Christoph Lindenberg
4. Januar 1930-20.April 1999


Eine autobiografische Notiz

Am 4. Januar 1930 wurde ich in Holzminden geboren. Ich wuchs im Landschulheim am Solling bei Holzminden auf, wo meine Eltern Lehrer waren. Mein Vater war Kunsterzieher und Maler, meine Mutter Sprachlehrerin. Meine Mutter stammte aus Holland, wo mein Großvater reformierter Pfarrer war: eine höchst eindrucksvolle Gestalt mit weißem Vollbart, voller Geschichte und Geschichten. Mein Vater stammte aus dem Braunschweigischen und mein Großvater war Bäckermeister: Es war eine Lust ihm zuzusehen, wenn er mit größter Sicherheit die Brotlaibe schnell in den tiefen Backofen schob, dergestalt, dass sie genau nebeneinander zu liegen kamen.

Meine Eltern waren schon äußerlich recht gegensätzliche Erscheinungen: Die Mutter groß und schlank, der Vater trug auf einem kleinen Leib einen mächtigen, runden Kopf. Die Mutter, die sich für Literatur und Sprachen interessierte, war, ohne dass das sofort hervortrat, eine tief fromme Persönlichkeit, die mir früh die Geschichten des Neuen Testaments so nahe brachte, dass ich an ihnen nie gezweifelt habe. Der Vater (über den ich in der Drei zweimal berichtet habe) war eigentlich Maler, erwarb sich seinen Unterhalt jedoch als Kunsterzieher. Er war ein Anthroposoph »eigener Prägung«, der auch Rudolf Steiner – bei aller Verehrung – frei gegenüber stand.

Eine wundervolle Landschaft umschloss meine Kindheit. Das Landschulheim lag am milde abfallenden Westhang des Sollings und blickte nach Westen auf die sanften Kalkberge, die sich jenseits der Weser im Westen erhoben, sodass man täglich einen anderen Untergangsort der Sonne sah oder ahnte. Gleichsam im Rücken, nach Osten hin, dehnten sich viele Kilometer weit die Wälder des Sollings, der durch bebuschte Täler gegliedert ist. Früh lernte ich hier die ersten Blumen im Frühling und im Sommer die Waldbeeren pflücken.

Von 1936 bis 1940 besuchte ich die Volksschule in Holzminden, der lange Schulweg führte durch Gärten Felder und Wiesen, und diesen Gängen verdanke ich vieles. In die Volksschule finsterte damals die Naziherrschaft hinein, und man machte allerlei seltsame Beobachtungen, etwa wie sich der »Zellenleiter« Pg. X durch seine Schüler Hühnerfutter und ähnliches, was bereits zu Anfang der Krieges rationiert war, besorgen ließ. Als mich ein baumlanger SD-Mann in schwarzer Uniform 1939 fragte, welcher Nationalität ich sei, antwortete ich, ich sei »ein Durchgekreuzter«, womit ich sagen wollte, dass meine Mutter Holländerin und mein Vater Deutscher seien.

Von 1940 bis März 1949 war ich Schüler des Landschulheims. In dieser Schule hatte sich trotz einiger Anpassungen an die damaligen Machthaber ein eigenes Binnenklima erhalten: Jeden Morgen erklang in der Aula der Schule, wo sich alle Schüler und Lehrer schweigend versammelt hatten, ein Präludium und eine Fuge von Bach, an zwei Abenden der Woche hörten wir Kammermusik von Mozart, Beethoven, Brahms und anderen Meistern der Klassik. Auch sonst war die Schule für künstlerische Interessen offen. Zwar war das Schulprogramm durch den Krieg reduziert, aber Gartenbau und Landwirtschaft, Werken und Kunst, Theater und Rezitation gehörten ebenso zum Programm wie die Jahresfeste. Der Versuch, die Schule 1944 ganz im NS-Sinne auszurichten, scheiterte mit dem Kriegsende.

Da mein Vater zu Kriegsbeginn wieder, wie im Ersten Weltkrieg, Soldat werden musste, verfolgte ich die Kriegsereignisse voller Spannung. Zuerst in kindlicher Naivität, dann aber, vom Herbst 1942 an mit kritischem Bewusstsein. Bei Betrachtung der Weltkarte war mir aufgegangen, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Da meine Eltern ein altes Radio hatten, das Kurzwellenempfang ermöglichte, begann ich nun die Radiowellen nach Sendungen des BBC etc. zu durchforschen und mich aufzuklären. Meine Eltern wussten zunächst von alledem nichts. Die Regeln der Konspiration wurden streng eingehalten. Als ich dann nach einiger Zeit meine Erkenntnisse im Kreise der Kameraden zu verbreiten begann, bin ich nur einmal von einem Mitschüler verpfiffen worden. Glücklicherweise gab der Lehrer, der damals, es war Ende 1944, auch wohl schon gemerkt hatte, wohin der Hase lief, die Meldung nicht weiter.

Den Einmarsch der US-Armee im April erlebte ich zwar nicht unbedingt als Befreiung, aber als Ende eines fortwährenden Drucks. Es war für mich ein Glück, dass der Schulbetrieb vom April 1945 an bis etwa zum November 1945 ruhte. Ich war in den letzten Schuljahren ein immer schlechterer Schüler geworden. Nun hatte ich viele Monate in der Gärtnerei, in der Landwirtschaft und im Forst zu arbeiten, die zur Schule gehörten. Da gewann man neuen Appetit aufs Lernen, und dann kam vor allem ein neuer Lehrer, der mich für Dichtung begeisterte. Durch ihn angeregt lernte ich auf langen Spaziergängen Goethe, Schiller, Novalis, Hölderlin und Morgenstern-Gedichte auswendig.

Noch gab es keine Geschichtsbücher für die Schule und nun erwachte in mir ein jugendliches Geschichtsinteresse, das bereits nach anthroposophischer Orientierung strebte; denn mein Vater hatte, als ich einmal begehrte, etwas von Rudolf Steiner zu lesen, mir kühn Unsere atlantischen Vorfahren in die Hand gedrückt, und ich hatte das verschlungen. So habe ich mir als Schüler meine eigenen Geschichtsbücher geschrieben. Über Ägypten, Griechenland und Rom. Das wurde von einer befreundeten Eurythmistin, die bei uns zur Erholung weilte, bemerkt und sie stellte kategorisch fest: Der Junge muss studieren. Daran hatte bei uns noch niemand gedacht.

Noch vor dem Abitur, ich war 18 1/2 Jahre alt, wurde ich vom Ita Wegman-Fonds zu einem Sommerlager in St. Barthelemy (Vaud, Schweiz) eingeladen. Auf dieser Reise sah ich zum ersten Mal das Goetheanum von Arlesheim aus: silbern-leicht im Abendlicht. In dem Sommerlager wirkten Menschen aus den verschiedenen Gruppierungen der Anthroposophischen Gesellschaft zusammen. Ich war schon damals über die bedrückenden Probleme anfänglich unterrichtet und sagte mir: In dir wirst du diese Gruppen immer verbinden. Diesem damals gefassten Entschluss bin ich treu geblieben: Durch meinen Vater lernte ich Herbert Witzenmann kennen und verehren, durch meine Beziehungen zu Holland begegnete ich F.W. Zeylmans van Emmichoven, der mir unendlich viel bedeutete. Als ich 1953 zum ersten Mal die vier Mysteriendramen erlebte, führte mich mein Weg zur Nachlassverwaltung, wo ich Dr. Friedenthal und Frau Wiesberger kennenlernte. Später arbeitete ich mit Edwin Froböse an der Herausgabe einer Vortragsreihe: Kurzum, ich habe, so gut ich es konnte, mit allen Gruppierungen zusammengearbeitet.

Bald stand mein Entschluss fest, Lehrer, und zwar Waldorflehrer zu werden. Ich wusste zwar nur sehr nebelhaft, was die Waldorfschule sei, aber ich war dafür. Doch bevor ich an die Universität ging, wollte ich ausprobieren, ob ich zum Erzieher tauge. Da mir das Landschulheim wie eine Insel der Seligen erschien, dachte ich, man müsse auch die Gegenwelt kennenlernen und so wurde ich Praktikant im Niedersächsischen Landesjugendheim in Göttingen. Das war de facto ein Jugendgefängnis. Die jungen Gefangenen waren mir an Lebenserfahrung weit überlegen, aber es gelang mir doch, ein pädagogisches Verhältnis herzustellen und mit den Gefangenen sogar Wanderungen zu unternehmen, bei denen keiner meiner »Schützlinge« flüchtig wurde. Anschließend arbeitete ich noch einige Zeit in einer Holzmöbelfabrik. Im November 1950 begann ich das Studium der Geschichte und Anglistik als auch der Philosophie und Pädagogik in Göttingen. Ich hatte wieder großes Glück, denn ich fand einer Reihe bedeutender akademischer Lehrer: Von Hermann Heimpel, dem Historiker, konnte man lernen, wie man Geschichte darstellt; durch Helmuth Plessner wurde ich in die moderne Anthropologie eingeführt; an dem sich aus dem Katholizismus losringenden Joseph Klein erlebte ich die inneren Konflikte, die sich für einen Christenmenschen aus dem Kirchenrecht (dem Corpus iuris canonici) ergeben. – Gleichzeitig mit meinem Studium betrieb ich eifrig Anthroposophie. Meine geistigen Paten in Göttingen waren die Zweigleiterin Clara Remer und der Pfarrer in der Christengemeinschaft Karl Garms. Beiden verdanke ich sehr viel. Durch Karl Garms wurde ein anhaltendes Interesse für Paulus geweckt. Aber ich arbeitete auch ganz selbständig, ich schrieb mir in zwei Fassungen eine »Sinneslehre« und versuchte mich an dem Bewegungsproblem. Gegen Ende meiner Studienzeit bildete sich eine anthroposophische Studentengruppe, in der wir innerhalb eines Semesters den ersten Band der »Rätsel der Philosophie« von Steiner studierten. Ende Januar 1955 konnte ich meine Studien mit dem Staatsexamen abschließen. Im Februar bereits war ich in Stuttgart am Waldorflehrer-Seminar. Diese Ausbildung dauerte nur wenige Wochen.

Zu Ostern 1955 folgte ich dem Ruf Erich Weismanns an die Freie Georgenschule in Reutlingen. Die Arbeit in diesem Kollegium wurde nun zu meiner eigentlichen Ausbildung zum Waldorflehrer. Ich lernte von den Kollegen und von dem unvergesslichen Schularzt Gustav Hartmann. Es war großartig, sich in Reutlingen die pädagogischen Kinderschuhe ablaufen zu dürfen. Neben dem Unterricht trieb ich nach einer Einarbeitungszeit auch recht umfangreiche anthroposophische Studien und versuchte, was ich mir erarbeitet hatte, in kleine Aufsätze zu fassen. Die allerersten, die ich an Albert Steffen für das Goetheanum schickte, wurden gnädigerweise nicht veröffentlicht. In der Erziehungskunst erschienen aber nach einiger Zeit erste Studien über Zeitgeschichte, über den Epochenunterricht und über das Gedächtnis. Erste Versuche, aus der pädagogischen Arbeit zu berichten, Versuche schreiben zu lernen.

1960 ging ich, dem Rat Ernst Weißerts folgend, an die Tübinger Freie Waldorfschule, die sich damals in einer schweren Krise befand. Die ersten Jahre in Tübingen waren ungemein anstrengend, weil es zu wenig Lehrer gab und man dementsprechend bis zu dreißig Wochenstunden zu unterrichten hatte. Im Laufe der Zeit konnte sich aber die Tübinger Schule wieder stabilisieren, es wurde gebaut, und langsam wurden neue Kollegen gewonnen. Die innere anthroposophische Arbeit ging aber trotz der Arbeit in der Schule unverdrossen weiter. 1961 schrieb ich zu Rudolf Steiners 100. Geburtstag einen Aufsatz »Freiheitsphilosophie und Wiederverkörperung«. Dieser Aufsatz war der erste meiner Aufsätze, der in die Drei erschien (1962).

Durch Ernst Weißert wurde ich bald zu den Sommer- und Herbsttagungen des Bundes der Waldorfschulen herangezogen. Das waren für mich große Herausforderungen, durch die ich mich üben und schulen konnte. Ernst Weißert hielt mit den großen Zeitfragen Kontakt, seiner Anregung war es zu verdanken, dass wir uns mit den pädagogischen Fragen der Sechziger- und Siebzigerjahre befassten – programmierte Instruktion, Curriculum-Forschung, Bildungsreform – und uns bemühten, auf die gestellten Fragen eine Antwort zu finden. Die internen Herbsttagungen standen im Zeichen der Bemühung um ein tieferes Verstehen der anthroposophischen Pädagogik.
1965 erhielt ich den Auftrag, für ein geplantes Sammelwerk über Anthroposophie und Christentum, das nie zustande kam, einen Beitrag zu schreiben, der die Aussagen, die Steiner vor 1900 über das Christentum getan hatte, in das rechte Licht rücken sollte. Diese Arbeit erschien dann 1970 unter dem Titel »Individualismus und offenbare Religion«. Da er mancherorts nicht richtig verstanden wurde, kam es zu heftigen Kontroversen, ja von einigen Seiten zu einer gewissen Verfemung meiner Person. Das ist mir auch später noch einige Male begegnet, so beispielsweise, als ich wieder im Auftrag des Arbeitskollegiums der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft die Bücher von Ravenscroft und Greub kritisch beleuchtete. Das war belastend und ärgerlich, aber ich ließ mich dadurch nicht beirren und setzte meine Arbeit ständig fort.

Etwa 1967 verspürte ich das Bedürfnis, aus dem Waldorfzusammenhang einmal auszubrechen. Ich hatte nur vier Jahre lang studiert und so nahm ich die Gelegenheit wahr, in Tübingen am Seminar für Zeitgeschichte als Assistent zu arbeiten. Ich sah mit großem Erstaunen, wie sich die Forschung, seit ich 1955 die Universität verlassen, verändert hatte und besonders auf dem Gebiet der Zeitgeschichte zu ganz neuen Ergebnissen gelangt war. So waren die zwei Jahre Assistentenzeit ein richtiges Nachholstudium. Zugleich erlebte man die damalige studentische Bewegung in vielen Facetten.

1969 kehrte ich an die Tübinger Waldorfschule zurück, behielt aber den Lehrauftrag am Seminar für Zeitgeschichte noch ein Jahr bei, weil mir dieser Kontakt wichtig war. Im Jahre 1970 begann meine regelmäßige Mitarbeit für die wieder zur Monatsschrift gewordene Drei. Bald kamen weitere Verpflichtungen im Bunde der Waldorfschulen hinzu. Es war mir aber wichtig, die Arbeit in der Schule stets mit ganzer Kraft weiterzuführen. Vielleicht habe ich das nicht immer gut gemacht, aber ich hoffe, dass meine Schüler doch von meinen außerschulischen Engagements profitiert haben.

Im Jahre 1974 kam ein ehemaliger Schüler, Wolfgang Müller, der bei mir 1958 mit besonders gutem Erfolg das Abitur abgelegt hatte und inzwischen Lektor im Rowohlt Taschenbuch-Verlag geworden war, auf mich zu und fragte, ob ich nicht ein Buch über Waldorfpädagogik schreiben wolle. So entstand in den Ferien des Jahres 1974 das Buch »Waldorfschulen angstfrei lernen – selbstbewusst handeln«. Schon bevor ich an die Arbeit ging, hatte ich mich, angeregt durch Ernst Weißert und Ernst Michael Kranich, ein wenig in der damaligen Pädagogik umgetan. Als ich es schrieb, war ich bemüht, an die damaligen Fragen anzuknüpfen und nicht nur für Insider zu schreiben. Bevor das Buch erschien, hatte ich mir ausgerechnet, dass kaum je alle gedruckten 20000 Exemplare abgesetzt werden würden, aber siehe da: Das Buch wurde sehr schnell ein Erfolg. In Deutschland wurden weit über 200000 Exemplare abgesetzt, es erschienen Übersetzungen in mehreren Sprachen.

Für die deutsche Waldorfschulbewegung war damit ein gewisser Durchbruch in die Öffentlichkeit erreicht. Besonders freute es mich, als ich von Hans Scheuerl aufgefordert wurde, einen Beitrag über Rudolf Steiner für die »Klassiker der Pädagogik« zu schreiben. Dieser Beitrag wurde in den entsprechenden Kreisen durchaus wahrgenommen.

Ein anderes wichtiges Anliegen war es mir, die symptomatische Geschichtsbetrachtung auf die jüngste, von Steiner noch nicht behandelte Gegenwart auszudehnen. Das schien mir umso notwendiger, als in manchen Kreisen eine pseudo-okkulte, nicht symptomatische Behandlung der NS-Vergangenheit feilgeboten wurde, die von anderen Autoren bezogene Verschwörungstheorien wieder aufwärmten. So entstand das Büchlein »Die Technik des Bösen« (1978).

Im Jahre 1980 begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich beschloss eine Existenz als freier Forscher zu wagen. Das wurde zum einen dadurch möglich, dass ich einen beschränkten Lehrauftrag am Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart wahrnahm und einige Aufgaben in Angriff nahm. Zunächst wurde ein Buch über den Geschichtsunterricht an Waldorfschulen und ein zweites Buch über Waldorfpädagogik für den Rowohlt-Verlag geschrieben.

Dann stellte ich mir die Aufgabe, das Leben Rudolf Steiners so gut es mir möglich war zu erforschen. Im Laufe der Zeit trat durch die Initiative von Götz Deimann eine weitere Aufgabe an mich heran: die Erforschung der Geschichte der Anthroposophie in unserem Jahrhundert. Von der bisherigen Arbeit an der Steiner-Biografie liegt heute »Rudolf Steiner – eine Chronik« und die bei Rowohlt, wieder auf Wunsch Wolfgang Müllers geschriebene Steiner-Monografie vor, während die eigentliche Biografie noch in Arbeit war. Aus der Arbeit zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung konnte das Buch »Die anthroposophischen Zeitschriften von 1903 bis 1985« erscheinen. Die übrigen Arbeiten befinden sich innerhalb der »Forschungsstelle Kulturimpuls« (Heidelberg), deren Leitung ich gemeinsam mit Götz Deimann und Bodo von Plato übernahm, in verschiedenen Entwicklungsstadien.

Bei der Tätigkeit im Seminar für Waldorfpädagogik ergab sich im Laufe der Jahre, dass ich immer mehr – neben der allgemeinen Pädagogik – den Geschichtsunterricht übernahm und auf dem Felde der Geschichtsdidaktik und Methodik arbeitete. Das war in hohem Maße befriedigend, weil ich den Eindruck gewann, dass die von mir eingeführten Erzählübungen und Übungen an der Epochenplanung sich in der Praxis bewährten. Zugleich war es für mich nicht nur anregend, sondern lehrreich, mit einem Kollegen am Seminar zusammenzuarbeiten. Es vertiefte sich so eine seit den Sechzigerjahren bestehende Freundschaft mit Ernst Michael Kranich, und besonders auf dem Feld der Geschichte kam es zu einem lebhaften Austausch mit Wenzel Michael Götte.

Mein eigenes Bestreben auf anthroposophischem Felde ist es, nicht in die Extreme zu gehen. Zwar habe ich selbst eine starke Neigung zur Philosophie und zur Erkenntniswissenschaft, wovon manche meiner Aufsätze zeugen, aber es geht mir bei diesen Arbeiten eigentlich weniger um die Gedankenentwicklung als darum, bestimmte Realitäten zu beschreiben. So auch in meinen Arbeiten zur Geschichte. Ich halte es für wichtig, die Tatsachen genau zu erforschen. Aber es geht mir darum, durch die Tatsachen auf das zu blicken, was als Geistiges sich durch die Tatsachen ausspricht. Beim Blick auf die Entwicklung der Anthroposophie in unserem Jahrhundert möchte ich weder in Schwarzmalerei noch in Euphorie verfallen. Wichtig ist mir zu beschreiben, wie sich die Anthroposophie im Rahmen der allgemeinen Bewusstseinsseelen-Entwicklung weiterbildet. Davon habe ich zum Beispiel in dem Aufsatz »Michaels heutiges Wirken« (die Drei 1/1995) sowie in meiner Studie »Motive der Weihnachtstagung« (1994) gesprochen.



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