Titelthema »Mensch und Computer: Surfen zwischen Sein und Schein« in Heft 2/99 .
Chance verpasst
Da widmet die Drei die Titelstory der Februar-Ausgabe einem in anthroposophischen Kreisen wahrlich nicht unumstrittenen Thema, durchforstet durchaus profund den Cyberspace, wägt Pro und Kontra mit gängigen (Vor-)-Urteilen ab und vergisst dabei doch einen ganz wesentlichen Punkt: die anthroposophischen Einrichtungen, Unternehmen und Individuen im Internet. Für diese gehört es wenn schon nicht immer zum guten Ton dann doch mittlerweile fast schon zur Normalität, ihre Ideen, Produkte und Veranstaltungen im weltweiten Datennetz vorzustellen.
Allen voran das Goetheanum (www. goetheanum.ch) mit allgemeinen Informationen zur Anthroposophie, Veranstaltungshinweisen, aber auch ganz profaner Werbung für ein Probeabo der gleichnamigen Wochenzeitung. Dann die Verlage Freies Geistesleben und Urachhaus mit Auszügen aus dem aktuellen Programm. Selbst die Drei ist ja mittlerweile mit einer Site im Internet vertreten (www.geistesleben.com/diedrei), auf der sich unter anderem Leseproben des aktuellen Heftes und zurückliegender Ausgaben finden. Unter der Adresse www.anthroposophy.com entdecken Surfer zahlreiche Links zu anthroposophischen Einrichtungen, zu Waldorfschulen, Firmen, Initiativen auf der ganzen Welt. Und das ist nur ein verschwindend geringer Teil der einschlägigen Angebote.
Warum eine Zeitschrift wie die Drei sich die journalistische Chance entgehen lässt, anthroposophisch orientierte Menschen nach ihren alltäglichen Erfahrungen mit dem weltweiten Datennetz zu fragen, anstatt sich durchaus profund , aber halt auch sehr theoretisch damit auseinanderzusetzen, ist mir deshalb völlig unverständlich. Hier hätte man beispielsweise mit einer Reportage dem Thema näher kommen und mehr Leben einhauchen können, als mit jeder noch so gut gemeinten Stippvisite beim (notorischen) Chaos Computer Club in Berlin. Und vielleicht wären dabei vor allem zwei Dinge herausgekommen: Das Internet ist vielleicht ahrimanisch, hoffentlich michaelisch und gibt selbst Anthroposophen die Chance, so manch luziferisches Mütchen zu kühlen. Es ist aber vor allem auch praktisch. Und Geld lässt sich manchmal damit sogar auch verdienen.
Klaus G. Danner, Stuttgart
Günter Röschert: »Die Abschiebung. Stellungnahme zum Fall »Mehmet«, Heft 12/98, S. 14f.
»Mehmet« falsch beleuchtet
Um welche Botschaft handelt es sich, die Günter Röschert mit seinem Beitrag zu »Mehmet« mir als Leser geben will? »Schon öfter musste von deutschen Ausländerbehörden der Aufenthalt krimineller ausländischer Jugendlicher beendet werden«, heißt es da eingangs. Der Jugendliche Mehmet aus München sei nicht so einmalig, wie die Medien einem glauben machen wollen. Im Weiteren wird von einer Gefährdung der sozialen Umgebung des 14-jährigen gesprochen, die es einleuchtend machen würde, dass er als gefährlicher Ausländer eben keine weitere Aufenthaltserlaubnis erhalte
Was stört mich an diesem Kurzbericht in einer anthroposophischen Zeitschrift? Aus meiner Sicht wird das Phänomen »Mehmet« unzureichend hinterfragt. Es wird an keiner Stelle kritisch beleuchtet, dass wir alle gerade deshalb vieles über Mehmet nicht wissen dürfen, weil es der Schweigepflicht von Jugendbehörden eingeschalteten Psychologen, psychiatrischen Gutachtern und dem zuletzt befassten Gericht unterliegt.
Auch das, was an Tatsachen über das Leben dieses Jugendlichen tatsächlich bekannt geworden ist, beleuchtet Günter Röschert nicht. Nicht hinterfragt werden die der Presse zu entnehmende Rolle der Eltern, nicht die Haltung der Jugendhilfe, Fragen nach den bei dem Jungen vielleicht doch vorhandenen tiefergehenden Störungen werden nicht gestellt. Völlig nebensächlich wird, weshalb der kriminelle junge Mann seine Haftstrafe nicht ableisten musste, bevor er in sein Heimatland abgeschoben wurde. Dabei handelt es sich um einen Vierzehnjährigen, bei dem sich das Jugendgericht genötigt sieht, öffentlich Stellung zu nehmen zu seinem dem Gesetze nach geheimen, weil erzieherischen Grundsätzen verpflichteten Urteil. Heraus kommt eine, wenn auch eingeschränkte, öffentliche Stellungnahme, die notwendig wurde, weil der Jugendliche durch die Einschaltung der Medien bereits zur »Gestalt der Zeitgeschichte« geworden sei.
Von einer anthroposophischen Zeitschrift hätte ich eine andere Form der Auseinandersetzung mit dem Phänomen »Mehmet« erwartet und die Nachfrage danach, was biographisch mit diesem 14-Jährigen geschehen ist, indem er gerade wegen seiner delinquenten Karriere zu einem Objekt der Medien wird. Welche fragwürdige Form der Resozialisierung wurde durch uns als Gesellschaft betrieben, indem eine medienwirksame Abschiebung in das Heimatland erfolgte?
Denkbar ungeeignet erscheinen mir Mehmet und seine tatsächlich besondere Geschichte, um auf das allgemeine Phänomen des Ausländerrechts und die Praxis der Versagung einer Aufenthaltsgenehmigung an kriminelle ausländische Jugendliche hinzuweisen.
Ulrich Rüth, München
Otto Biedermann/ Bärbel Mietzelfeld: »Briefe aus Ostdeutschland«, u.a. Heft 12/98, S. 79f.
Einblick in östliches Lebensgefühl
Mit Anteilnahme las ich Ihre Briefe, habe ich doch selbst vor langer Zeit in der DDR gearbeitet und bin seither durch häufige Besuche mit vielen Menschen und ihren Situationen verbunden.
Statt der äußeren Mauer muss nun eine innere Kluft überwunden werden, das wissen wir alle. Um damit anzufangen, sollten wir gegenseitig viel voneinander erfahren, denke ich. Dazu tragen Ihre Briefe bei und dafür sei Ihnen sehr gedankt! Nicht nachlassen dürfen wir, uns immer wieder in Ihre Situation hereinzuversetzen, was vom westlichen Standpunkt aus schwerer ist, als es zunächst aussieht. Zugleich lernt man ja auch das Ungeheuer Kapitalismus wieder neu in seiner brutalen Konsequenz kennen, wenn es die Gelegenheit hat, so plötzlich in unvorbereitete Bereiche einzubrechen. Andere Arten von Unmenschlichkeiten und Entfremdungstendenzen treten zutage. Dass dies auf Ihr ganzes Lebensgefühl und damit meine ich Sie nicht persönlich einen einschneidenden Einfluss ausübt, sollten wir uns im Westen wirklich nachempfindend klar machen. Hängt nicht das Selbstwertgefühl hier im Allgemeinen ungleich mehr vom äußeren Status ab?
Vor und nach der Wende sind Sie durch so manche tiefe Erschütterungen gegangen und als Folge sehr plötzlich aus allen Gewohnheiten und Verhaltensweisen herausgerissen worden. Ihre Briefe können uns anregen zu der Frage: Wie fühlt sich das an, wenn alles, wie z.B. die Arbeit, das Wohnen, die Krankenversorgung, ja, das Umgehen mit Gesetzen usw. in Frage gestellt wird? All das passierte nicht etwa als Folge eines Krieges, sondern als Folge eines kräftigen Ausbruches aus dem Weltanschauungsterror mit der tiefen Sehnsucht nach würdigem Menschsein, nach dem gewaltigen Aufbruch in eine unbestimmte Freiheit. [ ]
Zu bemerken, dass wir nur gemeinsam die genügende Wachheit aufbringen können, dazu helfen Ihre Briefe. Man fragt sich ja manchmal, wieviel Dunkelheiten und Scheinlicht, wieviel menschliche Kälte und angeheizte Illusionen wir noch brauchen, um zu dem zu kommen, wohin wir eigentlich alle im Grunde wollen.