Brennpunkte


Heinz Buddemeier

Kind und Computer
Bildschirm und Rechner als Fenster zur Welt?


Kinder im Netz
In einer Zeit, in der viele Menschen dazu neigen, vor allem an sich zu denken, haben es alle schwer, die auf Hilfe angewiesen sind. Dieser Umstand trifft gegenwärtig mit besonderer Härte die Kinder. Zu Millionen hungern sie, und wo es genug zu essen gibt, da werden viele durch die Werbung dazu verführt, Dinge zu essen, die den Namen »Lebensmittel« nicht verdienen. Zu den Belastungen, die sich aufgrund der materiellen Verhältnisse ergeben, kommen die Probleme, die ihren Ursprung im Sozialen haben. Vielen Kindern fehlt die vertrauensvolle und anregende Beziehung zu anderen Menschen. Statt dessen ist kein Mangel an Möglichkeiten, die Zeit mit technischen Geräten zu verbringen.

Gegenwärtig gibt es intensive Bemühungen, diesen Bereich durch den Einsatz von Lernmaschinen zu vergrößern. Die Firma »Futurekids« (Werbeslogan: »Kinder auf Computerkurs«) bietet auf der ganzen Welt Computerkurse für Kinder ab vier Jahren an. In den Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser und in vielen anderen Geschäften gibt es Lerncomputer für Kinder ab dreieinhalb Jahren. In einem Prospekt der Firma »Utech Electronics« zeigt ein Foto ein strahlendes Kind, dem im Hinblick auf seinen ersten Computer (»Genius Kid – PC Phone«, ab dreieinhalb Jahren) die Worte in den Mund gelegt werden: »Ich glaub, bei mir klingelt's schon wieder. Also mein Lerncomputer ist superklasse, weil der mit mir spricht. Und ich sag auch oft was zu ihm.« Von weiteren Modellen lässt man Kinder sagen: »Mein Laptop ist mein Freund« oder »Auf den kann ich zählen.« Bei allen Modellen wird eigens hervorgehoben »Freundliche Stimme«.

Kinder möglichst früh an den Computer heranzuführen, ist nicht allein eine Idee geschäftstüchtiger Unternehmer. Bildungspolitiker, Pädagogen und nicht zuletzt viele Eltern zielen in dieselbe Richtung. Das Projekt »Schulen ans Netz«, eine Initiative der Bundesregierung und der Deutschen Telekom, fördert in Zusammenarbeit mit den Bundesländern die Ausstattung der Schulen mit Computern (einschließlich Zugang zum Internet). In Übereinstimmung damit erklärten die Kultusminister aller Bundesländer im Juni 1997 auf einer Tagung zum Thema »Neues Lernen: Schulentwicklung und neue Medien« (auf Einladung der Bertelsmann-Stiftung), die Einführung der neuen Medien in den Schulunterricht dulde keinen Aufschub mehr. Die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen, Gabriele Behler, behauptete bei dieser Gelegenheit, der Einsatz multimedial gestützter Lehrmethoden ermögliche selbständiges Lernen, eine verbesserte Urteilsfähigkeit gegenüber Medienangeboten, Dialogfähigkeit und das eigenständige Erarbeiten neuer Kenntnisse außerhalb der Schule.1

Im Januar 1998 teilte die Bremer Bildungssenatorin mit, wie sie sich die Umsetzung der im Juni 1997 formulierten Absichtserklärung denkt. Sie startete eine, wie sie es nannte, bildungspolitische Offensive, die zum Ziel hat, alle Bremer Schüler ab der fünften Klasse – bis zum Jahr 2005 – mit einem Laptop auszustatten. Alle Fraktionen, auch die Opposition, zollten Beifall und forderten ein zügiges Vorgehen.

Die Argumente, mit denen diese Entwicklung vorangetrieben wird, liegen auf verschiedenen Ebenen. Da ist einmal die Behauptung, die frühzeitige Computernutzung verschaffe Vorteile im Hinblick auf die spätere Berufstätigkeit, insbesondere im Hinblick auf den Berufseinstieg. Tatsache ist, dass sich durch den Computer die Zahl der Arbeitsplätze verringert und dass sich ein großer Teil der verbleibenden Arbeitsplätze so verändert, dass auf die eine oder andere Weise ein Computer integriert ist. Nimmt man noch hinzu, dass die Auffassung verbreitet ist, die Bedienung eines Computers sei kompliziert und erfordere auch Vorkenntnisse und viel Übung, dann wird die herrschende Meinung verständlich, wenn man nicht schon als Kind vor dem Computer sitze, bekomme man später keinen Arbeitsplatz.

So naheliegend diese Schlussfolgerung einerseits ist, so leicht lässt sie sich doch widerlegen. Da ist z. B. zu bedenken, dass Hard- wie Software nach etwa 18 Monaten als veraltet gelten. Kein Mensch weiß, wie die Arbeit am Computer in fünf, zehn oder gar fünfzehn Jahren aussieht. Eines ist jedoch sicher: Was ein Kind heute an Fertigkeiten lernt, ist, wenn es in den Beruf eintritt, überflüssig oder hinderlich.

Diese Entwicklung wird noch dadurch unterstützt, dass alle Veränderungen darauf hinauslaufen, dass die Bedienung eines Computers immer weniger spezielle Computerkenntnisse erfordert. In einem Prospekt von »Futurekids« heißt es: »Computer sind heute bereits selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, und bis zum Jahr 2000 wird die überwiegende Zahl der Arbeitsplätze Computerkenntnisse erfordern.« Diese Aussage ist falsch. Computerkenntnisse werden nur eine verschwindend kleine Zahl von Spezialisten benötigen.

Eine Einschätzung des Wertes von Computerkenntnissen ermöglichen die Qualifikationen, die sich die Personalchefs großer Unternehmen für Berufseinsteiger wünschen. Da ist die Rede von sozialer Kompetenz, Phantasie, Durchhaltevermögen und Lernfähigkeit. Computerkenntnisse werden vorausgesetzt, wobei auf Nachfrage zu erfahren ist, dass es sich, sofern nicht Computerspezialisten gesucht werden, um Kenntnisse handelt, die man sich, sofern man gut lernen kann, in wenigen Wochen, oft auf dem Wege einer firmeninternen Schulung, aneignen kann.

Computer und kindliche Entwicklung
Wenn die bis jetzt betrachteten Argumente, mit denen für eine möglichst frühe Einführung der Kinder in die Computernutzung eingetreten wird, auch wenig überzeugen, so kann daraus doch nicht gefolgert werden, dass der Computer für diese Altersgruppe tatsächlich ungeeignet sei. Um zu einem begründeten Urteil zu kommen, muss, unter Berücksichtigung der kindlichen Eigenart und der Merkmale des Computers, grundsätzlich gefragt werden, ob der Rechner Kinder fördern kann oder ob er ihnen schadet. Zu dieser Frage sollen im Folgenden einige Überlegungen angestellt werden.

Wie erlebt ein Kind die Welt? Wie lernt es? Welche Entwicklungsschritte liegen vor ihm? Für das kleine Kind existiert anfänglich nur das, was es in seiner eng umgrenzten Welt wahrnimmt und erlebt. Wie alles zusammenhängt, davon weiß es nichts. Es unterscheidet nicht einmal deutlich zwischen sich und der Welt. Genauso wenig ist ihm der Unterschied zwischen der Welt draußen und seiner Phantasiewelt bewusst. Voller Vertrauen, voller Verehrung, auch voller Hingabe lebt es in der Welt, in der es ganz und gar auf andere angewiesen ist.

Um sich allmählich selbständig in der Welt zurechtfinden zu können, muss das Kind beginnen, Unterschiede und Zusammenhänge zu begreifen. Stellen wir uns vor, ein drei Jahre altes Kind frühstückt morgens mit seiner Familie. Da muss es nach und nach verstehen, wie die Tageszeit und die Mahlzeit zusammenhängen. Warum die einen aus dem Haus gehen und die anderen zu Hause bleiben. Es muss den Unterschied zwischen den Eltern und den Geschwistern begreifen, schließlich auch den Unterschied zwischen Vater und Mutter und den Unterschied zwischen den Geschwistern.

Dabei bilden die leibliche und die geistig-seelische Entwicklung eine Einheit. Das Kind geht in die Küche. Seine Bewegungen führen zu den Wahrnehmungen. Die Wahrnehmungen liegen den Gefühlen zugrunde. Das Kind freut sich, wenn ein Blumenstrauß auf dem Tisch steht oder wenn es Sonntags den Duft von frisch gebackenen Brötchen riecht. Das Denken muss alles miteinander verbinden. Vor allem muss es die Ausnahmen verstehen. Heute sitzt einer mehr am Tisch. Wer ist das? Was will er hier?

Die seelisch-geistige Entwicklung ruht auf der leiblichen und den Anregungen, die von dort kommen. Jean Piaget nennt die Entwicklungsstufe, die bei dem hier gewählten Beispiel im Blick ist, die Phase der sensomotorischen Intelligenz. Damit soll ausgedrückt sein: Bewegungs- und Wahrnehmungsaktivitäten und die Koordinierung von beidem bilden den Ausgangspunkt der kindlichen Entwicklung.

Rudolf Steiner spricht von Vorbild und Nachahmung. Das Vorbild regt die Sinnestätigkeit an, die Nachahmung ist eine Leistung der Motorik. Dabei wird bei Rudolf Steiner deutlich, wie unendlich viel von der Qualität der Sinneseindrücke abhängt. Die Sinneseindrücke beeinflussen den Bau des Leibes und sie regen die seelisch-geistige Entwicklung an. Wir stehen hier vor dem Drama der kindlichen Existenz. Das Kind muss und will sich entwickeln und ist dabei ganz und gar auf die Eindrücke und Anregungen angewiesen, die ihm aus der äußeren Welt zufließen. Für die seelische Entwicklung sind vor allem Anregungen wichtig und die gehen von dem aus, was das Kind hinter den Sinnendingen ahnt. Und da liegt doch auf der Hand: Hinter einem blühenden Kirschbaum, in dem die Bienen summen, öffnen sich andere Welten als hinter einem Bildschirm.

Nun wird mancher denken: Es gibt aber nun einmal mehr Bildschirme als Kirschbäume und es wird immer mehr Bildschirme geben. Das ist die Welt, auf die sich die Kinder einstellen müssen. Wieso müssen sie das? Wieso nehmen die Erwachsenen die Welt, die sie schaffen, so wichtig? Die Frage muss doch lauten: Was brauchen die Kinder und was sind wir ihnen schuldig?

Blickt man mit dieser Frage auf den Computer, dann ergeben sich, was die kindliche Computernutzung betrifft, schwerwiegende Nachteile. Wenn ein Kind einen Stift in die Hand nimmt und damit ein Haus auf ein Blatt Papier zeichnet, dann kann es den Zusammenhang zwischen seiner Tätigkeit und dem Ergebnis dieser Tätigkeit im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Wenn ein Kind auf eine »Maus« drückt oder auf eine Taste und dadurch etwas auf dem Bildschirm bewirkt, dann kann es den Zusammenhang nicht verstehen. Der Computer insgesamt ist für das Kind unverständlich.

Nun soll das Kind aber doch das für sein weiteres Leben wichtige Vertrauen entwickeln, dass die Welt zu verstehen ist und es soll zugleich Lust bekommen, den verstehbaren Bereich durch eigene Anstrengungen ständig zu erweitern. Wenn die Erwachsenen dem Kind ein Werkzeug in die Hand geben, von dem sie sagen, dass es wichtig sei, das aber undurchschaubar ist, dann gewöhnen sich die Kinder schon früh daran, auf das Verstehenwollen zu verzichten. Wobei sie sich beim Computer sogar daran gewöhnen, das eigene Tun nicht zu verstehen.

Ein weiterer Nachteil des Computers besteht darin, dass er das Kind nur punktuell in Anspruch nimmt. Von den Gliedern werden nur die Fingerspitzen in Anspruch genommen, von den Sinnen vor allem das Auge, evtl. auch das Ohr. Dabei wird alles, was das Kind sieht, wie von Zauberhand vor das unbeweglich dasitzende Kind gerückt. Das erschwert das Verstehen des Wahrgenommenen. Andererseits wird von den Seelenkräften aber gerade das Denken in Anspruch genommen.

Das Erlahmen von Fühlen und Wollen
In einem Organismus wirken alle Organe zusammen. Tätigkeiten und Fähigkeiten ergänzen und bedingen einander. Letzteres gilt vor allem für Wesen, die sich entwickeln. Beim Kind hängt alles von dem Zusammenspiel zwischen Bewegung und Wahrnehmung ab. Weniger abstrakt kann man auch sagen: Beim Kind kommt alles darauf an, dass es Gelegenheit bekommt, das zu tun, was ihm sowieso das liebste ist, nämlich auf Stühle oder Bäume klettern, Purzelbaum schlagen, herum rennen, mit anderen Kindern spielen und manchmal bei einem lieben Menschen auf dem Schoß sitzen.

Weil der Bildschirm flächig ist und weil auch alle Eingabemöglichkeiten flächig sind (Tastatur, Maus, Benutzeroberfläche), gibt es beim Computer weder einen Sehraum, noch einen Greifraum. Wenn das Kind einen Apfel schält, dann nimmt das Auge die Krümmung wahr und die Hand folgt dem, was das Auge sieht. Da findet wirkliches Zusammenwirken statt. Beim Schreiben am Computer hat das, was die Hand tut, mit dem, was das Auge sieht, im Sinne von Koordination überhaupt nichts zu tun. Bei der »Maus« oder dem Joystick ist es etwas anders. Wenn man mit der Maus einen Pfeil über den Bildschirm dirigiert, dann sagt einem natürlich das Auge, welche Bewegungen mit der Maus auszuführen sind. Beides findet aber auf der Fläche statt. Außerdem haben beide Flächen nichts miteinander zu tun. Die Maus liegt auf dem Tisch, der Pfeil geistert durch das Irgendwo des Cyberspace. Da es keine beobachtbare Verbindung zwischen Maus und Pfeil gibt, gleicht die Bewegung der Hand eher einem mehr oder weniger routinierten Probieren. Schuhe anziehen oder Äpfel schälen ist jedenfalls, unter dem Gesichtspunkt der Sensomotorik, Gold dagegen.

Entindividualisierung
An dieser Stelle soll auch eine Bemerkung zum Schreiben gemacht werden. Es ist immer wieder zu hören, der Computer könne die Kinder von der Mühsal des Schreibenlernens befreien. Da ist doch zu fragen, ob es wirklich ein Fortschritt wäre, wenn die Kinder nur noch am Computer schreiben könnten. Angenommen, ein Kind schreibt mit seiner Hilfe das Wort »Haus«. Da sollte ernsthaft überlegt werden, ob diese Tätigkeit überhaupt die Bezeichnung »schreiben« verdient. Das Kind gibt Anweisungen an die Maschine. Es drückt eine Taste und der Kathodenstrahl zeichnet ein »H«. Dann ein »A« und so fort. Die Bewegungen des Kindes, zumal, wenn es mit den Zeigefingern »schreibt«, sind fast identisch. Stärke und Richtung des Drucks, den ein Finger ausübt, ist ohne Einfluss auf das Ergebnis.

Man vergleiche damit das Erlernen des Schreibens. Da wird jeder Buchstabe hervorgebracht. Anfangs sind sie kaum zu erkennen, solche Mühe hat das Kind mit ihnen. Wenn es dann besser und besser geht, hat das Kind wirklich Feinmotorik geübt und riesige Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht.

Das Besondere am Schreiben ist, dass das Kind als ganzes Wesen beteiligt ist. Der Wille führt die Hand über das Papier und überwindet alle Fehlschläge. Die Buchstaben sollen auch schön sein. Das Kind fühlt, ob es gelingt. Das Denken erfasst den Zusammenhang zwischen Buchstabe, Wort und Bedeutung. Dabei ahnt das Kind, dass es eine neue Welt betritt, die Welt der symbolischen Zeichen, die aller Kultur zugrunde liegt.

Sitzt das Kind am Computer, dann muss es das Hervorbringen und Gestalten der Buchstaben der Maschine überlassen. Wollen und Fühlen werden lahmgelegt. Nur das Denken ist nötig, um der Maschine den richtigen Buchstaben zu bezeichnen. Ein Denken, das kein Wille und kein Fühlen begleitet, wird kalt und kraftlos.

Der Bildschirm führt auch dazu, dass das Kind seinen individuellen Standort, von dem aus es die Welt sieht, verliert. In der räumlichen Welt hat jeder seinen Platz, auf dem er steht. Niemand sonst sieht die Welt so, wie man sie von seinem Platz aus sieht. Was auf dem Bildschirm zu sehen ist, erscheint so, dass es mit dem Standort des Betrachters keinen Zusammenhang hat. Der individuelle Standort spielt keine Rolle. So kommt es, das Millionen Menschen denselben Weltausschnitt aus demselben Blickwinkel sehen.

Dem Kind, das auf dem Wege ist, seine Individualität zu entwickeln, ist es Hilfe und Anregung, dass es die Welt wie kein anderer wahrnimmt. Der Bildschirm erzeugt kollektive Wahrnehmung und stärkt dadurch die gegenteilige Tendenz.

Wie funktioniert ein Lerncomputer?
Abschließend soll ein Lerncomputer für Schulanfänger betrachtet werden. Das Gerät hat die Form eines Laptops, der Bildschirm ist allerdings nur 4x8 cm groß. Nach dem Einschalten ist zunächst ein hässlicher Knall zu hören. Dann rutscht ein comichaftes Männchen einen Regenbogen herunter, winkt dabei und sagt schließlich »Hallo«. Dann fordert eine neutrale Stimme (man kann nicht sagen, ob sie männlich oder weiblich ist) auf: »Wähle ein Programm.« Mit einer Art »Maus« kann zwischen acht Programmen gewählt werden. Als Beispiel sei das Programm »plus« betrachtet. Hat man es gewählt, ist zunächst eine kleine Melodie zu hören. Auf dem Bildschirm erscheint dann eine Rechenaufgabe. Die Rechenaufgabe wird auch sprachlich formuliert, eine Stimme fragt z. B.: »Was ist 4 plus 5?«.

Das Kind muss das von ihm gefundene Ergebnis eintippen und dann die Taste »Eingabe« drücken. Durch das Drücken dieser Taste wird der Kommentar zu der von dem Kind gefundenen Antwort unmittelbar ausgelöst (es gibt keine Pause zwischen Tastendruck und Sprechen). Für eine richtige Lösung gibt es drei Varianten: »in Ordnung«; »super«; »richtig«. Hat das Kind falsch gerechnet, dann hört es: »Oje, versuch's noch einmal.« Nach insgesamt drei vergeblichen Versuchen wird noch angefügt: »Dies ist die richtige Antwort: …«. Die richtige Zahl wird ausgesprochen und erscheint auf dem Bildschirm. Nach einigen Aufgaben sagt die Stimme: »Du hast … Punkte. Spiel noch einmal« (100 Punkte bedeuten fehlerfrei.). Während die Zahlen auf dem Bildschirm erscheinen und das Kind rechnet, werden ständig Geräusche und Töne produziert. Außerdem erscheinen Comicfiguren, groteske Tiere, Raketen und dergleichen, um auf die albernste Weise auf richtige oder falsche Ergebnisse zu reagieren.

Betrachtet man das Programm unter didaktischen Gesichtspunkten, wird sogleich klar, dass es sich um die reinste Dressur handelt. Das Kind erfährt lediglich, ob die von ihm gefundene Lösung richtig oder falsch ist. Wie man zu richtigen Lösungen kommt, ist nicht Gegenstand des Programms. Statt dessen gewöhnt es das Kind von Anfang an daran, dass Lernen mit allerlei unterhaltendem Nebenbei einhergeht. Wer solch ein Kind später einmal bittet, während der Schulaufgaben auf das Radiohören zu verzichten, der wird begreiflicherweise auf völliges Unverständnis stoßen.

Die didaktischen Schwächen des Lerncomputers könnten durch eine bessere Software gemildert werden. Die Art und Weise, wie das Kind angesprochen wird, ist dagegen unaufhebbarer Bestandteil einer Lernmaschine. Um die Folgen für das Kind in den Blick zu bekommen, mache man sich folgendes klar. Das Kind wird von einer Stimme angesprochen, zu der kein Leib gehört und die folglich auch nicht mit einer bestimmten Situation in Zusammenhang zu bringen ist. Um zu verstehen, was das bedeutet, stelle man sich die Situation in einer ersten Klasse vor. Eine Lehrerin stellt den Kinder die Aufgabe: Was ist 7 plus 4?

Die Schüler hören die Stimme der Lehrerin. Sie sehen sie auch und erkennen ihre Lehrerin. Sie verstehen auch die Situation, in der die Aufgabe gestellt wird. Sie haben sich, indem sie die Schule betreten und ihren Klassenraum aufgesucht haben, selbst in diese Situation hineinbegeben. Es besteht auch eine persönliche, gefühlsmäßige Beziehung zwischen Schülern und Lehrerin. Die Kinder mögen die Lehrerin und deshalb strengen sie sich an. Die gestellte Aufgabe ist Teil eines Lebenszusammenhangs, an dem ganze Menschen mit ihren Gedanken, ihren Gefühlen und ihren Willensimpulsen beteiligt. sind. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich die Motivation zu lernen.

Der Computer reduziert das alles auf das Gedankliche. Die Wirkung auf das Kind besteht darin, dass es sich früh an solch eine Abstraktion gewöhnt oder, genauer gesagt, damit abfindet. Das Kind erlebt auch, zumindest unbewusst, dass die menschliche Anteilnahme (oje, super) nur vorgetäuscht wird.

Zurückdrängung von Kulturfähigkeiten
Die Begegnung mit dem Computer geschieht in einer Zeit, in der die Kinder durch alles, womit sie sich verbinden, tief geprägt werden. Der Computer wird dazu führen, dass sich die Kinder an Maschinenstimmen gewöhnen. Bei Maschinenstimmen braucht man sich nicht die Mühe zu machen, hineinzulauschen, wie jemand etwas meint und wie es ihm, wie man so sagt, ums Herz ist. Die entsprechenden Fähigkeiten können auch nicht geübt und ausgebildet werden. Für die Begegnung mit wirklichen Menschen stehen dann weniger vollkommene Fähigkeiten zur Verfügung. Statt dessen wird das Kind ein wenig maschinenähnlich, es lernt, wie ein kleiner Automat auf äußere Reize zu reagieren.

An dieser Stelle könnte der Einwand erhoben werden, das Kind werde nicht erst durch den Computer mit Maschinenstimmen konfrontiert. Radio, Film, Fernsehen, Telefon: längst sind vibrierende Pappscheiben an die Stelle des Menschen getreten. Da könne man, so ließe sich argumentieren, auch noch den Computer akzeptieren.

Ich möchte dagegen setzen: Das Hinzukommen des Computers macht erst recht nötig, über die technischen Medien und ihre Wirkung auf die Kinder nachzudenken. Dabei sollte auch die Tatsache als Warnsignal gelten, dass die sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten vieler Kinder schwächer und schwächer werden. Die Mainzer Universitätsklinik für Kommunikationsstörungen hat in einer breit angelegten Untersuchung festgestellt, dass 24 Prozent der vier- bis sechsjährigen Kinder sprachentwicklungsgestört sind, die Hälfte davon so schwer, dass ohne sofort einsetzende sprachtherapeutische Behandlung mit bleibenden Beeinträchtigungen zu rechnen ist. Zehn Jahre früher lag die Zahl der in ihrer Entwicklung gestörten Kinder bei 4 Prozent.

Die Untersuchung äußert sich auch zu den Ursachen der von ihr gefundenen Ergebnisse und kommt ganz eindeutig zu dem Resultat: sprachliche Deprivation. Mit anderen Worten, die Kinder haben nicht genug Gelegenheit zu sprechen. Hierfür werden hauptsächlich zwei Gründe genannt, nämlich die elektronischen Medien und das, was immer häufiger als »schweigende Familie« bezeichnet wird.

Zu den Sprachstörungen kommen Lese-, Schreib- und Rechenschwächen. Zu den immer noch wenigen Analphabeten kommen in zunehmender Zahl die funktionalen oder sekundären Analphabeten. Man versteht darunter Menschen, die einmal lesen und schreiben konnten, diese Fähigkeit aber wieder verloren haben und z. B. nicht mehr in der Lage sind, einen einfachen Text zu verstehen. Über die Zahl der sekundären Analphabeten gibt es nur Vermutungen. Für Deutschland schwanken die Schätzungen zwischen zwei und vier Millionen.

Die Schwächung des sprachlichen Ausdrucksvermögens, der Verlust der Schreib-, Lese- und Rechenfähigkeit bedeuten tiefe Einschnitte in die Entwicklungsmöglichkeiten eines Menschen. Intelligenz, Individualität, soziale Fähigkeiten, aber auch so etwas wie Verantwortungsbewusstsein kann ein Mensch nur in dem Maß entwickeln, wie er in die Beherrschung der Sprache hineinwächst. Das Lesen ist unverzichtbar, um gerade in einer Zeit, in der wir mit Informationen überschüttet werden, das Aufgenommene zu strukturieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Das bloße Aufnehmen von Informationen ist an sich ohne Wert. Eine Bereicherung tritt erst ein, wenn aus Informationen Wissen wird. Dazu gehört, Zusammenhänge zu erkennen, durch die einzelne Fakten Sinn bekommen. Durch Lesen wird das Zusammenhang- und Sinnstiften gelernt. Das Schreiben bedeutet demgegenüber noch einmal eine Vertiefung. Außerdem befördert es Selbstbesinnung und Standortbestimmung.

Nun ist entscheidend, dass man das Sprechen, Lesen und Schreiben nicht irgendwie und schon gar nicht irgendwann lernen kann. Sprechen lernt das Kind einzig und allein in einer Gemeinschaft sprechender Menschen. Dieses Lernen wird natürlich gefördert, wenn die Erwachsenen sich dem Kind immer wieder zuwenden und liebevoll und mit Interesse die Bemühungen verfolgen, die das Kind unternimmt, um sich verständlich zu machen. Kommt dann später von Seiten der Erwachsenen noch das Vorlesen und Erzählen dazu, dann werden die Grundlagen dafür gelegt, dass das Kind Freude am Lesen und Schreiben entwickelt.

Die Bemühungen, Sprechen, Lesen und Schreiben zu lernen, finden ihren Niederschlag in Veränderungen im kindlichen Gehirn. Je intensiver das Üben, um so dichter die neuronalen Netze, die im Sprach-, Lese- und Schreibzentrum entstehen. Allerdings wird die Wachstums- und Prägebereitschaft dieser Regionen im Laufe des zweiten Jahrsiebts immer schwächer und hört mit vierzehn, fünfzehn Jahren fast ganz auf. (Das Sprachzentrum ist mit großer Deutlichkeit in den ersten drei Jahren am entwicklungsfähigsten.) Der Erwachsene ist für den Rest seines Lebens auf die Grundlagen angewiesen, die in der Kindheit gelegt werden. Versäumtes später nachzuholen kostet unendliche Mühe und führt nur zu mäßigem Erfolg.

Daraus ist die pädagogische Konsequenz zu ziehen, dass ein Kind zunächst einmal das lernen muss, was es nur als Kind lernen kann. Der Umgang mit dem Computer gehört nicht dazu. Im Gegenteil! Er stört das Kind dabei, das zu lernen, was es altersgemäß lernen sollte. Außerdem belastet er das Kind durch schlechte Gewohnheiten und falsche Vorstellungen.



1 Frankfurter Rundschau vom 12. 6 .1997, S. 6. – Zurück zum Text

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