
»Ein neues Menschenrecht«
zu Heft 12/98 u.a. Artikel
»1648 Krieg und Frieden in Europa« (Matthias Mochner), S. 81 ff.
Dreigliederung zur Überwindung des Nationalstaates
Es ist mir als interessierter Leser der Drei ein besonderes Bedürfnis, Ihnen auf diesem Wege zur Ihrer Dezember-Ausgabe mit ihren hochaktuellen Beiträgen von Herzen zu gratulieren diese Heft kann man noch lange und immer wieder in den Händen halten bis ins nächste Jahrzehnt/ Jahrhundert/ Jahrtausend, da es ganz wesentlich und sehr nachhaltig grundsätzliche Dinge des menschlichen Zusammenlebens von einstmals und Lebensperspektiven einstmals in kürzerer und längerer Zukunft zur Sprache bringt. Es ist ja schon interessant, wessen man 1998 alles gedachte,
im Frühjahr : 150 Jahre Badische Revolution, im Herbst : 350 JahreWestfälischer Friede,
im Dezember: 50 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, u.v.a.m.
Gerade bei diesen herausragenden Ereignissen der Vergangenheit haben sich besonders hochrangige Politiker zu Worte gemeldet, um auch von ihrer Seite aus nachhaltig die Bedeutung dieser politischen Ereignisse herauszustellen, u.a. der deutsche Bundespräsident in Münster.
Je mehr wir uns der Jahrtausendwende nähern, umso bedrängender wird für viele Menschen die Erfahrung, in einer Krisenzeit zu leben das Gebäude überlieferter Orientierungen wankt, der Boden gewachsener Beziehungen wird brüchig, im Netz sozialer Sicherheit reißen immer größere Löcher auf. Wir leben heute in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen in allen Lebensbereichen. Wir erleben, wie im wirtschaftlichen Leben Millionen von Menschen (im eigenen Lande, in anderen Ländern, in Europa, in der Welt) abgeschnitten werden von der Möglichkeit, sich durch Erwerbsarbeit in der Welt zu betätigen und zu entfalten. Wir erleben die Krisen und Konflikte in den sozialen und regionalen Zusammenhängen bis hin zu immer noch unseligen Kriegen und Flüchtlingsströmen, wo immer wieder der Einzelmensch, Menschen, Jung und Alt nicht durch eigenens Verschulden existentiell betroffen sind und dann fordert der Bundespräsident in Münster ein neues Völkerrecht (»Mannheimer Morgen« Nr. 247, S. 3 v. 26.19.1998).
Es ist einfach phänomenal zu erleben, dass man immer noch nicht sieht oder sehen will, worum es heute und morgen zu gehen hat:
Die Rechte und Pflichten des Einzelmenschen, der Menschen an sich, egal welchem Volke, welcher Rasse, welcher Religion sie angehören. Europa nimmt an seiner Seele Schaden, weil es geistige, seelische und leibliche Menschensäuberung und Menschenmord überhaupt auf seinem Boden hinnimmt. Europa als politisches Gebilde hat heute und morgen nur eine Lebenschance, wenn es immer wieder deutlich macht, dass es einzig und allein primär und grundsätzlich das Gedeihen des Menschen an sich vor Ort im Auge hat und im Sinne des französischen Postulats handelt: Menschliche Freiheit in Bildung und Kultur, menschliche Gleichheit in rechtlichen Belangen und Brüderlichkeit in den Fragen des sozialwirtschaftlichen Miteinanders.
Im 30-jährigen Krieg hat der Mensch, haben Menschen gelitten und nicht diejenigen, die damals für sich die Macht beanspruchten 350 Jahre später, am Ende des 20. Jahrhunderts leiden immer noch Menschen in Europa und in der Welt aufgrund chauvinistischer Lebensansprüche einiger weniger.
Das Gipfeltreffen der Europäischen Königshäuser, Staatspräsidenten und Repräsentanten von 20 Ländern in Münster/Osnabrück hat die große, einmalige Chance versäumt, den Menschen in Europa und in der Welt in Wort, Ton und Bild vor Augen zu führen, dass es in erster Linie und immer wieder nur um den Menschen geht und gehen muss, wenn die Menschheit und die ihr anvertraute Erde zusammen gedeihlich vorankommen wollen. 1917 bis 1922 hat Rudolf Steiner intensiv und initiativ für eine neue soziale gesellschaftliche Ordnung gewirkt. Die Dreigliederung des sozialen Organismus war für ihn die Antwort auf die brennende soziale Frage überhaupt gestern, heute und morgen. 1917 war sie auch die Antwort auf die amerikanische Politik, die im Osten Europas Nationalstaaten nach westlichem Muster bilden wollte. Heute im Zeitalter u.a. der Globalisierung haben die Nationalstaaten ihre politische Bedeutung verloren und es ist nichts Menschengemäßes an die Stelle getreten die Dreigliederung des sozialen Organismus ist die Not-Wendigkeit als Antwort auf die soziale Frage von heute und morgen um der Menschen und der Erde Gesundung willen.
Sven Lauritzen, Mannheim
»Die Abschiebung Stellungnahme zum Fall »Mehmet« in Heft 12/98, S. 14 f.
Abschiebung von Mehmet
ein Armutszeugnis
Der Stellungnahme von Günther Röschert muss ich widersprechen. Die Verteidigung in eigener Sache als Leiter der Ausländerbehörde der Stadt München stellt nur auf formale Rechtspositionen ab. Ein der Anthroposophie verpflichteter Autor sollte eigentlich noch andere Aspekte berücksichtigen können.
»Mehmet« ist in der BRD geboren und aufgewachsen. Warum hat er sich hier inkarniert? Was hat ihn veranlasst straffällig zu werden? Nur die mangelnde Mitarbeit der Eltern? Was hat die Schule und die Gesellschaft nicht geleistet? Versäumte Integration in der Jugendzeit kann es allein nicht sein. Auch deutsche Jugendliche werden in erschreckendem Maße straffällig und müssen von der Gesellschaft aufgefangen und vorübergehend isoliert werden.
Hat Mehmet vielleicht etwas anderes gesucht, als er hier gefunden hat? Kriminalität ist bei Jugendlichen oft ein Hinweis auf fehlende Zuwendung und mangelnde inhaltliche Orientierung auch im Seelisch-Geistigen. Die Verlagerung des Problems ins Ausland gleichgültig ob Türkei oder jedes andere Land der Welt ist ein Armutszeugnis für die bayerischen Behörden und unser Land insgesamt. Das haben die meisten Medien auch so gesehen.
Es ist dringend geboten, das Staatsangehörigkeitsrecht zu ändern. Das »Blutsprinzip« ist abzuschaffen, weil es nicht mehr der zunehmenden Individualisierung der Menschen gerecht wird. Hier geborene Menschen müssen einen deutschen Pass erhalten können. Alles andere sind formale Positionen, die nicht überzeugen können.
Götz Bauer, Hannover
Zum Heft 11/98 mit dem Titelthema »Geld und Wirtschaft« und Heft 1/99
Getrimmte Argumentationsketten
Ich habe mich sehr gefreut, dass die Drei mit dem Thema »Wirtschaft« in das reale Leben eingreift. Diese Richtung begrüße ich und möchte unbedingt zum Weitermachen ermutigen.
Was die Textbeiträge anbelangt, bestand meine Hoffnung darin, dass zu den allseits bekannten Betrachtungsweisen und Problembeschreibungen, andere, tendenziell lösungsorientierte Aspekte skizziert werden.
Den Begriff »lösungsorientiert« verwende ich in diesem Zusammenhang nicht mit einem Anspruch, volkswirtschaftliche Alternativmodelle zu formulieren. Lösungsorientiert hat für mich in diesem Kontext etwas mit dem Tenor in den Artikeln und dem Versuch einer objektiven Auseinandersetzung mit den Erscheinungen dieser Zeit zu tun. Demgegenüber sollte aber auch kein geschlossenes Weltbild präsentiert werden, in dem offensichtlich klar ist, wo die Trennlinie zwischen gut und schlecht, falsch und richtig verläuft. Das tut es aber. Ich komme darauf nochmals zurück.
Meine zusammenfassender Eindruck lässt sich deshalb am besten mit »Analyse und Kritik« beschreiben. Eine Analyse, die den Ist- Zustand mit einer etwas anderen Wortwahl vornimmt aber keine anderen Erkenntnisse liefert als bereits bekannte. Gleiches gilt für die Kritik, vielleicht noch etwas schärfer formuliert.
Das ganze kulminiert in der Bewertung der Begriffe »Globalisierung, Mega-Fusionen, Arbeitsplatzabbau etc.« in einem unterschwelligen, teilweise arroganten Resümee: Denn sie wissen nicht was sie tun, abgehakt. Man bekommt den Eindruck einer auf die eigene, bereits feststehenden Einstellung hingetrimmten Argumentationskette.
Beispielhaft sind hierfür Aussagen im Artikel »Emanzipation« im Januarheft. Hier wird aus dem oben bereits erwähnten, geschlossenen Weltbild heraus die Behauptung als Fakt dargestellt, dass Unternehmen die Kosten und Probleme des Arbeitsplatzabbaus ohne jede eigene Beteiligung der Gesellschaft überließen, wobei es sich doch um ihr ureigenes Problem handele.
Mit Verlaub, das ist absolut hanebüchen. Es wird mit keinem Wort der Beitrag von Unternehmen zum Aufbau eines weltweit wahrscheinlich beispiellosen sozialen Absicherungssystems gesehen. Dabei ist es irrelevant, inwieweit das im Bedarfsfall zu Verfügung stehende Geld ausreicht. Denn dieses Geld muss in jedem Fall irgendwie erwirtschaftet werden, was nun bedauerlicherweise überhaupt keine Erwähnung mehr findet.
Und zwar erwirtschaftet von Menschen, die mit Initiative und Optimismus an die Überwindung von Hindernissen, den sogenannten Wettbewerb herangehen. Es sei denn, man will den Wettbewerb ausschließen. Dann bewegt man sich allerdings tatsächlich in einem ganz anderen volkswirtschaftlichen und damit gesellschaftlichen Modell, das Individualität und Freiheit nicht akzeptiert.
Um es klar zu stellen, es geht in meinen Einlassungen nicht darum, die sehr wohl vorhandenen negativen Erscheinungen eines teilweise staatlich sanktionierten Strukturwandels gut zu heißen oder die Augen fatalistisch vor den Realitäten zu verschließen. Aber genau diese Realitäten sind nicht durch eine einseitig-simplifizierende Betrachtung zu verstehen und zu ändern.
In jedem Fall kann man initiativen Menschen oder Organisationen nicht eine »rundum Lebensverantwortung« für jeden einzelnen Angestellten übertragen.
Zu wünschen ist deshalb eine Diskussion über eine zur Veränderung gezwungenen und einer der Veränderung bedürftigen sozialen Marktwirtschaft und den darin mit hohem Interesse und Verantwortungsbewusstsein handelnden Menschen (mir sei der Seitenhieb erlaubt: es gibt solche wirklich!). Hier hoffe ich auf Beiträge der Anthroposophie, die über ein Klagelied oder »Kopfschütteln« hinausgehen.
Thomas Wild, Stuttgart
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