Mit längerer Dauer des Krieges begann das anfangs vermisste öffentliche Gespräch um Sinn und Unsinn des militärischen Einsatzes auf dem Balkan. Je länger der Krieg dauert, desto mehr wird aber auch das Denken militarisiert egal, auf welcher Seite man sich befindet. Die Logik des Krieges macht sich in den Seelen weiter Bevölkerungskreise breit. Will die Politik und die Diplomatie die Oberhand gewinnen, ist eine Umkehr im Denken notwendig.
Als ihm das Regieren noch Spaß machte, sprach der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einer Begegnung mit dem russischen Präsidenten Jelzin den Satz: »Menschen haben Freundschaften, Völker haben Interessen.« Die Interessen, die hier gemeint sind, definieren sich als eigennützig. Darunter fallen: Die Sicherheit des eigenen Volkes; die Integrität eines Staatsgebildes; die Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen.
Dieser Interessensbegriff lehnt sich an die Definition von Interesse an, wie sie im Politikverständnis in den USA tief verankert ist. Will der amerikanische Präsident einen Einsatz amerikanischer Truppen out of area vor seinem Volk und vor dem Kongress durchsetzen, muss er deutlich machen können, dass ein solcher Einsatz im amerikanischen Interesse ist, diesem Interesse dient. George Bush konnte den Aufmarsch am Golf und den Krieg gegen den Irak mit dem Interesse nach ungehindertem Zugang zu den Ölreserven des Nahen Ostens legitimieren. Bill Clinton hat es da im Fall des Kosovo schon schwerer. Um hier ein Interesse zu formulieren, reicht es nicht aus, nur mit der Pflicht zur humanitären Hilfe zu argumentieren. Mit der Osterweiterung der Nato, die noch kurz vor dem Militärschlag gegen Milosevic besiegelt wurde, wird die Interessenssphäre der USA weiter nach Osten ausgedehnt.
Damit folgt der Westen einerseits dem Bedürfnis der ehemaligen Länder des Warschauer Paktes, die während des Kalten Krieges in die »unverbrüchliche Völkerfreundschaft« mit der damaligen UdSSR gezwungen wurden. Sie möchten ihre jungen Demokratien vor einer möglichen Revision durch Russland abgesichert wissen. Andererseits schafft die Natoerweiterung den USA mehr Bewegungsspielraum und Macht, indem die Einflusssphäre ausgedehnt wird. Im deutschen Interesse liegt es, nicht mehr Frontstaat im latent immer noch vorhandenen Ost-West-Gegensatz zu sein. Diese Interessensdefinition wird in der US-amerikanischen Bevölkerung mitgetragen und findet auch im US-Kongress, der in seiner republikanischen Mehrheit eher isolationistisch geprägt ist, die notwendige Unterstützung.
Das Denken, das derlei Interessensdefinierung unterliegt, ist geostrategisch ausgerichet. Es teilt die Welt in Interessensgebiete auf. Ein solches Denken wird von der russischen Seite verständlicherweise mit ähnlichen Überlegungen beantwortet. Man darf unterstellen, dass die russische Empfindlichkeit weniger auf der mythisch überhöhten Völkerfreundschaft mit Jugoslawien oder präziser: Serbien basiert, als vielmehr auf der Furcht vor dem Verlust von Interessenssphären. Die Russen fürchten nicht ganz zu Unrecht, dass in Zukunft auch Gebiete, die früher Teil des Staatsgebildes UdSSR waren, zu westlichen Interessensgebieten erklärt werden könnten, wie z.B. die Exklave Kaliningrad, das ehemalige Königsberg. Bei den Ländern des Baltikums ist dies ja schon de facto der Fall.
Nach der Beendigung des Kalten Krieges und dem einsetzenden Tauwetter in den Ost-West-Beziehungen lebten viele in der Hoffnung, dass sich die Grundwerte von Demokratie und Menschenrechten nun auch im Osten weitgehend durchsetzen würden. Denn nach den erlebten Grausamkeiten des von den Deutschen entfesselten Zweiten Weltkrieges wollte sich niemand vorstellen, dass ähnliche Barbareien auf europäischem Boden noch möglich sein könnten. Aber schon bald wurde man gerade in der Region, in der der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand seinen Ausgang genommen hatte und die von Tito nach 1945 in einem künstlichen Vielvölkerstaat zusammengehalten wurde, eines Schlechteren belehrt. Gegenüber den großserbischen Bestrebungen des Slobodan Milosevic fand man schließlich kein anderes Mittel als den Versuch, mit Drohung und zunehmend militärischer Härte zu reagieren. Die Motive, den verbrecherischen Absichten der serbischen Führung, den Vertreibungen, den Morden und Misshandlungen mit Waffengewalt Einhalt zu gebieten, waren durchaus redlich. Diese Motive werden von den verantwortlichen Politikern auch immer wieder hervorgehoben wie ich meine, durchaus zu Recht. Wogegen sich aber auch ein noch so redlich argumentierender Politiker nicht wehren kann, ist die Besetzung seines Denkens mit der Logik des Krieges. Wer mit dem Rücken zur Wand kämpft wie Milosevic und partout nicht die weiße Fahne hissen will, wer schon zahllose Scheußlichkeiten auf dem Gewissen hat, der hat nicht mehr viel zu verlieren. Der neigt dazu wie seinerzeit Hitler sein Volk mit in den Abgrund zu ziehen. Der ersinnt immer wieder neue Kriegslisten.
Die Nato beantwortet dies mit ständiger Eskalation der Mittel. Zwar versucht sie, die Zivilbevölkerung möglichst zu schonen, doch Politiker und Militärs denken sich immer wieder in die Hirne der Gegner hinein, um adäquate Maßnahmen zu ersinnen, und geraten so selbst in den inneren Kriegszustand. Krieg ist eben nicht wie Clausewitz meinte die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sonderen Krieg ist zunächst das Ende der Politik und der Diplomatie. Der Prozess der Militarisierung des Denkens und Handelns vollzieht sich mit atemberaubender Geschwindigkeit und ergreift weite Bevölkerungskreise nicht nur die Stammtische. Wir gewöhnen uns an den Krieg. Die Rückkehr in andere Bahnen des Denkens dauert ungleich länger. Im Krieg ist die kalte Intelligenz gefordert, die zur Erreichung der Ziele und seien sie noch so hehr auch den Tod zahlloser Unschuldiger achselzuckend in Kauf nimmt.
Gewiss: Es ist schwer, in einer Situation, die Entscheidung abfordert, die Schuld der eigenene kulturellen Umgebung an den kriegerischen Zuständen zu ergründen. Diese Schuld liegt weit in der Vergangenheit. Die Zusammenhänge ehrlich zu ergründen, würde eine andere Art von Interesse erfordern als das eingangs beschriebene. Dies wäre ein höheres, ein anteilnehmendes Interesse am Schicksal der Anderen in diesem Fall auch und gerade der Serben. Dieses höhere Interesse müsste auch zu gegebener Zeit die Fähigkeit des Verzeihens und des Entschuldigens mit einbeziehen. Es bedeutet, das eigene Wesen dem Wesen des Anderen zu opfern, ihn zu verstehen. Und ein zweites ist wichtig: Aufgrund der jetzt gemachten Erfahrung wollen die Nato-Staaten eine neue Strategie ersinnen, die sie in den Stand setzt, in ähnlichen Fällen außerhalb ihres Territoriums einzugreifen. Dafür mag es gute Gründe geben. Doch der Friede wird damit langfristig nicht gesichert. Dieses Denken folgt der alten Logik si vis pacem, para bellum Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Die neue Logik des Friedens muss lauten: Si vis pacem, para pacem Wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor.