Die Christrose ist wie eine Verkörperung des winterlichen Grundtenors,
der im Lied »Stille Nacht« einen so schönen Ausdruck gefunden
hat: »Alles schläft, einsam wacht«. Der Winter ist wie der Schlaf,
wie die Nacht des Jahres. Wenn der Schnee wie ein edles weißes
Leintuch über die Landschaft gebreitet ist, dann ruht die Vegetation.
Und ähnlich wie ein arabisches Sprichwort von der Wüste als Garten
Allahs spricht, aus dem der Herr der Gläubigen alles überflüssige
Leben entfernt hat, damit es einen Ort gäbe, wo Er in Frieden
wandeln könne, so wirkt auch die verschneite Winterlandschaft
wüstenhaft. Sie wirkt rein, edel, unberührt - und damit auch unnahbar.
Wenn nun zu dieser Zeit etwas erblüht, so erinnert es uns an den
Herrn selbst. Wenn wir in dieser feierlichen »Heilig Drei König«
Stimmung des Januars eine blühende Christrose erblicken, so werden
wir still an das Christkind erinnert, das in der Krippe lag und
dem die Weisen huldigten. Wie beim Christkind scheint auch mit
der Blume etwas Außerirdisches in Verbindung zu stehen. Es ist
interessant, dass in alten Bildern der Raum um die Krippe oft
von Engeln erfüllt ist. In einem alten Kinderbuch fand ich ein
ähnliche Darstellung der Christrose. Sie war von einem feinen
Elfenreigen umtanzt. So romantisch legte der Illustrator seine
Empfindung über die von Kälte und Schnee unberührte Blüte aus.
Zwar blüht die Christrose bis in den April hinein, aber am faszinierendsten
ist sie sicherlich, wenn sie ihre Blüte mitten im Winter entfaltet.
Wenn später die Schneeglöckchen blühen, so wissen wir, dass der
Frühling naht. Die Christrose aber ist kein Frühlingsbote, sondern
ein Winterblüher. Wir ahnen den Frühling noch gar nicht, das Regiment
des Winters ist noch unangefochten.
So ist es ist ein ungemein schönes Erlebnis, wenn man den oftmals
nebligen und tristen Wintertagen des Alpenvorlandes entflieht
und in den Bergen nicht nur die Sonne findet, sondern mit der
Christrose auch auf eine blühende Pflanze trifft. Man darf sich
nur nicht vorstellen, dass sie hier inmitten meterhoher Schneeverwehungen
wächst, sondern sie benötigt geschützte, möglichst wintersonnige
Plätze.
Dort erhebt sie ihren bis zu 25cm hohen Stengel aus dem Schnee.
Ihre Laubblätter entdeckt man meist erst später im Jahr, wenn
der Schnee vollständig geschmolzen ist. Die Knospen, die allein
oder zu zweien am Ende des Stengels sitzen, sind von einem Hüllblatt
bedeckt. Die Blüte der Christrose ist bei stattlichen Exemplaren
fast handtellergroß und wirkt etwas wächsern oder wie Porzellan.
Sie erhebt sich zwar etwas aus der nickenden Knospenstellung,
aber doch bleibt sie meist der Erde zugeneigt. Als Spaziergänger
sieht man eher die Rückseite der Blütenblätter, so dass nur der
aufmerksame Betrachter den feinen Kontrast der Blütenblätter zu
den gelben Staubgefäßen bemerkt. Wer genau hinblickt, stellt dann
auch fest, dass die Blütenblätter selten reinweiß sind, sondern
meist rosa oder violett überhaucht erscheinen, und bei älteren
Blüten färben sie oft ins Grün um. Helleborus niger, wie der lateinische
Name lautet, wächst vor allem in den mittleren Höhenlagen und
ausschließlich auf kalkhaltigen Böden. Auf den südlichen Matten
der Berchtesgadener Alpen und im Wilden Kaiser ist sie, jedoch
nur stellenweise, noch zahlreich zu finden. Dennoch steht sie
in freier Natur sicherlich zu Recht unter Schutz. Wer sie gerne
im eigenen Garten haben möchte, kann sich vielleicht im Sommer
bei Gartenliebhabern in der Nachbarschaft ein Stück der fleischigen,
schwarzen Wurzel erbitten, denn man hat sie bereits früher kultiviert
und sie findet sich bei uns in fast allen alten Gärten. Man kann
gezüchtete Exemplare auch im Handel erwerben. Manchmal ist sie
sogar als Schnittblume erhältlich, und an einem kühlen Ort bleiben
die Blüten bisweilen über mehrere Wochen lang frisch.
Die Wurzel hat man früher getrocknet und zerrieben als Niespulver
verwendet. Ähnlich wie beim Aderlass sollten damit »schlechte
Säfte« aus den Körper geleitet werden und heftiges Niesen brächte
überdies einen klaren Kopf, wie man damals glaubte. Von dieser
Verwendung ist man heute, auch wegen der starken Giftigkeit der
gesamten Pflanze, abgekommen. Der offizielle Name »Schwarze Nieswurz«
weist jedoch noch darauf hin. Gebräuchlicher ist aber die Bezeichnung
»Christ- oder Schneerose«, und zu solch schönen Namen sind ihre
beiden Geschwister, die Grüne und die Stinkende Nieswurz, nie
gekommen.
Die Homöopathie verwendet die Christrose im wesentlichen bei Stauungsbronchitis,
Psychosen im Zusammenhang mit Gehirnerkrankungen, Herzschwäche
mit Ödemen und bei Kollapsneigung. Rudolf Steiner hat im Zusammenhang
mit der Krebserkrankung auf die Christrose hingewiesen.
Vielleicht kann sie aber auch in einem ganz einfachen Sinn als
Anschauungsmittel heilend wirken. Wenn wir sie im Gebirge, oder
als Schnittblume auf dem Schreibtisch betrachten, dann vertreibt
sie diese leicht depressiven Verstimmungen, die sich im Winter
gern unseres Gemütes bemächtigen. Sie bringt keine sehnsüchtigen
Sommerkräfte, wie normale Schnittblumen es zu dieser Zeit tun,
sondern sie belässt uns unsere stille Einkehr, und lichtet sie
doch auf.