Leserforum



Nachtrag zu Thomas Göbels Artikel über die Malereien im Batschkowo-Kloster
(12/98, S. 65)

Wie Guntram Beckel im Leserbrief (1/99) schon vermutete, sind die Texte auf den Schriftrollen der griechischen »Heiligen« der Schlüssel zum Verständnis der Malereien. Die Texte lauten folgendermaßen (berichtigt bzw. ergänzt, wo sie fehlerhaft sind):
Aristophanes: »Und er wird seinem Volk die Taufe der Sinneswandlung geben, und selig ist, wer auf ihn hört.« »Odoneristos« (nicht Thaomeres, der Name ist eine Entstellung von Don=Hermes Trismegistos): »Gott ist Nous und Logos und Pneuma, und der Logos wird, durch den Vater Fleisch geworden, alle Menschen erretten.«

Diogenes: »Ich frage euch, was die himmlische Vorsehung in den letzten Tagen und Zeiten tun wird.«
»Areskalos« (nicht Perikles; aus verwandten Orakelsammlungen geht hervor, dass Ares gemeint ist): »Der Sohn will aus dem Sohn herabkommen und als Sohn eines Sohnes im Mutterschoß Wohnung nehmen.«
Kleomedes (nicht Kleomanes): »Der den Himmel ausgespannt und die Erde auf die Wasser gesetzt hat, wird später geboren.«

Sokrates: »Und er wird Fleisch annehmen von einer hebräischen Jungfrau, und er wird gekreuzigt werden, und selig sind, die auf ihn hören.«

»Hokyaros« (eine Entstellung von Homer): »Es wird zu uns kommen in der Endzeit ein Herrscher der Erde und des Himmels, und das Fleisch wird erscheinen ohne jeden Fehl.«

Aristoteles: »In jenen Tagen wird das Licht der heiligen Dreieinigkeit leuchten über die ganze Schöpfung.«
Galen: »Unter einem frommen König wirst du, Sonne, mich wiedererblicken; und er wird den Tempel des Apollon vernichten.«

Die Sibylle: »Sein Sohn, der Christus, aber wird geboren werden aus der Jungfrau Maria, und ich glaube an ihn.«

Platon: »Gott war und ist und wird sein ohne Anfang und ohne Ende.«

Plutarch: »Einst wird der kommen, der ohne Anfang ist.«

Es lässt sich leicht erkennen, dass der Inhalt der Sprüche mit tatsächlichen Äußerungen der »Weisen« nichts zu tun hat; vielmehr handelt es sich um bekenntnishafte Aussagen meist christologischen Inhalts (z.B. das Dogma vom anfanglosen Christus in der Schriftrolle des Plutarch). Gerade aus dem spätbyzantinischen Mönchtum wurden den eigentlichen Lehren der antiken Denker vielfach größte Bedenken entgegengebracht; wenn sie hier dennoch als Verkünder des Christentums erscheinen, so wohl deshalb, weil ihre Namen Autorität ausstrahlten und daher geeignet waren, die Position der Kirche zu festigen, wenn man sie auf kompatible Weise einbinden konnte. Das geschah, indem man ihre Zahl auf die Zwölfzahl der Apostel erhöhte und sie ohne Rücksicht auf ihre eigenen, wirklichen Errungenschaften mit malerischen Mitteln zu heiligen Mitbegründern der Kirche erhob. So lässt sich wohl bei näherem Hinsehen Herrn Göbels Auffassung nicht halten, dass man sich hier in den aus der Antike in das Christentum hineinfließenden Geistesstrom stellen wollte. Den Mönchen ging es eher darum, in der Bedrohung, die sie in Häresien, den Machtansprüche der Westkirche und den islamischen Eroberern sahen, die eigene spirituelle Identität zu behaupten. Da durften auch die alten Heiden mit anpacken.


Christiane Schwind, Trier



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