Die Zeit der Obstblüte wirkt in manchen Gegenden wie eine eigene Jahreszeit. Wenn die Apfel- und Birnbäume aufblühen, dann ist nicht nur der Baum in ein weißes oder rosarotes Blütenmeer verwandelt, sondern die ganze Landschaft scheint geradezu verzaubert. Die Obstanger, die Streuobstwiesen, die Hausbäume und die Spalierwände leuchten in der Frühlingssonne, und das Summen der Bienen erfüllt die Luft. Aber auch an den Waldrändern, den Hecken und Rainen blühen dann die Sauer- und die Traubenkirschen, der Holzapfel und die Holzbirne. Sie alle gehören zur großen Familie der Rosengewächse, denen der Botaniker auch den Mandelbaum zuordnet und von dessen Blüte und Duft die Dichter überschwenglich berichten. Es ist ein schöner, ja geradezu ein erhebender Anblick, ein bäuerliches Anwesen zu sehen, wenn im Anger die Bäume blühen. Wird das Bienenhaus, das früher zum Bauernhof gehörte, wie das Backhaus und der Taubenschlag, noch bewirtschaftet, dann wird man sich an sonnigen und windstillen Tagen am emsigen Betrieb der Bienen kaum sattsehen können. Man wird das Summen der Bienen in den Baumkronen, ihre unzähligen Landungen auf den Blüten, wie sie aus dem Himmelsblau auftauchen und wieder darin verschwinden, kaum mehr vergessen.
Wenn man, in einem Obstanger stehend die laue Frühligsluft atmend, das Schauspiel beobachtet, das die Natur hier bietet, dann spürt man förmlich, dass man an einem Geheimnis teilnimmt, dass man etwas Großartiges belauscht. Angesichts dieses Eindrucks wird man an das Obst denken, das über den Sommer reifen wird, und das im Herbst die Zweige biegt. Beides, Obstbaum und Biene, ist seit langer Zeit sehr eng mit der menschlichen Kultur verbunden. Und über die längste Zeit der Entwicklung war die Süße der Frucht und die Süße des Honigs, der von den Bienen aus dem Nektar der Blüten zusammengetragen wird, die einzige Süße, die der Mensch kannte. Diese Süße kann man nicht mit der des Zuckers vergleichen; zumindest dann nicht, wenn man sich ein lebendiges Empfinden dafür aneignet. Allein in der Ahnung erscheint dann das Obst im Herbst als etwas ganz Besonderes, wir können spüren, wie es an der Luft, am Licht gebildet wird, wie die ganze Umgebung daran beteiligt ist. Wir finden vielleicht zu keinen Antworten, aber doch merken wir, dass die gängigen Theorien, welche die Nahrung bloß nach Kalorien oder Mineralstoffen werten, nicht allen Aspekten genügen. Es ist ein himmlischer Prozess damit verbunden, diesen Eindruck werden wir mit Sicherheit gewinnen, ja er klingt schon an, wenn wir den Blick über unsere Fluren schweifen lassen, wo um die Gehöfte und vom Waldrand her die blühenden Bäume leuchten. »Der Apfelbaum verstärkt die Suche nach dem Geistigen«, so beschreibt Heinz Grill die Bedeutung dieses Baumes. Und so bekommt die Aussage vom Pflanzen eines Apfelbäumchens, selbst wenn man morgen sterben müsste, einen recht tiefen Sinn.