Brennpunkte






Kampf gegen Abholzung

Die Baumfrau

Ein Bild ging um die Welt, anrührend und befremdlich. Auf einem Geäst leuchtet ein weißes, schönes Gesicht hervor, umrankt von dicken Tauen. Auf den ersten Blick vermutet man eine neue, ausgefallene Parfumreklame, aber dem ist nicht so.
Eine junge Frau sucht nach dem Sinn des Lebens und steigt auf einen Mammutbaum, der so heißt, weil er sehr hoch und sehr alt ist, um ihn mit ihrem schwachen Körper gegen eine große Holzgesellschaft zu schützen, die aus den 1000 Jahre alten Bäumen Profit schlagen will. Das Greenpeace-Prinzip ist bekannt. Sich selbst als Geisel an Türme, Kernkraftwerke, Militärzäune zu ketten, bis man zwangsbefreit ist, war anfangs noch spektakulär. Heute ist es kaum noch eine Nachricht wert. Was ist also so besonders an dieser jungen Frau? Es ist die Zeit und der Ort. Seit über einem Jahr nistet Julia Hill auf ihrem Baum, wie ein flügellahmer Vogel. Ihre Zähigkeit und ihr Kampfgeist sind beachtlich. Die Holzgesellschaft »Pacific Lumber« hat es trotz Hubschrauberattacken und dem Kahlschlag der daneben stehenden Bäume nicht geschafft, ihren Widerstand zu brechen. Auch Kälte, Regen und Sturm konnten sie nicht zur Aufgabe ihrer Mission zwingen. Sie wirft der Holzgesellschaft »Pacific Lumber« vor, sie entferne sich aus Profitgier weit von der Erde, die sie ernährt. Diese aber ist der größte Arbeitgeber im nordkalifornischen Bezirk Humboldt, wo die Mammutbäume wachsen, also ihrerseits viele Menschen in Lohn und Brot setzt. Das Holz der Riesenfichten ist weich, gut zu bearbeiten und trotzdem sehr beständig. Man stellt unter anderem Bleistifte und Schindeln daraus her. Seit zehn Jahren kämpft die Gesellschaft gegen die widerborstigen Umweltschützer an. Arbeitsplatzinteressen kollidieren hier mit Umweltinteressen, ein altes Dilemma.
Julia Hill selbst hat sich inzwischen ebenfalls ziemlich weit von der Erde entfernt. Ihre Mitstreiter schleppen jeden Tag über einen drei Kilometer langen Pfad durch unwegsames Gelände Proviant, um sie zu versorgen und schaffen ihre Exkremente weg, die sie ihnen in einem Margarinebecher herunter reicht.
Das Besondere an der Umweltaktivistin ist aber auch der Ort. Auf ihrem hohen Baum erinnert sie an die Säulenheiligen in der Wüste, an ewig meditierende Mönche in Indien. Julia Hill blickt durch die Blätter wie eine griechische Baumgöttin. Diese schützt ihren Baum und heiligt ihn. Wer hand an ihn legt, um ihn zu fällen, begeht einen Frevel, der oft mit der Todesstrafe geahndet wurde. Im griechischen Mythos wird jedem Monat ein Baum zugeschrieben. Die Anfangsbuchstaben dieses Baumkalenders, so behauptet der Mythenforscher Robert Ranke-Graves, bilden das erste griechische Alphabet. Angesichts dessen scheint die Verwertung des Redwood zu Bleistiften von einer inneren, wenn auch etwas jenseitigen Logik zu sein.
Julia Hills Wohnsitz auf dem Baum erinnert aber auch an die längst vergessenen Christusworte: »Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um eueren Leib, was ihr anziehen sollt. Das Leben ist mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung. Sehet die Raben an: Sie säen nicht, sie ernten auch nicht, sie haben auch keinen Keller noch Scheune, und Gott nährt sie doch. Wieviel mehr seid ihr als Vögel!« (Lukas 12, Vers 22).
Sie verkörpert damit auch die Bedürfnislosigkeit und Kraft einer Heiligen. Deren Naivität erweist sich manchmal stärker als die ökonomische Gewalt der großen Trusts. Und oft geht die Heilige siegreich aus dem Kräftemessen hervor. Noch baumelt Julia Hill zwischen Himmel und Erde. Aber wieviel mehr ist sie als ein Rabe!

Katharina Enzensberger




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