Reinkarnationserinnerung,
Reinkarnationsforschung.
Eröffnung einer Debatte
Die Auseinandersetzung der anthroposophischen Publizistik mit dem Problem der tatsächlichen oder angeblichen Reinkarnationserinnerung hat eine lange Geschichte. Sie reicht bis in die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts zurück. Die genealogischen Bestandteile dieser Geschichte führten die daran Beteiligten in die Abgründe okkulter Machtkämpfe, in erbitterte Auseinandersetzungen um die wahre Paradosis und das Weiterwirken des okkulten Gnadenstroms, die Anthroposophische Gesellschaft aber an den Rand der Selbstzerstörung. Auf diese Geschichte soll hier nicht näher eingegangen werden, obgleich sich dies lohnen würde. Seit geraumer Zeit ist eine Bemühung im Gang, die im Verlauf dieser Auseinandersetzungen geschlagenen Wunden zu heilen und Versöhnung zwischen den involvierten Parteien zu erreichen. Inwieweit diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, ist eine Frage, die allein die Geschichte beantworten kann. Das Ableben der unmittelbar Beteiligten bringt nicht unbedingt eine Lösung, denn durch ihr Wirken und das Wirken ihrer Historiografen sind Mythologeme entstanden, die neue geistige und soziale Konflikte nach sich ziehen und die Situation zusätzlich komplizieren. Im vergangenen Jahrzehnt und vermehrt seit einigen Jahren hat sich die Anthroposophische Gesellschaft gezwungen durch die prekäre Nachfragesituation einen Blick in die nicht-anthroposophische Welt anzueignen begonnen, der von der Frage nach dem spezifisch anthroposophischen Anteil in den Weltereignissen geleitet ist. Während das missionarische Bewusstsein in der Nachkriegszeit Scharen von Verkündern motivierte, die das exklusive Geistesgut der Anthroposophie der Menschheit nahezubringen versuchten, schwärmen gegenwärtig Suchtrupps aus, die mit mehr oder wenig geschärftem Spürsinn der Frage nachgehen, wo die Quellen der Anthroposophie außerhalb von Gesellschaft und Bewegung sprudeln.
Mit diesem gewandelten Blick hängt es zusammen, dass innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung vermehrt Welterscheinungen diskutiert werden, um deren richtige oder angemessene Interpretation gefochten wird. Unter veränderten Vorzeichen kehren nun ähnliche Konfliktkonstellationen wieder. Nur erscheinen als Träger der Reinkarnationserinnerung nicht bekennende Protagonisten der Anthroposophie, sondern scheinbar Außenstehende. Innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung entwickelt sich eine Diskussion um die rechtmäßige Beurteilung und Interpretation der mit jenen angeblichen Erinnerungen verbundenen Authentizitäts- und Wahrheitsansprüche. Aufgrund des Erbes, das die Interpreten der Gesamtausgabe verwalten, sehen sie sich selbst als die auserwählten Richter über Wahrheit und Wirklichkeit der Reinkarnation. Doch kommen die verschiedenen Richter bei der Applikation ihres Gesetzeskanons zu unterschiedlichen Urteilen über die zu behandelnden Fälle. In der Auseinandersetzung über die abweichenden Urteilssprüche kommt es zu einer Wiederkehr der nicht bewältigten Gesellschaftsgeschichte. Wieder bilden sich Parteien und Schulen, die sich durch ebenso vorbehaltlose Zustimmung wie auch Ablehnung bestimmter Wahrheitsansprüche und die Verfemung der jeweils anderen Partei auszeichnen. Es scheint, als hinge das Lebensglück und die Verankerung der an der Diskussion Beteiligten im Dasein an der Gültigkeit ihrer eigenen Urteile und der von ihnen erfassten Wirklichkeit. Dabei fehlt in der mit Heftigkeit geführten Diskussion zumeist das Methodenbewusstsein, ein Mangel, der der gesamten Debatte etwas Gespenstisches verleiht. Das Erinnern der eigenen Geschichte müsste gerade Angehörige der anthroposophischen Bewegung für die desaströsen Auswirkungen von Reinkarnationserzählungen auf das Bewusstsein und die sozialen Beziehungen der Menschen, die deren Faszination erliegen, sensibilisieren. Man kann doch nicht immer in dieselben Fehler verfallen.
Ein Beispiel für viele andere 1997 fand die deutsche Ausgabe des Buches Und die Wölfe heulten von Barbro Karlén einen euphorischen Empfang durch die Zeitschrift Info3. Einen Lobgesang stimmte Amnon Reuveni an. Er bettete das Erscheinen Barbro Karléns im anthroposophischen Publikationshimmel in seine Privatapokalypse ein, in der sie einen herausragenden Platz einnimmt. Für Reuveni stehen am Ende des 20. Jahrhunderts die »Geister der Abgrundtiefen« auf. Für ihn ist jeder, der an der Tatsache der Reinkarnation zweifelt, dem Wirken des Bösen erlegen. Aber auch, wer Zweifel an der Wahrheit der Behauptungen Karléns anzumelden wagt, wird von Reuveni in eine höchst unappetitliche Ecke gestellt, in die Ecke derer nämlich, die er Revisionisten nennt und die schon lange die Echtheit der Tagebücher der Anne Frank bezweifelten. Diese Revisionisten werden, so Reuveni, »sich nicht scheuen, zu behaupten, die Geschichte von Barbro Karlén sei frei erfunden, um die »berüchtigten« Zwecke der Amerikaner, der Zionisten und des »Weltjudentums« zu fördern.« (S. 29) Aber auch »überzeugte Materialisten« oder »aus anderen Gründen skeptische Menschen«, die »Probleme mit der Autobiografie von Barbro Karlén« bekommen, werden in die Nähe der »radikalen Opposition« »gegen die europäische Kultur«, die »wieder ihr lügnerisches Haupt hebt«, gerückt. Für sie gilt, dass sie der »Wut der Dämonen, die den Geist des allgemeinen Menschentums verfolgen« (ebd.), nicht standzuhalten vermögen.
Reuveni schloss sich in seiner Rezension bewundernd der »Welle von Staunen« an, die die Bücher Karléns in Schweden hervorgerufen haben. Für ihn gibt es wie für manche seiner Vorgänger keinerlei Zweifel an Karléns Geschichte: Denn die konkreten Erinnerungen Karléns »erhellten die Verfolgungen in diesem Leben dadurch, dass sie die Motivation der Gegner Saras in ihrem vorigen, gewaltsam beendeten Leben zeigen.« Was Reuveni besonders beeindruckt, ist der okkulte Kolportageroman. Denn nicht nur die früh verstorbene Anne Frank ist wiedergekehrt: »Auch andere Menschen, die sie damals verfolgt hatten, sind wieder da.« Barbro Karlén ist es, so Reuveni, gelungen, Personen zu identifizieren, »die in ihrer unmittelbaren Nähe wieder aufgetaucht waren. Diese Menschen waren schon in ihrer KZ-Zeit ihre Feinde und hatten in der Folge einer dramatischen Konfrontation einen gewaltsamen Tod erlitten.« Reuveni, als dem ersten Rezensenten, fiel genauso wenig wie allen anderen, die auf ihn folgten eine merkwürdige Unstimmigkeit in der Autobiografie Barbro Karléns auf. Während nämlich Anne Frank, nach der Erinnerung Karléns, ein Opfer des Verbrennungsofens wurde ( und die Wölfe heulten, S. 174), starb Anne Frank nach übereinstimmender Auffassung ihrer Biographen im KZ an Flecktyphus.
Dass die Abenteuerlichkeit dieser Fiktion allen Plausibilitäten ins Gesicht schlägt, scheint keinem der Paladine Barbro Karléns aufgefallen zu sein. Möglicherweise halten sie die Geschichte auch gerade deswegen für glaubhaft.