Brennpunkte

Gentechnik:

Grenzen der Verantwortung


Vor drei Jahren, im Frühjahr 1996, hat sich kaum jemand mit der Frage »Gentechnik in Lebensmitteln?« auseinandergesetzt. Es gab in Deutschland noch keine gentechnisch veränderte Nahrungsmittel zu kaufen. Von Ferne, aus den USA, kamen vereinzelte Nachrichten über »Anti-Matsch-Tomaten«, die dank moderner Genforschung monatelang haltbar seien. Auf der politischen Bühne spielte das Thema noch keine wichtige Rolle. Lokale Proteste gegen erste Gentechnikversuche auf Kartoffel- und Rübenäckern blieben meist örtlich beschränkt.

Doch dann änderte sich das Bild schlagartig innerhalb weniger Monate. Große Agrar- und Chemiekonzerne bereiteten sich darauf vor, erstmals in großem Stil genmanipulierte Sojabohnen aus den USA nach Europa zu importieren. In Deutschland wurde die Öffentlichkeit gewahr, dass Soja in den industriell verarbeiteten Lebensmitteln so weit verbreitet ist wie kaum ein anderer Grundstoff. Die Gen-Soja schien als Bestandteil der Nahrung kaum noch zu vermeiden. Gen-Soja sollte – so die Strategie der Konzerne – die Verbraucher überrumpeln, damit sie die Gentechnik als unvermeidliche Neuerung akzeptierten, als künftigen Normalfall sozusagen.

Doch die Rechnung der global operierenden Konzerne (allen voran Monsanto und Novartis) ging trotz ausgefeilter Marketing- und Public-Relations-Strategien nicht auf. Umfragen signalisierten überwältigenden Widerwillen der Bevölkerung gegen Gen-Lebensmittel. Die großen Umweltorganisationen Greenpeace und BUND machten die Warnungen vor Gen-Lebensmitteln populär. Ökobauern und Bio-Handelsketten erhielten neuen Zulauf. Unterschriftenaktionen erzielten ein millionenfaches Echo. Politiker in Bonn und Brüssel wachten auf.

Das politische Ringen um die Gentechnik in Lebensmitteln ist zur Zeit noch nicht entschieden. Der großflächige Anbau von Gen-Soja, Gen-Mais, Gen-Rüben, Gen-Kartoffeln usw. ist in Europa nach wie vor nicht erlaubt. Der Handel mit genmanipulierten Importprodukten allerdings ist gestattet, nachdem der Gesetzgeber eine minimale Kennzeichnungspflicht eingeführt hat. Noch kann der Verbraucher darauf vertrauen, dass nur vereinzelte Lebensmittel mit gentechnisch manipulierten Bestandteilen auf dem Markt sind. Kaum ein Lebensmittelunternehmen wagt es, offen für Gentechnik aufzutreten. Zu stark ist der Widerstand der Verbraucher, zu groß die Furcht vor nachhaltigen Imageverlusten.

Nun wird eine neue Runde um das Für und Wider der Gentechnik eingeleitet. In absehbarer Zeit werden wichtige Etappen der genetischen Grundlagenforschung abgeschlossen. »In wenigen Jahren«, schrieb kürzlich der Spiegel, »werden alle Mittel bereitstehen, immer weitere Teile der Menschheit systematisch auf die Stärke und Schwächen ihrer Erbanlagen hin zu untersuchen«. Die medizinische Genforschung tritt in eine Phase, die weite Bevölkerungskreise unmittelbar berühren wird. Medienberichte über geklonte Schafe und Rinder, vereinzelte Forscherstimmen über Experimente am menschlichen Erbgut sind die Vorboten von Umwälzungen, die existentielle Grundlagen von Mensch und Natur infrage stellen. Mit der gentechnischen Revolution rührt der Mensch an die Basis der eigenen Existenz.

Und wieder das gleiche Bild: Die Diskussion um die ethischen und politischen Fragen findet in Fachkreisen und kleinen Zirkeln statt. Einzelne Gruppen und Initiativen sind vorbildlich darum bemüht, so zum Beispiel die Organisation »Kein Patent auf Leben!« in München, das »Gen-ethische Netzwerk« in Berlin und die internationale Ärzteorganisation IPPNW. Doch zugleich stellt sich die Wirtschaft bereits mit Milliarden-Investitionen auf die vermeintlichen Märkte der Zukunft ein. Mehrere Milliarden US-Dollar sind in das Projekt zur Erfassung aller menschlichen Erbanlagen (Human Genome Project) geflossen. Es soll im Jahr 2003 abgeschlossen sein. Viele Milliarden US-Dollar haben die großen Life-Science-Konzerne bereits investiert, um gentechnische Verfahren im Bereich der Pharmazie und Medizin zur Marktreife zu entwickeln.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir – als Individuen und als Gesellschaft – unmittelbar mit den Konsequenzen dieses Forschergeistes konfrontiert werden. Bei der gentechnischen Revolution geht es um weitreichende Veränderungen: Die Herstellung von Medikamenten mit Hilfe von Gentechnik wird bereits häufig praktiziert. Allerdings geht es dabei nur selten um neue Medikamente als vielmehr um neue und billigere Herstellungsverfahren (z.B. für die Gewinnung von Insulin).

Die Therapie von Krankheiten mit Hilfe der Gentechnik dient häufig als Argument für angeblich segensreiche Anwendungen der Gentechnik. Es weckt Hoffnungen auf Heilungs-Chancen bei Krebs, Aids und andere Krankheiten. Doch selbst Gentechnikbefürworter räumen ein, dass bisher allenfalls bescheidene Einzelerfolge, aber keine überzeugenden Heilmittel gefunden werden konnten. Das rein biologisch-materielle Verständnis von Krankheit und Heilung erweist sich in vielen Fällen als zu eng und oberflächlich.

Die Analyse der Erbanlagen (Gendiagnostik) macht große Fortschritte. Sie wird mit Macht vorangetrieben. Die Konsequenzen werden gewaltig sein. Es ist absehbar, dass die Aussagen über individuelle Erbeigenschaften und genetische Krankheitsrisiken immer konkreter und umfassender werden. Der Tag erscheint nicht mehr fern, an dem aus einem Tropfen Blut oder einer Speichelprobe mittels Gendiagnose ein Gesamtbild der genetisch bedingten Eigenschaften offengelegt wird. Wie lernt der Mensch, mit den neuen Wissen umzugehen? Was werde ich persönlich tun, wenn meine Genanalyse beispielsweise ein erhöhtes Krebsrisiko anzeigt? Wird es ein Makel sein, wenn ich zwar völlig gesund bin, aber die genetische Veranlagung zur Krankheit habe? Werden Kinder akzeptiert, deren vorgeburtliche Gendiagnose Defizite oder Abweichungen zeigt? Verändert sich das Verständnis von Gesundheit und Krankheiten, ja sogar vom Menschenbild insgesamt durch die starke Betonung der biologischen Determination durch Erbanlagen?

Die grundsätzlichen Überlegungen werden auch konkrete Folgen haben: Werde ich noch eine Krankenversicherung bekommen bei genetisch erhöhtem Krankheitsrisiko? (Weil solche Fälle sich in den USA bereits ereigneten, wird dort an gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung durch Gentests gearbeitet.) Wird es noch Lebensversicherungen geben ohne vorherigen Gentest? (Wie weit fortgeschritten die Dinge sind, zeigt sich z.B. in Großbritannien, wo große Versicherungsunternehmen verabredet haben, für zunächst zwei Jahre (!) keine Gentest-Ergebnisse zu verlangen.) Werden Arbeitnehmer vor Bewerbungsgesprächen zum obligatorischen Gentest gebeten? Wer bekommt Zugang zu diesen intimsten Daten, die der Schreckensvision vom »gläsernen Menschen« nahekommen?

Die notwendige Kritik an der Entwicklung der Gentechnik »hat gerade erst begonnen«, schrieb Michael Emmrich in dem empfehlenswerten Buch Das Zeitalter der Bio-Macht (Frankfurt 1999). »Vor allem deshalb, weil durch das Zusammenwachsen verschiedener Technologien der biologischen Wissenschaft sich Probleme, Eingriffstiefen und Manipulations- und Missbrauchsmöglichkeiten nicht nur immer deutlicher darstellen und addieren, sondern potenzieren.«

Norbert Schnorbach



Taste Zurück zum Inhaltsverzeichnis