Vom »Nürnberger Trichter«
zu »Fakten, Fakten, Fakten«
Die Bildungsmesse »Interschul/didacta« in Stuttgart
Mit Superlativen wird nicht gegeizt in der Werbung: Die »größte Bildungsmesse der Welt«, die »neue Leitmesse für Bildung«, »eine das Bildungsmessewesen verändernde Premiere«: So kündigen Messe- und Medienverlautbarungen den Start der »Interschul/didacta« am 1. März 1999 (bis zum 5. März) auf dem Messegelände am Killesberg in Stuttgart an.
Die Prophezeihungen und Beteuerungen der Bildungspolitiker aller Fraktionen, »Ausbildung und Bildung« seien das »Mega-Thema« des anbrechenden 21. Jahrhunderts, liegen dazu kompatibel im Trend. Formal betrachtet ist die Stuttgarter Bildungsmesse in der Tat etwas Außergewöhnliches: Durch den Zusammenschluss der beiden etablierten europäischen Bildungsmessen »didacta« und »Interschul« mit der »Fachmesse Kindergarten« entsteht in Stuttgart erstmals so etwas wie das größte Bildungsschaufenster der Welt.
Wer solche Messen einmal durchwandert hat, weiß aber auch: Viel didaktischer Schrott präsentiert sich neben pädagogisch gut gemeinten Angeboten, bildungspraktische Hilflosigkeiten biedern sich ebenso an wie interessante Neuentwicklungen und deutlich wird auch, wie fortschrittlich in der Tat auch manche Staatsschulen sind, wenn es darum geht, die Diktatur des Faktenwissens durch eine menschenfreundliche Persönlichkeitsbildung zu durchbrechen. Und: Es wird ungemein viel diskutiert, argumentiert, präsentiert, gelobt, bedacht, kritisiert, geschwafelt, gehudelt, vernebelt. Alles in allem ein reges, obligatorisches Treiben also, aus dem am Abend die Besucher erschöpft nach Hause schleichen hoffend auf qualitativen Erkenntniszuwachs.
Das neu Entdeckte: Das alt Bewährte!
Den kann es durchaus geben. Denn was regelmäßig dabei verwundert, ist die Tatsache, dass manche pädagogischen Konzepte und didaktischen Rezepte, die mit viel Trara und Paukenschlag als »innovativ«, »evolutionär« oder gar als »curriculare Entdeckung« gefeiert werden, längst schon anderweitig praktiziert werden in den Waldorfschulen. Aber so ist die Welt, sie braucht die eigene Erfahrung. Besuche von Bildungsmessen wie die »Interschul/didacta« gleichen Entdeckungsfahrten: Sei es, dass man in den sogenannten »Staatsschulen« den Fremdsprachenunterricht für die Unterstufe entdeckt, sei es, dass man in den Schulverwaltungsuniversen die Schulautonomie ausmacht, weil durch »die verstärkte Schaffung von privaten Schulen die Chance gegeben ist, verkrustete Strukturen aufzubrechen« oder aber sei es, dass in eloquenten Talkrunden über die »Bildung von morgen« Top-Manager, Pädagogikpäpste und kultusministerielle Bildungsverwalter Eigeninitiative, Persönlichkeitsbildung, Teamfähigkeit, Kreativität, Handlungskraft undsoweiterundsofort als »neue kultursoziale Schlüsselqualifikationen« feiern mithin pädagogische Ziele, die lebendige Praxis von Rudolf Steiners Waldorfpädagogik seit über 70 Jahren sind!
Die Verdinglichung des Lernens,
die Entfremdung der Persönlichkeit
Fünf »Foren« auf der Messe wollen »die Zukunft der Bildung ins Visier« nehmen darunter eine »Werkstatt Multimedia«, bei der ausgewählte Lernsoftware« vorgestellt wird. Dieses Forum bietet den technischen Entwicklungen entsprechend die meisten Programmangebote: Von multimedialen »Lernspielen für den Englischunterricht« und der »Lernsoftware Welt der Zahl für das Lernen mit fast (!) allen Sinnen« über »40 Diktate auf CD-Rom« bis zum »Spannenden Mathe-Training für Grundschüler« mit dem Computerspiel »Abenteuerflug mit Mathefix«. Diese massenweise Verdinglichung des Lernens und die damit verbundene materielle Instrumentalisierung der Didaktik und des Denkens liegen voll im Trend: Die Qualifikation und Persönlichkeitsbildung des Lehrenden spielt immer weniger eine Rolle, der Schüler wird immer häufiger zum bloßen, von seiner Persönlichkeit entfremdeten Objekt einer elektronisch oktroyierten Wissensvermittlung auf einer kruden Spaß- und Animationsbasis. Früher nannte man das »Nürnberger Trichter«. Heute heißt es »Fakten, Fakten, Fakten«.
Dass Pädagogik sich nach den Entwicklungsgesetzen des Kindes und des Jugendlichen richtet und diese auch die Methoden des Lernens bestimmen; dass Fähigkeiten der Kinder entwickelt werden müssen und keine Leistungsauslese stattfindet; dass die Arbeit in der Schule der Entwicklung kognitiver, kreativer, künstlerischer, praktischer und sozialer Fähigkeiten gleichermaßen dient und neben der Vermittlung breiter Allgemeinbildung die einzelne Klasse selbst ein soziales Lernfeld ist; dass die Schulzeit auch Teil der Biographie eines Menschen ist und in ihr ein lebenslanges Lernen beginnt; dass Pädagogik von den Lehrenden und Erziehenden verantwortet werden muss und eine im Lehren forschende Lehrerschaft notwendig ist diese grundlegenden Ideen für eine sinnvolle Pädagogik findet man im Messetrubel mit seinen schier unendlich vielen elektronisch-didaktischen Geh-, Steh- und Lernkrücken kaum, abgesehen von der Waldorfpädagogik, welche bekanntermaßen Ausbildung und Bildung auch als eine Begegnung von Mensch und Mensch betrachtet.
Die Unesco fordert Kreativität
und die Politik ist phantasielos
Verwunderlich ist das schon, zumal Hinweise auf die Werte und Notwendigkeiten einer Erneuerung der Bildungsmethoden und -inhalte wie sie die Waldorfpädagogik vermittelt, unübersehbar sind. So heißt es etwa im UNESCO-Bericht »Zur Bildung für das 21. Jahrhundert«, den der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delor 1997 verantwortete: Das Entscheidende für die Zukunft sind »Kreativität, Sozial- und Handlungskompetenz der Jugendlichen«. In die gleiche Richtung argumentiert neuerdings auch der Entwurf eines Leitbildes, den der Innovationsbeirat der baden-württembergischen Landesregierung zum Bereich Bildung und Wissenschaft formuliert hat. Darin heißt es, nicht die »Abbildung der heutigen Wirklichkeit« und auch nicht der Erwerb heutigen Wissens seien die »optimale Vorbereitung der Schüler auf das Leben«. Vielmehr müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, heute noch unbekannte Anforderungen der Zukunft bewältigen zu können, indem dafür entsprechende Fähigkeiten ausgebildet werden. Erst auf der Grundlage solcher Kompetenzen werde die »Wissensgesellschaft« Bestand und Perspektive haben.
Vor dem Hintergrund dieser Forderungen, denen die Waldorfpädagogik voll entspricht, erscheint die aktuelle Bildungspolitik von 1999 wie eine hilflose Ankündigungsrhetorik. Kein Zweifel, die Politik ist phantasielos und drückt sich um die entscheidenden Fragen. Denn Bildungspolitik ist mehr als nur Finanz- und Strukturpolitik. Schaut man genau hin, stellt man fest, dass die Initiativen zur bildungspolitischen Erneuerung mehr und mehr an die Basis, in die einzelnen Schulen abwandern. In der Wirtschaft wird schon geübt, was die neue Bildungsrhetorik vorgibt: Immer mehr Unternehmen wollen Mitarbeiter, die selbstbewusst sind, handlungsstark, kreativ und die wissen, was sie wollen. Das ist ein neues Feld, auf dem sich Individualität und Intuition miteinander verbinden.
Und auch ein anderer Vorzug der Waldorfpädagogik findet immer mehr Anhänger: Die Selbstverwaltung der Schule, ihre Autonomie. Sowohl im oben erwähnten UNESCO-Bericht als auch im baden-württembergischen Bildungsleitbild werden Plädoyers geführt für die Entfaltung freier Bildungsinitiativen und für die organisatorische, finanzielle und personelle Eigenverantwortlichkeit der Schule. Für »Waldorfs« ist das nichts Neues, aber es ist gut für sie, wenn es auch andere merken: Ein effizientes Bildungssystem braucht nicht nur organisatorische Freiheiten, sondern vor allem Freiheit und Vielfalt in den Methoden, Inhalten und Zielen mit den entsprechenden verfahrensrechtlichen Absicherungen.
Empowerment: Schulautonomie
und Rechenschaftspflicht
Die Forderung nach Autonomie (und Rechenschaftspflicht) der Schule stellten 1998 auch 200 deutsche Schulen, die sich zu einem von der Bertelsmann-Stiftung initiierten »Netzwerk« in Gütersloh zusammenschlossen. Dass sich dabei bisher nur eine Waldorfschule engagiert, ist kaum zu verstehen wären diese Schulen für ein solches Netzwerk doch geradezu prädestiniert! Ebenfalls 1998 trafen sich Vertreter dieser innovativen Schulen, von der Bertelsmann-Stiftung begleitet, zu einem Kongress in Toronto. Tenor dieses Treffens war, wie Zeitungen berichteten: Es wird sich in den Schulen gar nichts ändern, wenn sie nicht selbst damit beginnen. In der Tageszeitung taz war nachzulesen, welche Forderung damit verbunden ist: Das Schlagwort dafür heißt »Empowerment«, also so etwas wie Machtverschiebung an die Basis. Das bedeutet also: Autonomie, Selbstverwaltung, wie sie den Waldorfschulen vertraut ist.
Die Bildungsaufgabe der Gegenwart heißt Stärkung der Persönlichkeit für die Zukunft und lebenslanges Lernen. Eine entscheidende Frage am Ende dieses Jahrhunderts in der Bildungslandschaft lautet: Was soll heute für morgen gelernt werden? Lässt sich das überhaupt noch zentral festlegen also über kultusministerielle Lernkataloge? Die Antwort muss lauten: Nein. Denn über 70 Prozent der Technologie, welche Jugendliche später benutzen, sind heute noch gar nicht erfunden. Das bedeutet für die Curriccula, dass Schüler vor allem neben der Ausbildung sozialer Fähigkeiten lernen müssen, mit Wissen und seiner Fortentwicklung richtig umgehen zu können. Der Bildungsjournalist Reinhard Kahl sagt dazu: »Die Möglichkeit zum Lernen hängt letztlich vom Maß erreichter Individualität ab. Deshalb heißt es Abschied zu nehmen vom Klonen der Köpfe.«
Die Schule aus dem Korsett
von Staat und Kirche befreien
Angesichts dieser großen Herausforderungen nach einer grundlegenden Erneuerung des Bildungswesens erscheinen die Diskussionsthemen des »Forums Bildung« auf der »Interschul/didacta« in Stuttgart so wichtig sie für die Gegenwart sein mögen nachgerade marginal: »Problemfall Schule Wer zahlt ihre Modernisierung?«, »Sind zentrale Abschlussprüfungen sinnvoll?«, »Welche Kompetenzen verlangt die Informationsgesellschaft?«, »Mädchenklassen für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht?« Die wesentliche Frage nach einer Auflösung und Belebung des erstarrten Bildungswesens wird auf dieser Messe nicht gestellt. Man bewegt sich immanent im System einer bildungspolitischen Notlage. Es ist schon erstaunlich, in welchen rasanten Schritten sich in der Gesellschaft vieles entwickelt von der Gentechnik bis zum Internet, von der Globalisierung bis zum Marsflug. Nur das Bildungswesen keucht in seinem engen Korsett, propagiert eine Staatsschule, deren Erziehungsprinzipien denen der letzten Jahrhunderte entsprechen, dämmert dahin in einem Klima der Depression. Von Zukunft kann da keine Rede sein. Ideen, Pläne, Vorschläge, die Schule zu reformieren, gibt es wie Sand am Meer. Doch sie dringen nicht durch, denn der alles hemmende Block auf dem Wege zur Autonomie sind Staat und (teilweise) die Kirche. Damit Bewegung ins Bildungswesen kommt, kann es nur einen Weg geben: Die Befreiung der Schule vom Staat. Es ist ein Emanzipationsprozess, der im 21. Jahrhundert überfällig ist, der in der Schule bei Lehrern, Eltern und Schülern beginnen muss und als zentrales Thema die Diskussionen der nächsten »Interschul/didacta« endlich inspirieren sollte.