Im März 1998, vor fast einem Jahr, stand an dieser Stelle eine Geschichte über Kiebitze und den mit ihnen einziehenden Frühling. Sie erinnern sich? eine Geschichte von inbrünstiger Frühlingssehnsucht, von jugendlichem Überschwang, ausgelassener Freude und schlussendlich von Erfüllung. Lesen Sie sie ruhig noch einmal nach, denn im wirklichen Leben, im Laufe des Jahres 1998, ging sie nicht gut aus.
Und das hat seinen Grund, quasi seinen Abgrund. Und aus dem tauchte ein Tier auf, vielmehr zwei:
Das erste Tier war riesig so groß wie Europa! Unsere Kiebitze brauchen für ihre Begeisterung weiten Raum, nicht nur freien Himmelsflugraum, sondern auch weit übersichtlichen, flach begrasten Boden zum Brüten. Sie nisten also nicht gerne auf dicht bewachsenen Wiesen, wohl aber auf kurzgefressenen Weiden. So hatte also das zuständige Naturschutzamt die Kiebitzflächen an einen Ökobauern verpachtet, dessen Rinder das ganze Jahr über das Gras kurz hielten, während die Kuhfladen für genügend Würmchen und Maden im Boden für die Kiebitze und ihre Küken sorgten. So weit, so gut.
Nun aber brach vor einigen Jahren der Wahnsinn aus, der Wahnsinn der Agroindustrie und der Agrarpolitiker. Und statt vor diesen zuständigen Menschen Angst zu bekommen und etwas zu ändern, bekamen die Menschen Angst vor den Rindern und deren Wahnsinn und wollten ihr Fleisch nicht mehr als Steak verzehren.
Den hiesigen Rindern war es recht: sie wurden mehr und mehr, die Kiebitze aber wurden weniger und weniger. Warum? Auch die Kuhfladen waren mehr und mehr geworden, die Würmchen und Maden ebenfalls, so viele, dass schon im Winter lange vor den Kiebitzen immer mehr Krähen, Dohlen und Elstern angelockt wurden. Die stolzierten nun in ihren schwarz-weiß gelackten Uniformen und mit knarrend-rätschenden Kommandostimmen überall dreist umher. Und da sie niemanden mehr fürchten mussten, keine Jäger und keine Habichte, wurde aus der Gesundheitspolizei eine Militärjunta: einige griffen die Kiebitze an, jagten sie auf, während andere die Nester plünderten und die Eier aufhackten.
Das zweite Tier bestand aus vielen einzelnen, sie waren braun und schwarz und groß und struppig: Die Bewohner der umliegenden Villen, die um ihre Habe fürchteten und große Hunde hielten, führten diese Hunde hier aus, oder wurden sie von ihren Hunden hier ausgeführt? Den Hund anleinen, wie es auf allen Naturschutzschildern steht? »Mein Hund tut nichts«, »mein Hund ist schon sooo alt«, »sie haben völlig Recht, aber ich lasse meinen Hund trotzdem laufen«, und so weiter
Manchmal versetzten die Hunde die Kühe auf der Weide in Panik. Ob die Kühe dabei die ihre Nester aufmerksam verteidigenden Kiebitze überrannten und die Eier zertraten, oder ob die Hunde selbst das ihrige taten , wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass die Kiebitze fortzogen, wie alle Freude fortzieht, wo Gewalt und Dummheit herrschen.
März 1998 die großen klimatischen und wirtschaftlichen Katastrophen des Jahres haben Europa als einzigen Kontinent weitgehend verschont. Der schleichende und oft nicht einmal bemerkte Verlust an Schönheit und Freude wäre bereits Katastrophe genug. Wie wird es im März 1999 aussehen?