Thema

Das Amselfeld heute


Joachim von Königslöw

Die Auslöschung europäischer Kulturlandschaften
– das Amselfeld


Ich halte einen prächtig bebilderten und wissenschaftlich gut gearbeiteten Bildband in Händen: »Spätbyzantinische Kunst« von Gojko Suboti´c, erschienen 1998 in Deutschland. Die italienische Originalausgabe trägt den Titel: »Terra sacra – L'arte del Cossovo«; deutscher Untertitel: »Geheiligtes Land von Kosovo«. Das Buch gibt eine Bestandsaufnahme der mittelalterlichen serbischen Klöster und enthält sich aller nationalistischer Töne. Gerade dadurch ist es eine subtile Werbung für die serbische Sache: Es bleibt bei der Wahrheit.

Die Einleitung des Buches endet mit einem Zitat von André Malraux: Die Kultur, wenn sie das Kostbarste ist, was man besitzt, ist niemals Vergangenheit. Das habe Malraux – so eine Anmerkung – im Blick auf die serbischen Klöster des Kosovo gesagt. Deren offenbare und doch versteckte Schönheit, das ist dieser Wahrheit eine Seite.

Die andere Seite ist, dass in eben diesem Lande ein Krieg tobt, in dem das Amselfeld als Kulturlandschaft völlig zerstört wird. Das geschieht nicht – wie immer schon im Krieg – im Gefolge der Kampfhandlungen, sondern ist vorrangiges Ziel eines bewussten Vernichtungswillens: Dieses Land soll für seine bisherigen Bewohner unbewohnbar gemacht werden! Die tötet oder vertreibt man, wie es gerade besser auskommt. Das Machtzentrum dieses Vernichtungswillens heißt Slobodan Milosevic.

Soweit ich weiß, sind die serbischen Klöster des Kosovo bisher nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Albaner haben sich nie daran vergriffen. Die islamisch gefärbte Kultur der Kosovaren aber, die von Minaretts und Moscheen geprägte Silhouette solcher Städte wie Pe´c oder Prizren samt allem, was an Lebensäußerungen dazu gehört, wird jetzt schnell und durchgreifend vernichtet. Das können die Bomben auf Belgrad und Serbien nicht verhindern! In wenigen Wochen werden Vertreibung und Zerstörung vollständig bewerkstelligt sein, und Kosovo-Polje – das Amselfeld – wird eine merkwürdig menschenleere Mondlandschaft sein, in der serbische Militärfahrzeuge hin- und herfahren (oder solche einer »westlichen« Besatzung) und in der die vorzüglich gepflegten weißen oder ziegelroten serbischen Klöster und Kirchen als Zeugen einer sehr fernen Vergangenheit aufragen. Terra sacra – Geheiligtes Land von Kosovo: Ein riesiger Friedhof, in dem (von den Serben) einer Geschichte gedacht wird, die etwa vor 500 Jahren zu Ende ging.

Dieses Szenario – so grausig und empörend es klingt – ist ja nicht neu; es passt als neuer Baustein in eine Reihe von ganz ähnlichen Zerstörungskampagnen in Europa. Man hat den Eindruck, dass ihnen eine umfassende Strategie zugrunde liegt. Diese Strategie ist nicht als eine klar erkennbare politische Gesamtidee fassbar, denn vordergründig verfolgen die Akteure durchaus ihre eigenen politischen Zwecke – und doch scheinen diese Ausdruck einer »höheren« Zerstörungsmacht zu sein!

Es soll hier nicht meine Aufgabe sein, einer politischen »Verschwörungstheorie« nachzugehen. Es ist aber deutlich, dass – in größerem Rahmen gesehen – diese Zerstörungsausbrüche eine Art Schattenwurf, eine Art Reaktion auf das geistig-moralische Versagen des Europäertums im 20. Jahrhundert sind. Europas Völker haben sich seit 150 Jahren im Gefolge des materialistischen Denkens mehr und mehr in nationale Egoismen verstrickt, seien diese machtpolitischer, wirtschaftlicher oder gefühlsmäßiger Art, und finden keinen Ausweg daraus. Der könnte einzig auf geistigem, bewusstseinsmäßigem Felde gesucht werden und müsste das Erbe der jahrhundertelangen geistigen Teilung Europas aufarbeiten, die weit über das kirchliche Schisma hinausgeht. Sie begann im 9. Jahrhundert und fand ihren Kampf- und Austragungsort vornehmlich in Ost- und Südosteuropa. Aufbau- und Abbauprozesse hielten sich dort lange die Waage und machten das ethnische, kulturelle und seelische Gefüge Südosteuropas so vielfältig und reich, aber auch so kompliziert und labil.

Aber unter dem Ansturm von Materialismus, Nationalismus und Machtpolitik im 20. Jahrhundert bricht das labile Gleichgewicht Ostmittel- und Südosteuropas insgesamt und dann noch besonders Land für Land zusammen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg legt sich eine Zone von »Wüstungen« quer durch Ostmittel- und Südosteuropa. »Vorspiele« von Vertreibung und Verwüstung gab es bereits in und nach dem Ersten Weltkrieg. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Zerstörung gigantische Ausmaße an: Zuerst wurde im polnisch-russischen Grenzgebiet durch die Nazis die ostjüdische Kultur samt Menschen, Land und Bauwerken zerstört. Die Vertreibung der Deutschen nach 1945 aus Russland, dem heutigen Polen und dem Sudetenland hinterließ dort ebensolche »Wüstungen«. Manches davon ist notdürftig vernarbt. In Ostpreußen, soweit es sowjetisch wurde, ist die Wüstenei einer dünn besiedelten Ruinenlandschaft noch zu besichtigen!

Die Verwüstungen, die der Sozialismus insgesamt an Menschen, Landschaften, an Städten und Bauwerken verursachte, befielen wie ein Aussatz mehr oder weniger alle »sozialistischen« Länder und wirken heute noch nachhaltig in der Mentalität der Menschen weiter.

Doch gab es darüber hinaus Höhepunkte der Barbarei: Rumäniens Diktator Ceaucescu ließ nicht nur unzählige Dörfer, sondern auch mehr als ein Viertel des Zentrums der Hauptstadt Bukarest niederreißen. Der rumänische Dichter Mircea Dinescu findet für diese Zerstörungswut ein groteskes Bild:

»In alten Zeiten, als Ceaucescu sich in Begleitung einiger Bulldozer durch Bukarest fahren ließ und aus dem Auto heraus mit einer kurzen Handbewegung zeigte, welche Kirche wieder einmal abgerissen werden musste, dachten wir alle mit Grausen daran, was alles uns hätte zustoßen können, wäre eine ganz gewöhnliche Fliege in die Limousine des Präsidenten eingedrungen. Denn noch während der vielgeliebte Conducator versucht hätte, sie mit wilden Bewegungen seiner weisen Hände zu vertreiben, nach links und rechts, nach oben wie nach unten, hätten sich ganze Divisionen von Bulldozern in die angezeigten Richtungen gestürzt – in einer halben Stunde wäre Bukarest vom Erdboden verschwunden gewesen …«1

Aber kaum war Ceaucescu verschwunden, da führte die Tatsache, dass nun der jahrzehntelange unerträgliche Druck nachließ im Verein mit illusionistischen Vorstellungen vom reichen und schönen Leben im Westen dazu, dass die verbliebene deutsche Bevölkerung Siebenbürgens auswanderte. Sie ließ eine der charaktervollsten europäischen Kulturlandschaften »ohne Pflege« zurück. Natürlich wird diese mehr oder weniger von Rumänen und Zigeunern eingenommen. Aber zunächst einmal liegt die Melancholie einer großen Verlassenheit und des Verfalls über den ehemals »sächsischen« Landstrichen, ihren Dörfern und Kirchenburgen – nicht, weil da keine Menschen wären, sondern weil da kein »Volksgeist« – d.h. kein Genius – mehr zu spüren ist, der die Menschen zu schaffender Initiative und seelischer Erfülltheit brächte. Denn das drückt sich immer deutlich in der Atmosphäre einer Landschaft aus.
War das ein rascher, unkriegerischer Prozess, so sorgt nun Serbiens Diktator Milosevic dafür, dass weitere Kulturlandschaften Europas systematisch zerstört werden. Zunächst versuchte er es – mit beachtlichem Erfolg – in Kroatien. Und da – nur da! – ging ein Aufschrei der Empörung um die Welt, als er das berühmte Dubrovnik beschoss. Es wurde aller Welt klar, dass das keinen militärischen Sinn hätte, sondern eine Kulturvernichtungsstrategie war. Dubrovnik entging zwar dem Schlimmsten, aber im serbisch besetzten Kroatien wurden nicht nur Menschen, sondern auch unzählige Kirchen und Kulturgüter zerstört.

Dann brach der Krieg in Bosnien aus. Es zeigte sich, dass es den Serben nicht nur um Eroberung, sondern um die Vertreibung der anderen Bevölkerung und die Ausmerzung der anderen Kultur ging. (Die Bogumilensteine wurden systematisch zerstört.) Bosnien liegt jetzt als ein zerwühltes Schlachtfeld vor uns – auch die Seelen seiner Bewohner sind so ein zerwühltes Terrain!

Im Schatten der serbischen Zerstörungswut ging fast unter, dass die Kroaten mit den ehemals serbisch bewohnten Landstrichen ganz ähnlich verfuhren: Heutzutage liegt die sog. Krajina als ein fast menschenleeres, ausgebranntes Gebiet zwischen Dalmatien und Nordwest-Bosnien.

Vor allem das Wesentliche wurde in diesen Kampagnen zerstört: Die Beispiele fruchtbarer Durchdringung der verschiedenen Kulturen, das Miteinander der Menschen, das Nebeneinander von Denkmälern der verschiedenen Zeiten und Völker – das anschauliche Bild dessen, dass Europa dem Miteinander verschiedener Kulturimpulse seine Größe und seine schöpferische Kraft verdankt. Eine Zone von »Wüstungen« durchzieht Europa von Nord nach Süd, im Norden kaum vernarbt, im Süden als brennende Wunde.

Der Blick auf dieses historisch-geographische Tableau stimmt sehr traurig: In den letzten Herbststürmen dieses Jahrhunderts zieht ein Winter herauf, der sich darin ausdrückt, dass den europäischen Nationen keine Säfte geistiger Erneuerung mehr zufließen. Da es so ist, ist es auch nicht schwer, sich weitere potentielle »Opfer« vorzustellen: Albanien oder ein in Bürgerkrieg und Zerfall gleitendes Mazedonien. Oder die Ungarn, die aus den Nachbarländern Serbien, Slowakei oder Rumänien aufgrund irgendwelcher Demagogien unterdrückt und vertrieben werden. Oder ein Baltikum, das durch unselige Entwicklungen einem aufgewühlt-chauvinistischen Russland anheimfällt. Der Westen wird mit seiner »Menschenrechtsrhetorik« aber nicht helfen, bevor es zu spät ist. Und es wird immer zu spät sein, wenn die Entwicklung erst einmal so weit gekommen ist, dass nicht Menschen Menschen, sondern Gruppen Gruppen gegenüber stehen, die sich inneren Halt durch jeweils andere religiöse, kulturelle, ethnische oder bewusstseinsmäßige Identitäten suchen. Insofern beginnen die Thesen Samuel Huntingtons vom »Zusammenprall der Kulturen« wie Gift unter den Menschen zu wirken.2

Aber die Geschichte ist trotz allem keinem naturgesetzlichen Zwangsregime unterworfen. Dass es so sei, ist die verderbliche Ideologie, die uns der Materialismus eingeimpft hat. Im Gegenteil: Geschichte kann von freien Menschen gestaltet werden, wenn sie sich ihrer Gedanken und Initiativmöglichkeiten bewusst werden und sie bis in ihren Willen hinein realisieren.

Das heißt aber: Das Kampffeld der Zukunft liegt da, wo es um die Bildung dieser freien Gedanken- und Initiativkräfte oder eines manipulierten Bewusstseins geht: Also in den Elternhäusern, Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Wenn da nicht ein tragfähiger Grund zu einem neuen Bewusstsein von Menschentum gelegt wird, stehen wir auf allen politischen und sozialen Schlachtfeldern von vornherein auf verlorenem Posten!

Das zeigt uns der Krieg auf dem Amselfeld auf tragisch-groteske Weise. Was ist denn nun »heilig« an der blutgetränkten Erde des Kosovo? Das fundamentale Missverständnis der Verteidiger »der heiligen Erde des Kosovo« ist, dass seit dem Pfingstereignis der Heilige Geist nicht mehr der Geist von »Blut und Boden« ist, sondern ein Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht, ein »heilender« Geist, der dem Menschen durch den göttlichen Anteil seines Wesens, durch seine Verbindung mit der Tat des Christus zukommt. Das ist eine Grundwahrheit des Christentums. »Heilig« kann die Erde nur durch Menschen werden, die sich als Pfingstgemeinschaft dem »Wehen des Geistes« öffnen, die sich verstehen, weil sie sich gemeinsam einem Höheren öffnen. Diese Wahrheit haben die Einpeitscher des serbischen Nationalismus verraten. Deshalb stehen sie weltgeschichtlich auf verlorenem Posten, selbst wenn es ihnen noch gelingt, ihre Umwelt in Chaos und Leid zu stürzen!

Anmerkungen:
1) Die kleinen Käfer vom Balkan, in: FAZ Nr. 86, 14. 4. 1999. Zurück zum Text
2) Für die Türkei beschreibt das Orchan Pamuk: Der Zorn einer unglücklichen Nation, in: FAZ Nr. 88, 16. 4. 1999. Zurück zum Text


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