Tendenzen

Biotechnologie –
Die zunehmende Lebensfeindlichkeit der Landwirtschaft


Die gegenwärtige Diskussion über mögliche Risiken der Gentechnologie gilt in erster Linie der Gefährdung, die durch derart veränderte Lebensmittel für die Gesundheit des Menschen entstehen könnte. Dass die Sorgen berechtigt sind, zeigen die Ergebnisse und Erfahrungen eines Forschers, der bis vor kurzem Angestellter eines britischen Unternehmens der Biotechnologie-Branche war.

Um die Risiken gentechnisch veränderter Kartoffeln zu prüfen, führte er auf eigene Faust Langzeitversuche anstelle der üblichen Kurzzeittests durch. Das Ergebnis war, dass die Ratten, denen die Kartoffeln verfüttert wurden, im Kurzzeitversuch keine Reaktionen zeigten, in der – unautorisierten –Langzeitüberprüfung jedoch starke pathologische Organentartungen aufwiesen.

Die Reaktion des Konzerns, in dem der Wissenschaftler angestellt war, ist geeignet, alle roten Warnlichter aufleuchten zu lassen – er wurde gefeuert, weil er aus eigener Initiative gehandelt und darüber hinaus anfechtbare Ergebnisse vorgelegt und an die Öffentlichkeit gebracht habe. Das Skandalöse an der Geschichte ist, dass sich die Wirtschaftsunternehmen, die die gentechnisch veränderten Produkte herstellen und vermarkten, offensichtlich selber überprüfen und kontrollieren dürfen.

Es sind massive wirtschaftliche Interessen, die hinter der Biotechnologie stehen und eminenten politischen und meinungsbildenden Druck ausüben. Man hätte eigentlich aus der seinerzeit überstürzten, allen Warnungen und Widerständen zum Trotz erfolgten Einführung der sogenannt friedlichen Nutzung der Atomenergie lernen können. Heute möchte man zurückkrebsen, aber die angerichteten Schäden und der sich unvermindert anhäufende, alle kommenden Generationen belastende Atommüll sind beim besten Willen nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Übereinstimmung mit der Situation gentechnisch veränderter Organismen liegt auf der Hand: Die Maßnahmen sind irreparabel, da sie in den Erbstrom eingehen, sich in der Generationenfolge vermilliardenfachen und damit jeder Kontrolle entziehen.

Eine zusätzliche Gefahr liegt darin, dass die gegenwärtige Diskussion den Blick verengt und sich ausschließlich auf die Gefahren konzentriert, die dem Menschen drohen. Ausgeblendet werden dabei die konkreten und bereits vielfach belegten Auswirkungen auf die Umwelt, auf die uns umgebende und von uns genutzte Natur. Sie gehört schließlich genau so zu uns wie unser Leib, ja, sie ist in gewissem Sinne unser »erweiterter Leib«, da wir ihr alles entnehmen, was wir zu unserem leiblichen Wohle brauchen. Die Herstellung (Züchtung wäre eine unangemessene Bezeichnung) herbizidresistenter Kulturpflanzen durch genetische Manipulation erlaubt bekanntlich die Vernichtung allen übrigen Pflanzenwuchses. Dieses und die Konstruktion von Gewächsen, die selber Insektizide produzieren, führt in seiner Konsequenz nicht nur zur vollständigen Eliminierung der Schädlinge, sondern auch der nützlichen und der ungezählten harmlosen Insekten und anderer Mitbewohner der Kulturlandschaft, der insekten- wie der körnerfressenden Vögel usw.

Dass es dabei gar nicht so sehr um die Frage: Gentechnik ja oder nein geht, sondern um die zugrunde liegende Einstellung: allein dasjenige besitzt Lebens- und Überlebensrechte, das materiellen Nutzen abwirft, zeigen moderne und diesmal echte Züchtungen von herbizidresistenten Kulturpflanzen. Sie sind auf ganz konventionelle Weise durch Auslese und Weitervermehrung von Individuen entstanden, die sich von alleine und auf natürlichem Wege als giftresistent erwiesen. So existiert seit kurzem die Rapssorte »Smart Canola«, die ohne gentechnische Vorbehandlung pestizidresistent ist (New Scientist 27.2.1999). Hier kann der Landwirt also unbesorgt Gift spritzen und alles Leben vernichten, ohne seinem Raps zu schaden.

Diese Entwicklungen zeigen in aller Deutlichkeit, wohin sich die moderne industrialisierte und industrieabhängige Landwirtschaft entwickelt hat. Sie ist längst zum größten Zerstörer außermenschlichen Lebens geworden. Auf ihr Konto geht das Aussterben oder doch der alarmierende Rückgang von Tier- und Pflanzenarten, die noch vor wenigen Jahren überall häufig waren. Wollte man Namen aufzählen, gäbe das endlose Listen (dass die einst überall häufige Goldammer zum bedrohten »Vogel des Jahres« 1999 erklärt wurde, sagt mehr als alle »Roten Listen«). Eine Abschwächung dieser Tendenz ist nicht absehbar, im Gegenteil – die Entwicklung beschleunigt sich.

Die Landwirtschaft hat sich damit in das Gegenteil dessen verwandelt, was sie einstmals war, als sie die reichgegliederte und vielgestaltige Kulturlandschaft schuf, in der sich unzählige Tiere und Pflanzen – darunter auch solche, die vorher keine Lebensmöglichkeiten bei uns vorfanden – frei entfalten konnten. Diese Landwirtschaft war lebensfördernd und lebensschaffend, in schroffem Gegensatz zu ihrer heutigen lebensvernichtenden Form.

Dabei drängt sich unwillkürlich eine Parallele zu gewissen Landschaftsformen auf, natürlichen diesmal – zu Grenzstandorten des Lebens. Begibt man sich beispielsweise in Afrika vom Äquator mit seinen Regenwäldern, dieser reichsten und üppigsten Entfaltung der Pflanzenwelt, langsam nach Norden, dann wird das Bild der Vegetation allmählich immer karger. Nachdem man als nächstes die lichten, nur noch locker mit Bäumen bestandene Savanne durchquert hat, gelangt man in die baumlosen Trockensteppen und schließlich in die Halbwüste, in der nur noch einige wenige Trockenpflanzen den Ton angeben und damit gewissermaßen natürliche »Monokulturen« bilden; wenige Schritte weiter beginnt die Vollwüste. Was sich hier im Raum entfaltet, vollzieht sich offensichtlich in unserer heimischen Kulturlandschaft, unter dem Einfluss des Menschen, in der Zeit.

Dem Landwirt, der unter existenzbedrohendem wirtschaftlichen Druck steht, allein die Schuld an dieser Entwicklung zu geben, wäre völlig verfehlt. Sie ist viel eher bei denjenigen zu suchen, von deren Nachfrage seine Existenz abhängt – bei den Konsumenten, bei uns allen also. Die Zahl derjenigen, die beim Kauf der Lebensmittel nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die Qualität und mit auf die ökologisch gesunden Komponenten beim Anbau der Pflanzen und der Haltung der Tiere achten, ist noch viel zu gering und einer aufgeklärten Minderheit vorbehalten.

Wie aber kann aus der Minderheit eine Mehrheit werden? Dem Städter – Städter auch dann, wenn er sich auf dem Land ein Haus kauft – steht alles, was mit Landwirtschaft zu tun hat, mehr als fern, sie bleibt außerhalb seines eigenen Erfahrungshorizontes. Eine Frage also der Hinführung, vielleicht der Erziehung?

Tatsächlich liegt hier einer der Gründe, weshalb Rudolf Steiner an den Waldorfschulen das Fach Gartenbau einrichten ließ (wozu später an vielen Schulen ein Landbaupraktikum hinzu kam). Es ging dabei nicht um die Einführung eines Berufsorientierungskurses oder, wie an einigen Reformschulen der Jahrhundertwende darum, den Kindern und Jugendlichen rechtzeitig beizubringen, dass das Leben aus Arbeit und nicht aus Freizeit besteht. Steiner erkannte vielmehr frühzeitig den Niedergang der Landwirtschaft, der sich »zu Katastrophen auswachsen könne«, wie er in Gesprächen äußerte. Hauptmotiv für die Arbeit mit der Erde und den Kulturpflanzen waren ihm die Erfahrungen und die Verbundenheit mit dem Gegenstand, die dabei entstünden: »Menschen, die in der Schule einmal diesen Unterricht durchgemacht haben, werden Entscheidungen treffen können, ob eine Methode oder irgendeine Maßnahme in der Landwirtschaft richtig oder falsch ist, nicht, weil sie es gelernt haben, sondern aus der Sicherheit des Gefühls heraus. Auch die moralischen Kräfte werden mit einem solchen Unterricht geübt. In der sozialen Haltung des Erwachsenen wird erst die Auswirkung eines solchen Unterrichtes liegen.« Soweit die Notizen von Gertrud Michels, der ersten Gartenbaulehrerin an der damals gerade gegründeten Stuttgarter Waldorfschule. (
Zitiert nach R. Krause: Zum Gartenbau-Unterricht an den Waldorfschule. Manuskriptdruck der Hiberniaschule Wanne-Eickel.)

Das Ergehen und die zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft erkannte Steiner, wie diesen Worten zu entnehmen ist, zu Recht als eine Aufgabe, die den darin Beschäftigten nicht allein überlassen werden kann – die dadurch nur im Stich gelassen und überfordert würden –, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die jeden angeht, und dies sehr viel unmittelbarer als die Probleme manch anderer Berufe. Schließlich erarbeitet dieser Sektor der Gesellschaft die Lebensgrundlage von uns allen.

Andreas Suchantke



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