Leserforum



Zum Rücktritt der EU-Kommission
»Brüsseler Spitzen – Tanz am Abgrund«


(Lorenzo Ravagli, 4/99, S. 11)

Es ist sicherlich erfreulich, dass sich die anthroposophische Publizistik in jüngerer Zeit häufiger dem Thema »Europäische Integration« widmet. Im Goetheanum geschieht das auch (z.B. Heft 5/99). Leider ist es aber so, dass die Kommentare häufig weniger von Sachverstand als von den landläufigen polemischen Vorurteilen geprägt sind.

Ich möchte in keiner Weise etwas an den Ereignissen beschönigen, die zum kollektiven Rücktritt aller Kommissare am 16. März geführt haben. Aber warum muss darüber mit Ausdrücken wie »unüberblickbare Mammutbehörde«, »gigantische …« »Superinstitution«, »unvorstellbaren Milliardenetat« berichtet werden? Die Nichtregierungsorganisationen (NGO's), von denen Lorenzo Ravagli so viel hält, wissen meist sehr genau, wieviele Mittel für die von ihnen verfolgten Ziele im Haushaltsplan der EU – im Haushaltsjahr 1999 knapp 97 Mrd. Euro – zur Verfügung stehen. Da von dem Geld die Hälfte für die Agrarpolitik gebraucht wird, bleibt im Einzelfall für die Projekte der NGO's meist bitter wenig übrig. Das gilt z.B. auch für die »Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners«, für die ich mich gerade um etwas Hilfe bemühe. Vielleicht macht Ravagli sich mal die Mühe und kauft sich den »Gesamtbericht über die Tätigkeit der EU 1998« beim Amt für Veröffentlichungen der EG in Luxemburg und sieht sich den Haushaltsplan mit seinen Einzelrubriken näher an.

Er würde dort übrigens auch die genauen Angaben über die Zahl der Beamtenplanstellen der Kommission finden, die etwas unter 20000 liegt, wovon aber z.B. schon rund 2000 Stellen für Übersetzer und Dolmetscher verbraucht werden. Wenn er dann diese Zahl mit der im Gesamtbericht im Einzelnen dargelegten Fülle der Aufgaben für Verwaltung und Weiterentwicklung der EU vergleicht, die die Bediensteten für die ca. 370 Mio Unionsbürger erledigen müssen, dann werden Ravagli die unangemessenen Ausdrücke wohl etwas weniger leicht von den Lippen gehen.

Erschreckend finde ich nun allerdings die Unkenntnis in institutionellen Fragen, die aus seinem Beitrag spricht. Man hat den Eindruck, er hat weder den Vertrag von Maastricht noch den von Amsterdam, der am 1.5.99 in Kraft tritt, je in die Hand genommen. Sonst könnte er wohl kaum auf den Gedanken kommen, die Europäische Kommission sei »die europäische Regierung«, die »die reale Aufhebung der klassischen Gewaltenteilung darstelle« und die besser von den NGO's als vom Europäischen Parlament zu kontrollieren sei.

Jürgen Erdmenger, Brüssel



Rezension einer Rezension
»Reinkarnationserinnerung, Reinkarnationsforschung«


(Lorenzo Ravagli, 4/99, S. 97)

Bahnt sich ein neuer Redakteuren-Streit an, oder ist gar eine Wiederaufnahme des alten geplant? So fragt man sich beim Lesen des Artikels von Lorenzo Ravagli, der sich zudem als »Eröffnung einer Debatte« versteht. »Debatte« klingt allemal gut und zeitgemäß, setzt aber ein faires Gesprächsklima voraus.
Ravagli hat indessen eine scharfe Zunge, das steht ihm zu, wenn er sachlich bleibt. Wie er jedoch hier eine positive Rezension Reuvenis (in Info3) über Anne Frank – Barbro Karlén sowie deren Buch »Und die Wölfe heulten« abkanzelt, ist schlicht unfair und zudem wenig überzeugend.

Zunächst zum Inhaltlichen: Es gibt genug Indizien für eine Pro-Frank-Karlén-Meinung, zumindest m.W. mehr als dagegen! Selbst eine Unstimmigkeit, wie die der unterschiedlichen Angaben über die Todesart der Anne Frank, stimmt nicht unbedingt dagegen, wenn andere Erinnerungen handfest sind (Erkennen der Straße und des Hinterhauses in Amsterdam). Herrn Reuveni steht es zu, seine positive Meinung zu äußern, wie Herrn Ravagli eine negative Äußerung zusteht. Der neutrale Dritte, der Leser, mag sich an der Haltung Barbro Karléns selbst orientieren, die bei ihren Interviews und anderen Gelegenheiten als außerordentlich bescheiden und zurückhaltend beschrieben wird. Sie will angeblich in keiner Weise für die Reinkarnationsidee »werben«. Eigentlich schade! Schon ein nur innerliches Bewegen dieser Idee anhand solcher Phänomene wäre vielen Menschen zu wünschen.

Was jedoch den Stil dieser Art »Gegenrezension« Ravaglis angeht, so kann man sich nur wundern, angesichts dessen, was vor einigen Jahren über die anthroposophische Pressebühne ging. Selbst wenn Reuveni des Lobes zuviel getan hat, zu sehr für seine Sicht der Sache eingetreten ist und »Ungläubige« und »Skeptiker« als Materialisten und »Oppositionelle gegen die europäische Kultur« bezeichnet hat, so sind dies zwar scharfe Urteile, aber sie sind nicht anstößig. Wenn es dagegen bei Ravagli heißt, dass Reuveni die Zweifler »in eine unappetitliche Ecke« stelle und dass seine Fiktion eine »Abenteuerlichkeit« sei, so kann man als Neutraler über solch emotionale Formulierungen nur den Kopf schütteln.

Freilich ist eine gute und faire Streitkultur etwas, was unbedingt anzustreben ist und gerade in der Drei kürzlich erst dezidiert in einem Interview angefordert wurde. Aber Selbstbeherrschung ist da doch wohl eine Mindestanforderung, gerade für Journalisten! Solange das nicht gewährleistet und gelernt worden ist, müsste m.E. eine »einvernehmliche« Zensur des Herausgebers möglich sein. Mit ihr wäre nicht die geistige Freiheit beschränkt, sondern nur eine ungute Emotionalität.

Lore Deggeler, Konstanz




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