Brennpunkte

Licht in seelische Winkel

Olaf Koob: Das Ich und sein Doppelgänger. Zur Psychologie des Schattens.
Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart 1998. 334 Seiten, 46 Mark.


Das Buch wird von Kapitel zu Kapitel spannender, von »Doppelgängermotiven in der Literatur« über »Der Schatten der Liebe« bis hin »Zur Alltagspsychologie des Bösen«, wo die Biographie von zwei Massenmördern befragt wird. Ein sehr vorurteilslos geschriebenes Buch, das nirgendwo kneift oder ausweicht, der Autor bemüht sich mit einer großen Tapferkeit des Herzens, Licht in alle möglichen finsteren Winkel des Seelischen zu bringen. Ganz nebenbei entsteht, wie ein zweites Werk im Werk, eine Fundgrube an Textverweisen – weitab vom gewöhnlichen GA-Zitatenschatz. Es lohnt sich also unbedingt, die Anmerkungen zu studieren, man möchte gleich in die Buchhandlung laufen …

Einen Wermutstropfen gibt es leider: Das ist der Stil. Hin und wieder brechen allzu typische, sattsam bekannte Sprach-Wendungen durch, wie: »Man betrachte – und staune – einmal …«, oder: »Man bedenke nur …«, oder noch drastischer und unfreiwillig komisch: »Man möge beobachten, wie schnell man die Schwächen des andern entdeckt, nicht aber den Balken im eigenen Auge …« Auf Kommando staunen und denken ist ja schon ein Problem, aber beobachten, dass man den Balken (im eignen Auge) nicht sieht, das ist glattweg kategorischer anthroposophischer Imperativ, der an Münchhausen erinnert (an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen). In Anbetracht des eigenen Balkens dagegen, muss immer wieder festgestellt werden, wie leicht man selbst diesem Ton verfällt – eine sehr subtile Sache. Da hätte ein wenig mehr Aufmerksamkeit Not getan, denn es ist alles in allem, ein schönes, wichtiges, mutiges Buch.

Ute Hallaschka



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