Thema










Christo und Jeanne Claude:

Verhüllte Bäume

(Wrapped Trees)



Erst als bekannt wurde, dass die im Berowerpark in Riehen bei Basel verhüllten 178 Laubbäume (2m bis 25 m hoch) bereits am 14. Dezember (statt Ende Januar 1999) ihr Gewand aus Folie wieder ablegen würden, wurde die Qualität des Unberechenbar-Temporären in den Aktionen von Christo und Jeanne-Claude wieder einmal besonders augenfällig. Etwas erscheint - und sofort muss sich der Interessierte auf den Weg machen, um nicht zu spät zu kommen. Er muss entscheidungsfreudig sein und bereit, Prioritäten zu setzen.

Christo und Jeanne-Claude, am selben Tag im selben Jahr geboren, dem 13. Juni 1935, er in Gabrovo/Bulgarien, sie in Casablanca/Marokko treten erst seit 1993 mit beider Namen als gleichermaßen verantwortliche Künstler auf, obwohl sie sich bereits 1958 in Paris kennenlernten, dem Jahr der ersten verhüllten Objekte. Jeanne-Claude hatte 1952 an der Universität Tunis ihr Baccalaureat für Latein und Philosophie abgelegt und war seit 1958 an Christos Seite. Bereits drei Jahre später verlegte Christo einen Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit von der Verhüllung von Gegenständen auf die von Architektur und wenig später auf die von Landschaften und Naturgegenständen (1966 Verhüllter Baum/Eindhoven). Die erste Collage »Project for a Wrapped Tree« stammt sogar aus dem Jahr 1964.


Ihre Partnerschaft und kongeniale Zusammenarbeit bezeichnen Christo und Jeanne-Claude als Voraussetzung und Basis für die Bewältigung von Großprojekten wie der Verhüllung des Pont-Neuf (1985) oder auch des Reichstages in Berlin (1995) oder der Schirme in der Landschaft in Japan und USA (1991), und dennoch kann noch am 13. 6. 1995 ein Artikel von Werner Spies im Feuilleton der FAZ den Titel tragen: »Der Einzige und sein Werk.«


Christo selbst aber spricht von Jeanne-Claude als dem Alter Ego in seinen Projekten.


Münter und Kandinsky, Jawlenski und Werefkin, Sonia und Robert Delauney, Kahlo und Rivera, Sophie und Hans Arp, Bernd und Hilla Becher fallen unter anderen ein, wenn man Umschau hält nach Partnerschaften im Künstlertum. Aber bei der aneinanderreihenden Aufzählung ist einem unwohl: Der jeweils so andere und individuelle Charakter der Beziehungen bedürfte eingehender Beschreibung. Zu vergleichen bleibt auf die Schnelle fast gar nichts. Außer bei Bernd und Hilla Becher zeichnet allerdings immer der einzelne Künstler für sein Werk verantwortlich.


Im Rückblick auf Christos Anfänge erscheint ein Ereignis aus der Zeit der Kunstakademie Sofia bedeutsam: Der Student Christo errichtet mit anderen Künstlern und Studenten entlang der Strecke, die der Orient-Express in Bulgarien durchfährt, Agitationsidylle und Potemkinsche Dörfer und erfährt dies als augentäuschenden Schein in einer Welt des Zu-Wenig.


Das englische Wort »to wrap« bezeichnet sowohl verpacken als auch verhüllen, eine dem Begriff innewohnende Bandbreite, die Christo ab diesem Zeitpunkt auslotet und bald klar zugunsten des Verhüllungsaspektes entscheidet.
Auf der Suche nach dem Visionären, dem riesenhaften Projekt, das nur von vielen Händen, gut koordiniert durch die männlich-weibliche Präsenz von Christo und Jeanne-Claude bewältigt werden kann, erleben beide Künstler eine neue Qualität des Arbeitsprozesses im Team - genauer gesagt in mehreren gleichzeitig arbeitenden Teams - von Landvermessern, Webern, Näherinnen, Seilern, Fassadenkletterern und Bergsteigern, Baumpflegern, Fotografen, Projektdirektoren und Event-Managern sowie zahlreichen Helfern während der Dauer der jeweiligen Verhüllung.


Die Vorbereitung findet an verschiedenen, oft weit auseinanderliegenden Orten statt, häufig über Jahre, ja Jahrzehnte (in Riehen 34 Jahre seit der ersten Collage) hinweg und gipfelt in dem großen Moment, dem immer wieder verblüffenden visuellen Schock der »Enthüllung der Verhüllung« (Werner Spies). Das heißt aber: Trotz der langen und überaus sorgfältigen Vorbereitung, ja Logistik, ist keine langsame Annäherung bis zum Schluss möglich, die »Geburt« bleibt überraschend, auch in ihrer unvorhersehbaren Dynamik.


Ich durfte die »Verhüllten Bäume« wenige Tage nach der Eröffnung sehen und zwei Tage vor dem Rückbau ein zweites Mal. Da ich die Fondation Beyeler, das Museum, an das der Berowerpark angrenzt, vorher bereits besucht hatte, waren Haus und Gelände bekannt, ja einigermaßen vertraut. Als der Bus die kleine Grenzstation zur Schweiz passiert hatte und in Riehen um die letzte Kurve bog, war ein erster Blick auf den völlig verwandelten Park möglich: Atem verschlagend.


Von menschengroß bis baumesgroß standen da in der Wintersonne unzählige Gestalten, mal einzeln, mal in Gruppen, um die Museumsschmalseiten dicht gedrängt und dann in sich weitendem und wieder verengenden Rhythmus am Bach entlang.


Beim zweiten Besuch war der erste Eindruck völlig anders. Es hatte ausdauernd geregnet, der Himmel war einheitlich grau, ebenso einheitlich aber dunkler grau und schwer wirkten die Baumgestalten. Auf diese entscheidende Erscheinungsvielfalt, bedingt durch den Faktor Zeit, wird noch einzugehen sein.


Der Stamm bildet eine grazil-schlanke Basis oder besser; den Fuß, dann folgt eine Art niedriges »Kapitell« durch das vielfach um den Stamm geschlungene braune Verpackungsseil, und darüber wölbt und bauscht sich das Kleid, die maßgeschneiderte Haut aus einem Polyestergewebe, das in Japan traditionell zum Schutz der Bäume vor Frost dient. Kette und Schuss des Gewebes sind kontrastreich weiß bzw. schwarz, und das führt, je nach Lichtverhältnissen zu einer großen Variationsbreite der Erscheinungsfarbe von transparent-silbrig über diverse Grautöne bis dunkelgrau-steinfarben oder gar metallisch-undurchsichtig.


Zu dem jeweiligen Eindruck gehört auch der Wind oder eben seine Abwesenheit. Eine skulpturale Wirkung stellt sich nur bei Windstille ein.


Scheint die Sonne von hinten durch das Gewebe, wird diese Skulptur transparent, die überwiegend blätterlosen Äste sind sichtbar und das Ganze wirkt wie ein überdimensionales Blatt mit Äderung.


Beim Draufscheinen der Sonne bekommt derselbe Baum, noch dazu, wenn er zu den eher kantig und spitz verpackten gehört, ein Aussehen von grauem Stein, wie ein Kletterfelsen, und eine Baumgruppe am Bach entlockte spontan den Ausruf: Wie die Externsteine!


Solche unmittelbar nachvollziehbaren Assoziationen gibt es viele. Der Erlkönig taucht auf; wie ein Ballett, in der Bewegung erstarrt, mutet es andere Betrachter an; Maria und Josef in müder Wanderhaltung, nur wenig überlebensgroß, werden vor dem großen Wintergartenfenster entdeckt.


Der sich im Lauf der Jahreszeiten wandelnde Laubbaum, egal welcher Gattung, erscheint in der Tat verzaubert, fremd, widersprüchlich und faszinierend.


Ist es statthaft, einem Baum eine Haut wie ein Kleid überzustreifen?


An der Eingangsseite des Museums türmt sich ein imposantes Gebirge von Gingko und anderen großen Bäumen, enorme Volumina dicht gestaffelt. Im nächsten Moment scheint Bewegung in dieses Gebilde zu kommen, es drängt geradezu an das Haus heran.


Die Folie wurde zunächst unten am Stamm, unter dem Kapitell befestigt, dann hochgeschlagen und mit einem Reißverschluss geschlossen. Der Baum wird dadurch verdichtet, einige Äste erscheinen im Gegenlicht gebogen und in eine Form gezwängt, die Charakteristika dieser Gestalt noch verstärkt. Die ausdrucksstärksten Gebilde entstehen dort, wo der Baum selbst ausladend, raumgreifend ist und durch die Einschnürungen Vor- und Rücksprünge auftreten.


Steht man unter einem solchen Baumriesen und schaut durch die Folie in seine abgegrenzte Innenwelt, erfährt man sich wie ausgeschlossen, ausgesperrt, der Baumbereich entzieht sich oder wird entzogen.


Durch die klare Silhouette der Haut-auf-Zeit ist das Gestalthafte wie mit Händen zu greifen, - die trotz der Kälte durch den Park laufenden Menschen berühren die Gebilde auch immer wieder - und dennoch entzogen, auf Distanz: Als Erinnerung steigen markante Baumgesten auf, wie eine Art Denk-Mal an Baum.


Das braune dicke Seil teilt ihn allerdings in Segmente ein, viele davon rechteckig - ein starker Kontrast zwischen dem jetzigen Erscheinungsbild und meinem Erinnerungbild Baum.


Aus dem Beschriebenen erhellt ja bereits, welche Fülle an z.T. höchst widersprüchlichen Assoziationen Christos und Jeanne-Claudes Arbeit evoziert.


Die Künstler arbeiten mit den Schätzen der Erinnerung. Dies erklärt auch zum Teil, warum sich so viele Menschen gern von ihren Aktionen verzaubern lassen. Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass das Spiel mit Assoziationen sich an bereits vergangenen Erlebnissen orientiert und die entscheidende Frage hervorruft, wie und ob sich die starke aktuelle Wahrnehmung und die daran aufgestiegenen Assoziationen verbinden zu einer wesentlichen ästhetischen Erfahrung.


Der bei zwei Besuchen gänzlich andere Eindruck, das Einbeziehen von Wetter und Licht in extremer Weise verweisen auf den Faktor Zeit, wie oben bereits konstatiert, betonen den Aspekt »Kunstwerk als Augenblick«, als so nicht wiederholbares Ereignis.


Dass dies nicht nur ein interessantes Zufallsergebnis ist, sondern von den Künstlern intendiert, zeigt sich bei einem Besuch der Originalzeichnungen Christos in einem Nebengebäude des Museums. Einmal geometrisch, streng, kubisch-blockhaft und dicht, daneben organisch, gestisch, transparent und einer natürlichen Baumform ähnlicher erscheinen die Studien. Hie Leichte, da Schwere, könnte man auch sagen.


Es handelt sich um Kunst im öffentlichen Raum, aber ohne öffentlichen Auftrag. Der öffentliche Raum wird unübersehbar auf Zeit verändert, aber so, dass nach dem Rückbau keine äußeren Spuren bleiben: »no longer existing«. Ich möchte hinzufügen »only in memory«.


Aber obschon diese Aktion nicht »bestellt« wurde, war sie auch nicht elitär. Kein museales Ambiente erschwerte den Zutritt. Wer da war, konnte sehen, ohne Eintritt zu bezahlen. Exklusiv war lediglich der eigene Entschluss, sich auf den Weg nach Riehen zu machen und die Erfahrung: So wie ich es heute sehe, wird es nie wieder aussehen. Es ist für mich.
Dass dies in gewissem Sinne jeder aktuell getätigten Kunstbetrachtung eignet, muss vielleicht nicht betont werden - hier aber wird es in besonderem Ausmaß erfahrbar. Christo und Jeanne Claude laden zu dieser Erfahrung ein und ermöglichen sie. Dass es ein seltener, kostbarer Moment bleibt, von meiner Geistesgegenwart als Besucher abhängig, muss nun der erleben, der eine Reise dorthin erst im Januar geplant hatte.

Gabriele Hiller



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