Lebensmitteln zu zerstreuen.13 Es bleibt zu hoffen, dass künftig mehr Geld für den nachhaltig orientierten ökologischen Landbau ausgegeben wird und weniger für die risikoreiche Gentechnologie.

Wichtig ist jetzt das Verhalten der VerbraucherInnen, die täglich durch ihren Konsum entscheiden können, ob die Gentechnik bei der Lebensmittelproduktion eingesetzt wird oder nicht. Die Warenzeichen der Mitgliedsverbände der AGÖL (ArbeitsGemeinschaft Ökologischer Landbau) sowie die Naturkostläden und die Reformhäuser geben die beste Gewähr dafür, dass diese Lebensmittel ohne Gentechnik produziert und verarbeitet wurden.



Anmerkungen:
1) Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe. Zurück zum Text



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