Feuilleton



Moderne Kunst entsprang in Afrika

Schätze aus dem Museum Tervuren in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (bis 27. Juni 1999)

»Die geringschätzige Handbewegung, mit der bis dato Kunstkenner und Künstler alle Kunstformen primitiver Völker ins Gebiet des Ethnologischen oder Kunstgewerblichen verweisen, ist zum mindesten erstaunlich«, schrieb August Macke 1912 in seinem Essay »Die Masken« im Almanach »Der blaue Reiter«. Weiter heißt es darin: »Unfassbare Ideen äußern sich in faßbaren Formen … Die Form ist uns Geheimnis, weil sie der Ausdruck von geheimnisvollen Kräften ist.« Als 1897 König Leopold II von Belgien das Musée Royal de l’Afrique Central im Brüsseler Vorort Tervuren gründete, dachte er sicher nicht daran, dass in den kommenden Jahren viele französische und deutsche Künstler von den rätselhaften Skulpturen und Objekten aus der Kongo-Region (heute Zaire) zur eigenen Kunstproduktion angeregt werden sollten. Kubismus, Expressionismus und Surrealismus gingen durch ästhetische Rezeption daraus hervor. König Leopold hatte nur wirtschaftliche Interessen und wollte die damalige Kolonie Belgisch Kongo besser bekannt machen. Forscher, Missionare, Kolonialbeamte und Reisende kamen zum Teil durch Gewalt in den Besitz dieser alten Kunst- und Kulturerzeugnisse und trugen dazu bei, dass vielfältige uralte Kulturen mit ihren Riten und Denksystemen heute völlig ausgestorben sind. Die lebende Generation verschiedenster ethnischer afrikanischer Gruppen kann keine Angaben mehr über Verwendung, Herstellung, Symbolik und Gehalt all jener kunstvollen Masken oder Skulpturen machen, die ihre Ahnen hergestellt und benutzt haben. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Sammlung in Tervuren nur ethnographische Bedeutung beigemessen. Erst heute kann man ihren Gesamtwert richtig schätzen.

125 ausgewählte Stücke dieser einzigartigen Sammlung sind in der Kunsthalle NRW in Düsseldorf nach drei Gesichtspunkten ausgestellt: Stationen im Lebenszyklus – Götter, Geister, Ahnen – Herrschaft und Repräsentation. Die Objekte des erste Kapitels, Fetische, die im religiösen, sakralen und mythischen Kontext verwendet wurden, beziehen sich auf Geburt, Geschlechtsreife, Fruchtbarkeit, Hochzeit und Tod. Dann folgen solche, die »aufgeladen« sind mit spirituellen Kräften von Göttern, Geistern und Vorfahren. Magier stellten mit Hilfe von wertvollen Hölzern, Tierhäuten, Tier- und Menschenzähnen, Perlen, Muscheln, Glasperlenketten, Spiegeln, Nägeln, Flechtwerken, Erde und Farbpigmenten heilige Utensilien her. Bei Tänzen und Gesängen sicherten sie Kontakt zu jenseitigen Kräften. Im letzten Kapitel findet der Besucher Insignien der Macht von Königen und Häuptlingen, gefertigt aus Leopardenfellen oder Elfenbein. Respekt gebietende Eigenschaften gefährlicher Tiere sollten auf den Träger weiterwirken. Für die Zeremonien wurden verzierte Becher und Gefäße für Palmwein, Blut und Kaolin benötigt, denen spirituelle Kraft zugeschrieben wurde. Weitere Herrschaftssymbole: Zepter, Zeremonienstäbe, Hocke, Kopfstützen, Pfeifen und Musikinstrumente.

Da alle Objekte der Sammlung zwangsweise aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen wurden, versucht man dem Betrachter das ehemalige Umfeld durch Reproduktionen alter Fotoaufnahmen aus dem Archiv des Museums in Tervuren auf großen Papierbahnen nahezubringen. So werden auch Kunstformen der Körpertätowierung und von Frisuren sichtbar gemacht. Beeindruckend sind Aufnahmen von Stammesfürsten und Häuptlingen, denen teilweise Gottkönigtum zugesprochen wurde, das seine Herkunft aus dem alten Ägypten abgeleitet haben soll.

Im Buchkatalog zur Ausstellung wird der Gegensatz von ästhetischer Wertschätzung der westlichen Welt und dem wissenschaftlichen Ansatz der Afrikanisten vereinigt (200 S., 48 Mark im Museum). Die Ausstellung wurde bisher in den USA gezeigt und wird nach Düsseldorf nur noch in Spanien zu sehen sein.

Bernhard Kirchgaesser



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