Brennpunkte

»Kein Thema!«

Eine Kurzgeschichte von Ingeborg Woitsch


Das »Hotel zur Sonne« stand im Umbau. Staubwolken und Baulärm wogten im Hintergrund. Zwar wurden den Reisenden weiterhin Zimmer zu jetzt westlichen Preisen vermietet, aber mein Blick fiel auf ein Schild, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das auf »Rosis Frisierstübchen« mit Souvenirverkauf und Zimmervermietung aufmerksam machte.

Wir bogen, dem Hinweis folgend, in eine enge kopfsteingepflasterte Gasse ein. An den mittelalterlichen Fachwerkfassaden, die sich eigenwillig von links und rechts gegen die Gasse wölbten, waren beschriftete Tafeln angebracht: Restaurierungsarbeiten, Rekonstruktionen, Modernisierung. Jedes dieser Häuschen hier schien im Umbau zu stehen, das ganze Städtchen stand im Umbau, wie alles im Umbau stand.

Vor Jahren hatte ein Freund, der zu Fuß durch Europa gewandert war, Klöster und Kraftorte aufsuchte, diesen Ort erwähnt. Aber erst jetzt, in diesem wechselhaften Sommer 98, waren wir, einer spontanen Eingebung folgend, aufgebrochen.

»Rosis Stübchen« vereinte Souvenirverkauf und Frisiersalon auf engstem Raum. Auch hier eine Baustelle. Auf unsere Frage nach einer Unterkunft holte die Besitzerin, eine agile zierliche Frau, zunächst aus dem Nebenraum einen Kampfhund und ließ ihn uns einige Zeit wild entgegenbellen, wobei sie ihn, so als würde sie das Äußerste verhindern wollen, an der Leine zurückhielt.
Dann vermietete sie uns freundlich und geschäftstüchtig ein Zimmer, das hieß, es war die ganze obere Etage dieses schiefwinkligen Fachwerkhäuschens. Und alle unsere Wünsche waren, wie sie auch alle Fragen beantwortete, problemlos: »Kein Thema!«

Schritt für Schritt erwanderten wir in den folgenden, plötzlich sonnigen Tagen das Städtchen. Seine Geschichte tat sich durch Jahrhunderte reichend vor uns auf. Vom ersten deutschen König, Heinrich I, und der Reichsgründung vor tausend Jahren, von der Pfalz, die geistige und weltliche Macht vereinigte, bis hin zu jenem Tausendjährigen Reich, dessen Rituale Himmler in der vereinnahmten Stiftskirche aufführen ließ.

Quedlinburg: ein Drehpunkt der Geschichte.
Nach der Wende war es mit seinen 1300 Fachwerkhäuschen aus sechs Jahrhunderten zum »Weltkulturerbe« erhoben worden. Zu DDR-Zeiten, so hörten wir später durch eine Nebenbemerkung unserer Wirtin, waren ganze Viertel dieser aufwendig individuellen Wohnhäuschen verfallen, um Plattenbausiedlungen Platz zu schaffen. Sie schloß den knappen Rückblick mit einem aufseufzendem »Kein Thema!«

Am letzten Tag vor der Abreise, beschlossen wir noch die Bibliothek des Städtchens zu erkunden. Diese kleine Bibliothek war ein lichtdurchsonnter Raum.

Ein großer Bildband mit Schwarzweißfotografien fiel mir gleich in die Hände. Alte Aufnahmen zeigten die Dichterin Rose Ausländer in einem weißen Krankenbett mit Schreibblock und Stift, wie sie am Ende ihres Lebens in Atemzug-Gedichten um die Bewohnbarkeit des Wortes rang.

Und dann, eigentlich schon im Gehen, fiel mein Blick auf ein kleines blaues Büchlein, das ich des Titels wegen aufschlug und in dem ich ganz unerwartet fand, was uns immer tiefer beschäftigt hatte, all die Jahre lang, uns durch Jahrhunderte, durch Ordensregeln und Revolutionen führte. Worte einer Bewohnbarkeit, eines Herberge-Schaffens, durchscheinend zart, vielschichtig verwoben. Verschüttete Innenräume. Diese Worte fand ich hier wie in einer weiten Ferne festgeschrieben wieder, am Anfang des kleinen Büchleins: »allgemein erklärt«, im ersten Artikel der Menschenrechte.

Und als wir auf diesen Fund bei der Abreise zu sprechen kamen, bekräftigte unsere Wirtin den Jahrhundert-Wende-Aufruf »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« mit der ihr gewohnten Wendung: »Kein Thema!«



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