Brennpunkte


Geschichte einer Paranoia

23 – Nichts ist so, wie es scheint
Ein Film von Hans-Christian Schmid.
Deutschland 1998.

Von den beiden Münchner Produzenten Jakob Claussen und Thomas Wöbke, deren Produktion »Jenseits der Stille« in der Kategorie »Bester ausländischer Film« 1997 für den Oscar nominiert wurde, stammt ein neuer Streifen, der gegenwärtig in deutschen Kinos zu sehen ist: »23 – Nichts ist so wie es scheint«. Für Jakob Claussen ist »23« ein Film über das Erwachsenwerden, aber er ist noch viel mehr als das.

Regie führte der 1965 in Altötting geborene Hans-Christian Schmid, der durch die skurrile Komödie »Nach fünf im Urwald« (in der u.a. Franka Potente mitspielte) dem Kinopublikum bekannt wurde. Er verfasste auch zusammen mit seinem Co-Autor Michael Gutmann das Drehbuch. Der Film beruht auf realen Begebenheiten, die 1989 zum Tod von Karl Koch führten, der auch die Hauptfigur im Drama ist.

Karl Koch ist mit einem Vater gestraft, der ihm nur die Wahl lässt, sich anzupassen, oder gegen ihn zu revoltieren. Er wählt letztere Alternative und schließt sich der Anti-AKW-Bewegung an, demonstriert in Brokdorf, was seinen Vater, der Leiter des Innenressorts einer Hannoveraner Tageszeitung und ausgesprochen konservativ ist, sehr erzürnt. Der Streit zwischen Vater und Sohn eskaliert, bis ihm der Sohn – nachdem der Vater ihn geohrfeigt hat – den Tod wünscht. Kurz darauf stirbt sein Vater an einem Gehirntumor. Karl fühlt sich an dessen Tod mitschuldig, und möglicherweise ist dieses Schuldgefühl einer der Faktoren, die in ihm schleichend eine Paranoia entstehen lassen. Zunächst aber ist der Tod des Vaters der Befreiungsschlag: Er kann eine eigene Wohnung beziehen und mit dem Erbe ein Leben nach seinen Vorstellungen finanzieren. Zu der neuen Freiheit gehören auch Marihuana und später Kokain. Seine eigentliche Leidenschaft aber gilt dem Hacken: dem illegalen Eindringen in fremde Computernetze. In der Hackerszene erwirbt sich Karl einen Namen, und Journalisten wie auch andere obskure Gestalten beginnen sich für ihn zu interessieren. Der akute Geldmangel lässt ihn auf die Idee eines Freundes eingehen, für den KGB zu hacken und er wird zum Spion. Er entwickelt, um in besonders gut geschützte Computersysteme einzudringen, ein kleines Programm, ein »trojanisches Pferd«, das ihm bei einem Einloggversuch die Passwörter der Nutzer zurückmeldet. Auf diese Weise kann er auch sensible Daten abrufen, für die sich der KGB interessiert und für die er bezahlt.

Der Film spielt in den Achtzigerjahren, als der Kampf in Brokdorf, der Nachrüstungsbeschluss, der Konflikt zwischen den USA und Libyen wegen des Baus von Giftgasfabriken, Tschernobyl und der Anschlag auf die Diskothek La Bella in Berlin auf der Tagesordnung standen. »23« will ein Thriller sein, eine Verschwörungsgeschichte, wie wir sie mittlerweile sattsam aus Hollywoodproduktionen wie »Fletchers Visionen«, der »Staatsfeind Nr. 1«, »In the Line of Fire« und eine Vielzahl andere kennen. Er will aber auch ein Entwicklungsroman sein in der Tradition von »Unterm Rad« oder »Die Verirrungen des Zöglings Törless«. Diese Unentschiedenheit im Genre, diese Mischung aus Charakterstudie, Studentenklamotte, Spionagethriller und Politkrimi macht es schwierig, dem Faden zu folgen. Gut ist der Film, wenn er als Charakterstudie daherkommt, wenn er die Entwicklung des Wahnsinns, des Verfolgungswahns durch seine Handkamera dem Zuschauer dramatisch und hektisch nahebringt, schwierig wird er, wenn er einen Anspruch einlösen will, den er nicht einlösen kann: Für einen wirklichen Politthriller fehlen ihm eindeutig die Dimensionen, fehlt ihm der weite Horizont. Er tritt wie eine Low-Budget-Produktion auf, will sich aber doch mit Filmen wie »Seven« oder »The Net« messen, was ihm nicht gelingt.

Dennoch: Die schauspielerischen Leistungen sind gut, besonders die beiden Hauptfiguren, August Diehl, ein Schauspielschüler vom Maxim-Gorki-Theater in Berlin und Fabian Busch, der seinen Freund spielt, überzeugen durch die Anspruchslosigkeit und Authentizität ihrer Darstellung. In der Wahl der Darsteller zeigt sich die gute Hand des Regisseurs. Doch das Drehbuch lässt zu wünschen übrig. Der gesamte Verschwörungskomplex, die Story, die dem Film auch seinen Titel gibt: Die kruden zahlenmystischen Theorien, die um die Zahl 23 kreisen, wirken nicht wie dramaturgische Elemente, die die Handlung vorantreiben, sondern brechen in den Handlungsstrang ein, wie die Wahnvorstellungen eines Paranoikers. Von da her betrachtet, hätte sich auch ein anderer Film drehen lassen: Ein Film über den Wahnsinn, über das Zerbrechen der alltäglichen Realität eines Heranwachsenden durch den Ausbruch einer Psychose, die von Schuldgefühlen, exzessivem Lebenswandel, Drogenmissbrauch und kriminellen Handlungen genährt wird. Aber dieser Film kann sich auch nicht so richtig entwickeln, zu divergierend sind die Zielsetzungen, zu gering die Kraft, all diese Stränge zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufügen. Die Kultfigur R.A. Wilson mit ihrem Buch »Illuminatus – das Auge der Pyramide« taucht zwar ständig im Strom der Bilder auf, aber wie anders wirkt doch dieses Auftauchen eines mysteriösen Leitmotivs, als die Wiederkehr des »Fängers im Roggen« bei Fletchers Visionen.

Lorenzo Ravagli



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