Thema



Mobile Kommunikation

An jeder Ecke stehen sie. Man kommt nicht an ihnen vorbei, ohne ihre verzweifelten Versuche mit den Fernsten zu kommunizieren, mitzuhören. »Hallo, hallo …« rufen sie, »hörst du mich … kannst du mich verstehen… ja, … wie bitte? … ich höre dich so schlecht … kannst du nicht etwas lauter sprechen … es rauscht so …« Die armen Kreaturen, wie verzweifelte Einsame kommen sie einem vor, die mit ihren Ohrterminals in den Weltraum hinaus lauschen, auf der Suche nach ein bisschen Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Aber es scheint keiner da zu sein, es scheint sie keiner zu hören. Niemand scheint ihnen die heiß ersehnte Zuwendung, Aufmerksamkeit oder Liebe entgegenzubringen, nach der sie sich offensichtlich so sehr sehnen. Oder im Zug sitzen sie. Plötzlich bimmelt es lautstark. Rechts hinter mir, links vor mir, oder ­ nicht genau lokalisierbar ­ irgendwo. Dann lautstarkes Rufen: »Hallo … hallo, wer da? … ja, bitte … ich höre…« Dann offenbar Funkstille. Kurz darauf ein erneutes Gebimmel. Wieder das lautstarke Rufen: »Hallo … hallo …« Darauf folgt meist nichts. Besonders im Zug nicht. Nicht nur, wenn dieser gerade durch einen Tunnel fährt, was auf dieser Strecke sowieso so gut wie gar nicht vorkommt.

Neulich im Zug wurde ich Zeuge eines Liebesdramas. Ja, ich phantasiere nicht. Dank sei dem Handy, denn wenn es das Handy nicht gäbe, wüsste ich jetzt nicht, dass sich der bleiche, schlanke Herr mit Oberlippenbart und weicher Stimme auch nach seiner Liebsten sehnt und dass er es letzte Nacht sehr schön fand, dass er jetzt aber nach Lindau unterwegs ist, in dem Zug, der, wie er seiner Liebsten mitteilte, schnell fährt, weswegen die Verbindung offenbar so schlecht ist, dass er sie kaum verstehen kann.

Auf jeden Fall wusste er seiner Liebsten, die so Sehnsucht nach ihm hatte, dass sie sich durch die schlechte, ständig abstürzende Verbindung nicht davon abhalten ließ, mit ihm zu telefonieren, und mich mit dem nervösen Gebimmel seines Handys zu malträtieren, ­ auf jeden Fall sagte ich, wusste er seiner Liebsten mitzuteilen, dass er jetzt im Zug sitze ­ stellen Sie sich das vor ­ und dass der Zug schnell fahre, und wie ich erfuhr, war seine Liebste gerade dabei, zu frühstücken, das war so gegen halb zehn Uhr morgens, am Freitag, und seine Liebste frühstückte Brötchen mit Himbeermarmelade und er selbst bedauerte es auch sehr, dass er jetzt nach Lindau fahren musste und er wäre viel lieber bei seiner Butzi oder Putzi geblieben, weil in ihrem Bett war es ja so warm, aber die Verpflichtungen ließen das eben nicht zu …

Kurz darauf rief er aber seine andere Liebste in Lindau an und teilte ihr mit, wie sehr er sich freue, sie endlich wieder zu sehen. Irgendwann platzte mir ob all dieser öffentlichen, schamlosen Verlogenheit, ob dieserhemmungslosen Indiskretion, dieser schwachsinnigen Banalitäten der Kragen und ich floh in den Speisewagen, nicht ohne dem entgeisterten Handyaner ins Gesicht zu sagen, dass ich es besser fände, wenn er seine Liebste ins Kino schicken würde ­ und zwar die in Lindau, nicht die in München ­, denn über dieses Problem haben sie sich am Handy auch unterhalten. Entgeistert hat er mich angesehen ­ oder war sein Gesichtsausdruck eher empört, weil ich es gewagt hatte, in seine Intimsphäre einzudringen, die mich doch gar nichts angeht? Ich konnte diese Frage nicht abschließend klären, weil meine Flucht in den Speisewagen erst kurz vor Lindau stattfand und als ich dann zurückkam, hatte der verlogene Handyaner mit seinen zwei öffentlichen Geliebten bereits den Zug verlassen. Ob ich ihm hätte nachgehen und seine Lindauer Geliebte über die Existenz der anderen in München aufklären sollen? Aber möglicherweise wusste diese ja bereits von der Existenz ihrer Rivalin, nur nicht umgekehrt und im Übrigen gehen mich diese Intimitäten jawirklich nichts an. Nur war ich leider in dem bedauerlichen Fall, dass ich zum Voyeurismus gezwungen war und nicht wie der Zuschauer einer Talkshow wegzappen konnte. Weggezappt habe ich mich dann zwar auch, in denSpeisewagen: aber ist das die Lösung?

Zufälligerweise saß im Speisewagen gerade kein anderer Handybesitzer, sonst wäre die ganze Geschichte wieder von vorne losgegangen. Meine Theorie ist folgende: das Handy ist, genauso wie die Konjunktur der Talkshows im Fernsehen, ein Symptom der galoppierenden Infantilisierung unserer Gesellschaft. Infantilisierung bedeutet ja, dass Erwachsene in einen geistigen Zustand regredieren, den sie eigentlich hinter sich gebracht haben müssten. Durch die talkshows wird der Zwang, seine intimsten Geheimnisse öffentlich zu machen, dem Millionenpublikum, das diese Sendungen immer vor den Bildschirm locken, andressiert, so dass niemand mehr etwas Ungewöhnliches dabei findet, wenn er seine Intimitäten wo er geht und steht aus sich herauströtet. Wirklich interessieren tun sie doch niemanden ­ das wissen wir ja aus dem Fernsehen. Dort können sich in den Talkshows zerstrittene Ehepaare die größten Gemeinheiten an den Kopf werfen und wenn die Frauen dann heulend aus dem Studio rennen und die Moderatorin davon schrecklich betroffen ist, aber nicht den geringsten Vorschlag macht, wie die verfahrene Situation zu retten wäre, dann laben sich Millionen von Zuschauern am Elend der Talkgäste, die ganz gut die Nachbarn von gegenüber sein könnten. Oder, sie stellen fest, dass es denen genauso geht wie ihnen selbst, nur dass die eben im Fernsehen darüber reden, im Gegensatz zu ihnen, die weder zu Hause noch im Fernsehen darüber reden. Das heißt, wenn sie ins Fernsehen kämen, würden sie bestimmt auch darüber reden.

Und überhaupt, in GZSZ geht es ja auch so zu und das schon seit Jahren. Vom ritualiserten Exhibitionismus der Talkshows ist es dann nicht mehr weit bis zur mobilen Talkshow des Handybesitzers in der Öffentlichkeit. Eigentlich ermöglicht erst die rasante Entwicklung der mobilen Kommunikation die Übertragung der Fernsehkultur in den Alltag: die Etablierung der permanenten Talkshow sozusagen. Das Ganze nennt man dann wissenschaftlich die Tyrannei der Intimität und die Zerstörung der Erotik. Dass die Erotik dabei verlorengegangen ist, hat neulich auch schon der Spiegel festgestellt. Aber wozu brauchen wir denn noch Erotik? Wir haben doch unsre Handys. Die ersetzen nicht nur den Liebespartner, sie ermöglichen es uns auch, jederzeit und an jedem Ort erreichbar zu sein, damit wir lauter nichtssagende Dinge mitgeteilt bekommen, bzw. mitteilen können, wo wir gerade sind und was wir gerade machen: genauso wie die kleinen Kinder, wenn sie miteinander im Kinderzimmer »Telefonieren« spielen. Dass es sich beim Handy in Wahrheit um ein Ersatzliebesobjekt handelt, lässt sich leicht erkennen, man muss nur einmal darauf achten, wie die Printwerbung, aber auch die Fernseh- und Filmwerbung diese kleinen piepsenden Dinger umwirbt, wie schöne glückliche Frauen sie an ihre Wangen schmiegen oder mit ihren schlanken Fingern daranherumspielen: hat doch das Handy den Vorteil, dass es jederzeit greifbar und immer empfangsbereit ist (wenn nicht dieses blöde Akku wäre, das immer dann gerade seinen Geist aufgibt, wenn man das Handy am dringendsten benötigt).Es gibt ja sogar Handys, die piepsen nicht, wenn sie ihre Bedürfnisse anmelden, sondern die fangen in der Hosentasche oder in der Brusttasche an zu vibrieren und jagen ihrem Besitzer jedesmal einen wohligen Schauer durch Mark und Bein, wenn sie sich plötzlich wie ein Aal zu winden beginnen …

Die Frage, die hier natürlich offenbleibt, ist die, wo dieses Bedürfnis nach grenzenloser Infantilisierung herkommt oder ob es sich gar nicht um den Ausdruck eines Bedürfnisses handelt, sondern um die tatsächliche rasante Verblödung der abendländischen Menschheit aufgrund einer epidemischen Gehirnerweichung. Dass die Verbreitung der Handys möglicherweise etwas mit der grassierenden Lieblosigkeit unserer Gesellschaft zu tun hat, liegt auf der Hand, ebenso wie mit der Tatsache, dass, je weniger wir uns in Wahrheit zu sagen haben, wir umso dringender ein Handy benötigen. Diese Frage muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben, weil deren Erörterung zu weit führen würde. Doch denke ich, dass ichgelegentlich darauf zurückkommen werde …


Lorenzo Ravagli




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