Feuilleton


Goldener Himmelsflieger –
am Haken der Illusion

Gesamtkunstwerker Edgar Hawardt

Die Aktionen des Stuttgarter Künstlers Edgar Harwardt glichen in den vergangenen Jahren geheimnisvollen Handlungen im Verborgenen. Begleitet von einer kleinen »Gemeinde« Verschworener gab es »Kunst, wo man sie nicht vermutet«. Dabei handelte es sich um künstlerische, »real-symbolische« Dialoge mit und an öffentlichen Orten – Naturorte, Stadtorte, abseitige Orte. Es gab Arbeiten in Bahnhöfen, Fabrikhallen, Steinbrüchen, Atombunkern, Müllverbrennungsanlagen, Flusslandschaften. In den Nischen der Wohlstandsgesellschaft, in unbehausten Industriezonen und Niemandsbuchten der Natur machte sich Harwardt auf die Suche nach dem Menschen und der Erde. Im April 1999 stellte er sich erstmals in ein bekanntes Zentrum der Kunst. Kunst, wo man sie vermutet: Im und auf dem Kuppelsaal des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart siedelte der Mann mit der Weste sein Projekt Levitation/Hirsch-Prozess an. Die mehrtägige spektakuläre Aktion widmete sich ein weiteres Mal dem Gedanken der Metamorphose, der Verwandlung von Altem zu Neuem und das im Gewand einer sogenannten »real-symbolischen« Handlung.

Das Reale: In 16 europäischen Ländern hatte Harwardt Erde gesammelt und diese kreisförmig im Zentrum des mächtigen Kuppelsaals auf dem Boden positioniert. Diese Erden, mit Wasser vermischt, ließ der Künstler dann in den Kapillaren weißen Fließpapiers aufsteigen. Es entstanden auf diese Weise »Steigbilder«, in ihren oszillierenden Verläufen ähnlich den Seismogrammen des Erdenlebens, die dann als »Neue Erden« – vereinigt, entgrenzt, ganzheitlich – an Stellwänden rund um diesen Harwardtschen »Kreißsaal« ein Endprodukt der Verwandlung waren.

Das Symbolische: Ein mit nationaler, ethnischer Bedeutung aufgeladenes Bodenmaterial, sich gegeneinander abgrenzend, überwindet in der Leere des papierenen Röhrensystems auf wundersame Weise die Schwerkraft, steigt schwebend auf im Nichts und produziert dort für den Betrachter neue Bilderlebnisse. Es sind unwörtliche Texturen, entalphabetisierte, gleichwohl lesbare Botschaften eines künstlerischen Prozesses, in dem sich Naturstoffe und geistige Symbole ineinander verdichten – Poems without words.

Das freie Schweben des menschlichen Körpers ist ein okkultes Phänomen. Die »Levitation« ist der Menschheitstraum von der Überwindung der Gravitation. Die real-symbolische Aktion der Überwindung der Schwere im Kuppelsaal und der Verwandlung des Erdhaften ins Geistige erweiterte/kontrastierte Harwardt dann draußen über dem Gebäude des Kunstvereins am Stuttgarter Schlossplatz. Auf dessen Kuppel, in 30 Metern Höhe, wacht ein goldener Hirsch, genau über dem Zentrum der kreisförmigen Aktionszone im Kuppelsaal. Der Hirsch ist zugleich Symbol ferner Vergangenheit und ferner Zukunft. Er ist ein Objekt der Begierde des Jägers Mensch immer gewesen, Motiv archaischer Malerei wie Symbol für die Jagd nach dem Höheren in einem selbst. Das nennt Harwardt den »Hirsch-Prozess«.

Symbolisch macht er ihn durch eine spektakuläre »Luftnummer« klar: An einem Kran ließ der Künstler einen Mann in einem goldenen Overall langsam nach oben entschweben in Richtung Hirsch, über dessen Geweih dieser goldene Himmelsflieger minutenlang frei schwebend verharrte. Die Leichtigkeit des Seins – wenn auch an schwerem Krangerät stets als Illusion vor Augen geführt. Ein Beispiel für Harwardts ironiegeladene Zivilisationskritik. Den Mythos Levitation verwusch freilich auch ein nervender Landregen nicht von dieser beeindruckenden Aktion, deren Mystifikationen sich wohl nicht jedem erschlossen haben dürften. Aber warum muss man auch alles verstehen? Kunst spricht sich von selbst aus. Und dann ist da ja auch noch der Traum. Er ist der Bruder der Erkenntnis. Eine poetische Erinnerung zum Höhepunkt der magischen Aktion verwies auf eine Hoffnung, die sich im Träumerischen offenbart: »Träumend nur / reit’ ich / zu dir hinüber. / Träumend nur / reit’ ich / zu dir hinüber / was ich wirklich bin.«

Ursprünglich hatte sich der Künstler selbst in die Höhe hieven lassen wollen. Wenige Minuten vor dem Start der Aktion aber entschied er sich für einen Ersatzmann, einen schwindelfreien Stuntman, den er für sich nach oben schickte. Manche der 250 Zuschauer zeigten sich darüber enttäuscht. Doch Kunst ist Enttäuschung von Erwartungen und die Überprüfung dieser Erwartungen ist ein hilfreicher Lernprozess für die Metamorphose von Lebenseinstellungen.

Eine die Aktion begleitende Ausstellung seiner Papierarbeiten, Textcollagen und Unikatbücher in der Stuttgarter Galerie Andreas Henn vermittelte einen anregenden Überblick auf das Œuvre Harwardts. Am 9. Juni 1999 wird Harwardt anlässlich der Poetik-Dozentur von Günter Grass an der Universität Tübingen am Symposium »Grenzgänger – Künstlerisches Schaffen zwischen Wort und Bild« teilnehmen.

Klaus B. Harms



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