»Schützende«
Steinplastik von Fritz Viegener (1888-1976) im Kurpark Bad Sassendorf
Dorothea Rapp
Die Zukunft ist weiblich
Auf den Spuren einer Vision
Die Zukunft ist weiblich. Dieser Satz klingt ebenso einfach, wie
suggestiv. Er ist so wahr, wie er falsch ist. Die Suggestion,
die von ihm ausgeht, ist allerdings fatal; scheint sie doch die
Aussage thesenhaft umdrehen zu wollen, so als wolle er ausdrücken,
dass die Zukunft der Frau gehöre; oder einfacher gesagt: Frauen
an die Macht. Wenn es uns aber gelingt, diese suggestive Formel
zur Seite zu schieben, wenn wir frei in den Satz hineinhören,
dann eröffnet sich uns ein ganz anderer Ausblick. Denn der Satz
besagt im Grunde doch nichts anderes, als dass die Zukunft einmal
weibliche Eigenschaften haben wird. Zukunft die werdende Menschen-Landschaft
würde demnach im Licht einer neuen, weiblich erlebten und erklärten
Sonne erscheinen, welche den Tatsachen des menschlichen Lebens
eine andere Färbung gäbe. Diese würden dann in Farben, die bisher
kaum erkannt wurden oder überhaupt noch keine Rolle gespielt haben,
aufleuchten. Ist aber eine solche Sicht auf eine weiblich gefärbte
Zukunft realitätsgemäß oder lediglich eine Utopie? Und wenn diese
tatsächlich weiblich wäre, liegt sie dann noch in weiter Ferne
oder steht sie nahe bevor?
»Ich trage ein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land den
Keim einer Südfrucht; er treibt und treibt und kann nicht reifen.«
Heinrich von Kleist, der diese Worte (an Adolphine von Werdun;
29.7.1801) schrieb, mag eine andere Reife, einen anderen Keim
gemeint haben; dennoch vergegenwärtigt sein Bild die Lage, in
der wir uns heute befinden. Wir leben wie in einem »nördlichen«
Seelen-Land, das den Keim einer Südfrucht in sich trägt. Der Keim
kann aber nicht reifen, da das betont männliche Klima unserer
Gegenwart es nicht zulässt. Dennoch können wir bemerken, dass
sich überall neues Leben regt. Junge Keime treiben ihre Spitzen
aus dem Dunkel einer noch unentschiedenen Zeit heraus und berühren
viele Gebiete des gesellschaftlichen Lebens. Wir beobachten diesen
Vorgang allerorten. Wie ein ganz junger Lebensimpuls treten Gründungen
mit neuen Vorzeichen aus dem vertrocknetem Boden verkrusteter
Strukturen hervor und suchen das Licht einer neuen Sozial-Idee.
Diese Idee kann als Sonne der Zukunft weiblich erklärt werden.
Ihre Strahlen versuchen vor allem die soziale Frage, die uns heute
schmerzhaft in der Seele brennt, aus ihrer Verkapselung zu lösen.
So taucht zum Beispiel ein ökologisch ausgerichtetes Denken plötzlich
auf vielen Ebenen des sozialen Lebens auf und versucht die menschliche
Landschaft zu beleben; oft noch undurchdacht, verwirrend in seiner
Andersartigkeit und doch stark wie ein Grashalm, der die Asphaltdecke
einer Straße durchwächst.
So gesehen gewinnt der obige Satz eine neue Dimension. Die Zukunft
ist weiblich; das will heißen: Die Zukunft wird notwendigerweise
von weiblichen Kräften bestimmt sein müssen. Eine als weiblich
erkannte Sonne muss die Erdenlandschaft erwärmen, um sie nicht
absterben zu lassen. Wo aber finden wir solche Kräfte? Und wie
artikulieren sie sich?
Rudolf Steiner hielt am 2. Januar 1906 vor Frauen und Männern
gemeinsam einen Vortrag1 und er betonte dieses »gemeinsam«,
nachdem er vorher an verschiedenen Tagen vor Frauen und Männern
getrennt gesprochen hatte. Dieser bewusst geplante Schritt, den
weiblichen Menschen mit seinen besonderen Fähigkeiten an Zukunftsaufgaben
heranzuführen, ist, wenn vielleicht nicht einmalig, so doch außergewöhnlich
in der menschlichen Kulturgeschichte. Er enthält eine tiefe esoterisch
gewachsene und soziale Begründung. Rudolf Steiner führt im oben
angeführten Vortrag anhand von biblischen Bildern und einer uralten
Tempellegende aus, wie sich die Menschheitsgeschichte in verschieden
gearteten Strömungen entwickelte. Diese Strömungen bilden sich
auch ab im weiblichen und männlichen Menschen mit ihren unterschiedlichen
Begabungen. Seit Jahrtausenden steht der Mann, als Repräsentant
der männlichen Strömung, mit seiner Führungsrolle in Staat und
Wissenschaft im Vordergrund der Geschichte. Die Frau hingegen,
die andere priesterlich weise und mütterlich lebendige Kräfte
in sich bewahrt, musste im Chor dieser Geschichte schweigen. Doch
diese Rollenverteilung, so Rudolf Steiner, muss sich heute ändern,
wenn die menschliche Gesellschaft nicht zugrunde gehen soll.
»Denn das heute in der Welt bestehende große Übel, das ungeheure
Elend, das mit so furchtbarer Gewalt zum Ausdruck kommt in dem,
was man die soziale Frage nennt, kann nicht mehr mit dem Unlebendigen
gemeistert werden. Dazu bedarf es einer (neuen) königlichen Kunst.
( ) Der Mensch muss durch diese königliche Kunst etwas in seine
Hand bekommen, was ähnlich ist derjenigen Kraft, die in der Pflanze
sprosst. ( ) Ein Teil dieser Kraft muss verwendet werden zum sozialen
Heil. ( ) Die königliche Kunst wird in Zukunft eine soziale Kunst
sein. ( ) Bisher war die königliche Kunst eine Männerkunst. Die
Frauen waren daher ausgeschlossen und konnten nicht daran teilnehmen.
( ) Die großen Ideen ( ) durften nicht verquickt werden mit dem,
was im Zusammenhang mit der Familie steht. ( ) Im Kampfe lag die
eine Strömung mit der anderen. Ausgeschlossen waren die Frauen.
( ) Denn als weibliche Strömung wurde bezeichnet das Priesterliche,
das, was von Natur aus da war. ( ) Der Mann ist seiner Natur nach
Repräsentant der im Unlebendigen schaffenden Kraft, während die
Frau die Repräsentantin der lebendig schaffenden, das Menschengeschlecht
aus der Naturgrundlage heraus fortentwickelnden Kräfte darstellt.
Dieser Gegensatz muss überwunden werden« (S. 281/288).
Rudolf Steiner spricht hier vom Geheimnis des Baum des Lebens.
Dieses mag in seiner Tiefe uns heute noch verschlossen sein und
aus guten Gründen noch eine Weile so verschlossen bleiben. Solange
Frau und Mann in Gegensätzen verharren, oder gar sich feindlich
gegenüberstehen, solange liegt dieses Geheimnis hinter der Front
dieser Kämpfe vergraben. Den Keim dieser Kräfte des Lebendigen
aber, die unser soziales Leben gestalten und in ihrer Reife einmal
wärmen werden, können wir heute schon durch Zusammenarbeit von
Mann und Frau pflegen. Allerdings wird dabei ein verstärktes Hinhören
auf die tiefere Identität von lebendigen und weiblichen Kräften
notwendig sein, welche einmal die neue königliche Kunst sozialer
Lebensgestaltung bilden werden.
Einen Zipfel dieser weiblichen Weltenkräfte lernen wir im bewegten
Bild des Wassers kennen. Im Wasser fühlt sich alles Lebendige
in seinem Urelement. Dort keimt es, fühlt sich geborgen und wächst
heran. Die Wasser des Lebens dieses Wort lässt das Geheimnis
der Lebenswelt ahnen, das noch tief in unserem Unbewussten ruht.
Der Mut, über Wasser zu gehen, kennzeichnet einen Menschen, der
die Bewegkraft des Lebendigen, die Auftriebskräfte dieser Qualität
in sich erweckt. Er wird nicht nur von der Schwerkraft der Erde
gehalten, sondern auch von der Leichte der Lebenskräfte getragen.
Wenn er den festen Erdboden verlässt und sich aufs Wasser begibt,
bestärkt ihn allein das Vertrauen auf diese, neu ins Bewusstsein
tretenden Kräfte zu diesem Schritt.
In der Nähe meines Wohnorts steht am Ufer der Enz eine große alte
Mühle. Der siebenstöckige rote Backsteinbau aus dem Jahr 1882,
der nach seinem ehemaligen Besitzer Carl Rommel »Rommelmühle«
benannt ist, wurde vor zwei Jahren stillgelegt. Voriges Jahr,
1998, ergriff eine Menschengruppe, die Archy Nova-Gruppe, die
Initiative und baute, vom ökologischen Gedanken und vom Wasser
inspiriert, das hohe und umfangreiche Bauwerk zu einem Öko-Zentrum
um. Die »Rommelmühle« in Bietigheim-Bissingen beherbergt nun in
hellen weiten Räumen alles vom Nahrungsmittel, über Kleidung
und Kosmetik, von Möbeln bis zur Gastronomie , was zum Leben
des Menschen gehört und dem ökologischen Gedankengut entspricht.
Das Öko-Zentrum korrigiert das herkömmlich herabgeminderte Öko-Image
auf moderne, zukunftsorientierte Weise. Hier ist nichts Hinterbänklerisches
zu bemerken. Der ökologische Gesichtspunkt engt hier nichts ein,
hemmt keine Entwicklungstendenz. Die Räume sind luft- und lichtdurchlässig
gestaltet. So nah am Wasser eines Flusses gebaut, das ja auch
einstmals ganz wesentlich das Mahlwerk der Mühle betrieb auf
diesem Gelände gab es schon seit dem Jahr 1471 eine Mühle , vergegenwärtigt
das Öko-Zentrum auch innerhalb seiner fensterreichen Mauern dieses
bewegte Element. Wasser strömt hinter Scheiben und über Bildwerke;
es strömt als Qualität durch die kaum gegenseitig abgegrenzten
verschiedenen Verkaufsstände; es strömt in der zarten, leichtflüssigen
Farbgebung und es strömt in der allgemeinen Aufgeschlossenheit.
Wir finden hier keine Neonbeleuchtung, keine Lautsprecheruntermalung.
Zur Stromerzeugung wurde das alte Wasserkraftwerk wieder in Betrieb
genommen, das mehr Strom erzeugt als die Rommelmühle braucht und
so noch Reststrom an die Stadtwerke abgeben kann. Dieses innovative
Energiekonzept, das bis ins Detail ausgetüftelt ist, umfasst Wärmenutzung
durch die Speicherkapazität der sonnigen Südfassade dieses Bauwerks
ebenso, wie eine Kühlanlage, die unter anderem auch die Wasseroberfläche
der Enz nutzt. Ob sich hier der ökologische Grundsatz in Zusammenhängen
zu denken durchsetzen wird, ist noch nicht erwiesen. Das Unternehmen
ist noch zu jung, zu keimhaft. Zur Reife bedarf es auch der Umgebung,
die es wahrnimmt und aufnimmt. Eine besondere Qualität weiblicher
Stärke zeigt sich eben auch in der seelischen Geduld, einer Sache
Zeit zur Reife zu geben. Alles Lebendige bedarf eines bestimmten
Zeitraums, in dem es werden kann. Wachstumskräfte können nicht
ungeduldig beschleunigt werden, ohne dass sie Schaden nehmen.
So müssen wir jeder neuen Initiative neben dem Raum auch Zeit
zur Entwicklung geben, wie eine Mutter dem Kind, das sie trägt.
Weibliche Qualitäten sind zumeist in den mütterlichen Kräften
der Frau zu erkennen. Es sind dies vorwiegend Qualitäten, die
sich in einem beweglichen und besonders feinfühligen Seelenraum
entwickeln können. Ein Mensch mit hart konturierten Seelenfähigkeiten,
die auf Erfolg und Durchsetzungsvermögen ausgerichtet sind, glaubt
eine feste Ordnung in seiner Seele halten zu müssen, die durch
nichts gestört werden darf. Er lässt keine Turbulenzen des Schmerzes,
des In-Not-Geratens, keine fremdartigen Gedanken zu. Die andere
weibliche Seelenart zeigt sich dagegen offener. Dieser Seelenraum
ist weicher und dehnungsfähiger, sodass er nachgeben kann, wenn
etwas anderes ein anderes Wesen, ein Schmerz, ein neuer Lebensplan
auf ihn zukommt. Diese weibliche Seelenart vermag auf das Andere
feinfühliger zu reagieren. Sie kann sich besser auf Fremdes einstellen.
So sind es vor allem mütterliche Kräfte, die sich da als Fähigkeit
des Warten-Könnens, des Austragen- oder Ertragen-Könnens, des
Beweglich-Bleibens u.ä. artikulieren. Auch wenn diese in biologischen
Vorgängen nicht aufgerufen werden, sind sie dennoch in jedem weiblichen
Menschen latent vorhanden.
Daher steht die Frau heute verstärkt in der Herausforderung unserer
Zeit. Sie ist Trägerin dieser neuen Zeit, die vor allem auch bewusstseinsmäßig
vorzubereiten ist. Mütterliche Qualitäten, die wir zunächst nur
im natürlichen Zusammenhang beobachten, wo sie instinktiv auftreten,
müssen auch Bewusstseinskräfte begaben. Hier stehen sie dann verwandelt
zur Verfügung. Denken, Fühlen und vielleicht auch einmal der Wille
des Menschen verändern sich in dieser weiblichen Perspektive.
Ein im Denken gefasster Begriff zum Beispiel, der fähig werden
soll, zeitgemäß ein soziales Problem zu erfassen und zu gestalten,
wird dann soviel Lebendigkeit in sich bewegen, dass er mit der
sich entwickelnden Zeit mitwachsen kann. Ein zu schnell, zu hart
und unbeweglich erfasster Begriff zerstört den Fortgang eines
Prozesses. Auch Begriffe müssen entwicklungsfähig sein und mütterlich
umgeben werden. Sie müssen wie ein Kind ausgetragen werden, um
reifen zu können.
Die Herausforderung zu dieser Verwandlungsfähigkeit liegt vor
allem auf den Schultern der Frau, weil sie die Vorbedingungen
dazu kennt. Sie wiegt schwer wie ein Kreuz. Die Frau muss es in
vorderster Linie tragen. Lebte sie in alten Zeiten in der Zurückgezogenheit
geschützt und geborgen, so tritt sie heute, fast unvorbereitet,
in den Vordergrund. Die Schwierigkeiten, die zum Beispiel eine
alleinerziehende Mutter zu bewältigen hat, ist ein deutliches
Zeichen dafür. Der Spagat zwischen Beruf und Familie macht sie
verletzbarer, als sie selbst bemerkt. Die Kränkungen, die uns
die alt und inzwischen auch gewalttätig gewordene Gesellschafts-
und Wirtschaftsordnung zumutet, fügen ihr zusätzliche Wunden zu.
Sie drücken dem keimhaften Werden alte Lasten auf. So droht die
Gefahr, dass sich die Frau wieder unterordnen wird; jetzt nicht
dem Mann, sondern den Strukturen einer männlich gearteten Ellbogengesellschaft.
Die Verwandlung, welche die weiblich eingestimmte Zukunft von
der Frau erwartet aber auch vom Mann, wenn er das Lebendig-Weibliche
als Weltenströmung ergreift , deutet das Bild eines Grashalms
an. Sein sanftes, weiches Wesen büßt er nicht ein, wenn er durch
die asphaltene Bewusstseinsdecke stößt und sich in den Wind reckt.
Der Halm bleibt weich, zart und beweglich, sein unbändiger Lebenswille
aber bewegt sich mit großer wenn auch unsichtbarer Kraft ans
Licht. Diese Kraft ist es, die uns interessieren sollte. Nicht
»softy« oder »beschränkt« wie oftmals geurteilt wird muss
der alternative Lebensplan sein; er ist vielmehr stark im Bewusstsein
übersinnlicher Kräfte, mit denen er handelt. Die neue Zeit die
Zukunft kann nicht mehr allein durch Gesetze und Strukturen
geregelt werden. An starren, unlebendigen Maßregeln sterben wir
ab. Ein ganz wesentlicher, an den Erkenntnissen der Ökologie gewonnener
Gedanke findet auch zu neuen Ordnungsvorstellungen Zugang. So
wie ein ökologisch gepflegter Wald nicht mehr so aufgeräumt erscheint,
wie es alte Vorstellungen wünschen. Die neue Ordnung aber liegt
nicht mehr im physischen Ausdruck der Aufgeräumtheit, sondern
auf einer anderen Ebene: Auf der Ebene übersinnlicher, ätherischer
Lebenszusammenhänge. Denn in den unaufgeräumten und chaotisch
erscheinenden Nischen, die aber von einer weiten, mütterlich-weiblichen
Seele so umfangen werden, dass sie innerlich geordnet werden können,
finden Wesen den Ort, den sie für ihr hilfreiches Eingreifen brauchen.
So wie der Igel, der viele Schädlinge des Pflanzenwachstums beseitigt,
im Chaos liegengebliebener Äste und Laub seinen Platz findet.