Brennpunkte


Ödipus in Dänemark

»Das Fest«
Ein Film von Thomas Vinterberg.
Dänemark 1997.



Erst zwei Jahre nach seiner Produktion kommt ein dänischer Film in ausgewählte deutsche Kinos, dessen Regisseur zu den Mitbegründern des Kollektivs DOGMA 95 gehört. Das Kollektiv wurde 1995 in Kopenhagen von Jungregisseuren aus der Taufe gehobenen. Die Vertreter der DOGMA-95-Philosophie haben sich 1995 aufgemacht, das dänische Kino zu revolutionieren. 1998 erhielt der hier angezeigte Film in Cannes den Spezialpreis der Jury.

Mittlerweile haben die DOGMA-95-Gründer aber bereits internationalen Einfluss und Beachtung weit über Dänemark hinaus gewonnen. Neben dem Regisseur des hier besprochenen Films, Thomas Vinterberg, gehört dem Kollektiv Lars von Trier an. Letzterer wurde durch seine der DOGMA-95-Philosophie verpflichteten Filme »Breaking the Waves« und »Die Idioten« bekannt.

Die DOGMA-95-Regisseure zeichnen sich vor allem durch ihren schonungslosen Realismus und ihren filmischen Purismus aus. Die von ihnen vereinbarten – geradezu aristotelischen – Richtlinien der Filmproduktion machen aus jedem ihrer Werke ein archaisches Drama von realistischer Aussagekraft und archetypischer Fundamentalität.

Der von ihnen 1995 verfasste Schwur der Keuschheit bindet die Regisseure an äußerst strenge Vorgaben, die sich aber nicht als Hindernisse für die künstlerische Produktivität erweisen, sondern als inspirierender Komplex von Motiven. Der dänische Schwur der Keuschheit beinhaltet folgende zehn Gebote: 1. Es darf nur am Schauplatz gedreht werden. Sets und Requisiten sind verboten. (Wenn eine besondere Requisite für die Geschichte notwendig ist, muss ein Drehort gefunden werden, an dem die Requisite vorhanden ist). 2. Der Ton darf niemals unabhängig von den Bildern produziert werden oder umgekehrt. (Musik darf nur dann verwendet werden, wenn sie dort gespielt wird, wo die jeweilige Szene gedreht wird). 3. Es wird ausschließlich mit Handkamera gedreht. Jede Bewegung oder Bewegungslosigkeit, die mit der Hand erreicht werden kann, ist erlaubt. 4. Der Film muss in Farbe gedreht werden. Spezielle Beleuchtung wird nicht akzeptiert. (Wenn zu wenig Licht zur Verfügung steht, muss die Szene geschnitten werden oder eine einzelne Lampe an der Kamera angebracht werden). 5. Optische Spielereien und Filter sind verboten. 6. Der Film darf keine oberflächliche Action beinhalten. (Morde, Waffen etc. dürfen nicht vorkommen). 7. Zeitliche und geographische Verfremdungen sind verboten. (Das heißt, der Film muss Hier und Jetzt spielen). 8. Genrefilme werden nicht akzeptiert. 9. Das Filmformat muss Academy 35 mm sein. 10. Der Regisseur darf weder in den Titeln noch im Abspann genannt werden.



Wie man sieht, haben sich die dänischen Regisseure nicht nur auf die aristotelische Einheit der Zeit und des Ortes besonnen: Aus diesen beiden ergibt sich zwangsläufig die Einheit der Handlung. Das Drehen mit Handkameras, ohne künstliches Licht, ohne Sets und Requisiten, der Verzicht auf Filter und optische Spielereien, auf nachträgliche Studiovertonung und oberflächliche Action zieht ein Ausmaß an Authentizität und Intimität nach sich, als würde es sich um Dokumentarfilme oder private Homevideos handeln. Das ist auch bei Thomas Vinterbergs Film »Das Fest« der Fall, bei dem der Betrachter den Eindruck hat, als hätte ein Familienmitglied, ein geladener Gast, ein Video gedreht und damit die dramatische Eskalation einer harmlosen Geburtstagsfeier für die Nachwelt zufällig, aus Versehen, festgehalten. Wir sind nicht die infantil-staunenden Konsumenten einer 60-Millionen-Dollar-Produktion, die sich über uns ergießt, wie ein Schwall von stereotyp-globalen Nichtigkeiten, sondern wir sind die heimlichen Lauscher und Augenzeugen, wir sind Freunde und Gäste, die unversehens hineingerissen werden in ein Geschehen, das – so fröhlich es beginnt – zu immer dramatischeren und entsetzlicheren Enthüllungen voranschreitet.

Vinterberg dringt in Schichten von Gemeinheit und Bösem vor wie ein Chirurg mit minimal-invasiver Technik, Schnitt für Schnitt, so subtil und behutsam, dass wir es anfangs kaum bemerken. Wenn wir es aber bemerken und meinen, es wäre ein Scherz, dann bleibt uns unversehens das Lachen im Halse stecken und das Skalpell in der offenen Wunde. Doch wäre Vinterberg sein archaisches und zugleich höchst modernes Sittengemälde, das in die Abgründe des menschlichen Schattens und die tragischen Schicksalsverflechtungen hineinleuchtet, die wir als Familie bezeichnen, nicht gelungen, wenn ihm nicht ein Team von grandiosen Schauspielern zur Seite gestanden hätte, das vor keiner noch so subtilen Entblößung zurückschreckt, vor keinem noch so entsetzlichen Bekenntnis erschaudert. Wie Vinterberg nach und nach die abgründige Wahrheit enthüllt, wie man vom Selbstmord der einen Tochter erfährt, von der Seelenqual, die sie ausgestanden hat, von den Verletzungen, die der Vater den beiden Zwillingen zugefügt hat, wie sich der überlebende Zwilling – der Sohn – mit Hilfe seiner Freunde dazu durchringt, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit auszusprechen und seinen Vater zu »töten«, das ist von solcher Dramatik, dass man als mitleidender Zuschauer eine wirkliche Katharsis erfährt. Vieles erinnert in diesem klassischen Enthüllungsfilm an das Ödipus-Drama, das auch ein Drama verschwiegener und enthüllter Wahrheit ist. Wie bei Ödipus am Ende die Blendung steht, so auch hier: Denn das Licht der Erkenntnis, in dem nunmehr alles erstrahlt, in dem alle Emotionen und Ressentiments erklärlich scheinen, blendet uns, macht uns zu Blinden, die sehend geworden sind.


Lorenzo Ravagli



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