Natur und Umwelt


Der Lindenbaum

Die Urheimat der Linde sind die Tropen. Von dort verbreitete sie sich vor Urzeiten über weite Teile der Erde. Dabei nahm sie sehr unterschiedliche Gestalten und Formen an, die einander kaum ähneln. Die Völker in der Mitte Europas haben sich sehr innig besonders mit dem Lindenbaum verbunden. So pflegten bei der Geburt eines Kindes seine Eltern eine Linde zu pflanzen und sein Schicksal mit dem des Baumes zu verbinden. Die Germanen erkoren sie zum Friedensbaum und weihten sie der Göttin Freya, der mütterlichen Beschützerin von Leben und Liebe. Unter der Dorflinde wurde Gericht gehalten, sie war der Thing-Baum und schützte die Menschen vor Unrecht. Ein schlichtender Schiedsspruch sollte den Streit zum Frieden ab-»lindern«. In der nachfolgenden christlichen Zeit wurde die Linde zum »Baum Marias« und diente nach dieser Umwidmung weiter dem Leben und der Liebe.

Die Geschichte berichtet, dass in Kriemhilds Garten eine alte Linde blühte, in deren Schatten 500 Frauen Platz fanden. 12 tapfere Helden, darunter Siegfried, bewachten sie. Als Siegfried durch das Blut des getöteten Drachen eine unverwundbare zweite Haut erhielt, klebte ein Lindenblatt auf seinem Rücken, es war seine einzig verwundbare Stelle, durch die Hagen später seinen Speer bohrte und Siegfried tötete.

Während der Blütezeit wird die Linde von Wolken von Bienen und Hummeln umschwärmt und besucht. Den lieblichen süßen Duft der weißlich-gelben Blüten kann man schon von weitem wahrnehmen. Der Mensch pflückt gerne die Blüten und bereitet daraus einen heilkräftigen, schweißtreibenden Tee, insbesondere bei Erkältungskrankheiten. Er wirkt auch harntreibend, beruhigend und krampfstillend.

In nahezu ganz Europa ist die »Sommerlinde« (Tilia platyphyllos) zu finden, es war die klassische Dorflinde, deren Blütenstände 3-5 Blüten aufweist, und die Winterlinde (Tilia cordata), die etwa zwei Wochen vor der Sommerlinde blüht, ab Mitte Juni; sie bildet einen Blütenstand mit 4-10 Blüten. Die Winterlinde kommt in unseren Gegenden häufiger als die Sommerlinde vor. Sie bevorzugt geschützte, warme Lagen und wächst gerne zusammen mit Eichen und Hainbuchen in Mischwäldern. Bekannt sind größere Bestände im Hessischen Bergland. Die Sommerlinde steigt, anders als ihr Name vermuten lässt, höher in Gebirgen auf als die Winterlinde. Sie liebt krautreiche, feuchte Bergwälder. Berühmt sind die Lindenwälder im Pfälzer Wald.

Früher gab es zahlreiche Alleen, die beidseitig mit Linden bestanden waren, darauf weisen noch heute Straßennamen hin: »Unter den Linden« oder »Lindenallee«. Mit zunehmendem Straßenverkehr ging der Bestand der empfindlichen Bäume stark zurück; Linden vertragen die Auto- und Industrieabgase nicht und verkümmern rasch. Diese Bäume werden gern von Blattläusen befallen, die ihre Blätter mit Zuckersaft überziehen, von dem Pilze angelockt werden, die die Blätter schwärzen.

Das Holz der Linde ist weich, es wird von Holzschnitzern sehr geschätzt. Berühmte Künstler wie Riemenschneider und Veit Stoß schufen ihre bekannten Holzbildnisse, Heiligenstatuen, Altäre und Krippen aus dem heiligen Holz der Linde, die noch heute zu bewundern sind.

Hans Harress



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