Oder: Die Gefahr,als Fröschinnicht an die Wand geworfen zu werden
Emanzipation. Als Kind dachte ich, es sei eine Art Marzipan. Da
mein Vater, Jahrgang 1902, die Mundwinkel niederzog, wenn er davon
sprach, musste es schlechtes Marzipan sein. Die Lautmalerei des
Wortes war deshalb interessanter.
Später tat Klarheit Not, ob, bei dem mir angeboren katharischen
Geist, Männer von Bedeutung werden könnten, und falls ja, dass
ich ihnen gewachsen sein müsste. Vater, Bruder zweier Ulanen:
»Dich soll keiner unter den Tisch trinken.« Mutter sah besorgt
aus. Zu dieser Zeit, voller Widerspruchsgeist und bereits mit
der Rechtschreibung des Dudens vertraut, wäre sie wie folgt einleuchtender
gewesen: Emannzipation, ex Mannes Rippe und natürlich seinesgleichen.
Damit begann das feministische Elend.
Denn nichtsdestotrotz lieferten dann Alttestamentler, Platoniker,
Gnostiker - in Jahrhunderten der abendländischen Geschichte auf
Papyrus und Schweinshaut griechisch, lateinisch, arabisch kalligraphiert
- meinem heranwachsenden Weltbild in punkto Mann/Frau erwähnenswerte
Geistesschlachten. Es gab ganze Jahre, in denen das dialektische
Getümmel mir die Träume flutete, was jede Darbietung von Kino
oder Schwarzweiß-Fernsehen in den Schatten stellte. Eines Tages
jedoch kam es zu der, wenn auch neu belebten Erleuchtung: nicht
Mann, nicht Frau, vielmehr mit Goethe, »hier bin ich Mensch, hier
darf ichs sein«.
Die Berufswelt (warum nennt man das schon so separatistisch?)
spricht eine andere Sprache: »Entweder Sie (Frau) halten sich
an das, was ich (Mann) sage, oder wir müssen uns nach jemand anderem
umsehen.«
Derart geschult, plädiere ich aus freien Stücken für den Beruf
»Hausfrau«, selbst wenn jetzt fast alle Frauen zu hören meinen,
wie die Messerschneide über den Teller schrillt. Ich bewundere
die Traditionalistinnen, die positiv Rückwärtsgewandten. (Und
unter ihnen Frauen, vorwiegend islamischer Religion, die lange
Röcke tragen - erstens sparen sie teure Strümpfe ). Bewundernswürdig,
dass sie dem Mann den Broterwerb überlassen, während sie für den
Hausfrieden kochen, nähen, bei Masern und Scharlach am Bett sitzen,
abends Geschichten erzählen, mit den Kindern malen, festen, musizieren
und ihnen so das ABC des Purzelbaumschießens und Lachens beibringen.
Denn sie erziehen zu menschlichen Frauen und menschlichen Männern,
zu der vom Aussterben bedrohten Spezies, die nicht im Ellbogen
denkt. - Und zu bewundern ist, wer aus Schicksalsgründen auf Familien-
und Kinderleben verzichtet: die Leid- wie Trostfähigen, die ganz
reaktionär Nächstenliebenden, nicht von Vorstellungen der Selbstverwirklichung
geplagten.
»Sie erhalten«, sagte die Direktorin des Realgymnasiums zu den
Abiturientinnen, »die Matura. Wir haben Ihnen nicht nur Bildung
vermittelt. Worauf es ankommt, ist Herzensbildung. Handeln Sie
danach«! Sie trug Männerhaarschnitt und hatte, vom Zweiten Weltkrieg
her, ein Glasauge. Ihre Imperative waren rein wie Quellwasser.
Das Wort Emanzipation verabscheute sie.
Täuschendes Wort
Der Wahn. - An der Haltestelle, dort, wo die Asylanten in Baracken
hausen, warten sie auf die Straßenbahn, die sie in die City bringen
soll, die Mädchen aus Pakistan und dem Iran, Sudan, Nigeria, in
der übergestreiften Haut der Stretchhose, mit diesen den anmutigen
Gang verhindernden Plateauschuhen, blauem Lippenstift, schwarzem
Nagellack - weibliche Hilflosigkeit, auf dem Weg zu endgültiger
Aufgabe. Alles Imitation, ausgenommen der ängstlich-verächtliche
Blick. Erscheinenwollen wie Die-auf-der-Illustrierten, Die-im-Fernsehen,
Nina Hagen, Madonna, crazy woman. Ohne Heimat nackt. Und irrsinnig
frei.
Emanzipiert, freigelassen wurden Sklaven, römische oder die der
amerikanischen Südstaaten, und die dem Adel Leibeigenen. Ludwig
Börne sprach von den emanzipierten Juden. Emanzipation: Befreiung
aus Folter aller Art. Wer das Wort gebraucht, sollte wissen, welche
Schreie an ihm hängen.
Eingetauschtes Vergessen
Häufiger als ihn zu löschen, verändert das Vergessen den Begriff.
1800 gab Hölderlin das »Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung«
heraus (seit Luthers Bibelübersetzung bekanntermaßen, aber lange
vorher schon ein redliches Wort, dem heute verächtlichem Sinneswandel
unterworfenen »Hausfrau« nahe, erst im 19. Jahrhundert sank es
liederlich ab) und veröffentlichte hier sein Gedicht »Diotima«.
Therese Huber, zuvor mit dem Naturwissenschaftler und spätrevolutionären
Mainzer Jakobiner Georg Forster verheiratet, eine Frau, die von
Goethe »in vieler Hinsicht höchst schätzenswert erachtet« wurde,
hatte 1798 das »Taschenbuch für Damen« kreiert, in dem 1803 Schillers
»Kassandra« erschien und zwei seiner Tragödien rezensiert wurden,
»Maria Stuart« und »Die Jungfrau von Orléans«, die zweite eine
»femme à faiblesse, mehr Reiz als Hoheit«, Jeanne dArc hingegen
die »Inspirierte«. -
Täuschende Einzelfälle
Die Jet-set-Unternehmerin, die Bungee-Springerin, die Astronautin,
die Mieterin einer Leihmutter: Gesichter, zahlreicher als heute,
aus den Jahren nach 2000, das ist vorstellbar. Mit der Einschränkung:
bezogen auf Nordamerika, Westeuropa; und der weiteren Einschränkung,
dass sie allgemein nicht aus der breiten, der tragenden Volksschicht
kommen werden, nicht aus den PC-Sachbearbeitern überlassenen Wohnsilos
neben den von Sprengung und Abrissbirne zertrümmerten Altindustriegebieten,
nicht aus den brachliegenden ehemaligen Agrarlandschaften. Sie
bleiben, so vorgeführt sie uns auch von den Medien werden, Extremerscheinungen.
Wie seinerzeit Maria Stuart oder eine Shakespearesche Lady Macbeth
Beispiele einer Seelengeschichte waren, auch, und zum Teil erheblich,
unter dem Bild der Frau. Weil man, über eine beiderseits gültige
Seelenstruktur hinaus, vor allem die astrale Konfiguration der
Frau gefährdet sah? Die Abgründe wurden geöffnet, Vorformen der
Psychoanalyse und Sozialpsychologie entwickelt. Doch im großen
Ganzen war es noch der Gang zu den Müttern, den Nornen. Indes
eine Marianne von Willemer, Caroline Schlegel, Rahel Varnhagen,
Bettina von Arnim, Caroline von Günderode den Entwurf heute möglicher
Bewusstheit der Frau genial skizzierten. »Das Volk braucht Licht«,
der Satz einer Frau, kein Satz aus der Aufklärung! Aber dann sollten
die Schattenwürfe der März-Revolution 1848 und der Industrialisierung
die Frauenzirkel ideologisch politisieren. Und dieser ideologische
Habitus, bis heute unter den organisierten Fraueninitiativen der
dominante, bietet alle Gelegenheit, die Obstsorten der Untugend
auf dem Kopfputz zu drapieren: Fanatismus, plumpe Besserwisserei,
furioses Emotionalgefuchtel, Grelle in Wort und Bild. - Wie lautet
doch gleich die charismatische Orientierungshilfe in Goethes »Wahlverwandtschaften«:
»Auf dieseWeise wäret ihr Frauen wohl unüberwindlich [ ]: erst
verständig, dass man nicht widersprechen kann, liebevoll, dass
man sich gern hingibt, gefühlvoll, dass man euch nicht weh tun
mag, ahnungsvoll, dass man erschrickt.«
Was uns heute via Medien - und wer entginge dem Gespinst, von
Werbeseiten in der Zeitung angefangen über Plakatierung, fünfzehn
laufende Meter Illustrierte in jedem Lebensmittelladen, Schreibwarengeschäft,
jeder Tankstelle, über Fernsehkanäle und Radiosender für junge
Leute - als Frauenbild präsentiert wird, ist zum Totlachen. Zum
einen der Typus Managerin, erfolgsgetrimmt, egozentriert, gesundheitsglatt,
die richtige Uhr, der Brillant, das Haarwehen von Polycolor und
die Maske von Yves Saint Laurent. Daneben das Mixtum: aus Cinderella
im Disneyland und Beate Uhse-Betrieb. Die Regenbogenpresse lichtet
noch einige blaublütige und andere Prinzessinnen mit meteoritischem
Partnerwechsel ab. Auch dies dadurch im Trend der Zeit. Das waren
Jahre, als Herder von Zeitgeist schrieb, weil es ihn in Deutschland
gab.
Von Kassandren, die trojanische Pferde durchschauen, heute keine
Spur. Hingegen müsste die historische Stuart feststellen, dass
sie mit Waffen der political correctness hätte ohne Mord auskommen
können. Und wo bleibt Jeanne dArcs Offenheit für Inspiration?
Wo bleiben überhaupt Imagination und Intuition bei uns Frauen
jetzt? »Und wie kommen wir zu den Tätigkeitswörtern?« fragte Stanislaw
Jerzy Lec.
Das 20. als das Jahrhundert des Schreckens hinter sich zu lassen,
kommt nicht wenigen in den Sinn. Einfach, um ins große Freie vorzustoßen.
Neuschnee oder Wüstensand, spurlos. Der Wunsch erinnert an ein
Chanson Georges Brassens, in dem er den Frauen nachsingt, bei
jeder neuen Liebelei fühlten sie sich »neuf comme un oeuf«, frisch
wie ein Ei. Dass es vorwiegend Männer sind, die zum Jahrtausendwechsel
mit dem Gedanken des Frisch-aus-dem-Ei-Schlüpfens umgehen, ist
irritierend und deutet auf die Entschlossenheit zu neuer Glückseligkeitstheorie
hin.
Wenn ich an die Frauen unseres Jahrhunderts denke, dann habe ich
das Bedürfnis, Vorbilder zu versammeln, die ihnen allen auf die
eine oder andere Weise Heimat geben. Jede von uns wird eine solche
Galerie haben. Bertha von Suttner, die Friedenskämpferin aus den
verhetzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Käthe Kollwitz:
Gibt es menschlichere Bilder von Frau, Mutter, Kindern? Nelly
Sachs, von Mensch und Engel und Gott ins Zwiegespräch gerufen.
»Wir Toten Israels sagen euch:/ ?Wir reichen schon einen Stern
weiter/ In unseren verborgenen Gott hinein?.« Christine Lavant,
die eine Liebe zur Erde hat. »Sind das wohl Menschen? - Wie man
das vergisst,/ Sie werfen Schatten vor dem Sonnenbaum [ ]« Und
Ingeborg Bachmann: »Nach dieser Sintflut/ möchte ich die Taube,/
und nichts als die Taube,/ noch einmal gerettet sehn.« Frauen,
deren Name, Biographie, Werk unvergessen bleiben müssen. Denen
zu Hilfe, deren Namen und Leben wir nicht kennen: den Geopferten
und Opfern gestern und heute. Aus dem Kosovo, Türkei, Georgien,
Tschetschenien, Afghanistan, Tadschikistan, Angola, Nigeria, Ruanda,
Äthiopien, Sudan, Sri Lanka, Malaysia, Nicaragua, Mexiko und anderen
Ländern. Über 140 Kriegsgebiete sind es zur Zeit.
Verletzung, Zerstörung, Krieg. - Wie Kinder Sprache erlernen,
Muttersprache, so werden sie leben und sich verständigen oder
missverstehen und sich entstellen. Umgangssprache wird jetzt reduziert,
wird banal, brutal; Wissenschafts- und Wirtschaftssprache entwickeln
sich dagegen vehement. Im sogenannten Informationszeitalter ist
die Trennung von Arbeits- und Umgangssprache radikal. Eine »Freisetzung«
von Mitarbeitern erinnert mehr an das Austreten von gasförmigen
giftigen Chemikalien als an die soeben beschlossene Arbeitslosigkeit
einiger Tausend Familienväter und Frauen. »Megafusion« heißt nicht
etwa, dass die soeben milliardenschwer verbundenen Konzerne das
wegen »überflüssiger Arbeitsplätze« fällige Arbeitslosengeld aufbringen
- was sich doch von selbst verstünde -, sondern dass es die allgemeine
Arbeitnehmerschaft zu tragen hat. - Von den jungen aufstrebenden
High-Tech-Angestellten sagte der Kabarettist Dieter Hildebrandt
kürzlich, er erreiche sie nicht mehr: »Sie sind aus unserer Gesellschaft
heraus.« Was mir eine Anmerkung Horst Brandstätters in den Sinn
bringt: »Wir denken an Experimente mit Fliegenschwärmen auf sturmgepeitschten
Inseln. Die Flügel der nachfolgenden Generationen wurden immer
kleiner, bis sie schließlich ganz ausblieben.«1
Verhütete Tugenden
Einen Baum sehen, einen Vogel hören, einem Vogel lauschen. - Über
das Handeln erlernt das Kleinkind die Muttersprache. Ändert sich
das Handeln, verändert sich mit ihm der Wortgebrauch. Wäre es
nur Nostalgie, wo Worte vermisst werden wie: Milde, Treue, Ehrfurcht,
Güte, Weisheit, heilig. Wie menschenfeindlich ist eine Erziehung,
die nichts davon vorlebt? In welchem Mangel müssen die Kinder
ihr Auskommen finden, da sie doch nichts anderes wollen, als »sich
als Mensch zu vollenden« (Goethe in den »Schriften zur Kunst«).
Kann jemals ausgewogen urteilen, wer nicht Milde erfuhr, kann
er verzeihen? - Sprache inspiriert, zum Guten oder Schlechten.
Frauen sind heute nicht mehr begabt wie Kassandra oder Jeanne
dArc, und Tugenden sind nur noch in Germanisten-Seminaren ein
Thema. Das Wirtschaftssystem allerdings, das jetzt jeden individuellen
Handel und Wandel wenn nicht verschlingt, so doch ihm sich absolut
oktroyiert, kehrt so signifikant zur Willkür eines mittelalterlichen
Feudalismus zurück, dass man erinnern muss, welchen unverzichtbaren
Gegensatz damals dargelebte Tugenden bildeten - und wie kraftvoll
sie die Sprache des Widerstands fanden.
Vertauschte Visionen
«Vision«. In unserer praktikablen Welt ein peinliches Wort, sollte
man denken. Aber es ist ein Begriff in der Werbung. Sie hat eine
Vision, wenn sie die Herbstmode entwirft oder ein Parfum auf den
Markt bringen will; er hat sie vom Auto-Design bis zur Spielform
der Fußballnationalmannschaft und wenn er Koch ist, für die Sauce
eines traumhaften Desserts. Und Kinder dürfen sie in Hülle und
Fülle vor dem Fernseher haben. Das sollte man sich ansehen, wie
dank Filas Snowboard einer am Himmel entlangfliegen, über Gebirge,
Seen, Meere springen kann; wie sich vor Daewoo oder Hyundai Meere
schließen, Steppen öffnen, Pisten ins Unendliche führen; wie so
ein fitness-girl in die Felsschlucht stürzt und doch bei Meter
200, Fallgeschwindigkeit 70 km/h mit dem Händchen den Felsvorsprung
erwischt, daran baumeln bleibt und den eine Felsnase weiter hängenden
Partner entdeckt, der die fällige Zigarette anzündet; ich glaube,
es war Camel, bei soviel Operettenschaum verlischt die Werbung.
Und erst recht, wenn durch digitales morphing aus dem Menschen-
ein Tiger-, ein Gorilla-, ein Papageiengesicht wird, um als Bierflasche
endend wegzuflutschen. Wie wirkt das auf die vor der Bildröhre
abgesetzten Kinder?
»Wahrhaftig selig, leiblich und geistig gehoben, flog ich einigemal
steilrecht in den tiefblauen Sternenhimmel empor und sang das
Weltgebäude unter dem Steigen an« (Jean Paul, »Blicke in die Traumwelt«).
Jede Mutter muss die Frage sich stellen, ob die psychischen Folgen
ihr gleichgültig sind, wenn das Intimste - die Traumimagination
in ihrer metamorphosierenden Tätigkeit, die immer Selbstprüfung,
Ichfindung ausdrückt - in rasanten, nur für das Unterbewusstsein
vermutlich ganz erfassbaren Filmsequenzen, -schnitten als äußerer
Vorgang sichtbar gemacht wird. Beunruhigend weniger dem Bildinhalt
nach als in der Wahl der Mittel. Denn diese sind dieselben: Schwerelosigkeit,
Aufhebung der Proportionen in Raum und Zeit, irrationale Dimension
und Dynamik, frontale Bewegung in den Sehenden hinein, Rasanz
und Verzögerung, Transfigurale, Intensität der Farbe. Im Traum
bildert die Seele selbst aus innerer Notwendigkeit. Heute muss
man in das Imperfekt setzen: bilderte sie, wie es nirgends zu
sehen war. - Und wieder denke ich an das Forschungsergebnis auf
der Insel unter dem Sturm.
Sie sind im Anmarsch, die, die ihren Mann stehen wollen. Oftmals
mehr noch als er sind sie motiviert, fest im Urteil, sicher im
Handling. Sie tragen Hosenanzüge und sind cool bis ans Herz. Jedem
Interview gewachsen; zart und sinnlich, wenn es zweckdienlich
und beinhart, wenn es nützt. Sie haben das Vokabular direkt aus
demWirtschaftsteil und würzen es clever mit den Idiomen des Spiegel.
Und ihr IQ ist so hoch, dass sie das klug verschweigen. Irgendwie
hatte schon Erich Kästner diese Frauen im Visier. Ist das Emanzipation?
Folgt auf die Gleichberechtigung nur Gleichmacherei? Ach ja, des
Kaisers neue Kleider
Christiane Vulpius
Begehen wir Frauen doch das Jahr 1999 als Goethe-Jahr (1749!).
Und verabschieden den Aufsatz mit einem Blick in des Dichters
Leben. Als im Frühjahr 1789 Goethes Verhältnis zu der 23-jährigen
Christiane Vulpius2 bekannt wird, sind alle empört. Bis zur Hochzeit
ist sie für die Öffentlichkeit schlimmstenfalls »die Hure«, bestenfalls
»die von Goethische Haushälterin«, insgesamt in der Verurteilung
jedoch, wie es Romain Rolland zusammenfasst, eine »nullité desprit«.
Goethe muss zunächst das zur Verfügung gestellte Haus am Frauenplan
verlassen, wie konnte er sich an eine Unstandesgemäße, Ungebildete,
an eine Putzmacherin darangeben. Diese Mesalliance! Dezember 1789
wird den Unverehelichten der Sohn August geboren. »Was für ein
Lärm über das Kind ist, ist unglaublich« (Caroline von Dachröden
an Wilhelm von Humboldt). Christiane wird noch vier Kinder haben,
auch eine Totgeburt, die aber alle nach wenigen Tagen oder Wochen,
das letzte 1802, sterben. Wie erträgt sie die Missachtung, die
Schicksalsschläge? Von ihr darüber fast nichts. Erst 1806, am
19. Oktober, nach der Schlacht von Jena und Auerstedt, heiratet
Goethe; in den Ringen eingraviert der 14. Oktober, als nachts
betrunkene französische Soldaten in das Haus eindrangen und Christiane
ihm das Leben rettet. »Wir sind gerettet«, so beginnt er jeden
Brief in nächster Zeit. Infolge der Hochzeit erneut Entrüstungsstürme,
1811 wird Bettina von Arnim in einem Streit Christiane eine »toll
gewordene Blutwurst« nennen, was für Goethe unverzeihlich bleibt.
Nie wird Christiane in der Öffentlichkeit ungetrübte Anerkennung
finden. Bevor 1813 die Franzosen nochmals Weimar besetzen, schickt
sie Goethe fort, um ihm eine befürchtete Wiederholung des traumatischen
Erlebnisses von 1806 zu ersparen, und verteidigt das Haus allein,
es geht um die Manuskripte und Sammlungen. 1816 stirbt sie, die
Frau, die Geliebte, die Mutter. Ein Jahr nach ihrem Tod fügt Goethe
seinen Heften »Zur Morphologie« das 1799 in Schillers »Musenalmanach«
erstmals erschienene Gedicht »Die Metamorphose der Pflanzen« ein
und setzt anschließend hinzu: »Höchst willkommen war dieses Gedicht
der eigentlich Geliebten, welche das Recht hatte, die lieblichen
Bilder auf sich zu beziehen; und auch ich fühlte mich sehr glücklich,
als das lebendige Gleichnis unsere schöne vollkommene Neigung
steigerte und vollendete [ ]«
20. Januar 1802, die 37-jährige schreibt an Goethe: »Gestern habe
ich mich ganz allein in Schlitten gesetzt und gefahren, und der
Kutscher hat hinten darauf gestanden und mit einer rechten großen
Karbatsche geklatscht, und ich bin in der Stadt durch alle Gassen
und um alle Ecken recht gut gefahren und habe mir großen Ruhm
erworben [ ] Wenn Du wiederkommst, und wir kriegen noch etwas
Schnee, so musst Du mir erlauben, dass ich Dich einmal fahren
darf. Den August habe ich auch gefahren, und übers Jahr muss es
der August lernen. Wenn Du wiederkömmst, so wollen wir recht vergnügt
zusammen sein, denn wenn Du nicht da bist, ist alles Vergnügen
nur halb. Man sollte, wenn man zusammen ist, nur immer recht vergnügt
sein, denn wenn man einen guten Schatz hat, der einen liebt, so
ist es doch recht hübsch auf der Welt. - Hier schicke ich Dir
das ganze Wildpretkeulchen, wie ich es bekommen habe, und 2 Feldhühner,
die lass Dir aber selbst von der Trabitiusen braten; da hast Du
doch 2 Mittage was [ ] Leb wohl und behalte mich lieb.«
Erste Märzwoche 1804, Charlotte von Stein an ihren Sohn Fritz:
»Frau von Staël ist fort, sie treibt sich recht mit die Gelehrten
herum, Goethe hat, aus lauter Freude, dass sie fort, seine ihm
bequemere Donna zwei Tage nacheinander durch alle Straßen auf
dem Schlitten gefahren.«