Thema



Christoph Göpfert

Der achte Schöpfungstag

Eine Erinnerung an den Roman
von Thornton Wilder

Das Alte Testament schildert uns sieben göttliche Schöpfungsphasen, in denen Natur und Mensch ins Dasein treten. Nach der »Vertreibung aus dem Paradies« wird der Mensch schrittweise selber zum Schöpfer, aber durch viele Kulturepochen bleibt ein Rest göttlicher Führung. Erst mit der Neuzeit und dem Heraufkommen von Naturwissenschaft und Technik entsteht eine neue, wirklich menschengeschaffene Schöpfung, die man als die Welt des achten Schöpfungstages bezeichnen könnte. Aber erst heute, am Jahrtausendende, wird mit größerer Berechtigung vom achten Schöpfungstag gesprochen, denn unsere von Computern, Cyberspace und anderen technisch-wirtschaftlichen Errungenschaften geprägte Welt ist in einem vorher nicht vorauszusetzenden Maße wahrlich neu: Sie ist Menschenwerk, das ganz auf der Beherrschung der Materie beruht. Von den Möglichkeiten und Gefahren, die damit verbunden sind, berichtet dieses Heft.

Dass vor den »Kindern des achten Tages« aber noch (oder vor allem) seelisch-geistige Aufgaben stehen, ist die andere Seite der Globalisierung. Schon Kleist sprach von dem »letzten Kapitel der Geschichte der Menschheit« als einer Zeit, in der der Mensch versuchen müsse, ohne Verlust des logischen Denkens »noch einmal vom Baum der Erkenntnis zu essen« und so sein Bewusstsein zur übersinnlichen Welt hin zu erweitern. 1

Der Begriff des »achten Schöpfungstages« trat aber für unsere Zeit durch Thornton Wilders 1967 erschienenen Roman »Der achte Schöpfungstag« ins Bewusstsein. Indem wir heute auf ihn zurückblicken, stoßen wir auf eben diese moderne seelisch-geistige Kraft, die der Mensch in sich entwickeln und den Zwängen der Außenwelt entgegenstellen kann.

Äußerlich ist der Roman eine spannende Kriminalgeschichte. Sie spielt am Anfang unseres Jahrhunderts im Mittelwesten der USA und beginnt mit der lapidaren Mitteilung:

»Im Frühsommer 1902 stand John Barrington Ashley […] wegen Mordes an Breckenride Lansing […] vor Gericht. Er wurde für schuldig befunden und zum Tod verurteilt. Fünf Tage später […] entkam er seinen Wächtern aus dem Eisenbahnzug, der ihn an den Ort der Hinrichtung bringen sollte.« 2
Das Motiv des »neuen Menschen«, der »Kinder des achten Tages«, durchzieht den Roman als verborgener Leitfaden. Angeschlagen wird es durch den Arzt Dr. Gillies in dessen Neujahrsansprache zum Jahrhundertbeginn und wirkt in den Hauptpersonen weiter. Ihre Biografien sind, in jeweils anderer Schattierung, von dieser Seelenqualität bestimmt:

»Geist und Seele werden die nächste Sphäre des Menschentums sein. Die Menschheit macht ihre Erziehung durch. Was ist Erziehung, Roger? […] Sie ist die Brücke, auf der der Mensch aus seinem in sein Ich eingeschlossenen, nur auf sein Selbst bedachten Leben hinüberschreitet in ein Bewusstsein von der Gemeinschaft der ganzen Menschheit.«

Von Wilders Roman geht eine besondere Kraft aus – man möchte von »Seelennahrung« sprechen. Es ist »das Wortlose«, das nach Klopstock erst eine Dichtung ausmacht. Diese Wirkung liegt nicht in den Verwicklungen der Handlung, die sich aus einem Justizirrtum ergeben, der allerdings das Leben aller Beteiligten radikal verändert. Es sind andere Quellen, aus denen diese Kraft entspringt.

Da ist zunächst der Aufbau des Romans – es wird nicht chronologisch erzählt. Wir erfahren die Vorgeschichte der Ehepaare Ashley und Lansing erst nach den Ereignissen, die auf den Mord folgen. Das weckt nicht nur die Aktivität des Lesers, sondern lässt karmische Zusammenhänge ahnen, ohne dass dieses Wort gebraucht wird.

Eine weitere »Kraft-Schicht« liegt in den Personen. Keine ist ein Held, aber alle sind Ringende, die sich in jede Situation fügen und sie ergreifen. Ein Ashley widmet sich jeder Aufgabe ganz, heißt es einmal. In der Verborgenheit ihrer Seelen ruhen Hoffnung, Glaube und Liebe, auch wenn diese zeitweise verschüttet oder nicht erkennbar sind. Ungewöhnlich sind die Wege, die die einzelnen Personen zur Bewältigung ihrer Lebenssituation einschlagen: Eine 14-Jährige verkauft Saft und Sandwiches am Bahnhof und überredet ihre verstörte Mutter, eine Pension zu eröffnen, um den Lebensunterhalt für die restliche Familie zu sichern (Sophia Ashley). Ein junger Mann arbeitet sich in Chicago gegen alle Schwierigkeiten zu einem begehrten Journalisten hoch (Roger Ashley). Ähnlich erreichen die anderen jungen Leute der beiden Familien aufgrund ihrer Stetigkeit ihre Lebensziele. Und der verschollene Bergwerksingenieur John Ashley setzt sich in den Anden für die indianischen Arbeiter ein, verschafft ihnen einen Priester und eine Kirche, ein funktionsfähiges Krankenhaus und repariert jede Kleinigkeit selber. Wenn es Not tut, spricht dieser äußerlich nüchterne Mann aber auch Kranken und Sterbenden Trost zu. – Am schwersten hat George Lansing zu tragen, der seinen Vater als Schwächling erlebt und ihn aus Hass erschießt, ohne dass der Verdacht auf ihn fällt. Hartnäckig verfolgt er sein Ziel, in Russland zu leben und Schauspieler zu werden. Seine Schwester durchschaut sein »sehr lautes Schweigen« über den Tod des Vaters und bringt ihn schließlich zu einem schriftlichen Geständnis. Eine befreundete alte Russin ermöglicht ihm mit ihren kargen Ersparnissen die Flucht nach Russland. – Überall ist das Schicksalsnetz dieser Menschen so, dass sie im entscheidenden Moment Hilfen von außen bekommen.

Wilder bereitet den Leser schon früh darauf vor, dass das Wesentliche im menschlichen Leben nicht sichtbar ist. Am deutlichsten wird das am Ende des Buches ausgesprochen, als Roger Ashley zu der zurückgezogen auf einem Hügel lebenden christlich-indianischen Menschengemeinschaft eingeladen wird, zu der sein Vater – wie er jetzt erfährt – Kontakt hatte und die seine Befreiung bewerkstelligte.

»[Roger] hatte die Empfindung, sein ganzes Leben lang in Unkenntnis von Abgründen und Wundern dahingeschritten zu sein, von Hinterhalten und von Augen, die ihn beobachteten, von etwas in den Wolken geschrieben Stehendem. Der Gedanke kam ihm, dass das Leben sicherlich unermesslicher, tiefer und gefährlicher sei, als wir annehmen. […] Es erfüllte ihn plötzlich die Furcht, er werde unwissend durchs Leben gehn – in stumpfer Unkenntnis der Mächte des Lichts und der Mächte der Finsternis, die hinter dem Schleier der Erscheinungen in einem gewaltigen Kampf miteinander lagen, – die Furcht, dass er dumpf wie ein Sklave dahinleben werde oder wie ein Ding mit vier Füßen und gesenktem Kopf.«

Der greise Diakon zeigt Roger mit Hilfe eines alten Teppichs, wie man sich zu rätselhaften Schicksalsschlägen stellen müsse: Auf der Oberseite des Teppichs ist eine klare Zeichnung, die Sinn macht, den Sinn, den wir in unserem Leben suchen. Die Unterseite aber zeigt ein Gewirr loser Fäden und Knoten. Das allein aber sei die dem Menschen zugemessene Sicht der Dinge! Die deutliche Zeichnung unseres Schicksals kann nur von oben, aus der übersinnlichen Welt gesehen werden. Das Leben wie die Geschichte sei ein Ganzes, ein einziger riesiger Bildteppich. Kein Auge könne sich unterfangen, auch nur eine Handbreit davon zu umfassen. Der Historiker schneidet einzelne Gestalten und kurze Zeiträume heraus, aber das sei Betrug. »Auch Leichenbegräbnisse sind nur dem Anschein nach das Ende von etwas.«

Der Gedanke der wiederholten Erdenleben taucht mehrmals in den Gesprächen auf. Durch die Wiedergeburten würde die Menschheit erzogen, und der Einzelne steige, je nach seiner Lebensführung, auf einer großen Leiter nach oben oder falle um einige Stufen zurück. Sokrates, Lincoln und Mrs. Besant (!) werden als besonders hochstehend genannt, die Bodhisattvas als höchste Stufe des Menschseins. Der Leser erkennt mit Roger Ashley, dass auch dessen Vater sehr hoch auf der Leiter steht.

»Einigen Menschen wird im Augenblick des Todes für eine halbe Sekunde ein Erinnern an ihre frühern Existenzen zuteil – und ein kurzer Blick auf ihre künftigen […]. [Sie] neigen sich für eine halbe Sekunde über den riesigen Abgrund der Zeit und sehn das lange Elend aller ihrer frühern Leben. Andre blicken hinauf und sehn die Schwelle in der Ferne über sich.«

Mit großer Differenziertheit schildert Wilder das feine Seelen- und Schicksalsgeflecht, das zwischen den Familien Ashley und Lansing ausgespannt ist. Mitmenschlicher Umgang, Fürsorge, seelische Verletzung und deren Überwindung werden dargestellt. Die Realität des Karma leuchtet auf. Dass dieses übersinnliche Gesetz stärker ist als alle menschliche Vorsorge, zeigt sich in dem Roman dreifach: Der steckbrieflich gesuchte Ashley wird vor einem Spitzel gerettet; aber das Schiff, mit dem er das Land verlässt, geht unter. – Seine Tochter Sophia, die sich als Kind über ihre Kräfte für die Familie einsetzt, endet in einer Heilanstalt und stirbt früh. – Der durch den Vatermord belastete George Lansing wird tatsächlich als Schauspieler in Russland berühmt, kommt aber in den Revolutionswirren um.

So bleiben die Lebensrätsel bestehen. Aber die Menschen, die Wilder uns schildert, stellen sich mit der seelisch-geistigen Potenz des achten Tages in die Widrigkeiten der Welt hinein. Sie leben von innen, aus ihrem Ich heraus. Insofern ist das Buch wie eine Arznei gegen die seelenzerstörenden Mächte, die heute von außen an den Menschen herandrängen. Der Leser aber wird vom Autor ganz freigelassen.

Der Roman endet: »Es wird viel von einer vorbestimmten Zeichnung in dem Bildteppich gesprochen. Manche sind sicher, sie sehen sie. Manche sehen, was zu sehen ihnen gesagt worden ist. Manche erinnern sich, dass sie sie einst sahen, aber haben sie aus den Augen verloren. Manche fühlen sich dadurch gestärkt, dass sie ein Muster sehen, nach welchem die Bedrückten und Ausgebeuteten der Erde allmählich aus ihrer Knechtschaft frei werden. Manche finden Kraft in der Überzeugung, dass da nichts zu sehen ist.«


Anmerkungen:
1) Heinrich Kleist: Über das Marionettentheater (1811). Zurück zum Text
2) Thornton Wilder: Der achte Schöpfungstag, Frankfurt/M. 1968. Zurück zum Text



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