Feuilleton



Faust muss noch weiter suchen

Zur Aufführung »Faust I« im Schauspiel Frankfurt am Main

Das Goethe-Jahr, die 250. Wiederkehr des sicher weltweit bekanntesten deutschen Dichters, findet seinen Niederschlag in der öffentlichen Kulturlandschaft auch dort, wo Goethe außerhalb der Schulpflichtlektüre am populärsten ist – im Theater. Michael Gruber inszeniert das wohl gewichtigste Theaterwerk Goethes, »Faust«, am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Die beiden in Meißen und Cottbus aufgewachsenen, noch nicht einmal dreißig Jahre alten Regisseure Tom Kühnel und Robert Schuster versuchen sich an »Faust« im Schauspiel in Frankfurt am Main, unweit Goethes Geburtshaus im Zentrum der Banken-Stadt. Diverse Finanzinstitutionen und Wirtschaftsunternehmen ermöglichten mit Spenden von nahezu 600.000 Mark die Inszenierung »Faust I« und »Faust II«, der im Mai folgen wird.

Die beiden Regisseure, die sich 1991 als Regiestudenten an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch kennen lernten und seit 1992 gemeinsam inszenieren, haben sich nicht nach diesem mit vielschichtigen hohen Erwartungen gespickten Stoff gedrängt. Aber als Vertreter einer von manchen Ideologien befreiten Generation können sie offensichtlich neugierig und unbefangen auf »bürgerliche« Kulturanfragen eingehen. Dieser Hintergrund spiegelt sich in einer verspielt-ernsthaften »Experimentierfreude in Maßen«, die auch von der älteren Generation noch nachvollziehbar ist – was auch die »Faust«-Inszenierung kennzeichnet, die sie gemeinsam mit ihren Schauspielern erarbeiteten.

Die große schwarze leere Bühne, befreit von allem Verdeckenden wie Kulissen und Vorhang, bietet Raum für das, was versucht wird mittels wirkungsvoller technischer Effekte (bei der Geist-Erscheinung) und chorischer Darbietung darzustellen: das Geistige, sinnlich nicht Fassbare – seien es Erdengeister, Engel oder Gott. Die Damen und Herren des Chores im neutral-gewichtigen Frack sind angemessen – und doch, ihr Sprechen oder Singen fließt oft fast monoton dahin. Sprachrhythmus, exakte und pointierte Aussprache und der dahinter stehende Inhalt verbinden sich zu selten zu einer nur von gemeinsamer Rezitation zu erzielenden Intensität (wie es der Chor in der klassisch und doch nicht distanziert dargebotenen Kühnel/Schuster Inszenierung von Sophokles' »Antigone« beeindruckend vorführte).

Die Figur des suchenden Dr. Faust sollte nach dem Willen der Regisseure im Mittelpunkt des Dramas stehen, nicht, wie üblich, der facettenreiche Charakterkopf Mephisto. Aber wie kann einer, dessen innere Zerrissenheit (»zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«) sein Wesen so sehr prägt, dass er sich auf höchste Gefahren einlässt, wie kann eben diese starke Persönlichkeit wirklich überzeugend sein, wenn sein unmittelbarer Gegenüber und Herausforderer klein und gespalten ist? Und das auch im wörtlichen Sinne, denn die Figur des Mephisto zerfällt in dieser Inszenierung in wesentlichen Teilen in Puppen-Figuren (spielerisch sicher gelungen dargeboten): ein kleiner spitzbübisch-zwergenhafter Mephisto, ein Affe, Fuchs, Ziegenbock, eine Katze. Auch der Junker (dargestellt von Oliver Krietzsch-Matzurka) als direktes Gegenüber der Frau Marthe (gespielt von der dafür etwas zu jugendlich-naiv wirkenden Jenny Schuly) bleibt im Wesentlichen farb- und kraftlos.

Was den beiden Regisseuren in der Aufführung von Ibsens »Peer Gynt« im letzten Jahr überzeugend gelang, die Öffnung einer neuen Fühl- und Verstehensebene durch Puppen, die von schwarz gekleideten Schauspielern geführt werden (wie die Troll-Figuren und ein anrührender Peer Gynt-Junge), bleibt hier auf weiten Strecken nur Spiel mit der Spielfigur – persifliert bis hin zum neckischen Kuss der Mephisto-Puppe für die Wams und Feder bringende, per Einheitsfrack anonymisierte Dame. Es ist nicht unbedingt falsch, sein Publikum (gerade angesichts der Textmasse) unterhalten zu wollen – aber ob das Faust-Stück selbst nicht genug an der eigentlichen Handlung orientierten Witz enthält, würde man gerade diesen beiden jungen Regisseuren zutrauen verstärkt herauszustellen, zumal eben ihre bisherigen Klassikerdarbietungen weder verunstaltende Texteingriffe noch rein Effekt haschenden Zeitbezug nötig hatten.

Christian Tschirner ist als alter Dr. Faustus bis in jede Mimik, Geste und Haltung der sich selbst zerreibende und immer noch stolze Wissenschaftler – so sehr, dass ihm vielleicht deshalb später als radikal verjüngtem Faust die Lebensintensität eines doch weiter Strebenden fehlt (oder nimmt er manchmal bewusst die heutige Haltung einer coolen Jugendlichkeit ein?).

Wie die erste Begegnung des verjüngten Faust mit Gretchen aus dem scheinbar willkürlichen Fortgehen des Chores vor der Pause entsteht, gehört zu den beeindruckendsten Ideen der Inszenierung: Liebesfäden scheinen durch den dunklen Raum zu schweben, die Worte sind nur der Schwebebalken, auf dem die Liebe anfängt, zu balancieren. Liebe hebt die Einzelne aus der Masse der schwarzen Chor-Fräcke, nimmt vorweg, was sich auch in dem dann grau gewandeten Gretchen nach der Pause vollzieht: Eine Verwandlung durch die Liebe zu Faust, ein Erblühen – an dem sich der Zuschauer aber nicht voyeuristisch ergötzen kann, denn immer scheint im Blick, im Spiel dieses Gretchens, ganz besonders in ihrem zarten Gesang (»Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer«) schon die Ahnung eines Verwelkens zu liegen. Vielleicht ist dies schon so sehr antizipiert, dass am Ende in der fast akrobatisch eingeleiteten Kerkerszene (ein ablenkender Effekt) die Entscheidung Gretchens gegen Faust, gegen Mephisto, und für das Akzeptieren der Folgen des eigenen Lebens – bis hin zur Art des Sterbens – so undeutlich bleibt, vom Zuschauer mehr erinnernd gewusst als erlebt werden kann.

Dem schmalen Grad der menschlichen Freiheit, den es selbst noch für das wahnsinnig gewordene Gretchen gibt, entspricht der schmale Weg zwischen Gut und Böse, den Mephisto als der, der »stets das Böse will und stets das Gute schafft« immer neu provoziert. Und da Gott heute, anders als zu Zeiten Goethes, inzwischen fast nur noch ein Traditionsbegriff ist, stellt das Nachspüren auf diesem Pfad den größten Stolperstein der Interpretation des Lebensdramas dar. Diese inhaltliche, geistige Fragestellung scheint wenig erfasst, zu leicht genommen von dem jungen Ensemble – vielleicht nicht anders möglich vor dem eigenen Zeit- und Erfahrungshorizont. So versanden die Fragen und Zweifel Fausts, der scheinbar stets das Beste will und doch das Böse ermöglicht, im Spielfluss fast zu Nebensächlichkeit und Gleichförmigkeit.

Diesen Eindruck von nicht genutzten Möglichkeiten verstärkt der Einsatz eines englischen Internatsschülern ähnelnden Kinderchors, der die Walpurgisnacht darstellen soll. Auch wenn zumindest dank der Medien aktuelle ausschweifende Bilder analog den Hexen- und Walpurgis-Szenen in jedem Zuschauer vorausgesetzt werden können, ist hier der Graben zwischen dem Text, der gedanklichen Assoziation und dem realen Spiel des niedlichen Kinderchors eindeutig zu breit, um Sinn zu stiften.

Dass Goethes Faust mit seinem Wissensdurst, seinem Streben und seinen Begierden eine höchst aktuelle Figur auch für die jüngere Generation ist, haben Kühnel, Schuster und das Ensemble nicht zuletzt durch die Mittelpunktsetzung des Faust und seiner potentiellen Expressionsmöglichkeit belegt. Ihre kargen, aber im Wesentlichen eindrucksvollen Bilder, die Orientierung an der erzählenden Geschichte, die geschickt gewählte Verkürzung um einige Szenen und das Setzen auf die Wirkungsmöglichkeit der lyrischen Sprache sind Pluspunkte der Aufführung. Ein bis in kleine Details immer wieder mitreißend spielfreudiges Ensemble, das nicht allein aus der intellektuellen Idee den Faust präsentieren und mit traditionellem schauspielerischem Können umsetzen will, sondern (eigentlich ähnlich Faust) versucht, ganz unakademisch selbst zu gestalten und sich eine aktuelle Nähe zu Goethes Faust zu erspielen, macht die Aufführung trotz mancher Einwände sehenswert.

Ab Sommer sind Kühnel und Schuster mit einem festen Ensemble im experimentierfreudigen Theater am Turm (TAT) im Bockenheimer Depot in Frankfurt beheimatet.

Doris Kleinau-Metzler



Taste Zurück zum Inhaltsverzeichnis