
König Ich
Charakterzüge virtueller Begegnungen
Frei und gleich und brüderlich
das demokratische Internet
Es ist gängige Überzeugung: Das Internet ist die vielleicht bedeutendste Errungenschaft auf dem Wege zur Bewältigung zukünftiger globaler Probleme. Es befördere die Möglichkeiten des Individuums, auf gemeinschaftliche Beschlüsse und ihre Entscheidungswege direkteren Einfluss zu nehmen als je zuvor; zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt. Es gibt keine räumlichen oder zeitlichen Restriktionen mehr, die neuen Strukturen sind unregierbar. Alles ist dezentral auch die Macht. Verbreitung, Nutzung und stete Verbesserung der modernen Netze durch die Mitwirkung von hunderttausenden Gleichberechtigten, ist nicht zu stoppen. Das Internet ist zum Politikum geworden; es ist der sicherste Weg zur Anarchie, es ist auch der einfachste und beste Weg zur Selbstbestimmung, es formt per definitionem den neuen Bürger in der Stadt der Zukunft, der verwirklichten polis mundis. Das Netz wird auf diesem Wege nicht zuletzt der letzte Schritt auf dem Weg zur vollständigen Anerkennung der Menschenrechte sein.
Nicht alle Prognosen einer Zukunft im Digitalzeitalter sind so zuversichtlich. Doch dies ist noch der allgemeine Tenor: Das Internet mit seinen kommunikativen Möglichkeiten, die es dem Einzelnen zur Verfügung stellt, wird als überaus positiv für eine neue demokratische Praxis globaler Art angesehen. Es könne ein gestärktes demokratisches Bewusstsein in dieser Zeit ausbilden helfen, weil es reale Gleichberechtigung praktiziere, tatsächlich unzensierbaren Meinungsaustausch möglich mache. Es ist damit in der Vergangenheit immer mehr zu einem futuristischen goldenen Kalb stilisiert worden, dessen Fürbeter in erster Linie Industrie und Politik sind. Es wird heute in einem Atemzug mit modernen Schlagworten wie Mobilität, Konnektivität, Kommunikation genannt. Den neuen Chancen ihre ideellen Wege zu bahnen, soll Aufgabe einer zeitgemäßen Pädagogik sein.
Dabei spielt es keine Rolle, ob zur Nutzung dieser neuen Möglichkeiten unbezahlbar teure Ausrüstung beschafft oder das technische Know-how eines Ingenieuranwärters erst erworben werden muss Voraussetzungen, die allenfalls der reiche, wenn auch kleine Westen dieser Welt erfüllt. Freilich, die Kenntnis dieser Tatsachen hat die westliche Welt noch nie zuvor daran gehindert, ihre Träume von Freiheit und Gleichberechtigung im Sinne demokratischer Moral zu träumen. Und sie gegebenenfalls auch auszuleben. Die Aggressivität, mit der neue Medien »verkauft« werden, hat etwas amerikanisch-imperialistisches an sich, das an vergangene Zeiten mahnt, die so vergangen noch nicht sind. Es scheint zuweilen, als habe das real existierende Internet mehr »American Spirit« als »Global Spirit« in sich. Dass die Welt über keinerlei technologische Gleichberechtigung verfügt, tritt im Angesicht solch hehrer Ideale zurück. Dabei ist es Realität, dass das Internet noch lange nichts zum Verschwinden von Regionen beitragen wird, in denen die Einführung des Telefons, einer funktionierenden Briefpost gar, bereits einer Revolution gleichkäme. Mancher südländische Landstrich verwirklicht Demokratie auf primitiver Basis wirkungsvoller als die großen westlichen Staaten mit modernster technologischer Rückendeckung.
Einig selig und was dann?
Es ist den Menschen bis dato nicht gelungen, ihre erhabenen Ziele mündlich und schriftlich in ideelle Übereinstimmung zu verwandeln. Wie, so stellt sich die Frage, soll dies durch das Internet und all die anderen Mittel und Wege unbeschränkter Information, Kommunikation und Mobilität geschehen? Denn wer das Internet wachsam beobachtet, sieht keine Gemeinschaft, sondern eine Gesellschaft Ichs. Der Anteil Teilnehmer mit ausgeprägt demokratischen Idealen und gemeinschaftlich orientiertem Auftreten ist etwa so rar wie in der realen Welt. An der virtuellen Straßenecke ist von demokratisch orientiertem Meinungsaustausch keine Rede, statt dessen findet sich eine übergroße Zahl exaltierter und exzentrischer Naturen mit exhibitionistisch-narzisstischem Hang zur Selbstdarstellung. Dieses virtuelle streetlife hat etwas Groteskes, ein enthusiastisches Chaos mit seinem Hang fürs Extreme, hervorgerufen durch ein zu viel an Verlangen nach Gleichberechtigung, und zu vieler, die regieren wollen ohne Bürger und ohne erklärte Ziele. Es erinnert an vorzeitliche Polemik: Wenige Protagonisten, die ihre Untertanen um sich scharen, einzig mit Hilfe großer Rhetorik. Im Reiche Internet herrscht König Ich.
Das eigentlich Problematische ist dabei nicht einmal die große Zahl der Könige und die geringe ihrer Untertanen. Was, denkt man bei sich, wäre alles zu schaffen aus so viel Kraft. Was die unabweisbar vorhandenen Möglichkeiten des Internets aber zugrunde richtet, ist die Niveaulosigkeit des Betragens der Teilnehmer. Alle zelebrieren die Kunst ihrer effektvollen Selbstdarstellung, transformieren das Internet in einen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Sie zerstören die Qualitäten einer substanziell ungebundenen Unmittelbarkeit durch den Verlust ihrer eigenen in der Überzeichnung des Ich, das sich auflöst und seine Konturen verliert. Freiheit oder demokratische Gesinnung ist nicht negative Freiheit der Willkür. Die eigene Identität, konstruiert hinter Masken, wird die Auseinandersetzung einer virtuellen Konkurrenzgesellschaft nicht überleben. Der Charakter der Internet-Gesellschaft, die sich durch das Maximum an freier Meinungsäußerung auszeichnen soll, droht derartige Züge anzunehmen. König Ich ist krank und stirbt an chronischer Selbstüberschätzung.
Marshall McLuhan schrieb 1964 ein Buch mit dem Titel »Understanding Media The Extensions of Man«1. Er bezog diese Erweiterung durchaus nicht auf den Geist, sondern auf den Körper. Die modernen Maschinen sind substanzielle wie ideelle Verlängerungen der menschlichen Organe, primär der Augen und des Mundes. In Zukunft werden weitere hinzukommen. Die Organe erweitern ihre Wirkungsmöglichkeiten und das Internet ist im Hinblick auf diesen Charakter der Technik das in seinen Wirkungsmöglichkeiten erweiterte Ich. Es begegnet sich in der tatsächlich möglich gewordenen Schrumpfung des Raumes selbst wie im Spiegelkabinett immer wieder in anderen Facetten.
Die Kraft der Unverbindlichkeit
Was aber begegnet, ist das Ich im anderen keinerlei durch wundersame Übereinkunft entstandene Gemeinschaft. Das Internet ist Replik der Realität in weit höherem Sinne als weltanschauliche Enklave in ideologischem Feindesland. Das Internet ist nicht Segen für Freiheit und Demokratie, sondern es versetzt ihr den Todesstoß, weil es alle Schranken für Willkür, Gleichgültigkeit und Desinteresse weit aufreißt. Das Internet wird zu religiöser Toleranz, demokratischer Achtung und menschenwürdiger Ehrfurcht nicht erziehen, weil es pädagogisch machtlos ist, wie es sein Vorgänger, das Fernsehen war; multimediale und interaktive Machtlosigkeit bleibt Ohnmacht trotz aller Technik. Das ist umso mehr eine bedenkenswerte Feststellung, als diese Zeit auch ohne Internet & Co. die heillose Konfusion, in die es das Ich zerrt, nicht gerade selbst zu klären weiß. Die neuen Medien werden die Entstehung einer globalen Gemeinschaft behindern, weil sie das Ich publikumswirksam in Szene setzen, es ausstaffieren, seinen Wert taxieren und es meistbietend verschachern. Das Internet wird dieser sogenannten Informations- und Kommunikationsindustrie weitere Instrumente an die Hand geben.
Das Ich wird in und durch die Medien ein anderes werden für sich selbst und für die Gemeinschaft. Anthroposophie sollte sich im Rahmen einer zukunftsorientierten und in angemessener Pragmatik wegweisenden Medientheorie mit diesen Fragen befassen. Es sind dies Fragen nach der vermittelten Selbstwahrnehmung in der Zeit einer vermittelten Weltwahrnehmung. Sie sollte sich die Frage nach gangbaren Pfaden des Menschen-Ich durch die zu erwartende Zukunft stellen. Sie sollte zu einer Ortsbestimmung nichts nur des Ichs, sondern des ganzen Menschenwesens in einer Welt der Maschinenwesen führen auf dem Wege inneren Erlebens, der vom Einzelnen ausgeht. Auf diese Weise wird sie auch die Fragen die anthroposophische Pädagogik betreffend beantworten können, die nach wie vor unbeantwortet sind: Nicht wie muss medienintegrierender Unterricht an der Waldorfschule gemacht werden, sondern warum und unter welchen Prämissen. Sie würde der veränderten Wahrnehmung des Selbst und der Welt angemessene pädagogische Impulse geben können. Sie sollte das Ich kräftigen und seine Schöpfungskräfte befruchten, sie sollte es medienkompetent schulen und in eine Welt entlassen können, die es attackieren wird über seinen eigenen Narzissmus.
Ich-Impulse die Kräftigung des virtuellen Menschen
Das wird nur möglich sein auf dem Wege einer kraftvollen neuen Inspiration des Ich. Eine Überwindung der narzisstischen Tendenzen der Selbstwahrnehmung in virtuellen Erlebniswelten wird nur möglich sein auf dem Wege einer Erstarkung des Ich, eines modernen sapere aude. Das Maschinenwesen ist eine zutiefst persönliche, geradezu ins Intime vorgedrungene Erfahrung. Nicht nur durch ihre faktische Allgegenwart, sondern durch die Begegnung mit ihr, die nur im persönlichen inneren Erleben vollzogen werden kann. Das ist nicht nur der ihr andauernd beigegebene Sinn, Erfüllung nur in der Intimität bringen zu können, es ist auch der in der Auseinandersetzung mit ihr hervortretende Charakter. Der Mensch begegnet ihr nicht in der Gemeinschaft, sondern nur in der persönlichen Auseinandersetzung. Das lehrt der gewöhnliche Alltag. Das Ich ist der Brennpunkt der Auseinandersetzung des Menschen mit dem Maschinenwesen. Die explosive Macht, die in den aktuellen Geschehnissen zutage tritt, liegt in der Auseinandersetzungsfähigkeit des Einzelnen, nicht in der Gesellschaft. An ihr zeigt sich das Phänomen.
Leben in den Chiffren des Maschinellen
Aber das erfordert ein neues, ungewohntes Denken. Es nützt nicht, zu sagen, dass mit der Maschine nur »richtig« umgegangen werden müsse, wie es so oft geschieht. Ihre Bedeutung in der Lebenswelt zur Jahrtausendwende kann so weder verstanden noch klar definiert werden. Zu sagen, der Mensch müsse seine eigene Position nur richtig verstehen, die der Maschine verständig einschätzen lernen und dann seine Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen ziehen, verschleiert das eigentlich schon mysteriöse Bild. Die Welt des Konsums hat dies längst getan und leidet daran eben aus diesem Grunde. Sie hat die Maschine auf das Podest des Erlösers von alltäglichen Sorgen gestellt. Die Maschine ist integraler Bestandteil der Daseinsfürsorge des modernen Staats geworden. Diese Fixierung auf eine Rolle, die nicht in Frage gestellt wird, macht den Abschied von dieser Illusion erst so schwer. Das Problem ist die Rolle. Die anthroposophische Publizistik hat bisher zumeist nur die Prämissen verändert, indem sie dem Erkenntnisprozess des Maschinenwesens den des Menschen voranstellt. Solche Schemata bleiben, egal von wem sie ausgesprochen werden, Erklärungen, die durch ihre scheinbare Funktionalität mehr verschleiern als erklären.
Dem Wesen der Maschine kommt eine solche Rollenbestimmung nicht zu. Seine Bedeutung kann nur entschleiert werden in der von Unruhe getragenen Auseinandersetzung. Es sollte der Schritt gemacht werden hin zu einer Einsicht in das Wesen des Maschinellen und Technischen als Erkenntnischance und Arbeitsfeld der individuellen Forschertätigkeit. McLuhan schrieb 1964 »The Medium is the Message«. Nicht der Gehalt der Technik, die Technik selbst ist Botschaft und Erkenntnisgegenstand. Wird ihr Wesen klar erkannt geglaubt, verliert sie diese Bedeutung. Um so schlimmer, geschieht dies von wesenskundlich besonders motivierter Seite. Die Erkenntniskräfte zu schulen, dass sie sich zu einem solchen Bewusstsein durchzuringen vermögen, ist nicht nur Aufgabe der Schule, aber doch in aller erster Linie. Und darüber hinaus diejenigen Kräfte bilden zu können, diese Erkenntnisfrüchte zu erstreben, diesen Mut, der vonnöten ist, sich jene zu erarbeiten.
Vilém Flusser schrieb 1991: »Diese am Horizont der Jahrtausendwende auftauchende neue Generation von Bildermachern und Bilderverbrauchern hat auf ihrer Flucht nach vorne aus der Bilderflut das Entsetzen der Verantwortungslosigkeit, Vermassung, Verblödung und Entfremdung tatsächlich überwunden«.2 Er konnte noch nicht voraussehen, dass die »demokratischen Kanäle« nicht allein für demokratische Gesinnung verantwortlich sind. Der Faktor Mensch und besonders der des Einzelnen tritt vor dem der Gesellschaft zurück. Dabei sollte es gerade in unseren Tagen eine immer größere und wichtigere Rolle spielen nicht nur in den Netzen.
Deshalb wird die Welt sie durchmachen, die Hetzjagd um falsche Ichs und vorgetäuschte Charaktere, soweit sie das nicht schon tut. Und das ist vielleicht sogar ganz gut so. Dass sie es mit bewusster Kraft tut und als Schwellenerlebnis begreift, ist Zukunftsaufgabe. Das Durchgehen durch das konfliktreiche Erleben ist dabei notwendiger Bestandteil des Erfahrungsweges. »Nur durch die Tatsachen hindurch, ist hinter die Tatsachen zu kommen.«3 Der Weg muss bewusst beschritten werden. Auf diesen Grundlagen lassen sich Konzepte im Umgang mit der Technikwelt und damit auch für Prämissen einer zeitgemäßen Pädagogik gewinnen. Zeitgemäßheit findet ihre Legitimation und ihre originäre Perspektive in der Schulung von Mut und der Bildung von Bewusstseinskräften. Mut und Kraft zu Wahrhaftigkeit in der Auseinandersetzung mit den wahrhaft modernen Herausforderungen.
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