Vielleicht fühlen Sie sich an Ihre Kindheit erinnert, wenn Sie das Bild vom Leberblümchen sehen. Sie sind dann keine Ausnahme, denn erstaunlich oft hört man von Menschen, wenn man sie auf eine Blume oder überhaupt auf ein Naturereignis anspricht, dass sie dadurch an ihre Kindheit erinnert würden.
Eine Erklärung für dieses Phänomen liegt sicherlich darin, dass viele Erwachsene in einer urbanen Umgebung leben, dass sie die Arbeit hinter den Schreibtisch oder an die Werkbank fesselt. Sie kommen kaum mehr hinaus in die Wiesen und Wälder. Weiterhin sind viele Pflanzen auch selten geworden und bunte Blumenwiesen mittlerweile eine Rarität.
Aber doch scheint mir zwischen der Natur und der Kindheit, zwischen Blumen und »kleinen Menschen« auch noch eine andere Beziehung zu bestehen. Beim Erwachsenen ist oftmals der Blick und der Sinn für die Schönheit und Faszination der Natur getrübt. Der Erwachsene scheint abgeklärt zu sein, oft sind wir wohl aber auch abgestumpft. Kinder haben hier noch mehr Aufmerksamkeit und Freude. Der Erwachsene traut sich oft schon gar nicht mehr, eine ehrliche Faszination und Bewunderung zuzulassen. Der analytische Verstand hat das Empfinden von Erstaunen oftmals durch Formeln ersetzt.
Geht uns aber die Fähigkeit zum Staunen verloren, so deutet das auch darauf hin, dass unsere Beziehung zu etwas Höherem beeinträchtigt ist. Ein Kind sieht in der Natur noch das Wunder der Schöpfung, und wenn ich zurückdenke, so kommt mir noch ganz vage in den Sinn, wie mich die Blumen mit den Schmetterlingen und den Bienen fasziniert haben. Es war damit eine Ahnung um Seele verbunden, die mich »freudig erschauern« ließ.
Diese frohe, eigentlich aber ehrfürchtige und verehrende Stimmung, in der wir uns in Beziehung zu etwas, das größer ist als wir, erleben, kennen wir als Erwachsene kaum mehr. Diese Stimmung, in der wir uns eher klein und eingeordnet, durchaus sogar beschenkt fühlen, sollten wir wohl bewusst fördern, wenn wir nicht zu erwachsen, zu groß, zu dominant werden wollen. Wir müssen die Kräfte der Persönlichkeit, die ja eine große Fähigkeit und auch ein Geschenk unseres Erwachsenendaseins sind, sozusagen durchwärmen. Ich denke, man kann mit einem gewissen Recht sagen, dass wir Menschen in unserer Kultur sonst in die Verhärtung tendieren.
Die erweichende Kraft der Verehrung steht uns nicht so ohne weiteres zur Verfügung. In Indien sind die Menschen zum großen Teil noch weicher geblieben. Diese Weichheit zeigt sich sowohl in der Persönlichkeitsstruktur als auch im Körper. Es bereitet auch einem Erwachsenen Inder meist keine Schwierigkeit, sich auf den bloßen Boden der Erde zu setzen. Sie empfinden insgeheim noch mehr ein Gefühl der Verehrung der Welt gegenüber, und sehen ihr eigenes Dasein in einem relativem Verhältnis dazu. Ihre Tradition räumt überdies der Verehrung für heilige Menschen immer noch einen weiten Raum ein.
Bei uns dagegen ist besonders die konkrete Verehrung für einen Menschen, den man als heilig empfindet, immer etwas schwieriger. Bei uns darf man vieles in der Welt lieben; das transzendente Leben, das durch einen Heiligen gegeben ist, scheint davon aber oftmals ausgenommen zu sein. So wie sich aber die Beziehung eines Kindes vorrangig in einer personalen Beziehung zum hohen Vorbild der Erwachsenen gründet, so scheint es mir auch für den Erwachsenen recht förderlich, wenn er nach einer persönlichen Beziehung zum verkörperten Höheren strebt.
Ich denke, es ist eine Liebe, die man zur Natur und Schöpfung und zu den großen Geistern der Menschheit, den Meistern einer transzendenten Schau empfindet. Jener, der nicht bewusst nach einer religiösen Verwirklichung sucht, kann sich wohl an der empfindsamen Betrachtung der Natur erwärmen. Er betrachtet nun in diesen frühen Frühlingstagen das Erwachen der Natur, und empfindet darin ganz still ein geistiges Gleichnis des Lebens. Er betrachtet nun vielleicht den Boden eines Buchenwaldes und nimmt die unzähligen Blüten der Leberblümchen wahr. Insgeheim rühren sie ihn an, diese kleinen, zarten Anemonengewächse. Sie erinnern ihn vielleicht an seine Kindheit, vielleicht an die Großeltern oder Eltern, derer er nun liebend gedenkt. Sie erinnern ihn an etwas, für das er nun gar keine rechten Worte besitzt, sie erinnern ihn an die eigene, und doch wieder höhere Seelennatur.
Wer aber bewusst nach einer Verwirklichung strebt, der wird sich primär um eine achtsame Beziehung zu den Quellen der Inspiration bemühen. Er wird sich seinen Schreibtisch vielleicht mit den so sehr vergänglichen Blüten des Leberblümchens schmücken, die in so vielen Farbnuancen die gesamte Palette von lila über rosa bis weiß variieren.
Geht er dann hinaus in die Natur, dann werden seine Augen achtsam und das Herz empfindsam sein. Er wird sich still, bescheiden und kindlich fühlen, und doch auch reif und erwachsen sein. Und die Leberblümchen strahlen ihn nicht nur mit ihrer stillen Reinheit an, sondern auch er blickt mit stiller Dankbarkeit auf sie hin.