Was heißt: das Denken beobachten? 1
In Erinnerung an Christoph Lindenberg
Fast seit den Anfängen der Philosophie wird über das Denken nachgedacht. In der Art, wie das geschehen ist, war das wenig fruchtbar, weil man eben so über das Denken dachte, wie man auch über die Zange und das Beil nachdachte: ob jene zu ihrem Zweck geschickt und aus welchem Material sie wohl angefertigt seien. Das Müßige dieses Nachdenkens veranlasste einen Naturbeobachter, der sein Denken nicht im eigenen Kreise sich drehen ließ, sondern es auf die grüne Weide der Beobachtung schickte zu dem Ausspruch: Er habe es so weit gebracht, weil er nie übers Denken gedacht.
Rudolf Steiner, der die Naturbeobachtung Goethes zur Geistbeobachtung steigerte, fand den Ansatzpunkt zu solcher Beobachtung des Geistes in der Beobachtung des Denkens. Dabei hatte er keineswegs im Sinn, zu den Nachdenkereien über das Denken eine weitere hinzuzufügen, ihm kam es vielmehr darauf an, die »Natur des Geistes«2 kennenzulernen, d.h. den Geist zu beobachten. Er wurde in dieser Hinsicht vielfach missverstanden. So bemerkt er im V. Kapitel seiner Autobiografie, dass er in seiner Wiener Zeit mit niemanden über seine Anschauungen hätte sprechen können, sie wurden als philosophische Ideen genommen, »während ich gewiss war, dass sie sich mir aus einer vorurteilsfreien Erfahrungserkenntnis geoffenbart hatten«.
In diesem Sinne wandte er sich auch verschiedentlich gegen ein Denken des Denkens: »Denn man kann eigentlich in Wirklichkeit nicht über das Denken denken; man kann das Denken ebensowenig im Grunde denken, wie man das Eisen eisern und das Holz hölzern kann.«3 Dennoch ist jene Vorstellung, es käme (z.B. in der Philosophie der Freiheit, Kap. 3) darauf an das Denken zu denken, nicht ausgestorben. Das hat seinen Grund in der Tatsache, dass im Sinne Steiners das Denken durch das Denken beobachtet wird. »Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet« (3. Kap. Ph. d. F.). Spricht man dem Denken die Fähigkeit des Beobachtens ab, so meint man, das Denken beobachten heiße: das Denken denken. Man will dann den Denkakt denken und so einen Akt durch einen Akt als dessen Inhalt denkend hervorbringen.4 Solche Überlegungen sind formal-logisch richtig. Sie beruhen auf der Unterscheidung von Denkinhalt und Denkakt. Bei näherem Hinsehen aber fällt das ganze logische Gebäude zusammen, weil die gemachte Trennung von Denkakt und Denkinhalt in Wirklichkeit nicht existiert. Beim Tischlern kann man die Tätigkeit des Tischlerns von dem entstandenen Tisch schließlich unterscheiden: nicht so beim Denken. Das wirkliche Denken (nicht allerdings die seelischen Anstrengungen um zum Denken zu kommen), ist nämlich deshalb das »unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens«, weil es ganz im Gegenstande aufgeht. Man möchte fast behaupten: Wer das Denken zertrennt in Denkakt und Denkinhalt hat das Denken eben nie beobachtet.
Um die Frage zu beantworten: »Was heißt: das Denken beobachten?«, sind noch einige Vorfragen zu erörtern. Zunächst: Was soll in diesem Zusammenhang »beobachten« genannt werden? Beobachten ist auf einen Gegenstand oder Vorgang gerichtet, es ist nicht ziellos. Nur dann beobachten wir eine Sache, wenn wir sie direkt, d.h. unmittelbar erfassen und nicht nur ihre Wirkungen bemerken und von diesen auf die Sache schließen. Beobachten meint trotz aller Anspannung und Aktivität, die dazugehört, nicht das Hervorbringen, sondern das Innewerden eines Vorhandenen. Wer sich also mit den physiognomischen, physiologischen oder psychologischen Äußerungen und Auswirkungen des Denkens befasst, beobachtet diese, aber nicht das Denken. Wer einfach den Begriff »Denken« hervorbringt, beobachtet das Denken dadurch auch noch nicht.
Mit dem Wort »beobachten« meinen wir hier einen individuellen Akt. Alles Beobachten ist individuell und kann uns von niemandem abgenommen oder überliefert werden. Was »grün«, »Nelkenduft« etc. ist, kann mir niemand mitteilen. Ich muss es selber erfahren. Anders verhält es sich bei Gedanken: Obwohl ich sie auch selber denken muss, so können sie mir doch mitgeteilt werden. Der Gedanke ist allgemein mitteilbar, die Beobachtung konkret individuell. So ist es von großer Bedeutung, zwischen der konkret-individuellen Beobachtung des Denkens und dem allgemeinen Denken über das Denken zu unterscheiden.[ ]
Wenden wir uns nun dem eigentlichen Thema, der Beobachtung des Denkens, zu. Rudolf Steiner weist in dem hier in Rede stehenden 3. Kapitel der Philosophie der Freiheit darauf hin, dass ich mein gegenwärtiges Denken nie beobachten kann, sondern dass ich nur die Erfahrungen, die ich über Denkprozesse gemacht habe, nachher zum Objekt des Denkens machen kann. Da sich aber mein Denken Objekten zuwendet, vergesse ich es, ja genauer: Ich bemerke es nicht, da ich in ihm lebe. Hier scheint sich nun ein Widerspruch aufzutun: Wie kann ich etwas beobachten, was ich gar nicht bemerkt habe? Mein Denken ist eine Tätigkeit, die ich während derselben nicht beobachten kann. Kann man aber eine Tätigkeit, die man nicht bemerkt hat, nachdem sie zu einem Ende gekommen ist, beobachten? Ich kann doch, wenn ich gegangen bin, mein Gehen nicht beobachten verhält es sich mit meinem Denken nicht ebenso?
Gerade durch diese Fragestellung wird man auf die Lösung hingewiesen. Denken wir uns eine Linie von begrenzter Länge. Halbieren wir diese Linie, halbieren wir die Hälften, halbieren wir die Viertel, halbieren wir weiter die Achtel usw.: Wir bemerken, wir können die Linie unendlich oft je weiter halbieren. So komme ich zu dem Begriff der unendlichen Teilbarkeit eines Endlichen. Schaue ich mir diesen Begriff an, so bemerke ich zu meinem Erstaunen, dass der ganze Denkvorgang in ihm enthalten ist: Im Begriff schaue ich meine denkende Tätigkeit an. Der Denkvorgang ist nicht verschwunden, vielmehr zeigt sich der gebildete Begriff in seiner Substanz als Denktätigkeit. Ein Gleiches kann man an dem Begriff der Parallelen bemerken oder an dem des Dreiecks: Jeder Begriff ist mit seinem Bildungsvorgang identisch und es ist auch nicht mehr in ihm drin als das, was ich denke.
Auf dem Gebiet der Geometrie kann das Denken in dem gebildeten Begriff besonders leicht beobachtet werden. Es bedarf keiner besonderen Anstrengung, den Begriff ganz im Bewusstsein zu halten und zu überschauen, sodass man in ihm des Denkens ansichtig wird. Es ist aber im Prinzip bei allen anderen Begriffen und Ideen genauso: Die Begriffe: Pflanze, Licht, Kapitalismus, Gerechtigkeit können ebenso gebildet und damit erfüllt werden. Indem man dieses sagt, bemerkt man, wie wenige Begriffe man wirklich selbst gebildet und durchdacht hat. Bedenken wir einmal den durch das Wort Geist angedeuteten Begriff. Wir wissen vielleicht aus dem Umgang mit der Sprache, wie man das Wort Geist gebraucht uns wird einfallen, dass manche Geist als Gegensatz zu Leib und Materie denken, dass andere vom Geiste sagen: er sei schöpferisch oder er belebe, allein der Begriff Geist bleibt doch so recht leer. Worte, hinter denen keine gedachten Begriffe stehen, sind deshalb recht eigentlich Phrasen.
Zur Verdeutlichung der Wesenheit des Denkens wollen wir den Versuch machen, einen Begriff vom Geist zu bilden. Es ist dabei höchst gleichgültig, ob dieser Begriff im konventionellen Sinne »richtig« ist. Vielmehr kommt es darauf an, dass er überhaupt ist. Ein Begriff sagt nämlich nichts anderes als das was er ist, er ist etwas.5 Dieses Etwas kann unvollkommen sein, es kann falsch verwendet werden, aber als ein Denken und Gedachtes besteht es für sich. Ich setze (behaupte) also: Geist ist Bewusstsein. Bewusstsein ist wach, wach für ein Gegenüberstehendes. Dieses Gegenüberstehende kann, wenn es ein total Fremdes ist, mein Bewusstsein einfach beanspruchen: eine neue Stadt, eine fremde Wohnung. Mein Bewusstsein ist im ersten Augenblick passiv. Indem ich mich orientiere und das Vorhandene ordne, beginne ich das Gegebene zu strukturieren. Das gedankendurchzogene Bewusstsein erkraftet sich und bestimmt das Gegenüberstehende. Wenn Kopernikus entgegen allem Sinnenschein bestimmt, dass die Erde sich um die Sonne dreht, so ordnet er die Welt neu, er schreitet von einem von der Welt beeindruckten Bewusstsein zu einem die Welt bestimmenden Bewusstsein vor. Dieser Vorgang, dass man das Bewusstsein aus eigener Aktivität immer stärker selbst gestaltet, ist weiterer Steigerungen fähig.
Diese bewusste, ordnungstiftende Macht, die die Welt gestaltet, ist Geist. Auch wenn wir diesen Begriff anschauen bemerken wir, dass er seiner Substanz nach nichts anderes ist als das in ihn investierte Denken. Ob der Leser dieser Zeilen diesen Begriff akzeptiert oder sich einen anderen, eigenen bildet,, ist völlig einerlei. Auch der andere Begriff eines Lesers kann nur aus seinem Denken gebildet werden, oder es wäre kein Begriff.
Wir können zur Beobachtung des Denkens eine Reihe weiterer Beobachtungen hinzufügen: Um zu einem Begriff zu kommen, müssen wir einfach »resolut darauf losdenken«. Das Denken verlangt, dass ich irgendwo anfange zu denken, das Ich muss durch eine Tat einen Ausgangspunkt setzen. Das Denken führt durch seine Tätigkeit dann schon zu einem Ergebnis. Man kann sich darüber unterhalten, ob man dieses oder jenes Wort zur Andeutung des gewonnenen Gedankens verwenden will, den Gedanken und das Denken als solches kann man nicht bestreiten.
Ferner: Das Denken ist immer inhaltvoll, es erscheint in Begriff und Idee. Ein Denkakt an und für sich erscheint nicht. Daher tut es auch nichts zur Sache, dass ich nur mein vergangenes Denken beobachten kann. Gäbe es einen wirklichen Unterschied zwischen Denkinhalt und Denkakt, so wie sich das Tischlern vom erzeugten Tisch unterscheidet, so könnte man das Denken nicht beobachten. Psychologisch gesprochen ist der Denkwille eines mit dem Denkgesetz, er geht ganz im Denken auf. Reines Denken ist so reines Wollen.
Wer allerdings abstrakt »das Denken« beobachten will und sich nicht auf konkrete, wirkliche Denkvorgänge einlassen will, jagt einer Chimäre nach. »Das Denken«, das er beobachten will, gibt es nicht. So wie es den Menschen in konkreto als einzelnen Menschen gibt und man im Einzelmenschen den Menschen, das Menschliche beobachten kann, so wird man in der individuell-persönlichen Anstrengung der Beobachtung des Denkens im konkreten Vorgang des Denkens ansichtig. Will ich etwas über das Denken wissen, so werde ich so viele Denkvorgänge wie nur möglich beobachten. Man kann Allgemeinbegriffe (»Das Denken«, »Der Mensch«) nicht allein für sich beobachten. Man muss die Idee in der Wirklichkeit wahrnehmen, will man wirklich erkennen. Am leichtesten kann man das Denken im Denkvorgang beobachten und so die Idee in ihrer Wirklichkeit schauen. Bis man dann weiterschreitet und den Menschen im Menschen schaut, bis jede Pflanze so gesehen wird, dass man in ihr die Urpflanze sieht: bis dahin ist ein langer Übungsweg zurückzulegen. Aber es ist im Prinzip ein und dasselbe: das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit. Und »bei gutem Willen hat jeder normal organisierte Mensch« die Fähigkeit, das Denken zu beobachten.
Man kann hier bemerken, dass die Beobachtung des Denkens der Ausgangspunkt übersinnlicher Erfahrung ist. Rudolf Steiner nennt die Beobachtung des Denkens die »allerwichtigste« die ein Mensch machen kann, und zur Begründung fügt er hinzu: »Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist.« Damit ist ausgesprochen, dass man zunächst seine übersinnlichen Erfahrungen im buchstäblichen Sinne des Wortes selbst machen muss. Sie treten nicht wie eine schöne Vision an uns von außen heran, frei schaffend erzeugen wir sie.
Christoph Lindenberg
Anmerkungen: 1) Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe. Zurück zum Text