An jeder Ecke stehen sie. Man kommt nicht an ihnen vorbei, ohne
ihre verzweifelten Versuche mit den Fernsten zu kommunizieren,
mitzuhören. »Hallo, hallo « rufen sie, »hörst du mich kannst
du mich verstehen ja, wie bitte? ich höre dich so schlecht
kannst du nicht etwas lauter sprechen es rauscht so « Die
armen Kreaturen, wie verzweifelte Einsame kommen sie einem vor,
die mit ihren Ohrterminals in den Weltraum hinaus lauschen, auf
der Suche nach ein bisschen Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Aber es scheint keiner da zu sein, es scheint sie keiner zu hören.
Niemand scheint ihnen die heiß ersehnte Zuwendung, Aufmerksamkeit
oder Liebe entgegenzubringen, nach der sie sich offensichtlich
so sehr sehnen. Oder im Zug sitzen sie. Plötzlich bimmelt es lautstark.
Rechts hinter mir, links vor mir, oder nicht genau lokalisierbar
irgendwo. Dann lautstarkes Rufen: »Hallo hallo, wer da?
ja, bitte ich höre « Dann offenbar Funkstille. Kurz darauf ein
erneutes Gebimmel. Wieder das lautstarke Rufen: »Hallo hallo
« Darauf folgt meist nichts. Besonders im Zug nicht. Nicht nur,
wenn dieser gerade durch einen Tunnel fährt, was auf dieser Strecke
sowieso so gut wie gar nicht vorkommt.
Neulich im Zug wurde ich Zeuge eines Liebesdramas. Ja, ich phantasiere
nicht. Dank sei dem Handy, denn wenn es das Handy nicht gäbe,
wüsste ich jetzt nicht, dass sich der bleiche, schlanke Herr mit
Oberlippenbart und weicher Stimme auch nach seiner Liebsten sehnt
und dass er es letzte Nacht sehr schön fand, dass er jetzt aber
nach Lindau unterwegs ist, in dem Zug, der, wie er seiner Liebsten
mitteilte, schnell fährt, weswegen die Verbindung offenbar so
schlecht ist, dass er sie kaum verstehen kann.
Auf jeden Fall wusste er seiner Liebsten, die so Sehnsucht nach
ihm hatte, dass sie sich durch die schlechte, ständig abstürzende
Verbindung nicht davon abhalten ließ, mit ihm zu telefonieren,
und mich mit dem nervösen Gebimmel seines Handys zu malträtieren,
auf jeden Fall sagte ich, wusste er seiner Liebsten mitzuteilen,
dass er jetzt im Zug sitze stellen Sie sich das vor und dass
der Zug schnell fahre, und wie ich erfuhr, war seine Liebste gerade
dabei, zu frühstücken, das war so gegen halb zehn Uhr morgens,
am Freitag, und seine Liebste frühstückte Brötchen mit Himbeermarmelade
und er selbst bedauerte es auch sehr, dass er jetzt nach Lindau
fahren musste und er wäre viel lieber bei seiner Butzi oder Putzi
geblieben, weil in ihrem Bett war es ja so warm, aber die Verpflichtungen
ließen das eben nicht zu
Kurz darauf rief er aber seine andere Liebste in Lindau an und
teilte ihr mit, wie sehr er sich freue, sie endlich wieder zu
sehen. Irgendwann platzte mir ob all dieser öffentlichen, schamlosen
Verlogenheit, ob dieserhemmungslosen Indiskretion, dieser schwachsinnigen
Banalitäten der Kragen und ich floh in den Speisewagen, nicht
ohne dem entgeisterten Handyaner ins Gesicht zu sagen, dass ich
es besser fände, wenn er seine Liebste ins Kino schicken würde
und zwar die in Lindau, nicht die in München , denn über dieses
Problem haben sie sich am Handy auch unterhalten. Entgeistert
hat er mich angesehen oder war sein Gesichtsausdruck eher empört,
weil ich es gewagt hatte, in seine Intimsphäre einzudringen, die
mich doch gar nichts angeht? Ich konnte diese Frage nicht abschließend
klären, weil meine Flucht in den Speisewagen erst kurz vor Lindau
stattfand und als ich dann zurückkam, hatte der verlogene Handyaner
mit seinen zwei öffentlichen Geliebten bereits den Zug verlassen.
Ob ich ihm hätte nachgehen und seine Lindauer Geliebte über die
Existenz der anderen in München aufklären sollen? Aber möglicherweise
wusste diese ja bereits von der Existenz ihrer Rivalin, nur nicht
umgekehrt und im Übrigen gehen mich diese Intimitäten jawirklich
nichts an. Nur war ich leider in dem bedauerlichen Fall, dass
ich zum Voyeurismus gezwungen war und nicht wie der Zuschauer
einer Talkshow wegzappen konnte. Weggezappt habe ich mich dann
zwar auch, in denSpeisewagen: aber ist das die Lösung?
Zufälligerweise saß im Speisewagen gerade kein anderer Handybesitzer,
sonst wäre die ganze Geschichte wieder von vorne losgegangen.
Meine Theorie ist folgende: das Handy ist, genauso wie die Konjunktur
der Talkshows im Fernsehen, ein Symptom der galoppierenden Infantilisierung
unserer Gesellschaft. Infantilisierung bedeutet ja, dass Erwachsene
in einen geistigen Zustand regredieren, den sie eigentlich hinter
sich gebracht haben müssten. Durch die talkshows wird der Zwang,
seine intimsten Geheimnisse öffentlich zu machen, dem Millionenpublikum,
das diese Sendungen immer vor den Bildschirm locken, andressiert,
so dass niemand mehr etwas Ungewöhnliches dabei findet, wenn er
seine Intimitäten wo er geht und steht aus sich herauströtet.
Wirklich interessieren tun sie doch niemanden das wissen wir
ja aus dem Fernsehen. Dort können sich in den Talkshows zerstrittene
Ehepaare die größten Gemeinheiten an den Kopf werfen und wenn
die Frauen dann heulend aus dem Studio rennen und die Moderatorin
davon schrecklich betroffen ist, aber nicht den geringsten Vorschlag
macht, wie die verfahrene Situation zu retten wäre, dann laben
sich Millionen von Zuschauern am Elend der Talkgäste, die ganz
gut die Nachbarn von gegenüber sein könnten. Oder, sie stellen
fest, dass es denen genauso geht wie ihnen selbst, nur dass die
eben im Fernsehen darüber reden, im Gegensatz zu ihnen, die weder
zu Hause noch im Fernsehen darüber reden. Das heißt, wenn sie
ins Fernsehen kämen, würden sie bestimmt auch darüber reden.
Und überhaupt, in GZSZ geht es ja auch so zu und das schon seit
Jahren. Vom ritualiserten Exhibitionismus der Talkshows ist es
dann nicht mehr weit bis zur mobilen Talkshow des Handybesitzers
in der Öffentlichkeit. Eigentlich ermöglicht erst die rasante
Entwicklung der mobilen Kommunikation die Übertragung der Fernsehkultur
in den Alltag: die Etablierung der permanenten Talkshow sozusagen.
Das Ganze nennt man dann wissenschaftlich die Tyrannei der Intimität
und die Zerstörung der Erotik. Dass die Erotik dabei verlorengegangen
ist, hat neulich auch schon der Spiegel festgestellt. Aber wozu
brauchen wir denn noch Erotik? Wir haben doch unsre Handys. Die
ersetzen nicht nur den Liebespartner, sie ermöglichen es uns auch,
jederzeit und an jedem Ort erreichbar zu sein, damit wir lauter
nichtssagende Dinge mitgeteilt bekommen, bzw. mitteilen können,
wo wir gerade sind und was wir gerade machen: genauso wie die
kleinen Kinder, wenn sie miteinander im Kinderzimmer »Telefonieren«
spielen. Dass es sich beim Handy in Wahrheit um ein Ersatzliebesobjekt
handelt, lässt sich leicht erkennen, man muss nur einmal darauf
achten, wie die Printwerbung, aber auch die Fernseh- und Filmwerbung
diese kleinen piepsenden Dinger umwirbt, wie schöne glückliche
Frauen sie an ihre Wangen schmiegen oder mit ihren schlanken Fingern
daranherumspielen: hat doch das Handy den Vorteil, dass es jederzeit
greifbar und immer empfangsbereit ist (wenn nicht dieses blöde
Akku wäre, das immer dann gerade seinen Geist aufgibt, wenn man
das Handy am dringendsten benötigt).Es gibt ja sogar Handys, die
piepsen nicht, wenn sie ihre Bedürfnisse anmelden, sondern die
fangen in der Hosentasche oder in der Brusttasche an zu vibrieren
und jagen ihrem Besitzer jedesmal einen wohligen Schauer durch
Mark und Bein, wenn sie sich plötzlich wie ein Aal zu winden beginnen
Die Frage, die hier natürlich offenbleibt, ist die, wo dieses
Bedürfnis nach grenzenloser Infantilisierung herkommt oder ob
es sich gar nicht um den Ausdruck eines Bedürfnisses handelt,
sondern um die tatsächliche rasante Verblödung der abendländischen
Menschheit aufgrund einer epidemischen Gehirnerweichung. Dass
die Verbreitung der Handys möglicherweise etwas mit der grassierenden
Lieblosigkeit unserer Gesellschaft zu tun hat, liegt auf der Hand,
ebenso wie mit der Tatsache, dass, je weniger wir uns in Wahrheit
zu sagen haben, wir umso dringender ein Handy benötigen. Diese
Frage muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben, weil deren
Erörterung zu weit führen würde. Doch denke ich, dass ichgelegentlich
darauf zurückkommen werde