

Martin Schüpbach
Warum können Substanzen heilen?
In der heutigen Zeit liegt uns allen die Vorstellung nahe, dass Krankheit entsteht, wenn die Biochemie des Leibes in ihren fein abgestimmten Mechanismen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Eine Substanz, deren biochemische Aktivität im Verhältnis zur vorliegenden Störung genau abgestimmt ist, soll dann das Heilmittel für die Krankheit sein. Gegen eine solche einfache Betrachtung ist zunächst gar nichts einzuwenden, wenn sie sich ihrer engen Beschränkung auf die materielle Ebene bewusst bleibt.
Die Sicht der Geisteswissenschaft muss eine erweiterte sein. Sie sucht das Krankheitsgeschehen zu verstehen, indem sie Leiblich-Materielles, Seelisches und Geistiges zusammenschaut. Und sie kommt dabei durch die Sache selbst zur Ansicht, dass der Mikrokosmos Mensch (mit seiner Gesundheit und Krankheit) nur verstanden werden kann, wenn er als Teil und Abbild des Makrokosmos erlebbar wird. Ansätze zu einem solchen Erlebnis sollen hier dargestellt sein.
Ich und die Welt und die Wärme in beiden
Wenn der Mensch sich selbst in der Welt zu verstehen sucht, so wendet er sich zunächst ganz selbstverständlich an die Erfahrungen, die ihm die Sinne geben. Der feste Boden stützt ihn, das Wasser erfrischt ihn und die Luft belebt ihn. Aber alle diese Elemente erlebt er außerhalb von sich, innerlich vermag er sie nicht wahrzunehmen. Die festen Knochen geben ihm zwar die Aufrichtekraft, aber er empfindet innerlich nicht die Härte des Skeletts. Auch sein Blutkreislauf entzieht sich der Wahrnehmung als Flüssigkeitsstrom und wenn die Luft in seiner Lunge eingeatmet ist, entschwindet sie dem Bewusstsein bis zum Ausatmen.
Ein Element aber vermag der Mensch sowohl äußerlich wie innerlich wahrzunehmen: Die Wärme des Sonnenstrahls trifft ihn äußerlich auf der Haut, aber sie dringt auch ein und tritt ins Verhältnis zum innerlichen Wärmegefühl des Blutes. Während er also die Luft in der Lunge nicht als solche wahrnehmen kann, weiß er doch sehr genau (ohne hinzugreifen) ob seine Füße warm oder kalt sind. Auch durch die Seele erzeugt sich eine leiblich messbare Wärme, wenn eine kräftige Welle von Sympathie wirkt, oder ein Schamgefühl das errötende Gesicht glühen lässt. Die Wärme kommt somit äußerlich an den Stoffen der Welt und am Leibe des Menschen zur Erscheinung, wirkt aber auch innerlich im Menschen und ist verbunden mit der Seele. Sie wird so zum Hinweis dafür, dass eine Einheit von Mensch und Welt gegeben ist. Diese Einheit ist ja auch dann gefragt, wenn eine äußere Substanz innerlich zum Heilmittel werden soll.
Alles ist aus dem Feuer entstanden
Aus dieser Sicht ist es sinnvoll, Substanzbetrachtungen im Hinblick auf ihre Beziehung zum Menschen mit der Frage zu beginnen, wie Wärme auf Stoffe wirkt. Wir denken zunächst an eine mineralische oder metallische Substanz. Die Wärme durchdringt sie und die Substanz antwortet, indem sie sich ausdehnt. Man kann diesen Vorgang wie eine seufzende Entspannung des harten Materials erleben, wie eine wohltuende erste Lockerung des harten Kristallgefüges. Wenn die Wärme gesteigert wird, so kann es (bei Metallen besonders schnell) zum Schmelzen kommen. Die Kristallform geht verloren, die Substanz wird flüssig. Steigert sich die Wärme zur Hitze, so beginnt die Substanz zu leuchten. Dies kann schon auftreten bevor sie schmilzt, wir kennen das Leuchten des glühenden Eisens, das von der Rotglut bis zur Weißglut gesteigert werden kann. Wenn die Hitze nach dem Schmelzen noch weiter gesteigert wird, so verdampft die Substanz und wird luftartig. Dann ist noch eine letzte Steigerung möglich: Wenn die verdampfte Substanz in die Flamme selbst gebracht wird, so kommt sie in den »Plasmazustand«, den wir besser den »Feuerzustand« nennen möchten. Sie strahlt im Feuer auf und färbt es in charakteristischer Art (vgl. Abbildung). Einige besonders starke Flammenfärbungen kennen wir vom Feuerwerk her, das am Beginn des Neuen Jahres gerne gezündet wird. Die Spektralanalyse benützt solche Farberscheinungen zur Substanzerkennung, indem sie das farbig strahlende Licht aufsplittert und die substanztypischen Linien im Spektrum misst. Dies ist nur möglich, weil die Substanz im Feuerzustand ihre innere Qualität offenbart. Sie tut dies durch die Farbe und gibt unserer Seele dadurch eine unmittelbare Verständnismöglichkeit des Miterlebens.1
Man sieht, wie die Feuerhitze die kristallisierte Substanz durch die Elementarzustände flüssig und gasförmig schließlich selbst in den Feuerzustand drängt. Es zeigt sich darin der rückwärts erinnerte Entwicklungsprozess der Erde, wie er in der Geisteswissenschaft erforscht worden ist. 2 Wir können nun daran anschließen und, in umgekehrter Zeitrichtung blickend, das Entstehen der Erdensubstanz besser verstehen. Ein weit ausgebreitetes, strukturiertes Wärmeleben als alter Saturnzustand war der Beginn der Erdentwicklung. Er ging dann über in den alten Sonnenzustand, wo die Metalle als farbige Spektren im luftigen Raum strahlten. Im weiteren Gange der Entwicklung verdichtete sich das Geschehen stärker, bis das Wässerige im alten Mondenzustand erschien. So wie die Luft der alten Sonne von Licht und Farbe durchstrahlt war, so durchwirkten Sphärenklänge das Wasser des Mondes, in dem die chemischen Kräfte erstmals auftraten und auch eiweißbildend wirkten.
Die letzte Konzentration in die kristalline und oxidierte Verhärtung hinein formte schließlich die mineralische, kleingeschrumpfte Erde, auf der wir leben. Aus den weit ausgedehnten, lebendig strahlenden Substanz-Geistwesen sind tote, glitzernde Stoffe geworden, die in ihren Kristallformen noch das wunderbare Abbild der kosmischen Ordnung zeigen aus der sie stammen. So wurde in der Erdentwicklung Geistig-Elementarisches im Stoff verzaubert gebunden.
Die entzauberte Substanz wird zum Heilmittel
Wenn es nun darum geht, die Erdenstoffe als Heilmittel für den menschlichen Leib einzusetzen, so legt die obenstehende Betrachtung nahe, dass die tote Substanz zu »entzaubern« ist: Es muss ein Weg gefunden werden, sie wieder aus der Verdichtung herauszuführen, damit sie sich dem Leben eingliedern kann. In der anthroposophischen Pharmazie werden für diesen Entzauberungsprozess verschiedene Verfahren benützt.
1. Mineralische Substanzen, Potenzierung
Diese müssen zunächst in ihrer Form ganz zerstört werden, indem man sie entweder in Wasser lösen kann oder sie so fein wie nur irgend möglich vermahlt. Dann schließt sich der Vorgang des Potenzierens an. Gelöste Substanzen werden im Verhältnis 1 zu 10 (1 Teil Substanzlösung und 9 Teile Wasser) verdünnt und rhythmisch geschüttelt. Nach einer Ruhepause wird dieser Vorgang wiederholt und wenn das viele Male durchgeführt wird, bekommt man die ganze Potenzreihe der Substanz (D1 = 10 % / D2 = 1 % / D3 = 0,1 % usw. bis D30). Wenn die Ausgangssubstanz nicht in Wasser löslich ist, so wird das fein vermahlene Pulver mit Milchzucker in Zehner-Schritten verdünnt und verrieben und so die Potenzreihe hergestellt.
Man kann diesen Potenzierungsprozess so verstehen, dass die Substanz Schritt für Schritt aus ihrer materiellen Stofflichkeit heraus geführt wird. Ihr Bildeprozess wird wie umgewendet. Dadurch werden Substanzkräfte geistiger Art freigesetzt, welche sich dem Verdünnungsmedium (Wasser oder Milchzucker) mitteilen. Wir können dieses dann als Heilmittel verwenden.
2. Pflanzensubstanzen, Wärme-Stufen
Stoffe der Welt sind im Verlaufe der Entwicklung aus dem Feuerzustande heraus in eine oxidierte Verdichtung gefallen, eine Veraschung, die mit Wasser salzartig wird. Auch beim Menschen und den Tieren können wir diese Oxidationstendenz beobachten. Beide leben nur dadurch, dass sie pflanzliche Kohlenstoff-Verbindungen innerlich oxidierend »verbrennen« und mit der Atmung das voll oxidierte Kohlendioxid abgeben (Dissimilationsprozess). Die allgemeine Oxidationstendenz in der Welt ist so stark, dass die Erde allmählich zu einem Aschen- und Salzhaufen werden und das Leben erlöschen müsste.
Diese tödliche Situation rettet allein das Pflanzenleben. Die grüne Pflanze nimmt das Kohlendioxid auf und bildet sich daraus mit Hilfe des Sonnenlichtes ihren Leib. Dieser »Assimilation« genannte Vorgang ist chemisch verstanden ein Reduktionsprozess, welcher der allgemeinen Oxidationstendenz der Welt entgegensteht. Die grüne Pflanze wird dadurch zum Lebensträger und Lebenserhalter der Erde. Sie verbindet sich dabei mit der kosmischen Kraft der Sonne, der sie entgegenwächst.
Wenn eine Pflanze als Heilmittel verwendet werden soll, ist diese allgemeine Situation zu berücksichtigen. Beim Mineral muss durch das Potenzieren die Veraschungstendenz, die Stoffverdichtung umgewendet werden. Bei der Pflanze ist dies nicht in der gleichen Art nötig. Ihre inneren Prozesse sind ja durch die Sonne schon zum Kosmischen hin orientiert, streben schon vom Materiellen ins Geistige hinauf. Die Pflanze wird besonders dann zum wirksamen Heilmittel, wenn wir ihre eigenen Bilde- und Reifeprozesse noch weiter steigern. Deshalb spielen verschiedenste Wärmeprozesse eine entscheidende Rolle bei der Heilpflanzenverarbeitung.
In der beigefügten Tabelle 3 finden sich die verschiedenen Verfahren zusammengestellt. Man sieht, dass Wärmeprozesse eine qualitätsbeeinflussende und differenzierende Rolle spielen. Wenn diese Steigerungs-Prozesse abgelaufen sind, bietet es sich auch an, die verwandelten Pflanzenextrakte einem Potenzierungsprozess zu unterwerfen, je nachdem auf welche Bereiche im Menschen man einwirken will.
3. Substanzkompositionen
Als weitere Anregung hat Rudolf Steiner auch den Vorschlag gemacht, mineralische Kompositionen nach dem Modell von Pflanzen zu bilden. 4 Die Pflanze soll uns zeigen, wie sie die Mineralprozesse so führt, dass die Substanzen in eine kosmische Orientierung hineingestellt werden. Dies kann dann modellhaft mit Mineralsubstanzen nachvollzogen werden. Einige solche Kompositionen hat Walther Cloos (1900-1985) ausgearbeitet und sie haben sich als Heilmittel bewährt (z.B. nach dem Modell von Equisetum arvense: »Solutio siliceae comp.« und nach dem Modell von Uritica dioeca: »Solutio Ferri comp.«). An anderen Kompositionen wird auch heute noch in langjähriger Forschungsarbeit in der Weleda weitergearbeitet.
Ein anderer Vorschlag geht davon aus, dass es neben den Pflanzensubstanzen auch tierische Substanzen gibt, die stark zum Kosmischen hin orientiert sind. Hier ist besonders der Honig als Beispiel zu erwähnen. Die Bienen sammeln den feinen Nektar aus den Blüten, eine Substanz, die sozusagen ein Schlusspunkt des kosmisch orientierten Pflanzenbildungsprozesses ist, verarbeiten ihn weiter und lagern ihn in den sechseckigen Waben ab. Der Honig kann so wie eine nochmalige Steigerung des Blühprozesses angesehen werden. Rudolf Steiner gab gleich zwei besonders typische Heilmittelkompositionen an, in denen der Honig verwendet wird.
Das »Scleron»« wird aus Blei, Honig und Zucker durch einen wiederholten Wärmeprozess gewonnen, der bis zum Schmelzen des Bleis und dem Verkohlen von Honig und Zucker führt. Nach der Potenzierung liegt dann ein Heilmittel vor, mit dem zu starke Abbauprozesse im Nervensystem (»Alterserscheinungen«) aufgefangen werden können. Durch den Honig und die Potenzierung ist die Mineralisierungstendenz des Bleis in die kosmische Richtung umgewendet worden und kann nun die übermäßige Mineralisierung (»Verkalkung«) bekämpfen.
Zur Herstellung von »Kephalodoron«» (in der Schweiz: »Biodoron«») wird aus Eisensulfat, Quarzmehl, Honig und Wein eine neue Heilsubstanz in der Wärme »gebacken«. 5 Sie wirkt als allgemeines Konstitutionsmittel und auch besonders gegen bestimmte Migränearten. Auch hier wird der Honig sozusagen als »Bindemittel« benützt, das dem Präparat seine Grundtendenz gibt, kosmische Ordnung in den Leib zu bringen.
Schlussbemerkungen
Das Verhältnis von Natur und Mensch und das Erforschen der pharmazeutischen Prozesse, die von der Natursubstanz zum Heilmittel führen, ist ein ununterbrochenes Arbeitsthema aller anthroposophisch tätigen Pharmazeuten und Ärzte. Im Rahmen dieser andauernden, vielschichtigen und umfassenden Forschungen können die hier vorgetragenen Gedanken nur eine einzelne Anregung sein, die von allgemeinem Interesse sein mag.
1) Martin Schüpbach: Kristalle, Licht und Farben im Steiun, Dornach 1997. Zurück zum Text
2) Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13, Dornach 1989. Zurück zum Text
3) Die Tabelle finden Sie in der Printausgabe. Zurück zum Text
4) Rudolf Steiner, Vorträge vom 2. September 1923 und 15. November 1923, in: GA 319. Zurück zum Text
5) Manfred Kohlhase (Hrsg.): Biodoron / Kephalodoron, Beiträge zu einem erweiterten Verständnis, Persephone Reihe 12, Dornach 1998. Zurück zum Text